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Der Israelit · 1931-12-24 · Heft 52 (24.12.1931) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 52 (24.12.1931)
Date
1931-12-24
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 Nr. 52 De r Israelit 24. Dezember 1931 Dr. Bernhard Kahn von Amerika zurück. Berlin, 9. Dez. Herr Dr. Bernhard Kahn, europäischer Direktor des American Joint Distribution Committee und Mitglied der Exekutive der Jewifh Agency, ist von einem mehrwöchigen Amerika-Aufenthalt nach Berlin zurückgekehrt und empfing die Vertreter der jüdischen Presse auf deren Wunsch im Berliner Joint-Büro, um sie über die gegenwärtige Lage des amerikanischen Judentums und über die Aussichten, die heute in den Vereinigten Staaten für die Werbeaktionen zugunsten des jüdischen Aufbaus in Europa und Palästina bestehen, zu informieren. Es fei jetzt sehr schwer, in Amerika Interesse für osteuropäische Dinge zu wecken. Die wirtschaftliche Depression in Amerika selbst sei jetzt so einschneidend, daß Nachrichten über die Lage in Europa wenig Eindruck machen. Immerhin verstehe das amerikanische Judentum durchaus, daß man das Aufbauwerk im europäischen Osten nicht fallen lassen darf, aber im Augenblick sei dieses Judentum selbst ratlos. Auch dort gäbe es Menschen, die hungern. Dennoch sei ihm gelungen, Tendenzen, die der Parole: „Genug mit der Hilfeleistung für Europa!" dienen sollten, zurückzudrängen. Die lebendige Verbindung zwischen dem amerikanischen und dem europäischen Judentum bleibt erhalten. Für konstruktive Arbeit, wie z. V. für das Werk der Foundation u. ä. m. wird das Möglichste getan werden, aber für rein philanthropische und kulturelle Zwecke wird kaum etwas übrig bleiben. Noch sind die Dinge in Amerika im Abwärtsgleiten, erst wenn sich die Lage stabilisiert, wird man auch für andere Dinge Interesse wecken können. Man soll sich aber nicht einbilden, daß die kommende Stabilität der alten Prosperity gleichen wird. Dieser Traum ist ausgeträumt. Es ist Zeit, die Legende vom „Reichen Onkel in Amerika" als endgültig abgetan zu betrachten. Aber es wird unter wieder normalisierten Verhältnissen leichter fein, die lebendige und befruchtende Verbindung zwischen den Juden der Alten und jenen der Neuen Welt zu erhalten. Heute besteht für die amerikanischen Juden die Gefahr, daß ihre eigenen religiösen, kulturellen und erzieherischen Organisationen auseinanderfallen. Dies geht ihnen näher. Es kommt hinzu, daß man gegenwärtig für sieben Millionen Arbeitslose öffentlich sammelt, um sie den Winter über erhalten zu können. Kein Jude, der etwas zu geben in der Lage ist, kann sich ausschließen. Sammlungen für Auslandszwecke können sich nicht ebenso in großer Oeffentlichkeit vollziehen. Sitzung des oberfchlefifchen Rabbinerverbandes. K a t t o w i tz, 15. Dez. Die letzte Sitzung des oberschlesischen Rabbinerverbandes wurde von dem stellv. Vorsitzenden, Melchior, Veuthen, eröffnet. Nach Worten der Begrüßung und Verlesung des Protokolls erteilte er Kaatz, Hindenburg das Wort zu seinem Referat: „Zur Vuber-Rosenzweig'- schen Uebersetzung von misbeach'". Kaatz hob die Original-Bedeutung und Größe hervor, die das Buber-Rosenzweig'sche Vibelwerk auszeichne. Aber gerade deshalb fei eine Auseinandersetzung mit wichtigen Einzelheiten notwendig. Das genannte Bibelwerk strebe danach, bei der Wortwahl grundsätzlich die Ethymologie des Textwortes zu berücksichtigen, ein Prinzip, dem die Uebersetzer dank ihrer genialen Sprachwissenschaft gerecht geworden seien. Allerdings habe dieses Prinzip auch seine Gefahren und könne leicht zu Uebersteigerungen führen. Der Referent legte dar, daß die Uebersetzung, die das Wort misbeach gefunden habe, begriftnch und etymologisch zu beanstanden sei. Er betonte jedoch, daß diese Kritik dem hohen Werte jenes Werkes keinen Abbruch tun solle, da es, möge es auch in Einzelheiten verbesferungssähig sein, als Ganzes ein Meisterwerk darstelle. Am Schluß zollte er dem Andenken Franz Rosenzweigs, der sich auch in diesem Werke ein großes und edles Denkmal gesetzt habe, Worte des Dankes und der Ehre. Im Anschluß daran verlas der Referent eine eingehende Erwiderung Martin B u b e r s, dem das Referat zur Kenntnis gebracht worden war. Buber polemisierte in dieser Erwiderung gegen die erhobenen Einwände und legte ausführlich die Gründe dar, die Rosenzweig und ihn zu jener Uebersetzung von misbeach geführt hätten. An das Referat und die Buber'fche Ergänzung schloß sich eine eingehende Debatte. In ihr kam die Meinung der Versammlung zum Ausdruck, daß es wünschenswert sei, wenn bei den Fortsetzungen und einer Neuausgabe des Werkes die Uebersetzung des Wortes einer Revision unterzogen würde. Darauf referierte V o g e l m a n n, Kattowitz über die Entwicklung des Begriffs Kehilla keüoscha. Den Schluß des wissenschaftlichen Teils bildete ein durch praktische Beispiele veranschaulichter Vortrag von Chameides, Kattowitz über den „Aufbau einer Predigt". Auch an diesen Vortrag knüpfte sich eine angeregte Aussprache. Inzwischen hatte der Vorsitzende, G o l i n S k i, Veuthen, die Leitung der Sitzung übernommen. Er machte eine Reihe von geschäftlichen Mitteilungen, erstattete u. a. einen umfassenden Bericht über die letzte Tagung des Gemeindeverbandes,, und verlas einen Briefwechsel mt einem hohen katholischen Würdenträger, Lüneburg. Zum zweiten Male wurde die hiesige Synagoge geschändet. Zwei Fenster wurden in der Nacht mit Steinwürfen zertrümmert. Posen. Neue Unruhen ereigneten sich an der Universität und im Anschluß an einen Rezitationsabend, wobei einige Juden verletzt wurden. Die Polizei griff scharf ein. Saloniki. In der griechischen Kammer ergriff V e n i z e l o s das Wort und rechnete scharf mit den antisemitischen Umtrieben der griechischen Nationalisten ab. Belgrad. Die hier abgehaltene sephardische Konferenz erklärte, daß sie Verhandlungen mit der spanischen Republik bezüglich der Rückkehr sephardischer Juden nach Spanien vollkommen fern stehe. London. Die englische zionistische Föderation wählte Dr. W e i z m a n n zu ihrem Präsidenten. Konstantinopel. Im Alter von 78 Jabren verstarb hier der Vorsitzende des Rabbinischen Gerichts (Beth Din) in Konstantinopel, Rabbi Jizchak Flieser Ariel. Er war eine hohe rabbinische Autorität in der Türkei und unter der Bevölkerung sehr populär. — Infolge des anhaltenden Regenwetters wurde das jüdische Viertel in Adrianopel fast ganz über schwemmt. Menschenleben sind nicht zu beklagen, aber die Not unter den im Freien kampierenden Massen ist groß. Kopenhagen. Am Sonntag, den 20. Dezember, verstarb in Kopenhagen der hervorragende dänische Politiker und Schriftsteller Dr. phil. Edvard Brandes, der jüngere Bruder von Georg Brandes, im Alter von 84 Jahren. Dr. Carl Edvard Cohen Brandes wurde 1880 in das „Folketing" gewählt und behielt sein Mandat bis 1894. In den beiden Ministerien Zahle (1909/10 und 1913/20) war er Finanzminister. In seiner Jugend beschäftigte er sich auch viel mit dem Hebräischen und gab einige Uebersetzungen aus dem hebräischen Schrifttum heraus. dem Prälaten Nathan, aus Anlaß seines 40jährigen Amtsjubiläums. Der Prälat dankt sehr herzlich für die Glückwünsche des Verbandes und gibt seinem Interesse für Juden und Judentum beredten Ausdruck. Polen. Die Lodzer kehilla. Lodz, 21. Dez. Die aus der orthodoxen Mehrheit im Kehillorat hervorgegangene Verwaltung hat die Leitung übernommen. Zum Präses des Kehillorates wurde der einzige Kandidat, Herr Fischel Liebermann, gewählt, zum Vizepräsident der Volkist, Rechtsanwalt W e i z m a n n. Der neu gewählte Vorsitzende erklärte in seiner Programmvede, für einen Agudisten sei das höchste Amt in der Kehllo keine 1122 -Angelegenheit, sondern bedeute eine Summe von Arbeit und Verantwortung. Mit den anderen Parteien wolle man in Frieden arbeten, so sie den ernsten Willen zur Mitarbeit zeigen. Von Störungen und Drohungen lasse sich eine orthodoxe Verwaltung, die das Vertrauen der Massen zu rechtfertigen hat, nicht chrecken. Ein Vertreter der Poale Aguda drückt der Verwaltung Vertrauen aus, ebenso ein Vertreter der unparteiischen Chassidim. Der einzige zionistische Vertreter in der Kehillaverwaltung, Herr Rumkowsky, ebenso der Vertreter der Unparteiischen, R. Ruß, sagen für ihre Frah-- tion (d. h. für sich selbst), schärfste Opposition an., - Lemberger Brief Lemberg, 15. Dez. Der Heimgang des O t i n j e r R e b den, Rabbi Chajim Hager, hat einen großen Kreis von Chassidim in tiefe Trauer versetzt. Die Beisetzung fand in Stanislau unter gewaltiger Beteiligung statt. Der Rabbi starb auf dem Wege von Lemberg nach Wien, und zwar in Krakau, wo^ infolge der Verschlimmerung seines Zustandes die Fahrt unterbrechen mußte. Er stand an der Grenze der Siebzig und galt als große rabbinische Autorität. Ostgalizien verliert mit ihm eine ihrer größten geistigen Stützen. Er arbeitete auch führend in der Agudas Jisroel-Bewegung mit. Bekanntlich bildet zur Zeit die Sorge der galizischen Judenheit die Entziehung der Ausschankkon- Zessionen, womit vielen tausenden Juden der Existenzboden entzogen wird. Es gelang seinerzeit, die Ausführung der Bestimmung zu verschieben, der Termin ist aber mit dem 1. Januar 1932 abgelaufen. Es ist den unentwegten Bemühungen Oberrabbiner Lewins, der letzthin die Frage auch im Sejm berührt hat, zu danken, daß nunmehr eine Verordnung des Ministeriums erlassen worden ist, wonach die lokale Macht eines joden Kreises nach Lage der Dinge den Termin bis auf ein halbes Jahr hinausschieben kann. Ist auch die Gefahr noch nicht ganz beseitigt, so ist doch dadurch eine kleine Erleichterung entstanden. Auch konnte eine kleine Ermäßigung der Patentsteuern erreicht werden. Mitte November feierte der Lemberger K a u smännische.Verein, der durchweg aus Juden besteht, sein 25jähriges Jubiläum. Auf der Akademischen Feier sprachen u. a. auch der Lemberger W 0 jw 0 de und der Deputierte der Regierungspartei W i s ch l i tz k i. 18 Monate Gefängnis für einen jungen Juden. Wilna, 21. Dez. Wie nachträglich bekannt wird, wurde der r/jährige Israel Dworkin zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt. Die Verurteilung erfolgte, weil sich christliche Schüler gemeldet haben, die gesehen haben wollen, daß Dworkin am 10. November, dem Tag des Judenpogroms in Wilna, einen Soldaten und eine christliche Frau mißhandelt hätte. Wer die Mißhandelten sind und ob solche überhaupt existieren, ließ sich nicht seststellen, da sich solche nicht gemeldet haben. Tschechoslowakei. Der siebensachc Raubmörder Karl tzorak endgültig freigefprochen. Prag, 17. Dez. Das Oberste Gericht der Tschechoslowakei in Brünn hat in geheimer Verhandlung die Nichtigkeitsbeschwerde der Staatsanwaltschaft gegen den Freispruch des Mörders Karl Horak durch ein Prager Geschworenengericht geprüft und das freisprechende Urteil als rechtskräftig erklärt. Horak ist somit endgültig von der Anklage, einen siebenfachen Raubmord begangen zu haben, s r e i gesprochen worden. Er hat bereits das Gefängnis verlassen. Für die Nichtigkeitsbeschwerde waren stichhaltge Gründe ins Treffen geführt worden, so daß das Erkenntnis des Obersten Gerichts in Brünn in juristischen Kreisen Verwunderung erregt. Auch wird die Form des Geheimverfahrens in dieser Angelegenheit, die wenig zur Stärkung des verletzten Rechtsbewußtseins beigetragen hat, kritisiert. -Die Verbrechen Horaks sind noch in Aller Erinnerung. Horak hat in der Zett der Grenz-Konflikte zwischen Ungarn und der Tschechoslowakei zusammen mit einer von ihm befehligten Grenz-Patrouille sieben junge Juden, die vier Brüder Fleischer und die drei Brüder L e f k 0 w i t f ch, erschossen, sie der Barschaften und der Kleider beraubt und vergraben. Alle Umstände prachen dafür, daß Horak nichts anderes als einen Raubmord bezweckt hat. Rrrtzland. Beschluß über Latelnisierung des jüdischen Alphabets. Moskau, 15. Dez. Die von der philologischen Sektion des Jiddischen Wissenschaftlichen Instituts in Kiew einberufene Konfe-

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