Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 52 (24.12.1931)
- Date
- 1931-12-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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24. Dezember 1931" Der Israelit Nr. 52 Seite 3 oder gar zu versagen ist, also auch nicht, wann die-an zweiter Stelle empfohlene Prüfung bei Hausesgründung, oder drittens Beratung mit gesetzestreuen Rabbinern erfolgen soll. Ich glaube, es müßte ein Abwehrmittel ersonnen werden, das sehr viel einfacher von Jedermann zu handhaben und doch ohne jeden Zweifel durchaus wirksam iit. Als ein solches kann nur gelten eine sofort kenntliche Charakterisierung jener Männer, denen eben das Religionsaefetz so wenig bindend ist, daß sie sich leichtfertig über' seine heiligsten Bestimmungen hinwegsetzen und in gewissenloser Willkür mit ihm umspringen. Läge es in unserer Macht, ihnen die Führung der Bezeichnung als „Rabbiner" zu untersagen, so würde damit allem von ihnen auf religiösem Gebiete gestifteten Schaden wirkungsvoll vorgebeugt. Mögen sie sikünftig als „Prediger" betiteln, so wird man eben wissen, wie ein von einem Prediger vollzogener oder seine oder auch seine „Aufnahme" zu bewerten ist. Da dieser Ausweg aber nicht gangbar ist, fo bleibt nichts anderes übrig, als daß die g e s e tz e s t r e u e n nx-ap'iw den Titel „Rabbiner" grundsätzlich nicht mehr führen, statt seiner vielmehr irgend eine Bezeichnung annehmen, die eben zum Ausdruck bringt, daß ihnen das Religionsgesetz unantastbar ist. Sie müßten also statt Rabbiner etwa genannt werden runia mm' zu deutsch „Gesetzeslehrer", vielleicht auch der Kürze wegen einfach nn», oder auch oari/ oder i»i- Jedenfalls müßte eine deutliche Unterscheidung zwischen g e s e tz e s t r e u e n Rabbinern herbeigeführt werden und jenen, die diesen Titel „Rabbiner" nur mit Unrecht führen, da sie ja nicht bloß dem'iiiv sondern sogar der rrivr und der nun Gefolgschaft verweigern, sich somit von den historischen und dogmatischen Grundlagen der jüdischen Religionsgesellschaft losgelöst haben. ' . Von einer so einschneidenden Maßnahme verspreche ich mir allerdings einen ebenso wirksamen wie raschen Erfolg. Sie «>erfordert ja nur eine neue Umstellung, die wir. eben wie so manche andere als Notmaßnahme in Kauf nehmen müssen." Wir halten den hier der Oeffentlichkeit unterbreiteten Vorschlag, so radikal er auf den erstsn Blick erscheinen mag, für recht beachtenswert, wenn auch der praktischen Ausführung zunächst noch mannigfache Schwierigkeiten entgegenstehen. Die erste Vorbedingung für seine praktische Ausführung wäre ein einmütiger Entschluß der auf orthodoxem Boden stehenden Rabbinerbildungsanstalten. also vor allem des Berliner Seminars und der Frankfurter Jeschiwo, den von ihnen als gesetzestreu anerkannten Absolventen und ehemaligen Zöglingen den hier in Frage kommenden neuen Titel.zu verleihend Bis dahin muß das religiöse Publikum eben daran gewöhnt werden, in dem Titel „Rabbiner" nichts weiter zu erblicken, als eine Berufsbezeichnung, die über die Qualifikation nicht das mindeste besagt. Ferner schreibt uns Herr Rabbiner Dr. M e r z b a ch, Darmstadt: An Hand einer Reihe von Beispielen, von Einzelfällen, haben wir in unseren Artikeln der Lage der russischen Juden auf dem Wege der Auswanderung und Kolonisierung zu verwirklichen. Von Pros. Guillaume Lewental in Lausanne angeregt, schuf er die jüdischen Kolonien in Argentinien und gründete zur Führung dieses Werkes 1891 die Jewish Colonisation Association (Jca) mit einem Anfangskapital von 2 Millic^sn Pfund, das er im Laufe der Jahre bis auf 180 Millionen Francs erhöhte; die Jca wurde dadurch zu der größten und bedeutendftenv jüdischen Wohltätigkeitsorganisation der Welt. Eine weitere große Stiftung des Barons Hirsch war der „Hirsch'sche Schulfonds" in Galizien, der von ihm 1891 mit einem Kapital von 12 Millionen öfterr. Gulden (25 Millionen Francs) gegründet wurde und den Zweck hatte, die berufliche Erziehung der Juden in Galizien und der Bukowina zu fördern. 1904 wurden aus den Einkünften des Fonds 48 Fach- und Gewerbeschulen und Fortbildungskurse der Handwerker mit 205 Lehrern Und 7800 Schülern erhalten. Da die Gelder dieser Stiftung laut Abmachung mit' der österreichischen Regierung in der Staatsbank aufhewahrt werden mußten, wurde das Kapital in den Jnflationsjahren fast völlig entwertet. In den Vereinigten Staaten von Amerika stiftete Baron Hirsch ebenfalls einen Fonds, den „Baron Hirsch- Fonds in Newyork", zur Förderung der landwirtschaftlichen und technischen Ausbildung und materiellen Unterstützung von eingewanderten Ostjuden. Der Fonds wurde von Jakob H. Schiff und D. Seligmann verwaltet und weiter ausgebaut. Aus seinen Mitteln entstanden die landwirtschaftlichen Kolonien Woodbine (New Jersey) und Hirsch (Kanada), sowie mehrere große Handwerkerschulen. Hirsch starb 1896 auf seinem Gute O-Gyala in der Nähe von Ersekujvar in Ungarn. Seine ihn drei Jahre überlebende Frau Clara führte seine philanthropische Tätigkeit fort und . spendete mehr als 60 Millionen Francs für jüdische, und nichtjüdische Zwecke, gesetzestreven Oeffentlichkeit die Augen zu öffnen versucht, daß sie das schaue, was nicht nur in theoretischer Leugnung der Verbindlichkeit gütlicher Ehegesetze, sondern auch in schwersten Vergehen in praxi gegen diese durch liberale Rabbiner vor sich geht. Im einen Fall, daß die Trauung der zweiten Ehe eines religiös nicht geschiedenen Mannes durch Herrn Dr. Menemann in Offenbach zwar nicht selbst vollzogen, aber ihr und damit der Polygamie nach dem Cherem, Vorschub geleistet worden sei, da sie mit seinem Wissen und Willen durch einen Lehrer vollzogen worden sei, in diesem einen Fall hat sich unser zuverlässiger Gewährsmann, haben damit auch wir uns durch Erzählungen Dritter irreführen lasten. Vielmehr hat — was wir, der Wahrheit Ehre gebend, gern feststellen —, Herr Dr. Diene mann in Offenbach, diese Trauung zu vollziehen. a b g e l e h n t. Sie hat ohne fein Wissen und Willen durch den OssenbacherKant o r, der Herrn Dr. Dienemann untersteht, stattgefunden. Es ist dieser Irrtum uns um so bedauerlicher, als Material g e n u g an schweren Verstößen gegen das Religionsgesetz noch hätte beigebracht werden können, als ja auch dieser Fall selbst der Trauung durch den Offenbacher Beamten eine Auswirkung des Vorgehens des Liberalismus darstellt und als schließlich gerade das auf der liberalen Rabbinerkonferenz gehaltene Haupt-Referat des Herrn Dr. Dienemann in O f f e n b a ch mit aller erschütternden Klarheit zeigt, wie diese theoretische Leugnung der G'ttlichkeit eines großen Teils unserer Ehegesetze sich in Hunderten von Fällen praktisch auswirken muß. Nach wie vor sei uns Kampfruf: nw nnnm es muß nad) der Zentral) gehandelt werden. Sfti&ettfemtafiotteti in Oesterreich. Die Unruhe und Vielgestaltigkeit der politischen- Entwicklung in unserer Zeit hat in Oesterreich ein bisher nur von erhitzten Studentenköpfen erörtertes Problem auf die parlamentarische Tribüne gebracht, das neben seiner tagespolitischen eine sehr ernste religiöse Bedeutung für uns Juden besitzt. Der österreichische Kultusminister Czermak hat in einer großen Rede einen Gesetzentwurf angekündigt, der „im Interesse der Ausrechterhaltung der Ordnung" an der Wiener Universität die Studentenschaft nach dem R a s s e n p r i n - z i p Anteilen und neben - einer d e u t s che n eine jüdische ©tud e ntennation s chaffen will. Daß es sich bei dieser Regelung um ein hauptsächlich für die von ihrem Manne ins Leben gerufenen Institutionen. Die Versuche, Baron Hirsch für den jüdischen Aufbau Palästinas im Sinne des Zionismus zu gewinnen, waren ohne Erfolg. Daß der geniale Philanthrop bei seinen großgedachten jüdischkulturellen Aktionen, besonders auf dem Schulgebiete, nicht immer gut beraten war, ist bekannt. lieber das kaddischgebel. Von Wolf S. Jacob s o n. Frankfurt a. M. (Hermon) 5692. 4° 59. Das im Mittelpunkte unsres G'ttesdienstes stehende, immer wiederkehrende Kaddischgebet ist in vorliegendem Büchlein ganz aus den autoritativen Quellen der Halacha und Agada heraus aufs Gründlichste beleuchtet. Der allen 'unstren Lesern als Meister agadisch reich fundierter Rede wohlbekannte Verfasser zeigt hier auch jene gewissenhafte halachische Umsicht und Gründlichkeit, die dem Agadawort erst greifbaren Wert und Persönlichkeitsinhalt verleiht. Sogar wo die Versuchung zu agadischer Exkursion sehr nahe liegt wie Td (S. 13 oben), ist sie hier gemieden. Die Dreiteilung: i"V'»/v'ip'viv'v'-ip ermöglicht eine besonders leichte Uebersicht der verschiedenen historischen und liturgischen Probleme des Kaddisch. Es ist besonders lehrreich, daß die halachische Entscheidung immer von den ältesten bis zu unseren Zeiten übersichtlich zusammengestellt erscheint, so S. 39/41 vom Tur bis zum Mischno Beruro. Dsr Sinn des Waisen-Kaddisch ist 46ff mit wenigen, lebendig wirkenden Sätzen erörtert. Die Schlußausführungen über das gemeinsame oder einzelne Kaddischsagen sowie auch die sonstigen Darstellungen mannigfaltiger Minhagim mögen dazu beitragen, daß die unnötigsten Streitigkeiten gesetzestreuer Gemeinden,- die um Minhagim bald ein Ende finden. Die Liebe zur Hauptstück aus dem politischen Programm des - Antisemitismus handelt und daß die Verwirklichung des Gesetzesprojekts einen grandiosen Triumph des Judenhasses, die Schaffung eines Ghettos für die unter dem Scheine der Rechtsgleichheit zu entrechtenden und der Verachtung preiszugebenden jüdischen Studenten bedeutet, darüber besteht kein Zweifel. Alle gegenteiligen Behauptungen sind pure Heuchelei. Aber es fragt sich, welche Stellung die Orthodoxie, wenn sie von diesem gewissermaßen außenpolitischen Standpunkt a b s i e h t, zu der Idee der „Studentennation" als solcher einzunehmen hat. Die Orthodoxie kann, ungleich dem Liberalismus, ohne sich selber zu verleugnen, den geschichtlich nationalen Charakter der jüdischen Gemeinfchaftsexistenz in keiner Weise bestreiten. Wir sind stolz daraus. Söhne der jüdischen Nation zu sein, auch wenn wir aus dieser historisch begründeten, Ewigkeitscharakter tragenden nationalen Existenz während des Golus keinerlei po* Mische Forderungen ableiten. Aber, und dies ist der -entscheidende Punkt, das jüdische Volkstum ist für uns eine rein religiöse Tatsache. Wer, dies ist der Wille des g'ttlichen Gesetzes, durch Anerkennung der Thorawahrheit und Uebernahme der religiösen Verpflichtungen in den Kreis der jüdischen Gemeinschaft eintritt, wird dadurch Mitglied der jüdischen Nation; wer diese Wahrheiten verleugnet und diese Verpflichtungen a'b s chü tt e 11, verläßt die jüdisch e Nation und gehört — unbeschadet seiner dauernden Verpflichtung zur Rückkehr — wie -einer unserer Großen sich ausgedrückt hat, einer mns n.vin an. Der österreichische Kultusminister hat nun für die Klärung der jüdischen Begriffe etwas Großes geleistet, indem er rundweg erklärte, „selbstverständlich" gehörten auch d i 6 g e tauften Juden, also diejenigen, die durch einen feierlichen Akt die jüdisch-religiöse Wahrheit verleugnet haben, der jüdische n Studenten-Nation an. Diese Aufoktroyierung von Eonnationalen, die die jüdische U e b e r l i e f e ru n g in keiner W e i s e a l s A n g e h ö r i g e der jüdischen Nation betrachtet, zeigt am besten, in welch abgrundtiefem Gegensätze dieser neueste Versuch, eine in der Weltgeschichte noch nicht dagewesene, von ihrem religiösen Fundamente losgerissene jüdische Nation zu schaffen, zu unseren Ueberzeugungen steht. Die Orthodoxie muß daher das Czermak'fche Projekt aus der Tiefe ihrer religiösen Anschauung vom jüdischen Volkstum ebenso entschieden ablehnen, wie aus Gründen der menschlichen Selbstachtung Sache, die aus der ganzen Schrift atmet, setzt, dem Willen des Verfassers gemäß, seinem Vater und Erzieher ein würdiges Denkmal. Die Wünsche, die der Leser für eine Neuauflage nicht unterdrücken kann, beziehen sich eigentlich nur auf die Ausstattung, nämlich die eigenartige Gliederung der Noten und die'ganz inkonsequente Phonetik der Transkription (Bes Josef und Mögen Abrohom). Auch das sprachliche Problem der Anfangsworts bedürfte näherer Erörterung, da der Brauch, sie aramäisch mit Pathach am Ende zu lesen, fast alleinherrschend ist, trotz Raschi; endlich darf man wohl hoffen, auch aus seinem unerschöpflichen Schatz agadischen Wissens werde der Verfasser bald ein weiteres Bändchen zum Kaddischthema der Oeffentlichkeit schenken. Das Werkchen eignet sich auch vorzüglich zur Durchnahme in Siddur-Schiurim, die noch mehr -solcher Leitfäden bedürften, anhand deren sie der Gefahr des Verflachens entgehen. Jeder Lehrer einer jüdischen Waisenanstalt, aber auch jeder, der Orientierung über die Kaddisch- Materie verlangt, wird hier alles Gewünschte beisammensinden. Die Besprechung einer Schrift, die bei aller profunden Sachlichkeit soviel persönliches Gegenwartsleben atmet wie die vorliegende, kann nicht ohne die Konstatierung schließen, daß aus ihr sich so etwas erahnen läßt wie die seelische Wirkung der großen agudistischen Ideologie in lebendster, einigendster und klarster Gestalt, bei der nach unseres Altmeisters unsterblichem Wort des Wissens Blüte das Lebens ist. Verantwortlich für den allgemeinen Teil und das Feuilleton T. Sch achnowttz, Frankfurt a. M>; Inserate t. B.: 8. Schach» nowttz, Äenda. —'Für die pädagogische Beilage: Lehrer L. «—--n, ja Sprendlingen (Kr. Offenbach). - Verlag t und Sermon GJ. m. b. Frankfurta. M. Druck: Sermon-Druckerei, Frankfurt a. M.