Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 52 (24.12.1931)
- Date
- 1931-12-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 52 D er Israelit 24. Dezember 1931 So waren allmählich die Voraussetzungen geschaffen, aus denen der Gedanke hervorwachsen konnte: Uebergabe des ganzen Koscherfleischwesens der Kongreßgemeinde an die orthodoxe Gemeinde. Es war also nicht so, wie phantastische Journalisten träumten, daß etwa plötzlich eine Tschuwogesinnung die Gemüter der neologen Machthaber ergriffen habe. An Uebergabe der Mazzobäckerei. die kein Defizit bringt, dachte kein Mensch und nur das Koscherfleischwesen mit seinen starken Fehlbeträgen sollte abgestoßen werden. Aus den Ersparnissen kann man .sich, so mochte mancher neologe Führer denken, viel leichter eine neue Orgel anschaffen. Sonnt man sich doch in dem Gedanken, daß die tatsächlich zu den vergangenen hohen Festtagen für die Hauptsynagoge in der Tabakgasse angeschaffte wunderbare neue Orgel die Orgelnsämtlicher katholischen und protestantischen Kirchen in Budapest, auch die der Kathedralkirche zu St. Leopoldus übertrifft. So ging man denn daran, für die Verwirklichung des Projektes der KasAruth-Unifikation zu arbeiten. Der orthodoxe rabbinische Zentralrat wurde, wie oben erwähnt, befragt und er gab eine Antwort, deren Bedeutung man nicht genau würdigen kann, solange man den Wortlaut der Anfrage nicht kennt. An sich ist es natürlich richtig: warum soll eine orthodoxe Fleischbank Reologen kein Fleisch verkaufen dürfen? Wenn beispielsweise eine neologe Gemeinde irgendwo ihre Koscherfleisch-Jnstitutionen aufgäbe, so würde wohl keine orthodoxe Gemeinde Bedenken tragen, schon in ihrem eigenen finanziellen Interesse neue Koscherfleisch-Bänke einzurichten, um den neuen Bedarf, der vorhanden ist, zubefriedigen. So ungefähr müssen sich die Mitglieder -des rabbinischen Rates die Sache gedacht haben. Schließlich aber hat die Kongreßgemeinde in Budapest auch so etwas wie ein „Rabbmat", noch dazu mit einem konservativen Mitglied. So erklärte denn dieses Rabbinat, daß die Versorgung der Mitglieder mit Koscherfleisch zu den Obliegenheiten einer neologen Gemeinde und ihres Rabbinats gehöre, doch fei das Rabbinat aus wirtschaftlichen Erwägungen damit einverstanden, daß für eine bestimmte Zeitdauer die Kos che rfle'i sch- Ve rfo rgun g der Budapester orthodoxen Gemeinde übertragen werde. Für diese Zeitdauer übertrage das Rabbinat der neologen Gemeinde demjenigen der orthodoxen seine Ueberw a ch u n g s b e f u g n i s s e , mache dasselbe also geradezu zu seinem ,*r»xa- Hier wurde nun aus der Sache eine Farce, denn nie und niemals kann sich ein orthodoxes Rabbinat als beauftragtes Forum eines neologen Rabbinats oder einer neologen Gemeinde betrachten. Es würde ja, da lmoa en# hw ini^V in diesem Augenblicke aufhören, ein autonomes orthodoxes Rabbinat zu fein. Auf dem Wege dieser logischen Erwägung mußte das ganze schön ausgesponnene Projekt zu Traum und Schaum werden. Der Mader Gaon hat trotz seines hohen Alters tiefer als manche andere geblickt, indem - er sofort telegraphisch seine Verwahrung gegen das Projekt einlegte. Er ahnte im ersten Augenblick, Laß die Pester neologe Gemeinde ihre Kafchrnsinstrtution nicht ohne weiteres auflösen, sondern daß sie den Versuch unternehmen werde, das orthodoxe Vesdin zu ihrem „Beauftragten" zu machen. Jedenfalls war durch den Beschluß des neologen Rabbinats die Sachlage völlig geklärt: Es hatte sich ursprünglich um eine rein finanzielle Operation gehandelt, deren prinzipielle Konsequenzen jedoch durch den Beschluß des neologen Rabbinats in ein helles Licht traten. Damit aber war das ganze Projekt zum Tode verurteilt. Mit der formellen Uebernahme des Kafchruswesens einer neologen Gemeinde seitens einer orthodoxen Gemeinde mit Einwilligung der beiden Rabbinate wäre logischerweise der erste Schritt zur Vereinheitlichung und in allerletzter Folge zur Bildung von Neutralgemeinden mit rechten und linken Flügeln wie in vielen deutschen Großstädten geschehen. Die Logik wirkt sich nicht bloß auf dem Gebiete der Wissenschaft aus, sondern sie ist ein nicht zurückzudrängender Faktor auch im Entwicklungsgang von religiösen Gemeinschaften. Der große Würzburger Raw, Rabbiner Bamberger V'STdachte gewiß nicht an die verhängnisvollen Folgen seines Gutachtens zu Gunsten des Nichtaustritts aus den Reformgemeinden. Er schrieb offen, daß jeder echte Jehudi, der inmitten einer Reformgememde verbleibt, weil die Gemeinde ihren orthodoxen Mitgliedern gewisse Konzessionen macht, es zugleich als erste und oberste Pflicht betrachten müsse, auch der am Orte befindlichen selbständigen orthodoxen Gemeinde anzugehören und diese möglichst zu fördern. Die Logik der Tatsachen mußte aber dazu führen, daß im Laufe der Jahrzehnte nicht nur diese selbstverständliche Voraussetzung des Würzburger Raws zum weitaus größten Teil nicht mehr er-' füllt wurde, sondern daß die sogenannte deutsche Gemeindeorthodoxie sogar vielfach Miene gemacht hat, sich als Erbe der unabhängigen Orthodoxie zu betrachten. Die Logik der Tatsachen ist immer und überall stärker als optimistische Voraussetzungen und Stimmungen. So würde auch hier in Ungarn ein solcher Schollt, wie die etwaige Verwirklichung des besprochenen Vorhabens unbedingt zu weiteren, jetzt vielleicht von vielen noch kaum geahnten Folgen führen. Daher rufen wir den berufenen Faktoren zu: Viele an t consules! Oder m altertümlicher jüdischer Form: verkauft nicht die N-N2U für das n'vnv tt:j . - Das gilt vor, allem für die Pester'orthodoxe Gemeinde. In dem Augenblick, in dem sie finanzielle Beziehungen, in welcher Form auch immer, mit der Kongreßgemeinde aufnöhme, würde sie zum mindesten ihre Unvoreingenommenheit gegenüber der Neologie einbüßen und wer weiß, ob nicht noch Tage kommen werden, da die Friedensfchalmeien verstummen und die Orthodoxie gezwungen sein wird, sich gegen die Ueberrumpelungsversuche ihrer neologen Brüder zu verteidigen und zu behaupten. Dann könnte eine derartige finanzielle Interessiertheit die innere Stärke und Unabhängigkeit auf eine harte Probe stellen. Denket an das Bild des Chanukafestes, an den Leuchter des Propheten, der a l l e s, was er brauchte , selbst die O l i v e n - bäume, von denen sein Oel stammte, also a l l e seine Kraftquellen, in s i ch s e l b e r trägt. Wochenrundschau. n Zeit ist's, zu rümpfen." Bon n i ch t r a b b i n i s ch e r Seite geht uns folgende Zuschrift zu: - „In den beiden unter vorstehendem Stichwort von Herrn Rabbiner Dr. Merzbach veröffentlichten Artikeln über die Attentate, die liberale Rabbiner in Deutschland gegen unseren Geburtsadel verüben, hat er mit berechtigtem Abscheu zum Kampfe wider diesen schändlichen Unfug aufgerufen und drei wichtige Abwehrmaßnahmen empfohlen. Diese mögen gewiß einigen Schutz bieten gegen die unermeßliche Gefahr, in die - die Reinheit des jüdischen oindurch jene „Rabbiner" gestürzt wird. Allein eine gründliche Beseitigung des ganzen von solchen Rabbinen gestifteten Unheils scheint mir damit noch nicht gegeben zu sein, denn der gemeine Mann aus dem Volke vermag die Scheidung zwischen wahrhaften und liberalen Rabbinen nicht zu vollziehen, also auch nicht zu bestimmen, in welchen Fällen die Anerkennung religionsgssstzlicher Akte eines Rabbiners zu beanstanden Zwei Rafchistellen Von Rabbiner Dr. Kaatz in Hindcnburg O. S. Am Anfang der Sidra ’rvv die rtaino d. h. eine „verschlossene" ist, deren Beginn nicht durch den üblichen Zwischenraum vom Ende des vorangehenden Abschnittes getrennt ist, zitiert Raschi aus Berefchit rabba die allegorische Deutung, dies sei ein Hinweis, daß Jakob seinen Söhnen habe das Ende enthüllen wollen, es sei ihm aber verschlossen geblieben. Diese sinnige Deutung findet sich wie im Midrasch so auch im Talmud und beginnt dort (Pesachim 56a) mit den Worten: fp nibzb apy vpn Die Erklärung nun, die Raschi an dieser Stelle an das Wort pv'n knüpft, gibt Anlaß, auf eine interessante Differenz hinzuweisen, die zwischen zwei Raschikommentaren besteht, dem Kommentar zum Buche Daniel und dem Talmudkommentar. Die Schlußworte des Buches Daniel: „Du aber gehe dem Ende entgegen, du wirst ruhen und auferstehen zu deinem Lose am Ende der Tage" werden nämlich von Raschi mit folgender Kommentierung begleitet: .'-ni nnv'n i' pwn visi> p«i awn v'inrra ias pam ypb Raschi erklärt also hier l'vm als gleichbedeutend mit s's'n und fügt hinzu, bas Wort sei nicfyt als das „rechte" aufzufassen, da die große Massora dieses pam in einer Zusammenstellung von Bibelworten aufführe. die am Ende statt eines Mem ein Nun haben. Diese Zurückweisung der Deutung „rechtes' Ende" bezieht sich offenbar auf den Danielkommentar des R. Saadja Gaon (beigedruckt den jv^-m ms-ip»), den Raschi auch anderweitig zitiert, z. B. Daniel 7, 25, und der die Schlußworte des Buches Daniel folgendermaßen kommentiere rrr 2'irr ’jsa nns vnrnn iv« »a»a* y’wts ivrr ypb pam •oVpit V'Nirr Im Danielkommentar polemisiert Raschi also unter Berufung aus die große Massora gegen die Erklärung „rechtes Ende" und kommentiert „Ende der Tage". Im Gegensatz hierzu akzeptiert jedoch Raschi in seinem Talmudkommentar an der zitierten Stelle Pesachim 56a die Deutung R. Saadjas und sagt: .",21 i'wb w>a' rin'» pan ppV Er deute/ also „rechtes Ende". Ebenso verfährt er Sanhedrin 92a, wo er es gleichfalls in offensichtlicher Anlehnung an R. Saadja als „rechtes Ende" auffaßt. Wie ist nun diese Differenz zwischen dem Danielkommentar und dem Talmudkornmentar Raschis zu erklären? Die Antwort dürste folgende sein: Im Danielkommentar will er d.en einfachen Wortsinn erklären, wie er aus Grund der von ihm zitierten Massora sich darstellt. (Vgl. auch Raschi zu Genesis 35, 18 hinsichtlich der Bedeutung von Benjamin).. Im Talmudkommentar dagegen handelt es sich um Aussprüche, bei denen der Bibelsatz agadischen Zwecken dient und in freier Gestaltung ausgedeutet wird, um einen tiefen religiösen Gedanken daraus zu gewinnen. Die heilige Schrift birgt beide Deutungsmethoden in sich, den Pschat und den Drasch, die zwar auseinanderzuhalten sind, die aber, jede in ihrer Art, ihren Sinn und ihre Berechtigung haben. Das „Ende der Sage", dessen wir harren, wird, wann auch immer es nach dem Willen des ewigen Lenkers der Menschengeschichte kommt, ein „rechtes Ende" sein. Uleines Feuilleton. Baron hirsch's 100. Geburtstag. Am 9. Dezember 1931 waren es 100 Jahre seit der Geburt von Baron Moritz Hirsch (Freiherr auf Gereuth), des großen Philanthropen, der ein Vermögen von fast 400 Millionen Goldfranken für jüdische Wohlfahrtseinrichtungen, Kolonisations- und Schulzwecke ausgegeben hat. Er wurde als Sohn des Bankiers Josef Baron Hirsch in München geboren, trat 1851 in §das Bankhaus Bifchoffsheim & Goldschmidt -in Brüssel 'ein, wurde wenige Jahre darauf Mitinhaber dieser Bank -und nahm Raphael Bischoffsheims Tochter Clara zur F'.cau. Er leitete dann die Pariser Filiale der Bank, wot/nte dann mehrere Jahre in Konstantinopel, von wo aus ^er die großen Bahnbauten auf dem.Balkan leitete. Vr baute mehrere Bahnen in Rußland und Oesterreich u»rd konnte allmählich sein ohnehin großes Vermögen n»ch vervielfachen. Schon in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts machte er große Spenden für das SchiUlwesen der Alliance Jsraelite Universelle im Orient, fi»r jüdische Gemeinden im Osten u. a. m. Nach dem TodUe 'eines einzigen Sohnes Lucken widmete er sich mit gro<» zem Eifer der Wohltätigkeitc Er wollte die verarmten» und geknechteten Juden des Ostens durch Förderung des» Handwerks und der Landwirtschaft zu einer produktiven I Tätigkeit heranzkehen und dadurch ihren Wohlstand unh» ihr Ansehen in der Welt heben. Ein Angebot von 50 m Millionen Francs, das er der russischen Regierung für» die Zwecke der Bildung der Juden Rußlands im Sinne M seiner Produktivierungsbestrebungen machte, wurde ab- » gelehnt, und nun begann er Pläne zur Besserung der |