Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 51 (17.12.1931)
- Date
- 1931-12-17
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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KT Der jsraelit Der Handschuh des Kaisers. Eine Nikolsburger Geschichte. Von Dr. Berkhold Hüller. Ueber Nikolsburg liegt der Schnee, hell läuten die Glöckchen der Schlitten und knarrend fliegen die Kufen über die Fläche. Ueberall weht frische Luft, dampft der Atem geschäftig rum beieilender Menschen. Das Sonnenlicht'huscht mit tausend Farben über den Schnee, als ob es ein großes Glück erwarten würde. Es ist gegen Abend, das Schloß, hell erleuchtet, thront erhabenmajestätisch über der Landschaft. Man erwartet die Heimkehr einer vornehmen Jagdgesellschaft, die bald unter Blasen von Hörnern ünd Gekläff von Hunden vor dem hohen schmiedeeisernen Tore erscheinen wird. In dem mächtigen Prunksaal werden sie sich zu Spiel, Trunk, Tanz und Liebe vereinigen, diese adeligen Herren aus alter Zeit, deren ganzes Leben nur eine nimmerendende Kette von Festen und Vergnügungen war . . . Doch dieses freudvolle Bild trügt. Bald wird es von dunklen Schatten verdunkelt sein. Ein Bewaffneter, hoch zu Roß, reitet durch die Gasse. In der Hand hält er ein mächtiges mit krausen Schriftzügen und zahlreichen Siegeln bedecktes Stück Papier, das zu verlesen er sich anschickt. Er wartet nur noch, bis recht' viel Menschen sich um ihn versammelt haben. Dann beginnt er. Es ist ein seltsamer von Feierlichkeit und kindlicher Deklamation zerdehnter Singsang. Wehe, wenn erst, ein Fremdwort kommt. Dann ist es, als ob eine Schindmähre sich anschickte, über einen einige Klafter breiten Graben zu springen. Der Erfolg dieser Bemühungen besteht darin, daß es Mißhandelte, Verstümmelte, Invaliden gibt, zwar nicht an Menschen, aber lateinischen Worten. Das kaiserliche Reskript ordnet die Austreibung der Juden aus Nikolsburg an. Innerhalb 48 Stunden hätten sie die Stadt zu verlassen. Ausnahmslos . . . Wer aber glaubt, daß diese Juden um die Mitte des 18. Jahrhunderts sich einer unfruchtbaren Verzweiflung hingegeben hätten, der irrt. Kraft kommt häufig, wenn sie vorhanden ist, erst im Unglück zum Vorschein. Dieses öffnet alle geheimnisvollen Quellen der Seele, die Behaglichkeit und Wohlergehen zeitweilig verschüttet haben. So war es auch diesmal der Fall. Eine knappe Stunde später versammeln sich die Aeltesten in der Gemeindestube. Da saßen sie nun um den mächtigen Tisch aus Eichenholz, eine würdige Versammlung von Greifen, in riesenhohen Mützen aus Bärenfell, weißhaarig, mit herabflutenden Bärten, unermüdbare Waller durch das unendlich wechfelvolle Auf und Ab eines Judendaseins. Hinter dieser prunkvollen Außenseite von Ruhe, Stolz und Erhabenheit glomm ein kleines, verstecktes Feuerchen, das da und dort in den Versammlungen emporzuflammen pflegte, das jüdische Temperament, bald als Begeisterung, bald als Leidenschaft, bald' als'Haß. Heute aber ist das Feuerchen schön brav und ■ artig, denn es ist keine Zeit für Extratouren. Es muß rasch gehandelt werden. Einer der Altesten kommt mit einem Vorschlag, der di e Billigung der andern findet. In Wien lebt ein einstußreicher jüdischer Baron, vielleicht könnte der etwas tun und das Austreibungsreskript rückgängig machen. Rasch wird ein Pferd gesattelt und ein Reiter sprengt im rasenden Galopp auf der Reichsstraße nach Wien zu. In acht Stunden ist er am Ziel. Der Baron empfängt ihn in seinem Palast. Eben rauscht an dem Eintretenden ein vornehmes Fest vorbei. Elegant gekleidete Damen und Herren, eine hin und her eilende geschäftige, goldlivrierte Dienerschar, Becher klingen, im Hintergrund eine gedämpfte Musik. Und es stellen die angsterfüllten, verstörten Züge des Boten, sein schweißbedecktes Gesicht zu dem Glanz und Reichtum, der in dem Saal entfaltet, ein ewiges Symbol des jüdischen Lebens; jenes tragische Schwingen zwischen der Lebenssüße großer Herrn und der Bitternis von Ausgestoßenen. Deshalb hatte der Baron, sobald er des Boten im Saale ansichtig wurde, sofort verstanden, worum es sich handelt. Es bedarf nur weniger Worte, die die beiden in einem eleganten Nebenraum miteinander wechseln, um über alles informiert .zu sein. Was soll geschehen, damit man das kaiserliche Reskript rückgängig mache? Die Zeit drängt, man hat 48 Stunden Zeit. Nur eine Audienz beim Kaiser selbst könnte Rettung bringen. Nur in dessen Macht steht es, den Austreibungsbefehl aufzuheben. Das ist aber nicht leicht. Der Kaiser ist ein großer Herr. Ihn umgeben Kanzler, Hofräte, Adjutanten, Sekretäre, Ministerialräte und andere ratfp endenden Personen, die alle gefragt werden müssen, wenn man zu ihm gelangen will. Trotzdem wird er das schwere Unternehmen versuchen. Der Nikolsburger, der mittlerweile in einem Lehnsessel Platz genommen, war ein wenig zu sich gekommen. Aber sein Gesicht war noch immer flehend, sein Auge verstört. Endlich blieb der Baron vor ihm stehen und sah ihn scharf an. Dann sprach er zu ihm: „Ich werde etwas tun, was ich bis jetzt nicht getan. Die Gnade des Kaisers in Anspruch nehmen! Zwanzig Jahre habe ich gewartet. Alle die hohen Ziele, all das, wonach die Menschen gieren, war mir doch im Grunde nicht soviel, daß ich mich zu diesem Schritte entschlossen hätte. Jetzt, da es sich um Sein und Nichtsein von vielen hunderten jüdischen Stammesbrüdern handelt, werde ich Seiner Majestät Gnade und Huld' anrufen. Schau mal dort in die Ecke!" Der Bote tat, wie ihn der Baron geheißen hatte. Dort hing ein Handschuh, aus Seide mit reichem Fellbesatz. „Ein Handschuh hängt dort!" antwortete der Gefragte. „Diesen Handschuh," fuhr der Baron fort, „schenkte mir einst der Kaiser. Es war in Deutschland, wo ich in Geschäften weilte. Durch Zufall -erhielt ich Kunde, daß ein Anschlag gegen das Leben des Kaisers geplant werde. Soforck erbat ich mir eine Audienz beim Herrscher, die mir auch bewilligt wurde. Ich bringe beim Kaiser alles vor, was mir über die Verschwörung bekannt ist. Er hört mir aufmerksam zu. Sein Gesicht verfinstert sich. Die Niederträchtigen, die Heuchler, die vor ihm in den Staub gekrochen, die er aus Nichtssein und Belanglvsigteit in Glanz und Reichtum emporgehoben, die trachten ihm als Dank dafür nach dem Leben. Es sind Namen von Günstlingen, darunter solche, die mit gutgespielter Maske, ihm viele Jahre Demut und Unterwürfigkeit, manche sogar Freundschaft, vorgetäuscht haben. Er ruft den Kanzler herbei, dem er befiehlt, die Namen der Verschworenen sofort zu notieren ... 24 Stunden später sollen sie unter dem Richtbeil des Henkers fallen . . Der Nikolsburger hatte mit steigender Auf- 'merksamkeit aufgehört. Das war ja eine ganz wunderbare, romantische Begebenheit, nur verstand er nicht, wohin der Baron hinauswollte. Wie sollte das mit Aufhebung des kaiserlichen Reskriptes, das die Austreibung der Juden anordnete, zusammenhängen? Der Baron aber setzte fort: „Nachdem der Kanzler weggegangen war, hellte sich das Antlitz des Kaisers wieder auf und er sprach zu mir gewendet: Lieber Baron, Sie haben mir das kostbarste, was der Mensch hat, das Leben, gerettet, Irr. 51 1931 erbitten Sie sich eine Gnade dafür aus. Jede Bitte, die Sie an mich richten mögen, wird Ihnen unverzüglich erfüllt werden." Ich aber erwiderte: „Euere Majestät und durchlauchtigster Herr. Ich brauche nichts. Ich besitze alles, was mein Herz begehrt. Reichtum, Ansehen, brave Mn der und ein liebendes Weib. Wenn mir Euere Majestät noch seiner hohen unwandelbaren Huld versichern, so bin ich der glücklichste Mensch auf G'ttes web tem Erdenrund." Wieder lag Staunen auf dem Antlitz des Boten. Wie wäre das möglich? Ein solches Angebot auszuschlagen, das schien ihm, einfachem Mann, unfaßbar. Der Baron, der sah, welch großen Eindruck.er mit seiner Erzählung auf den Zuhörer gemacht hatte, sagte: „Mein lieber Gast aus Nikolsburg, nicht nur bet dir hat mein damaliges Verhalten Staunen erregt, sondern auch der Kaiser zeigte sich davon seltsam berührt. So etwas dürfte chm nicht sehr oft vorgekommen sein! Er, der von der schwindelnden Höhe, auf der er thronte, besser als irgend ein anderer Sterblicher beurteilen konnte, wie sehr die Welt ein großes Warenhaus, manchmal auch nur ein jämmerlicher Kramladen war, konnte das genau so wie du nicht begreifen. Deshalb sprach der Kaiser zu mir: „Mein lieber Baron, der kluge Mann denkt aber auch an die Zukunft, denn sehr wechfelvoll ist des Menschen Leben. Das Unglück kommt doch manchmal über Nacht, und da ist es günstig, wenn man etwas im Hintertreffen hat. Außerdem möchte ich, lieber Baron, nicht gerne Ihr Schuldner sein. Stellen Sie doch eine Bitte." „Als ich sah," fuhr der Baron fort, „daß der Kaiser in mich drängte und daß ich unhöflich gewesen wäre, wenn ich nicht seinen Wunsch erfüllt hätte, sagte ich nach einigem Zögern: Ich erbitte als Zeichen Ihrer höchsten Huld den Handschuh, den Sie auf Ihrer Rechten tragen. Die Zeiten sind wild. Nur im Augenblick der höchsten Not werde ich Ihre Gnade anflehen. Er soll mir als Erkennungszeichen und Erinnerung an Ihr heutiges Versprechen dienen." Der Kaiser tat, wie ich gebeten. Rasch zog er den Handschuh von seiner Rechten und übergab mir ihn mit einem huldvollen Kopfnicken. Damit war die Audienz beendigt. Ich entfernte mich mit einem tiefen Bückling; die Wachen präsentierten das Gewehr." Der Baron war mit seiner Erzählung zu Ende. Zum Boten gewendet, sprach er: „Und jetzt heißt es rasch handeln." Er schellte nach einem Diener. Dieser brachte ein Staatskleid, in das er sich schnell warf. Den Nikolsburger bat er, in dem Raum, in dem die Unterredung stattgefunden hatte, zu warten, bis er zurückkehren werde. Den Handschuh aber nahm er mit. Leicht war die Sache nicht. Er mußte viele Hindernisse überwinden. Da galt es, einen übelgelaunten Holrat zu überreden, dort einen sporenklirrenden Marssohn, einen General oder Feldmarschalleutnant, der bei der Audienzerteilung ein Wort mitzureden hatte, gefügig zu machen. Der edelmütige Baron aber hatte gute Beziehungen. Und wo nicht seine wohlgefügte Rede half, da half das Gold, das er in verschwenderischer Fülle ausstreute. Endlich war er am Ziel feiner Wünsche. Cr wurde zum Kaiser in Audienz vorgelassen. Dieser nahm ihn gnädig auf, und erfüllte nach längerer Rücksprache mit seinem Kanzler die Bitte des Barons. Das Reskript, mit dem die Austreibung der Juden aus Nikolsburg verfügt .worden war, wurde rückgängig gemacht. Und in später Abendstunde konnte der Baron mit freudestrahlendem Gesicht, in der Hand den Befehl des Kaisers haltend, zu dem in Ungeduld harrenden Boten aus Mkolsburg zurückkehren. So wurden die Juden in Mkolsburg vor einem großen Unglück bewahrt. Nasch springt der Bote auf sein gutes Pferd und in sausendem.