Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 51 (17.12.1931)
- Date
- 1931-12-17
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 10 Nr. 51 D e.r Israelit . 17. Dezember 1931 Galopp eilt es der Heimat zu. Im ersten Drittel dies Weges bricht das Pferd vor Ermüdung zusammen. Rasch wird beim nächsten Posthalter ein anderes genommen und weiter gehtdie tolle Jagd. Er reitet in Nikolsburg ein. Abermals stürzt das Pferd. Es kann nicht mehr weiter. Der Reiter verläßt es und läuft, das Reskript hoch in den Lüften schwingend, dem Schlosse zu. Dort angekommen, verlangt er, unverzüglich beim Fürsten Dietrichstein vorgelassen zu werden.. Die Bitte wird' ihm gewährt. Der Fürst läßt durch einen fürstlichen Beamten das Reskript in der Judenstadt verlesen. Eine Zentnerlast fällt allen ihren Bewohnern vom Herzen. Es ist so, als ob sie dem Leben wieder gegeben würden. Wer weiß wie lange? Kein Mensch sieht voraus, was die Zukunft bringt. Die Zeiten sind maßlos erregt. Vorläufig wollen sie sich hier wieder häuslich einrichten und warten, bis sie das Schicksal mit erneutem Trompetenstoß zu einer andern Episode ihres unruhevollen Judendaseins aufruft,' deren tragische Akteure sie dann sein werden. Das Haus Erlanger in Luzern. Die Trauerkunde des Scheidens von Abraham Erlanger Wr in Luzern, der im 79. Lebensjahre heimgegangen ist, wird weit über die Grenzen der Schweiz in vielen Hunderten von Herzen ein schmerzliches Echo wecken. Ein großer Kreis wird sich im Geiste zusammenfinden, in seinem Tun und Denken halt machen und der Patriarchengestalt in Luzern wehmutsvolles Gedenken weihen. Vor den Augen aller wird das kleine Haus „Im Bruch" erstehen, dessen Nummer 32 ein Wahrzeichen des jüdischen Herzens war, das hier geschlagen, und die Bilder der Beiden, die diesem Hause seine ungewöhnliche Bedeutung gegeben haben. Zu Lebzeiten von Abraham und Bertha Erlanger hätte es niemand unternehmen dürfen, von ihnen und ihren! Leben zu erzählen: ihr bescheidener Sinn hätte es nicht gutgeheißen, und sie hätten es — jede auf feine Weise — gutmütig polternd oder liebenswürdig abwehrend, zu untersagen verstanden. Heute schweigen ihre Stimmen: das Haus „Im Bruch" steht verwaist, und es ist an der Zeit, von diesem Haus in dankbarer Erinnerung zu sprechen. Viele Jahrzehnte sind vergangen, seitdem Ahraham Erlanger Luzern sich zur zweiten Heimat wählte. Aus kleinen Anfängen entstand hier in zäher Arbeit ein geschäftliches Unternehmen von Ruf, dessen strenge Rechtlichkeit weit bekannt wurde. Ihm zur Seite stand „die Mama", die Schwester von Heinrich Herz in Hall, der als Führer der orthodoxen Kreise in Württemberg unvergessen bleibt. Abraham und Bertha Erlanger erbauten in ihrem Hause ein Haus: 13 Kinder wurden ihnen gegeben, und jedes Kind war die Quelle neuen Glückes. Neben ihrem Hause aber schufen sie ein jüdisches Luzern. Gleich dem ersten Stammelternpaar verstanden sie es, die Männer und Frauen ihrer Umgebung für das Judentum zu gewinnen, und nach langen Jahren hatten sie die Genugtuung, ein Gemeinwesen um sich zu sehen, das mit allen Einrichtungen jüdischen Pflichtenlebens in vorbildlicher Weise ausgestattet ist. Von alledem soll hier jedoch nicht gesprochen werden: hier gilt es nur, persönliche Erinnerungen in aller Schlichtheit zum Ausdruck zu bringen; es gilt den Lichtschein, der von diesem reichen Leben ausging, und der nun zu erlöschen droht, noch einmal festzuhalten. Das Haus „Im Bruch" hatte mit der Stadt Luzern eigentlich wenig Berührungspunkte. Luzern hat seinen See, seine Berge und seinen Fremdenstrom: das Haus „Im Bruch" hatte sein Judentum, seine Gastfreundschaft und seine Menschenliebe; es hatte seine Arbeit und die Erziehung seiner Kinder. Und es hatte alle sieben Tage feinen Schabbos. Man muh es erlebt haben, wie Abraham Erlanger am Freitag abend mit sieben Söhnen aus Schul kam; wie Kinder, Enkel und Anverwandte im Bruch zusammenströmten, wie das Zimmer zu eng wurde, und die Ehegatten nicht Hände genug zum Benschen hatten. Man muß gesehen haben, wie im Bruch abrahamitische Gastfreundschaft geübt wurde, wie dort jeder willkommen war, und wie der Großindustrielle nicht anders ausgenommen wurde als der Bettler. Man muß Zeuge der selbstlosen, opferbereiten Hilfeleistung gewesen sein, die, am liebsten im Verborgenen, von diesem Haus ausging. Man muh das Glück gehabt haben, die Ehegatten in ihrem Hause schalten und walten zu sehen, in wundervoller Harmonie, in restlosem Verstehen, in wackerer Kameradschaft; wie einer des andern Gedanken und Wünsche zu erraten wußte, und wie sie wetteiferten, Gutes zu tun. Um so . erschütternder war es, als Bertha Erlanger vor 14 Jahren das Haus im Bruch verlassen mußte. Abraham Erlanger wollte es zuerst nicht glauben. Die Mama konnte nicht von ihm fortgehen. Das Glück seines Lebens konnte nicht plötzlich zu Ende sein. Und als es dennoch wahr blieb, und der Alltag wieder seine Rechte beanspruchte, da schien Abraham Erlanger für den Fernerstchenden wieder der Alte. Er ging wie früher seij nem Geschäfte nach, verbarg wie früher seine Güte hin-! ter Strenge und Unbeugsamkeit, brachte wie früher sein; kluges Wort mit allem Nachdruck zur Geltung — sein Herz aber ging seine eigenen Wege. Hier hatte er dem Gedächtnis seiner Frau einen Tempel errichtet, in. dem er die Erinnerung an sie mit unbeschreiblicher Zartheit umhegte; sie schritt neben ihm von der frühen Morgenstunde, da er — lange vor Beginn — die. Schultür ausschloß, bis zum späten Abend, da er sich zu kurzem , Schlafe niederlegte. Jahr um Jahr kam er nicht mehr 1 über den Umkreis der Bruchstraße hinaus und gönnte es ' sich nicht mehr, die Schönheit des Sees, den er immer 1 geliebt, zu schauen. | Da kam vor 6 Jahren der „Kummer mit Joseph";! der plötzliche Tod seines jüngsten Sohnes stürzte ihn aufs I Neue in schweres Leid. Als aber die Schiwoh vorüber I war, stand er auf, vielleicht noch weißer, vielleicht nicht mehr ganz so aufrecht, aber immer noch mit dem Willen, das Leben zu meistern, das Haupt des großen Familienkreises zu fein und die Sorgen aller mitzutragen. Und so blieb es. Er. lebte den Lebenden, und sein einsames Sinnen galt den Toten. Es blieb, bis er nach kurzem Krankenlager nun selbst Abschied nahm. Als man am letzten Freitag das erste Chanukahlicht wieder entzündete, blieb seine Menauroh dunkel: er selbst aber war in die Welt des Lichtes heimgekehrt. Abraham Erlangers Leben ist vollendet. Für alle, die das Haus im Bruch geliebt, gilt es nunmehr die Botschaft dieses Lebens weitsrzutragen, von der jeder Stein in der Mauer des Hauses kündet: die Botschaft tiefsten G'ttvertrauens und reichster Menschenliebe. Hermann Schwab. Gut Mach. Gut Woch, So tönt es laut In der Runde. Der Vater fpricht's, Es pflanzt von Mund Zu Munde sich fort. Wie Jubelton, Wie Glockenklang Hallt's wieder, ■ Und klingt nach In den Herzen. Aus ist der Sabbat, Aus der Tag des Herrn. Und Alltag tritt In seine Rechte, Wenn dieses Dunkel Im Lichtstrahl Des nächsten Morgens Uns grüßt. Die letzte Spanne Dieses Ruhetages, Sie findet die Familie Traut vereint. Ein letztes Sammeln Für den neuen Tag, Ein letztes Sammeln Für des Alltags Kämpfe. Noch tönt das traute Wort Gut Woch In uns nach. Man fühlt, es ist bei Uns zuhause Und gibt uns. Mut Und gibt uns Kraft Zu tragen alles Schwere. Leb wohl, du Tag des Herrn, Laß' unseren Stolz Nie erlahmen Und leuchtend weiter tragen Dein großes Geschenk. Eugen Tischler-Grabow. „Der Lämmle." Eine Jugenderinnerung.*) „Aber, so gut, wie heute das Fleisch wieder ist!" sagte der Vater gewöhnlich, wenn er am Samstag mittags bei seinem Stückchen Fleisch saß. „Ja, Vater! vom Lämmle bekommen wir halt jedesmal etwas richtiges," antwortete *) Verfasser ist Nichtjude. die Mutter hausfrauenglücklich. Das Fleisch war aber auch immer so schön hell, mürb und dabei saftig, daß wir alle Freude hatten. Der Lämmle war der I ü d e nmetzger in Th., eine gute Stunde von unserem Dorf. Ich freute mich stets, wenn die Mutter am Donnerstag nach dem Esten sagte: „Du gehst jetzt nach Th. zum Lämmle und sagst einen schönen Gruß; auf dem Zettel steht schon, was wir brauchM" Da pfiff ich unserem Wulf, dem treuen Schäferhund; Und ging. Beim Pfarrhof wartete die'Schwester des Herrn Pfarrers und draußen am Jagdhaus die Frau Försterin; die gaben mir auch ihre Zettel für den Lämmle: Der war allemal gleichfreundlich, wenn ich zu ihm in die Metzg*) trat, schön guten Tag bot und die Zettel abgab: „Schön''Tag zurück! Ah, die Frau Mutter bekommt wieder ein schönes Eck.**) Recht! und . die Fräulen Lina das, recht! und die Frau Försterin das, recht!" Dabei schnitt er das Fleisch ab, wog, packte es in sauberes weißes Papier (nicht, wie es andere machten, in einen alten Kurier); er steckte es mir noch in den Tornister, und dann kam das Beste: „So, Bua," sagte er, „für deine Arbeit" — da gab er mir eine Wurst oder ein Backenstücklein — „und weil der Wulf so nett draußen gewartet hat" — mit diesen Worten trat er unter die Haustüre mit einem Stück Rippenknochen oder Backenknochen. Der Wulf bedankte sich mit der Pfote, ich mit einem Händedruck und heim gings. Was kümmerten einen solchen Jungen Weg und Bürde! Einmal frug ich den Vater, der zusah, wie Mutter das Fleisch auswickelte: „Warum ist denn eigentlich das Fleisch beim Lämmle so schön?" „Schau, Hanns," antwortete der Vater, „der Lämmle nimmt schon nicht jedes Tier, es muß tadellos von Haus aus fein, und das weitere kommt vom Schächten; das ist ein großer Halsschnitt bis auf die Wirbelsäule; durch den blutet das Tier sauber aus, ist sofort bewußtlos — das ist also ganz etwas anderes, als wenn man ein Tier niederschlägt, wo dann das Blut drinnen bleibt und stockt." „Ja," ergänzte die Mutter, „und das Fleisch ist rasch mürb und hält sich sogar im Sommer gute drei Tage; mit dem von geschlagenen Stücken habe ich immer meinen Kummer, das verdirbt leicht von den Adern aus. Auf den Lämmle lasten wir nichts kommen." Dieser, wenn er an unserem Haus vorüberging, säumte auch nie, den Eltern schön guten Tag zu sagen. I. W.' (Zur Geschichte der Juden in Safed.) Erst zu Anfang des 13. Jahrhunderts werden Juden in Safed, dieser 838 Meter hoch liegenden, palästinensischen Stadt, erwähnt. Während Safed 1522 nur drei Synagogen und wahrscheinlich nur eine Jeschiwah zählte, hatte es 1603 21 Synagogen, 18 Jefchiwoth und eine Anzahl Armenschulen für Kinder mit 20 Lehrern und 400 Schülern. In der damaligen Blütezeit lebten dort u. a. Joseph Caro, der Verfasser des Beth Joseph, des Schulchan Aruch und des kabbalistischen Maggid Mescharim, Jsaac Luria, der große Kabbalist und Salomo Alkabez, der Dichter des Lecho Daudi. (255 Synagogen in Jerusalem.) Laut einer von Herrn Spiegel im Aufträge des Vereins jüdischer Hausbesitzer in Jerusalem unternommenen Zählung gibt es gegenwärtig in allen jüdischen Wohnvierteln von Jerusalem 3996 Häuser. Außerdem gibt es 255 Synagogen (unter ihnen eine Anzahl kleiner, 55 jüdisch-religiöse Schulen, 36 jüdische Bäder und 5 jüdische Hospitäler. (Mißverständnis.) In einem nib für .rrsrn, der von Leipzig ausgeht und Beiträge von mir enthält, befindet sich die Ueberfetzung des in 2"'? mnvs stehenden Satzes .pBxn Vw “jm» Ich werde darauf hingewiesen, daß „die mißverständliche und sehr verhängnisvolle Auffassung dieser Worte gar zu nahe liegt." Wer den Zusammenhang der Stelle betrachtet und selbstverständlich nicht einen Satz ohne Zusammenhang etwa als Richtschnur für religiöses Leben — als Din — auffaffen will, dem wird klar sein, daß es sich nur um Verzicht auf äußere festtägliche Begehung des Sabbats in Kleidung ufw. handle. Rabbiner Dr. Posner, Kiel. Die jetzige Jahreszeit ist mehr denn je geeignet, einige Zeit in Wiesbaden zu verbringen, zumal dieser herrliche Weltkurplatz alles bietet und sich ein Aufenthalt deshalb sehr lohnt. Theater, Kurhaus, die wundervollen Spaziergänge sorgen für die angenehmste Abwechslung, die Preise'für Unterkunft sind in Anbetracht der jetzigen Wirtschaftslage ganz bedeutend ermäßigt. Dem reisenden jüdischen Publikum kann man es heute bei den ungeklärten Verhältnissen nicht zumuten, wahllos Unterkunft zu suchen und aus diesem Grunde kommt hier in erster Linie das als erstklassig bekannte Hotel Kronprinz in Frage, welches in Aufmachung, Führung und Leistungsfähigkeit sich feit Jahrzehnten einen Ruf erwork ben hat. Eine eigene Thermalbäderanlage ermöglicht auch in dieser Jahreszeit eine Badekur, jede Diät wird verabreicht und untersteht. das. Hotel Kronprinz der Aufsicht des Herrn Rabb. Dr. Ansbacher, Wiesbaden. -*) Verkaufsraum. **) Ein Fleischteil.