Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 51 (17.12.1931)
- Date
- 1931-12-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 51 De r Israelit 17. Dezember 1931 entwickeln Kopieren Vergrößern Abzüge 6X9 Mk. 0.15 Abzüge 9X*2 Mk. 0.20 SCHLESICKY-STRSHLEIH KAISERSTRASSE 27 signatton vor dem seelischen Schrecken der Zeit, vor Verfall und Zerstörern die Segel streichen Das individual-psychologische Problem der zurückkehrenden Kinder wird zum Daseinsproblem des orthodoxen Judentums. Der Wille zur Heimkehr entspringt aus der Tiefe der Erregung und der Glut der Religiosi tat und der Unftätheit der Seele, die sich nach der Heimat sehnt. Auf diesen Ton ist R o b e r t W e i ß' Hymne aus die „Zeitlose Lehre" gestimmt. In glühenden Farben schildert er, wie in ihr von Anbeginn an die drei Elemente der Wüste, des ländlichen Be sitzes und der Wanderung enthalten waren, wie noch heute Wüste, Seßhaftigkeitsstreben und Wan derung in der Seele des Volkes leben und bald zum Segen, bald zum Fluche sich auswirken. So lange Juden sind, werden diese drei Elemente er innern, rufen und warnen für alle Zeiten für alle Länder, für alle Geschlechter. Fast, als Kommentar zu dieser zeitlosen Lehre zeichnet Leo Jung die amerikanische und Mo ses Auerbach die deutsche Orthodoxie. Alle Wolkenkratzer, Autos und Kinos, alle Rekorde und Reklamen können nicht verhindern und nicht darüber hinwegtäuschen, daß der amerikanisierte Mensch an seiner Ruhelosigkeit und Seelentosigkeit zugrundegehen muß. Wenn die Kulturphilosophen der Zeit nicht umhin kön nen, ihm dieses Horoskop zu stellen, weist Leo Jung auf das orthodoxe Judentum als lauf das Heilmittel hin, durch das allen Amerikanern vor an. der jüdische Mensch und das jüdische Volk gesunden könne. In feiner Weise stellt er der elektrischen Klingel die neschomo jesseiro, der Kameradschaftsehe die tewilo, der sozialen Ungerechtigkeit den dintauro und dem Weltschmerz die Messiashoffnung entgegen. Das sind aber nur einzelne Strahlen aus dem Bündel der Tauroh, der nur die Chance gegeben werden müßte, um sich in ihrer alles erneuernden, alles durchdringenden Kraft zu bewähren. In Deutschland hatte die Tauroh einst diese Chance, und sie hatte sie gerechtfertigt. Die Verblendung der Zeiten hat sie uns entwunden. Wie ernst wir um ihre Wiedergewinnung zu kämpfen hätten, zeigt Moses Auerbach in seinem Aufsatz zur geistigen Struktur der deutschen Ortho- Eie der Gegenwart. In der ihm eigenen klaren, ernsten, eindringlichen Art zeigt er die Geistesverfassung der deutschen Orthodoxie auf sozialem, jüdisch-politischem, religiösem und intellektuellem Gebiete auf. Mit Genugtuung stellt er fest, daß die Erkenntnis des religiös ethischen Wertes des . Sozialen, früher nur wenigen Hochstehenden Vorbehalten, Allgemeingut der thoratreuen Judenheit zu werden beginnt. Er bespricht informatorisch die Stellung der deutschen Orthodoxie zur Austrittsfrage und muß feststellen, daß heute für die Stellungnahme in der Regel äußere Gesichtspunkte den Ausschlag geben, für die nachträglich eine Ideologie herausgebildet wird. In der Stellungnahme zur Gesamtjudenheit konstatiert er wohl eine Stärkung des Kollektivbewußtseins gegenüber früher, aber daß die Gruppe derer, die dafür noch keinen Sinn haben, ganz verschwunden sei, kann er noch nicht behaupten. Mit diesem Gemeinschaftssinn fehlt aber auch die religiöse Wärme und Glut. Auerbach weist freilich mit Recht auf die Verschiedenheit der Psyche und des Temperaments hin, die notwendig den äußeren Ausdruck des religiösen Lebens beeinflusse, und leicht zu ungerechter Verurteilung verführe. Ebenso zeigt er Verständnis für die verschiedenen Einstellungen zur Bildungsfrage, ohne zu verkennen: „Aufgabe der im westeuropäischen Kulturkreis lebenden und verankerten Judenheit ist es in erster Linie, der Thora die Wissenschaft, der Wissenschaft die Thora zu geben, von der menschlichen Gesamtheit Kulturgüter empfangend, von Thorageist befruchtet^ zu Ewigkeitswerten erhoben, ihr wiederzugeben. In allem, was G'tt uns Men schen an Geistesgütern gab, sieht sie Ausfluß der g'ttlichen Weisheit. In Dankbarkeit nimmt sie an in Dankbarkeit verbreitet sie zur Ehre G'ttes: MMih rr^x x-in'x*? _n"3j?n na Vd Aus der Besinnung auf unsere Weltanschau ung erwächst unsere Gemeinschaft, ergeben sich die Probleme: Individuum und Gemeinschaft Führung und Masse, Moral und Politik. Eine Reihe ausgezeichneter Aufsätze beschäftigt sich mit diesem Problemkreis. I. C a r l e b a ch spricht über Moral und Politik Ausgehend von der Vorkriegsmentalität und von der heute, leider wieder zur Geltung gekommenen Praxis zeigt E. die entgegengesetzte Auffassung des Judentums, wonach nur die Gemeinschaft, die aus sittlicher Grundlage sittliche Zwecke verfolge Bestand hat. Gerade wer der Gemeinschaft ein höheres Lebensrecht als dem Individuum zuweist darf ihr am wenigsten die Kraft vorenthalten, die ihr Bestand verleiht. Dann genügt es aber auch nicht, wenn der Staatsmann sich darauf be schränkt, feine rein politisch bestimmten Ziele mit moralischen Mitteln zu erstreben. In seiner Zielsetzung bereits von moralischen Gesichtspunkten geleitet, wird er die ganze Verwaltung daraus abstellen, daß sie ohne jedien sichtlichen Vorteil ja, auf Kosten und zu Lasten der eigenen sittlichen Belange, sittlich handeln kann. Denn in Wirklichkeit ist jeder dadurch entstehende äußere Nach teil nur eine Stärkung der inneren Kräfte und festesten Säulen aller Gemeinschaft: der sittlichen Mächte. Wie die Verkennung dieser Zusammen hänge sich rächt, zeigt Carlebach — und das ist das Kernstück des ganzen Artikels — an Deutsch land uckd Frankreich. Aber die Konflikte, die sich aus der Verbindung von Moral und Politik notwendig ergeben, sind da, wer wollte sie leugnen? Zu ihrer Lösung bedarf es der Hauroaus fchoo Nur dürfen sie nicht zur Regel werden und auch ausnahmsweise nur angewandt werden von selbstlosen und makellosen Führern, deren Wesen und Gestalt uns im Glauben an die Absolutheit des moralischen Gesetzes bestärkt. Zeichnete C. so das Verhältnis der Politik zur Moral als das eines Weges zum Ziel, als Kunst der Organisierung der Moral, so zeigt Jacobson das Verhältnis der Gemeinde zum Gesetz. Von der Frage: Ist das Gesetz für die Gemeinde oder umgekehrt die Gemeinde für das Geetz da? geht er aus, und mit der Charakterisierung des berufenen Führers schließt er. Er sieht die Zellen jüdischer Gemeinschaft mitten unter den Völkern der Welt, und findet Öie heiligen Ge meinden, in denen die Gemeinschaft selbst, der Zu ammenschluß GleichFesinnter zum Heiligtum wird. Dieselbe Liebe aber, die sie zusammenläßt sie bei aller Liebe zu dem allen teuren heiligen Lande und zu Klall Jisroel in ihrer Arbeit und Fürsorge auf sich selbst beschränken. So verständlich das ist, so wenig kann es gut geheißen werden. Denn weit über die rein örtlich begrenzte Pflicht weist der Gedanke an G'tt und ein Gesetz und die Verantwortung für seine Erhaltung über den kleinen Kreis der Gemeinde hinaus zur Arbeit an der Gesamtheit Jisroels. So gesehen hat die Gemeinschastspslicht freilich auch eine Grenze. Diese aber, erwachsen aus g'ttlicher Verpflichtung und aus Bruderliebe, zwingt nicht nur zum Austritt, sondern sofort wieder zu neuer Verankerung, ja doppelt ernst zu neuem Zusammenschluß, und zu neuer Führung. Vertieft und ergänzt werden die Aufsätze von Carlebach und Jacobsohn durch eine Studie von Pinchas Kohn, Wien über: Politik in Gemeinde und Klall. Hatten jene die ethischen und religiösen Momente, die bei der jüdischen Gemein'- schaftsbildung eine Rolle spielen, hervorgehoben, so eigt Kohn die historischen Ereignisse und ihren Einfluß auf die Politik. Sind es ursprünglich die materiellen Bedürfnisse, welche „die Kinder einer Stadt" zu gleichen Rechten und Pflichten zusammenhält, so dringen doch bald politische Momente in das Leben der Gemeinde ein. Die Abwehr gegen außen legt bald geistige Auseinandersetzung, bald materielle Opfer nahe, und zu beidem bedurfte es einer einheitlichen Front. Dann kam die Zeit der Emanzipation und in zwei Etappen wurde das spezifisch Jüdische zu gunsten der gleichen Rechte mit. den anderen Bürgern durch den anderen Konfessionen angeglichene Formen ersetzt. Die alten Autoritäten werden überflüssig. Der Staat packt mit an. Er legt zuerst in die Hände der einen so viel Macht, daß den anderen die Austrittsmöglichkeit auf derselben gesetzlichen Grundlage gegeben werden muß. Daß aber auch nach Oesfnung dieser Türe die Ueberwachung und Einmischung des Staates auch bei jenen,, die sich dagegen hatten wehren müssen, fortdauerten, hält Kohn für ein Unglück, das auch den Austrittsgemeinden zum Verhängnis wurde. K. schildert anschaulich die weitere Entwicklung von der Nationalisierung der Gemeinde in ihrer Stellung zur Umwelt bis zur Demokratisierung im Inneren^ die neben die Autorität des Gesetzes die der Majorität stellt, die schließlich über den Kreis der Gemeinde auch über die Erfordernisse der ganzen Gemeinschaft durch Stimmenmehrheit entscheidet. Im Namen des Volkes! Wie tragisch sich diese Entwicklung auf die preußische Judenheit auswirkte, schildert unter Heranziehung statistischen, graphisch dargestellten Materials E s r a Munk in feinem oben erwähnten Aufsatz: Die Entwicklung der Verhältnisse der preußischen Synagogengemeinben. Wie das Gesetz von 1847, gegen dessen unheilvolle Auswirkung das Austrittsgesetz von 1876 nur unvollkommen helfen konnte, ursprünglich etwas ganz anderes beabsichtigte, als die dem altjüdischen Gesetze Untreuen zu den Trägern , und Nutznießern der Gemeindeprivilegien zu machen, das braucht hier nicht noch einmal gewürdigt zu werden, da der erregende, in seiner Eindringlichkeit und in einem Ernste besonders eindrucksvolle Artikel in diesen Blättern wörtlich abgedruckt war. (Fortsetzung folgt.) Korrespondenzen « iiacbridmn. Deutsches Reich. Eine Bezirkstagung der Freien Vereinigung m Schlüchtern. Frankfurt a. M., 14. Dez. Es fei heute schon darauf hingewiesen, daß Sonntag, den 10. Januar, eine Bezirkstagung der Freien Vereinigung der Interessen des orthodoxen Judentums in Schlüchtern, Bezirk Hanau, ftattfindet. Referate haben übernommen: Herr Bezirksrabbiner Dr. Gradenwitz, Hanau über Deutung und Bedeutung des vielfach mißverstandenen Ehegesetzes (Chaliza)" und Herr Redakteur Schachnow i tz, Frankfurt a. M., über „Ein Zentrum der Thora in Hanau zu Anfang des 19. Jahrhunderts. (Rabbi Mosche Tuwje aus Sontheim)." Auf Beteiligung auch aus Frankfurt wird gerechnet. Die Autobusfahrt kostet Mk. 3.50 pro Person, und werden Reflektanten gebeten, ich rechtzeitig an das Büro der F. V. Frankfurt a. M., Rechneigrabenstraße 10, zu wenden. Gesellschaftsreise nach Palästina. Frankfurt a. M., 14. Dez. Die Reise der Palästina-Zentrale der Agudas Jisroel nach Erez Jisroel wird aus klimatischen Gründen und aus Wunsch einiger Teilnehmer um einen Maat verschoben. Sie beginnt am 1. Adar II. Da durch wird man am Purim in Tel-Awiw sein können. Ein Aufruf des Lentral-Verems. Berlin, 10. Dezi Der Zentralverein erläßt folgenden Aufruf an die deutschen Juden: , 1 „Die politische Zuspitzung der letzten Wochen, der immer offener zutage tretende Geist des Haffes und der Brutalität rufen uns erneut auf den Plan. Politische