Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 51 (17.12.1931)
- Date
- 1931-12-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 51 Seite 3 17.-Dezember 1931 Der Israe l i t für die Leichenverbrennung zu widerlegen trachtete. Sowohl vom ärztlichen Standpunkte, was Hygiene anbelangt, als auch vom ästhetischen Standpunkt sei die Erdbestattung der Verbrennung vorzuziehen. Die gefürchteten Seuchen, wie Cholera, Ruhr, Typhus feien in dieser Beziehung durchaus nicht zu fürchten, da die Bakterien schon unter einer Erdschicht von fünf Zentimetern in kürzester Zeit mit der Leiche zugrundegehen. Schädlich sei nur das Beisetzen von Särgen in Grüften und Mausoleen. Der Scheintod, ein weiterer Beweisgrund für die Leichenverbrennung, bestehe nach Ansicht der Aerzte nur in Erzählungen von Edgar Allan. Poe. Und auch in ästhetischer Hinsicht sei die Beisetzung im Grabe vorzuziehen, weil der Tote für die Hinterbliebenen mit all seinen geistigen und körperlichen Vorzügen in' der Erinnerung weiterlebe. An der Aschenurne dagegen werde die Phantasie vernichtet. Als schärfsten Gegner der Leichenverbrennung führte der Vortragende den berühmten Chirurgen an der Berliner Universität und hervorragenden Philosophen Karl Ludwig Schleich an. Nach Schleich wirken die Zellen der Verstorbenen, die ins Erdreich gelangen und aus dem Erdreich wieder emporsprießen und zur Nahrung der Lebenden werden, befruchtend auf die Menschen. Die Zellen der großen Genies schlummern in der Erde, kommen aber wieder empor und werden dem Kreislauf der Menschheit einverleibt. Dr. Lieben erwähnte auch den erst vor wenigen Jahren erlassenen Hirtenbrief des Brünner Bischofs in der Frage der Leichenoerbrennung, der sich auf das alttestamentarische Gebot beruft und die Verbrennung ohne Kompromisse ausschließt. - Aus den angeführten Gründen ergebe sich nach Ansicht des Vortragenden das Verhalten der Rabbiner von selbst. Wer sich verbrennen läßt, schließt sich letztwillig selbst aus der Gemeinschaft der Gläubigen aus und habe keinen Anspruch auf die Rechte eines solchen. War dieser Vortragsabend vom ehrlichen Willen zur Aufklärung veranlaßt) so darf man hoffen, daß sich nunmehr die Brünner klar darüber sind, daß der religionsgesetzlich verbotenen Verbrennung eine religiöse Handlung auch im Hause nicht vorangehen darf und daß es ebenso religiös unmöglich sei, unstatthafte Urnenbestattung mit einem Kaddisch zu weihen. Ein Nachwort zürn Kampfe um die Kalenderreform. In diesen trüben Zeiten ist es an unD für sich schon ein Gebot der Dankbarkeit gegen den Lenker der jüdischen Geschicke, des günstigen^ Ausgangs der langjährigen Kämpfe um die dem Sabbat von der Kalenderreform-Bewegung Drohem den Gefahren nicht so rasch zu vergessen. Darüber hinaus aber muß es als Aufgabe der jüdischen Presse betrachtet werden, schon um der künftigen Geschichtsschreibung willen möglichst objektiv die Zusammenhänge sestzustellen, aus denen der erzielte Erfolg herckusgewachsen ist. In diesem Sinne veröffentlichen wir ein uns von amerikanischer Seite zugegangenes interessantes Schreiben, das eine wertvolle Ergänzung bildet zu den an dieser Stelle bisher gegebenen Darstellung von dem Verlaus der Dinge hinter den Kulissen. Das Schreiben läutet: „Der gefährlichste Gegner des bisherigen Kalenders und die treibende Kraft in derganzen Bewegung war bekanntlich George Eastman, der weltberühmte Philantrop, Millionär und Doktrinär, der einen ungeheuren Apparat in Bewegung setzte, um den Blankotag populär zu machen. Unter diesen Umständen mußte man fürchten, daß die einflußreichste Gruppe auf der Genfer Tagung, die amerikanische, sich mit größter Energie hinter den Vlankotag stellen würde. Daß diese Furcht sich glücklicherweise als unberechtigt erwies, daß es gelang, den ganzen Eastman-Apparat lahm zu legen, ist nächst der g'ttlichen Hilfe einer kleinen Gruppe von amerikanischen iUniversitätsl ehr ern zuzuschreiben, die, ohne Unterstützung von jüdischer Seite, unter > großen persönlichen Opfern seit September 1930 in plani mäßiger Weise die Angaben der Eastman-Gruppe nach- > geprüft, durch Tausende von Rundschreiben die Behaupitungen der Blänkotag-Freunde berichtigt haben, und die durch persönliche Unterredungen mit führenden Jndustrieli len, Bankdirektoren, Unioersitätsprofessoren, Astronomen, Eisenbahnverwaltungen usw. ein außerordentlich wichtiges Material gegen die Einführung des Blankotages dem Völkerbund zu unterbreiten in der Lage waren. Ausgangspunkt dieser ganzen akademischen Bewegung war das seinerzeit auch im „Israelit" erwähnte und besprochene Referat, das Prof. M. Jung aus Iowa im Herbst 1930 vor der „Astronomischen Gesellschaft" hielt und das zur Gründung einer Univei-sity Association for the study of calendar führte. Bereits ein Jahr nach der Gründung waren die hervorragendsten Wissenschaftler an allen amerikanischen Universitäten, im ganzen ungefähr 1000 Akademiker, Mitglieder der Gesellschaft. Präsident wurde Prof: Dr. Jacob Kunz, ein weltbekannter Physiker, führender Sachverständiger der Gesellschaft Prof. Charles W y l i e, Direktor der Sternwarte an der Staatsuniversität. Sein Verdienst ist es hauptsächlich, daß überzeugendes Material gegen den Blankotag dem Völkerbund unterbreitet werden konnte und wir waren bereits 4 Wochen vor dem Bekanntwerden des Endresultats in der Lage, sowohl den führenden jüdischen Organisationen in Europa, - insbesondere der Agudas Jisroel, als auch Chief-Rabbi Dr. Hertz mitzuteilen, daß Eastman mattgelegt sei und daß keine Aenderung des Kalenders erfolgen werde. Prof.. Wylie hat sich nicht daraus beschränkt, dem Eastman-Plan entgegenzutreten, sondern er hat dem Völkerbund den Plan eines Hilsskalenders unterbreitet, der der Schaltwoche das Wort redet und in mehreren Großbetrieben in Amerika erfolgreich angewendet wird. In der Tat beschäftigte sich die von der Völkerbundskommission angenommene ausführliche Schlußresolution (siehe „Israelit" vom 12. November, Seite 4, Spalte 2 Ende) eingehend mit dem Prof. Wylie'schen Kalender und widmet ihm anerkennende Worte." Unser amerikanischer Gewährsmann weist noch Daraus hin, daß Eastman fein Spiel nicht verloren gibt. Er verfügt über gewaltige Geldmittel, die besten internationalen Beziehungen, hat bedeutenden Einfluß auf die Regierungskreise und es erscheint schon aus diesen Gründen von vorneherein unwahrscheinlich, daß die Schlappe, die sich die Herren in Genf geholt haben, sie dauernd von ferneren Agitationen zu Gunsten des Vlankotages abschrecken wird. Man Von dem Israel der 10 Stämme war nicht viel mehr als der Name jüdisch, und selbst Juda war in sich zerspalten. Die Einen hielten nur die sozialen Gesetze der Thora für bindend, die Anderen legten mehr Wert aus den Opferdienst und den sogenannten religiösen G'ttesdienst. Die Allerwenigsten erkannten die volle bindende Kraft der ganzen Thora und jedes ihrer Worte an, und der Riß wurde so unheilbar, daß zur Rettung der Thora des Judentums — der Judenstaat in Trümmer gehen mußte. Den letzten Akt jenes schaurigen Dramas leitete der Tag ein, den wir in der Woche um m'i nena fastend begehen. 7aa -jVa “jao errnV 'i»i7S3 heißt es im pars von N3v3 „An jenem 10. Tewes", es war ein Sabbat, der nicht mehr oder doch nicht in rechtem Sinne gehalten wurde, „fand der babylonische König eine Stütze für sein Vorgehen" und dieser Tag ward der Anfang vom Ende. Aber nicht vom Ende für alle Zeiten: ivn ddir ’mntn anvt Ivvi vrow Tipm lab' 'uattaai 'kV nnV ''NR '2R1 oyV 'V „Ich werde sie reinigen, sie werden mir zum Volke, ich ihnen zum G'tte sein, in den Wegen Meines Rechtes werden sie gehen und Meine Gesetze hüten" D’tjatpa und ü’pin werden gleiche Achtung genießen. p’Ta V'INRlvm NN« oyi» NNR $>R NNR DDR 3NP1 wie es in der Haftora zu vsn nenn heißt, dann wird aller Gegensatz geschwunden fein, nicht mehr von einem jüdischen und einem israelitischen Staate wird man sprechen, nicht mehr von einer orthodoxen, einer neologen und einer gemäßigt orthodoxen Gemeinde, sondern 3p?' n’3$> (in der Einzähl) wird es dann wieder heißen: „Alle Seelen und Persönlichkeiten des Hauses JaakaUw sind eine Einheit: „Ein" Haus, „Eine" ffsj, weil „Ein" G'tt und Eine min! Kleines Feuilleton. Ein unveröffentlichter Brief Tolstois über die Juden. Aus dem Archiv des verstorbenen jüdischen Politikers F. Gabai in Bulgarien wird der folgende Brief Tolstois veröffentlicht, in dem er die Frage, was im Sinne der zeitgenössischen Politik ein Jude sei, aufwirft und schreibt: „Versuchen wir, diese Frage ein wenig zu formulieren. Geben, wir ihr folgende Form: Was für ein Gespenst ist es, welches alle Herrscher und alle Völker gequält, niedergemetzelt, aufgehängt, vertrieben, mißhandelt und beraubt hat, angefangen von den ägyptischen Königen bis zu den modernen Judenfressern in der Publizistik, von der Inquisition Torquemadas bis zu den Polizisten und subalternen Beamten aller Regierungen? ... Das ist jener Jude, jener Prometheus, der uns vom Himmel das ewige Feuer gebracht und der ganzen Welt zugänglich gemacht hat. Der Jude, der jahrtausendelang der Wächter des g'ttlichen Gedankens war, ist auch der Urquell jenes Glaubens, dem alle anderen Religionen ihre Entstehung verdanken. Der Jude ist der Pionier der Freiheit. Noch in jenem grauen Altertum, als die Menschheit in Herren und Sklaven geschieden war, verbot der Gesetzgeber Moses, Sklaven länger als sechs Jahre zu halten. Näch Ablauf dieser Zeit mußten sie ohne Lösegeld bestell werden. In jener grausamen und barbarischen Epoche, als das Menschenleben noch keinen Wert hatte, stand Rabbi Akiba, einer der größten Weisen, nickst an, sich offen gegen die Todesstrafe auszusprechen. Das Synhedrion — sagt der wird die Propaganda zweifellos zu geeigneter Zeit im größten Stile wieder aufnehmen. Aus diesem Grunde erscheint es von Bedeutung, daß die amerikanische Umversitätsassocialion in jeder Weife gestärkt wird und daß ähnliche Organisationen auch in anderen Ländern zustande kommen. Ein Führer durch das gefetzeskreueIudentum.') Bon Direktor Dr. Elias in Frankfurt a. 2R. HI. Es gibt heute noch Menschen, die in aller Orthodoxie Verschrobenheit, intellektuelle Schwäche, verkappte kirchliche Gebundenheit wittern. Sie werden bei der Lektüre dieses Werkes von jener liebgewordenen Gewohnheit absehen müssen. Sie werden da eine Freiheit des Geistes und eine Weite der Anschauung und einen Ernst der Auseinandersetzung spüren mit den Problemen, die hinter allem Jüdischen stehen, daß man um dessentwillen allein schon wünschte, daß das Werk einem größeren Leserkreis zugänglich wird, als er im allgemeinen den Festschriften beschieden ist. Das gilt auch für eine Reihe von Aufsätzen, die über die jüdische Religiosität und orthodoxes Judentum von Nathan Birnbaum, Robert Weiß, Leo Jung und Moses Auerbach geschrieben sind. Nathan Birnbaum spricht über Heimat und Heimkehrer. Wer nach längerer Abwesenheit in Die Heimat wiederkehrt. bringt unwillkürlich eist Element in die abgesteckten Grenzen der Attbeheimateten, das ihn für sie und sie für ihn zum Problem macht. Aehnlich aber steht es mit Dem Baal teschuwo, der in den Schoß des Judentums zurückkehrt. Er bringt die Fremde mit hinein, aber zugleich Tatenlust, Tatenwillen und Lebendigkeit in den Kreis der Alteingesessenen, die oft in geradezu beängstigender Hilflosigkeit und Re- *) Festschrift für Jacob Rosenheim anläßlich der Vollendung seines 60 Lebensjahres, dargebracht von seinen Freunden. 1931. Kauffmann Verlag, Frankfurt a. M. 464 Seiten deutsch, 162 Seiten hebräisch. Preis geb. Mk. 12.50. DIAL2N" Puder bewahrt Ihren LieblingVorWundsein. Talmud —, welches einmal in 70 Jahren ein Todesurteil fällte, trug den Namen eines Mordgerichtes. Der Jude ist in seinen bürgerlichen und religiösen Beziehungen das Symbol der Gerechtigkeit und der Ewigkeit, jener Ewigkeit, die weder durch Schwert und Feuer, weder durch Verfolgungen noch durch Peinigungen und Gemetzel vernichtet wird. Unter allen Völkern war es dem Juden allein beschieden, die g'ttliche Idee zu entdecken, deren Wächter er so viele Jahrhunderte lang gewesen und die er für die Völker der Welt bewahrt hat. Der Jude war und wird bleiben: Vorkämpfer und Säemann der Freiheit, der Gleichheit, der Kultur und der Toleranz." Wochenkalender. vom 19. - 26. Dez. 1931 / r om 9. - 16. Debet 5692 'Bl' tp pan’y Samstag 19 9 2? M'1 Sonntag 20 10 ap N3V3 niw Montag Dez- 21 N3v 11 V Dienstag 22 12 np Mittwoch 23 13 3 o’noD Donnerstag 24 14 3 Freitag 25 15 1 Samstag 26 16| a 'N»1 Verantwortlich für den allgemeinen Teil und das-, Feuilleton S. Sch achnowttz, Frankfurt a. M.; Inserate i. V.: S. Schach» nowitz, ebenda. — jjö« die pädagogische Beilage: Lehrer L. Kaufmann, in Sprendlingen (Kr. Offendach). — Verlag des Israelit und Hermon Gm. b. Frankfurt a. M- —) Drum Hermou-Druckerei, Frankfurt a. M.