Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 50 (10.12.1931)
- Date
- 1931-12-10
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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10. Dezember 1931 Lesser Ury and sein Werk. Wie bereits kurz mitgeteilt, verstarb ‘ vor kurzem in Merlin der große jibifd/e Maler Lesser Ufy, just zur!«eit, da sich die NÄional-Galerie wie die: Stadt rüsteten, seinen 70. Gebürtstag mit einer Sonderausstellung zu Ileiern. ' - '' 1 Ury stammte aus dem Posenschen, lebte und schasste aber seit 1887, nachdem er die ersten Erfolge in Paris errungen hatte, in Berlin. Ury gilt als Mitschöpfer des Modernen Impressionismus. In den letzten Jahren war ergänz und gar ein „Berlinerischer Maler", wenn ' auch seine italienischen Landschüftsbilder an Größe '„tu) Tiefs kaum was zu wünschen übrig lassen, i Seine großen Werke nach biblischen Motiven, allbekannt und geschätzt, sind: „Jerusalem"/„Adam Junb Eva", „Jeremias", „Moses beschwört die Finsternis", „David im Gebete", „Rahel am Brunen", „Ruth und Boas", „Der scheidende Moses". Sie in dieser Nummer reproduzierten Bilder „Maises" und „Jeremia" zeigen, wie der Künstler die Übel verstanden und mit dem Griffel gedeutet hat. Lesser Ury brach in seinem Atelier zusammen, starb direkt von der Arbeit weg. Die Berliner Kunstkritiker nennen ihn neben Max Liebermann, den vornehmsten Vertreter des Naturalismus in )er deutschen Malerei und den größten deutschen Landschaftsmaler in der Neuzeit. Sein privates' Leben war nicht ohne Tragik. Ein kleiner, armer, weltscheuer Mann, stand er allein in seinem Riesenatelier, ohne richtige Pflege und Wartung. Den hilfsbereiten Freunden verschloß er sich hartnäckig. Die Berliner Jüdische Gemeinde gewährte ihm ein Chrengrab. „Ein ganzer Mann" *). Eine Persönlichkeit, die mir aus der Jugendzeit in lieber Erinnerung steht, ist Herr Jakob Wulfen. Er hatte in Neuort ein großes Versand-;eschäft. Alljährlich im September vor den jüdichen Neujahrstagen kam er in unser Dorf, regelnäßig am Mittwoch nachmittag, mit seiner zweipännigen Kalesche, die hinten einen starken Käfer mit einem kunstvollem Schloß trug. Das erste, was der jüdische Kutscher tat, war, daß er die Pferde versorgte. „Das ist unser Gesetz," sagte er, „daß man zuerst für die Tiere sorgt." An den uaven Braunen sah man nie einen Peitschentriemen, das Fell glänzte, die Hufe waren wie wliert, sauber das ganze Zeug. Mit welcher Sorgalt aber auch rieb der Mann sie ab, gab ihnen Wasser und legte ihnen das Futter vor. Erst lange Jahre später beim Regiment sah ich wieder ähnliche Pferdepflege. Herr Wulfen begrüßte unterdessen unseren guten Andres, den Gastwirt und dessen Frau, schaute in die Fremdenstallung und entnahm dem Koffer Waren. Da bekam vor allem unser alter Pfarrherr sein gewohntes Mille Zigarren. Die reichten von einem September zum andern, aber über iie Hälfte verschenkte das liebe Herrle. Sie waren stets ileichgut, mild auf der Zunge, würzig in Duft und Gechmack, schneeweiß im Brand. „Ich rauche bloß die von Herrn Jakob, da weiß ich, wie ich daran bin," sagte das herrle, das alle seine Lieblinge nur mit dem Vornamen nannte; und andere Abnehmer stimmten ihm bei. Dann ging Herr Wulfen zur Frau Oberin der Anstalt, da gab es BestellungM; mancher Art: . Seide für ... sahnen und kirchliche Meldung,.'.köstliches. 'Leinen, iir Wäsche, Schleiertücher; Kattun für billige, an-', / ' indere Stoffe' für/teuere! Kleider —l das .würde im Nähsaal für Kundinnen verarbeitet;. auchdrei Hausinsassinnen versorgte die Oberin mit Stoffen, >ie zu Weihnachten unter dem Gabenbaum liegen Een. Kaffee, Tee, Gewürze liesexte,!Herr Wulfen ebenfalls. Gerne fanden sich 'Bäüevmnen ein/ ' >ie über ihre Käufe mit der Oberin ibexieten. So wurde es sechs Uhr. Um die Zeit holte der Kutcher in einem Topf, den sie auf der Reise mitührten, Milch beim Hannes, der sie vor seinen lugen einmelken mußte. In einem anderen Topf über Holzfeuer brodelten beim Wirt Kartoffeln, und die Frau Theres stellte vier rohe Eier bereit. Kam Herr Wulfen, so verzehrten'sie Milch, Kap-, iosfeln, Käse, den sie auch mithatten, Wurst/ nicht, die war ihnen zur Milch nicht erlaubt. Im Ver-. chlag bei der Wirtsstube aßen Herr und Kutscher, wobei sie vor und nach dem Essen hebräisch beteten. Ein einziges Mal ist es vorgekommen, daß ein vorlauter Schneider darüber spöttelte. „Aber erzählte später der Andere, „hätten sie den °nsl so ruhigen Herrn Wulfen sehen sollen!, Ganz zornig 8mg er zu dem Spötter und sagte: „So, jetzt könnt Ihr Eure Stoffe und Faden kaufen, wo Ihr wollt!" Da bat der Schneider um Verzeihung." „Respekt vor unserem Herrn Jakob!" sagte der Pfarrherr,. als er die Geschichte Mte. Um sieben Uhr kamen der Herr Pfarrer/ Lehrer Schmiedemeister, die spielten mit Herrn Wulfen warten, plauderten ein Weilchen, er trank dazu seine zwei Was Bier, und gegen halb Zehn gings zur Ruhe. An- 'erntags, schon nach sieben, gab es ein bescheidenes Frühtuck, dann fuhren sie weg. In den Freitag hinein blieb Herr Wulfen nicht von zu Haufe fort. „Schon der Freiem Der Artikel ist uns oou einem nichtjüdischen Arzt zugegangen D er 3 s r a e l ft tag vormittag," sagte er,- „ist' für die Vorbereitung auf Sabbat. Es ist kein Segen-, auf Geschäften, die man da anfängt." In feinem Haus war der Segen mit Wohlstand und Zufriedenheit; geachtet war er, wohin er kam ob feiner Redlichkeit. „Ein ganzer Mann!" hieß es, wenn sie von ihm redeten. I. W. Schöner Karmel! Von Saly Geis in Tel-Awiw. In Salomos „Lied der Lieder" sagt der Jüngling zu Schulamith: „Dein Kopf ist auf dir wie der Karmel." Moses mit den Gesetzestafeln Rach einer Studie um» rrey r ury Sie gilt ihm als das höchste Maß des Schönen, und er sucht in Gsit.es Natur nach, einem Vergleich mit dieser Schönheit. Salomos schönheitstrunkenes Auge erfaßt entzückt jedes Bild der Natur, das die Knie in Anbetung vor dem g'ttlichen Meister niederbeugt, sein Auge hat viel gesehen und findet nichts Schöneres als den Karmel. Und wahrlich, der Mensch vermag sich, wenn er auf dem Karmel steht, von der Szenerie nicht loszureißen. Das Bild ist heute freilich anders als damals. Damals Nr. 50 Seite 3 arabischen Charakters, der sich das schöne deutsche Viertel anschließt/ Einen unvergeßlichen Eindruck gewährt es auch, wenn — infolge der Luftspiegelung — die Sonne sofort nach ihrem Untergang ihren leuchtendroten Ball noch einmal im Meer verschwinden läßt. * , Auf dem Karmel ist englisches Militär stationiert. Seitdem die Tommies oben ihr Heim errichtet haben, durchbrechen mitunter Kommandorufe und Trompetenblasen die idyllische Stille. Nur ein quadratischer Platz täuscht mit den ihn umgebenden Häusern einen Ort vor. Bei wenigen Schritten aber in die einmündenden vier Straßen stehen schon die Kompanien der Kiefern kerzengerade da, und nur dann und wann einmal trifft der Schritt auf ein Haus. Das Dutzend Häuser oben enthält in der Regel Hotels oder Pensionen. Weiter unten finden sich auch Villen begüterter, meist von Amerika gekommener Juden. Ein großer Besitz, der auffällt, ist das deutsche evangelische Hospiz. Auch ein wundervoller Park, genannt der persische Garten, umgibt das Heim einer kirchlichen Gemeinschaft. Jüdischer Gottesdienst kommt auf dem Karmel nur am Schabbos zustande und zwar nur dank der älteren Generation, die die neue Zeit nicht mehr zu revolutionieren vermochte. In dem Stadtteil Hadar-Hakarmel,- dem Zentrum der Juden Haifas, steht eine große Synagoge, die täglich morgens und abends lebhaften Besuch aufweist. Auch fehlt es sonst in der Stadt nicht an täglichen Minjanim. Hier kann man auch jüngere Menschen antreffen, die die neue Zeit sehr wohl kennen und trotzdem dem Judentum ihrer Väter dienen. Die meisten der Haifaer Juden hätten aber die flammenden Mahnreden des großen Propheten Jirmijahu nötig, dem einst eine große Höhle am Karmel Wohnstätte bot. Zu dieser Höhle pilgern Moslems und Juden, um dort zu beten und Heilung von Gebrechen der Seele und des Körpers zu erflehen. Hadar Hakarmel weist mancherlei Schönes auf: das erhaben einfache und doch mächtig monumentale Technikum mit seinem Park und seinen zwei Gazellen und der terrassenförmig aufsteigende Stadtpark, in dem auffallend viele schöne jüdische Kinder in munterem Spiele, herumtummeln. Das Lied der Lieder besingt' auch die windesschnelle, schlanke Gazelle, die in der Bibel auch Hirsch und Reh bedeutet. Ich aber möchte das schöne jüdische Kind. besingen, an dessen Gesichtszügen die Generationen der edlen jüdischen Rasse gemeißelt haben. Das neue Erez Israel ist das Land des Kindes. Die überquellende Liebe der Eltern und die Fürsorge der Gemeinschaft konzentrieren sich aus das Kind. Frei und gesund wächst es auf, und -wenn dann noch edle Ahnen an seiner Seele gewirkt 'hüben, dann gibt es einen geistig und körperlich schönen Typ. Leider, leider verderben häufig die Großen durch ihr Vorbild und ihre Lehren diese glänzenden Vorbedingungen zur Erziehung jüdischer Menschen, würdig ihrer Ahnen. Baut sich doch die neue Palästina-Bewegung bisher auf dem. Bruch mit den Traditionen der Väter auf. Alle Krisen und Mißerfolge haben hierin ihren eigentlichen Grund. Mehr noch als die Schönheit des Karmel hat mich die Schönheit der Seele eines 87jährigen Greises, Ja- I kab Schachewitz, eines Nachkommens des großen . Kommentators Schach, begeistert, der in Hadar- Hakarmel wohnt. Dieser Mann, der. vor mehr als. 'sechzig Jahren in Berlin studierte und vierzig - Jahre lang den Boden,. Palästinas bearbeitete — ' erregte Povk Steiner zu,seiner Novelle „Der Tal- - mudbauer" an weiß sein ungewöhnlich reiches Modernes Wissen stets züm Verständnis des Talmuds' herbeizuziehen, so daß ein Schiur bei ihm ein seltener Genuß-ist. „Was hat da Wellhausen wieder geflunkert". „Das erinnert mich an den Philosophen Bergson". — p* i~n oy min im besten Sinne! Privaibüro der letzten Frankfurter Vertreter des Hauses Rothschild, Baron Mayer Carl -und Wilhelm Carl ».Rothschild; Rach einem Oelgemätde von Alfred Oppenheim mischte sich das Blau des spiegelglatten Meerbusens mit dem Grün der zum Himmel strebenden Gedern, b'icben Karmel wie Berg und Tal des Libanon, im Hintergrund des Meerbusens füllten. Heute hat der Karmel kleine Kiefernanpflanzungen, die der Bewohner des längst öde' gewordenen Palästina Wald nennt. Auch der Libanon bietet sich, vom Karmel aus gesehen, entholzt dar. Aber dennoch liegt ein wunderbares Panorama vor dem Beschauer. Der reinen, klaren Lust sind prächtige Farbenessekte und scharf modellierte Konturen eigen. Plastisch liegt die Stadt Haifa da: am Abhange der von den Juden im letzten Jahrzehnt errichtete Stadtteil „Hadür-Hakarmel" mit dem Meisterwerk des Architekten Bärwald, dem Technikum, und am Fuße des Berges die Altstadt Die Gottlosen, Schauspiel in vier Akten, Araussührung im Kieler Sladlkhealer am 27. 10. 1931. Der jetzt, in Hamburg lebende Dramatiker Rudolf Stern ist von der österreichisch-ungarischen Armee aus 1914 als Verwundeter in russische Spitäler und russische Gefangenschaft geraten und hat in den unwirtlichsten Gegenden Rußlands vier Jahre zugebracht, zuletzt in einer Art Freiheit, die es ihm ermöglichte, Land und Leute zu studieren. In seinem Drama führt er in das allerjüngste Rußland der Gegenwart. Wie sich im Mai 1931 in dem kleinen Städtchen Saklikosf der Kämpf zwischen Glaube und Unglaube, zwischen G'ttgläubig und Gottlos abspielt, soll der Zuschauer hören und sehen. . Das ganze Gottlosentreiben in Sowjetrußland, die Unehrlichkeit und Bestechlichkeit der Beamten, das sittenlose und rohe Leben der Milizionäre, der Kampf gegen die Bourgeoisie und das Bürgertum wird hier vorgefllhrt, wie andererseits die Tradition der Kirche und der Synagoge und ihr Kampf, gefördert durch das alteingesessene Bauerntum, beleuchtet werden. a.siviZi äja,;