Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 50 (10.12.1931)
- Date
- 1931-12-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2450652-2450701--78413-2536100- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 4 Nr. 50 ^yPunosoHn Z<?il 95 und Töngesgasse 25—27 daß die Feinde eins Entlastung oder auch nur einen mildernden Umstand daraus für sich ableiten könnten. Verschuldet haben wir das Schicksal vielleicht in anderer Beziehung, die in unsere interne Welt greift, unser Verhältnis zu G'tt und unserer Mischen Ausgabe berührt. Daraus ergibt sich auch andere Antwort als die von Brodnitz auf die Frage, ob wir Anlaß hätten, unseren Weg zu ändern. Unser Weg als Deutsche bedarf keiner Aenderung, als Juden sollten wir in den Schickungen eine Mahnung dahin sehen, daßii'I'n nvsru rmpruv Die „Fremden." Das Land, das, schon in Fried enszeiten, zuerst die Juden unter das Fremdenrecht stellte, heißt Rumänien. Auch nach dem Kriege tauchte und taucht dort das Wort „Fremde" in Verbindung mit Juden immer und immer wieder auf. So hat nach den antisemitischen Exzessen in Gro^wardein und K l a u s e n b U r g der rumänische Gesandte in Wien eine Art Verteidigungsschrift in der österreichischen Presse veröffentlicht, in welcher er die Pogrome damit motivierte, daß die Juden „Fremde" sind und erst seit 1600 im Lande wohnen. Aber gerade für Rumänien liegt eine ganze Reihe von Urkunden vor, aus denen heroorgeht, daß die Juden schon viele Jahrhunderte früher in Rumänien angesiedelt waren. Dr. M. A. Halevi hat ausführliche Studien über jüdische Siedlungen in Bukarest und Jassy in früheren Jahrhunderten veröffentlicht. Run gelang es einem jungen Czernowitzer Forscher, Prof. Arthur P r e i ß, eine Urkunde zu entdecken, die ein unwiderleglicher Beweis dafür ist, daß d i e I u - den in Rumänien nochvorder Gründung der rumänischen Fürstentümer in größerer Zahl angesiedelt gewesen sind. Die Urkunde stammt aus dem Jahre 1234 und ist eine feierliche Erklärung des Königs V e l a IV. zur Stärkung des katholischen Bistums am Milcov im gegenwärtigen Bezirk B u z e u. Aus der; Urkunde geht hervor, daß der ungarische König Vela W. vom Papste aufgefordert wurde, in diesen Gegenden den Katholizismus zu verbreiten und den Kampf gegen die d 0 rt ansüffigen Juden zu führen. Die Cuzisten in Rumänien werden nunmehr nach einem anderen Judenmärchen — es gibt deren so viele — suchen müssen. Den „Fremden- Titel" können die Juden — das ist historisch beurkundet — an die Nationalrumänen zurückgeben. Hitler beruhigt, Heydebrand klärt auf. Adolf Hitler hat im Berliner „Kaiserhof" vor anglo-amerikanischen Journalisten eine „durchaus beruhigende" Rede über den Auslandskurs des „Dritten Reiches" gehalten. Das Wort „Jude" nimmt Herr Hitler, wenn er mit dem Auslande spricht, nicht gern in den Mund. Um so beredter erläutert Ernst von Heydebrand im Organ des „Bundes nationalsozialistischer Juristen", „Deutsches Recht", die Judenpolitik im Reiche seiner Sehnsucht. „Es ist zu empfehlen, nicht sogleich allzu grausige Folgen an die ersten Maßregeln zu knüpfen, vielmehr mit Rücksicht auf das Mißtrauen des Auslandes, das Gerechtigkeitsgefühl der Gerichte und das zarte Gewissen etwaiger Der Israelit 10. Dezember 1931 Koalitionsgenossen sich damit zu., begnügen, ein Judenverzeichnis aufzustellen, ihnen die Staatsangehörigkeit abzusprechen (§ 17 des Reichs- und Staatsangehörigkeitsgesetzes), sie nicht mehr wählen und Beamte werden zu lassen . . ., im übrigen aber zunächst alles auf sich beruhen zu lassen und allerseits beruhigende Erklärungen abzugeben, bis sich die neue Rechtslage einigermaßen gefestigt hat." . . . Man würde den fremdstämmigen Deutschen eine Bezeichnung geben, die einerseits den Abstand vom Deutschen, andererseits doch eine gewisse Unterstellung unter das Reich andeutet (z. B. „Schutzfremde", „Reichsfremde"), würde ihnen weiterhin diplomatischen und konsularischen Schutz sowie den heimischen Rechtsschutz gewähren und im übrigen nach dem Spruche handeln: Aufgeschoben ist nicht ausgehoben!" Diese offenen Bekenntnisse einer schönen nationalsozialistischen Seele sollten sie in Leipzig,, wo jetzt das Reichsgericht damit beschäftigt ist, die aufgedeckten hessischen Karten zu prüfen, noch zu den Akten nehmen. Ein Führer durch das gesktzeslreue Zudevlvm. Bon Direktor Dr. AI. Elias in Frankfurt a. AI. I. „Es ist ein guter und sinnvoller Brauch, der sich letzthin in der jüdischen Gesellschaft eingebürgert hat, verdienten Führern bedeutender geistiger Bewegungen und Gemeinschaften an markanten Tagen ihres Lebens eine öffentliche Ehrung zu bereiten, indem die Gesamtsumme ihres Lebens gezogen und von dem Feld, das sie bestellt haben, — nur scheinbar ein Geschenk, in Wirklichkeit ein mit Zins erstattetes Darlehen ^— die gereiften Früchte gepflückt un!d ihnen in Dankbarkeit gereicht werden". Mit diesen Worten weiht Maximilian Landau die Jacob Rosenheim gewidmete Festschrift ihrer Aufgabe, dem 60-Jährigen ein Zeichen der Verehrung und des Dankes zu geben, die Orthodoxie zur Besinnung über sich selbst anzuregen, dem Gesamtjudentum einen Blick in die Werkstätte des gesetzestreuen Judentums zu eröffnen. M. Landau gibt eine großzügige Würdigung vom Wesen und Wirken Rosenheims, die aus der Dertiesung in seine Persönlichkeit und in sein Werk erwächst. Er zeichnet die schweren Probleme, mit denen das gesetzestreue Judentum in den letzten 50 Jahren zu ringen hatte. Die Aufgaben türmen sich, die einem jüdischen Führer dieser Zeit gestellt sind. An ihrer Vielfältigkeit müht sich ein zur Einheit strebender Geist. Aus den Wesenszügen einer im Grunde weichen Persönlichkeit entwickelt sich die geistige Gestalt des Organisators. Im Banne seiner Natur, die das Aufgegebene schon gegeben sehen möchte, im Fluge seiner Gedanken, die ihn weit über die Wirklichkeit hinausheben, als Fahnenträger einer Zeit, die über der Fahne leicht das Ziel vergißt, hat jeder Führer Erfolge und Mißerfolge zu verzeichnen, Siege und Niederlagen. Die Grenzen aber, die Rosenheims Wirken bisher gesetzt waren, sind nicht unüberwindlich, solange die unendlichen Möglichkeiten von Agudas Jisroel aus dem Geiste begriffen ^werden, in dem sie geboren wurden: als eine große Losung zur geistigen, „sozialen und wirtschaftlichen Regenerierung -des jüdischen Volkes, zu systematischer, übersichtlicher, zweckmäßig gegliederter, ineinandergreifender Zusammenarbeit aller- Kräfte der Judenhert." Mit der Problematik des Führers führt uns das Werk auch gleich mitten hinein in die Probleme der Orthodoxie, deren geistige und politische Führer sich hier zusammengefunden haben, um in Gemeinschaft mit Lehrern und Gelehrten von allen Arbeitsgebieten her die Quellen aufzuzeigen, aus denen das Leben des gesetzestreuen Juden wie in der Vergangenheit, so auch in der Gegenwart seine besten Kräfte zieht. Es ist ein Sammelwerk des erkennenden und wertenden Geistes, der dem jüdischen Leben Richtung und Ziel zu weisen versucht. Aus allen Lagern des gesetzestreuen Judentums stammen die Beiträge. Jeder hat fein^ eigene Note, und doch wirken sie als ein Ganzes^ Die Weltanschauung des gesetzestreüen Juden der Neuzeit erfordert immer neue Vertiefung. Wissenschaft und Technik drohen, ihr die Unmittelbarkeit und Freiheit zu rauben, die in der Begeisterung für G'tt ihre höchste, letzte Erfüllung, finden. „Unsere Kinder stehen in der Atmosphäre, die sie umgibt, täglich vor der Gefahr, ihre jüdische Aufgabe als etwas künstlich Ersonnenes, Unnatürliches, als einen guten Einfall anzusehen, den einige Sonderlinge, der großen Welt zum Trotze, durchzusetzen sich vorgenommen haben." An dieser von R. in Kattowitz gezeichneten Einstellung haben die Aufklärung, Kantischer Kritizismus und induktive Forschungsmethode ihr gut Teil Schuld. Es ist daher mehr als zufällig, nicht nur in zeitweiliger Liebhaberei begründet, wenn Wohlgemut an der Spitze der wissenschaftlichen Abhandlungen in die Gedankenwelt Max Schelers -einführt. Dieser originale Denker vertrat in eindruckvollster Weise in einer ganzen Reihe von Werken, die weit über die katholische und religiöse Welt hinaus gewirkt haben, seine Ueberzeugung, daß allen religiösen Erlebnissen eine Realität — das G'ttliche — zugrunde liege, die so gewiß wie das Dasein der Welt, viel gewisser als alle Ergebnisse der Metaphysik und der induktiven Forschung zusammen seien. G'tt und Offenbarung sind ihm keine abgeleiteten Begriffe, keine kalten Abstraktionen und „bewiesenen" Wahrheiten. In unmittelbarer Nähe, in emotionalen Akten, wird er sich G'ttes bewußt, wie er es eindrucksvoll in seinem Werke „Vom Ewigen im Menschen" bekennt, um von da aus zu einer religiösen Erneuerung, zu einer neuen Grundlegung der ganzen Kulturphilosophie zu gelangen. Zwar schwebte Scheler bei seinen Wesensbestimmungen des Religiösen vor allem die katholische Religion vor, von der besonders die Zeichnung der Träger posiiver Offenbarung beeinflußt ist; zwar kam Scheler in seinen letzten Lebensjahren zu ausgesprochen pantheistischen Gedankengängen: Wer aber Schelers Religionsphilosophie näher kennt, wird in beiden Tatsachen, so wenig sie unsere Identifizierung mit seiner Weltanschauung^ gestatten, kein Hindernis sehen, uns etwa die phänomänologische Grundlegung der G'tteserkenntnis, wie er sie unternimmt, oder seine Erkenntnistheorie der Religion zu eigen zu machen. Denn der Weg, auf dem er zu seiner Religionsphilosophie kommt, die Methode, wie er zu seinen Aussagen gelangt, hat nichts mit der katholischen Dogmatik zu tun, gegen deren Beweisführung er ja selbst polemisiert. Daß er aber zuletzt zu einem idealistischmystischen Pantheismus gelangt ist, ändert nichts an dem Wert, den seine Hauptwerke aus der vorausgehenden Epoche für uns Zweiter habest können. Denn die Wendung zum Pantheismus ist wohl in der mystischen Schau des G'ttlichen vorbereitet, aber nicht notwendig aus ihr hervorgegangen. Sie ist' eine Erweiterung gewisser Ansätze, die mehr in der Art Schelers als in seiner Philosophie liegen. Daß zwischen mystischer G'ttesliebe und Pantheismus nur ein schmaler Weg liegt, haben wir ja in der Geschichte des jüdischen Glaubens oft genug erfahren. Scheler hat den Weg überschritten, dafür war es eben Scheler. Die große systematische Kraft, die Energie des Gedankens, die hinter dem Ganzen, seiner Werke steht, die Fülle von schöpferischen Gedanken und die Vielseitigkeit der Problemstellung, dazu die Kunst, historisches Material für die Gegenwart unter neuen Gesichtspunkten fruchtbar zu machen, bleiben nach wie vor bewundernswert und ein Erlebnis für den religiösen Juden, der von ihnen aus die Fäden zu gleichen oder ähnlichen Gedankengängen der jüdischen Religionsphilosophie spinnt. Das hat Wohlgemuth in geschickter Weise getan. (Fortsetzung folgt.)