Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 50 (10.12.1931)
- Date
- 1931-12-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 50 Seite 3 MKM Der Israelit 10. Dezember 1931 der, helft uns, das.schwere Unrecht suchen, das von uns selbst und in der Mitte des deutschen Judentums irgendwo gegen G'tt und di>e Thora begangen sein muß! Wo irgendwo Unrecht ist, auf w e l ch e m Gebiet auch immer, dam ü s s e n wir Ägaegen einschreiten, wenn wir den Ruf der Zeit verstehen! Gibt es ein schwereres Vergehen, als wenn unter unserem Schweigen und so mit unserer Zustimmung eines der drei schwersten Verbote des Judentums in Deutschland übertreten wird: unff (denn daß es sich hier um glattes ° mny fyanbelt, fyaben wir am Anfang dieser Zeilen beim Fall der wx nm? erwiesen!)? Als wenn, nicht nur im Ausnahmefall menschlicher Schwäche, sondern gleichsam prinzipiell von den Führern deutscher jüdischer Gemeinden Durchbrechung der s ch w e r st e n Echegesetze durch Hinwegsetzung über die Vorschriften gebilligt und gefördert wird? Als wenn die heiligsten unserer Heiligkeitsgesetze, die Dinim der jüdischen Ehe, mißachtet werden? Die gesetzestreuen R a b b i n e r Deutschlands haben a u f g e r u s e n — die Masse möge ihnen folgen: Vielleicht wird, wenn wir dieses Unrecht aus unserer Mitte zu vernichten suchen, auch die . Not der deutschen Judenheit erleichtert werden. Und wenn uns der Kampf schwer fällt, weil er gegen jüdische Brüder geht, so hoffen wir aus die Stunde, wo wieder siegreich die Thora Anerkennung findet: Es kämpften einst in den Tagen der Richter jüdische Stämme miteinander um >der Reinheit .der jüdischen Ehefrau willen. Der Tag, an dem ihr Ziel erreicht wurde, an dem überall Heiligkeit und Reinheit der Ehe herrschte, so daß keine Scheidungswand mehr notwendig war, inninV ö*p ma. nt xnb Q’bhp ist uns größter Fr eudent a g geworden: der 1 5. A w. Kä m p f e n wir in hei I i g e m Ernst — das Ende wird einstmals Freude fein! Wochenrundschclu. Selbstachtung und Selbstverhöhnung, Bekenntnis und Anklage. Dem Drange der jüdischen Intellektuellen, Klarheit zu gewinnen über das, was Deutschlands Juden — ungeachtet ihrer religiösen Einstellung — heute zu erdulden haben und das Maß von Schuld, das sie an diesem Lose haben, kam der Zentral verein dieser Tage in Berlin mit der Einberufung eines sogenannten „Kulurtages" nach, über den wir im Nachrichtenteil bereits berichtet haben. Einige Äußerungen verdienen unterstrichen und als Symptom für eine Zeit des Stoßens und Ringens festgehalten zu werden. Man sprach zuerst über Selbstachtung u n d S e l b st v e r h ö h n u n g in Kunst und- Literatur, im Buch und auf der Bühne. Die I u - denkarrikatur auf der Bühne ist so alt wie die Bühne alt ist. Der selige Shakespeare wußte schon, daß mit einem jüdischen Shylok sich mehr Leute ins Theater locken lassen, als mit einem arischen, den er in Wahrheit mit seinem Juden treffen wollte. Aber es ist schon richtig, was Fritz Engel auf der Versammlung sagte, daß, während in der Vergangenheit die komische Judenfigur die Leute belustigen sollte, heute die Tendenz zur Verächtlichmachung des Juden das Prmäre sei. Und wenn sich alle jüdischen Künstler von Tgkt und Geschmack der Meinung -des gefeierten/Komikers Fritz Grünb a u m anschlössen, daß der jüdische Künstler seine Mitwirkung an Stücken mit antisemitischer Tendenz zu v e r w e i g e r n h a b e, die komische Judenfigur würde von der Bühne bald verschwinden, denn andere wären gar nicht imstande, sie zugkräftig auf die Bretter zu stellen. Somit ist der Antisemitismus auf der Bühne in Wahrheit nur eine Frage der Selbstachtung derjüdis ch e n K ü n st l e r. Stolze Worte hörten wir aus dem Munde des bekannten Professor Dr. Georg Bernhard. Auch in der Minorität sei es nicht nötig, einsam zu sein, einer könne dem anderen Stütze sein. Nicht anderen aufdrängen sollten wir uns, aber Fühlung zur jüdischen Gemeinschaft suchen. Der Weg zum guten Deutschen gehe für uns über den zum guten Juden. Srelbstanklage sei nur Ausfluß Praktische Geschenke in allen Preislagen von J. 6. Heuser jr.seei.WüiNac!if. Liebfrauenstraße 5 Spezialhaus für Wäsche - Ausstattungen eines Minderwerigkeitsgefühles. Wer uns für Fremde hält, dem sei es gesagt, daß a m Rhein Juden schon lange vor den G e rm a n e n l e b t e n. Wer gar i m O st j u d e n einen l ä st i g e n Ausländer sieht — wievieleJuden selbst tun das! — dem fei mitgeteilt, d a ß d i e I u d e n d e s O st e n s d i e ä l t e st e n. deutschen Juden sind. Andere suchen im Kulturbeitrag des deutschen Juden den jüdischen Einschlag. Stimmt! „Was wir dem Deutschen geben, geben wir ihm als Juden, das ist unser Plus." Eine Minderheit seien wir, aber eine M i n d e r h e i t d e s A d e l s, die sich ihres Andersseins so wenig zu schämen habe, wie die anderen deutschen Stämme. Eigentlich viel weniger. Denn Bernhard sagt weiter: „Es gereicht uns nicht zur Schande, daß wir, nach arm Porbilde von Moses, uns stets auf der Seite der Unterdrückten befinden." Andere Länder und Völker mußten ihre Judenverfolgungen schwer büßen, man sollte sich daran ein Beispiel nehmen! Solche Worte wären vor hundert und auch vor fünfzig Jahren aus dem Munde jüdischer Kulturträger von der Bedeutung eines Georg Bernhard nicht denkbar gewesen. . Und sind es auch die Stürme von außen, die djese verloren geglaubten Söhne ins wärmere Vaterhaus treiben, so könnte man doch angesichts dieser Heimkehrer — sie haben sich noch nicht ganz zu uns gesunden — anfangen, den Sinn eines leidvollen Geschichtsabschnitts zu erkennen, wie ihn Mitteleuropas Juden im letzten Jahrzehnt erlebten. Es ist nicht alles, was hier an schönen Worten gefallen ist, im volljüdischen- Sinne — d. h. im Sinne von rrnsai mm — zu deuten. Aber es dämmern Erkenntnisse. Und wo Dämmerschein ist, kann auf einen vollen, sonnigen Morgen gehofft werden. Dr. Julius Rodnitz, der Leiter der Versammlung, fragte, ob wir jüdische Deutsche es verschuldet haben, was wirheuteerlebenundobwirAnlaß hätten, unseren Wegzu ändern? Cr antwortete mit einem Nein! So rückhaltlos möchten wir in das laute Nein nicht einstimmen. Wir haben es nicht verschuldet in dem Sinne, Keine Anerkennung der Vollziehung religionsgesetzlicher Akte durch liberale Rabbiner mehr!! Prüfung bis zum letzten bei Hausesgrün- 'dung, daß nicht durch solche Vergehen das Jichus gestört ist!! Beratung mit einem gefetzestreuen Rabbiner bei jedem B e k a n n t w e r d e n eines Verstoßes, was zu geschehen hat!! Prompt antwortete Malbim mit einem Zitat aus T,almud Gittin 56 .82^» 11v 2'1N Vl51">ris „Wegen eines Hahnes und einer Henne wurde Königsb e v 8 zerstört." „Drei Tage"'. Zu Rabbi Meier Simcho in Dwinsk kam eine Frau und weheklagte: „Mein Mann - ist krank, die Aerzte sagen, er habe noch drei Tage zu leben". „Drei Tage", gab der Ra^'bi zurück, „ein glücklicher Mensch: wer gibt mir die Gewähr, daß ich noch einen Tag zu leben habe?" Es lohnt nicht. Als derselbe Rabbi auf dem Sterbebette lag, suchten die Freunde sein wahres Alter, das er nie verriet, aus seinem Munde zu erfahren. Es lohne sich nicht, wehrte der Rabbi ab. Wenn man vor dem Bankrott stehe, erübrige es sich, Bilanz zu machen . . . Aus Hebe rzeugung. Man fragte den bekannten Professor Chwolsohn in Petersburg, ob er aus Ueberzeugung die Taufe genommen habe. „Aus t i e f st e r U e b' e r z e u g u n g" — lautete seine Antwort, — „daß es -angenehmer sei, als Professor in Petersburg zu leben, denn als Melamed in Eichischok ... Zur Lage. Schon eine geraume Zeit stand der Bettler vor der Türe und wartete auf die Spende. „Wie lange soll ich noch warten?" fragte er ärgerlich. . - Der Kaufmann sah von den Büchern auf und erwiderte: „Wartet noch eine Weile. Ich mache gerade meine Bilanz. Und wenn ich fertig bin, gehe ich vielleicht mit euch ..." Der „Rabbinatskandidat" Berthold Auerbach. Die Württembergifche Gemeindezeitung vom 1. Dezember widmet dem 100jährigen Jubiläum des Oberrates eine Festnummer, die einen Ueberblick gibt über das Gesamtschicksal der deutschen Juden im Jahrhundert 1831 / 1931. Rechnungsrat Julius Wismann (Stuttgart) unterrichtet über die württembergischen Gemeinden in dieser Epoche und stellt eine starke Abnahme sämtlicher Land- und Mittelgemeinden, dagegen eine Zunahme der Großgemeinden fest, die aber jetzt ebenfalls eine rückläufige Bewegung aufweisen. Die Festnummer bringt eine Liste sämtlicher Mitglieder und Beamten der Oberkirchenbehörde und des Oberrates 1831/1931. Aufsätze über das Schulwesen und die Steuerverhältnisse. In der gleichen Nummer wird eine Sammlung Aktenstücke über die Nichtzulassung von Berthold Auerbach „zu dem bevorstehenden Examen für die Kandidaten der mosaischen Theologie" - veröffentlicht. Berthold Auerbach richtete am 19. September 1835 an die „Königliche hochpreißliche israelitische Oberkirchenbehörde" sein Zulassungsgesuch zur Rabbinatsprüfung und belegte es mit den nötigen Universitätszeugnissen von Tübingen, München, und Heidelberg. Der damalige Präsident der israelitischen Oberkirchenbehörde,' Oberkirchenrat von Steinhardt, legte das Gesuch „zur höheren Entscheidung" dem. Innenministerium vor, da Berthold Auerbach wegen seiner Teilnahme an der Burschenschaft in eine sttafrechtliche Untersuchung verwickelt war. Die Zulassung wurde verweigert, und so kam es, daß Berthold Auerbach deutscher Heimatdichter und Spinoza-Biograph und nicht württembergischer Rabbiner wurde. (Ein Handbüchlein für die palästinareise.) Aus Anlaß der geplanten Gesellschaftsreise der Palästina-Zentrale der Agudas Jisroel nach Palästina gibt der Lloyd Triestino ein anmutiges illustriertes Heftchen heraus, das neben dem bereits bekannten Programm interessante Angaben in Wort und Bild über die zu besichtigenden Stellen macht. Das Heftchen ist bei der Palästina-Zentrale der Agudas Jisroel, Frankfurt a. M., Schwanenstr. 12, zu beziehen. Wochenkalender. vom 12 — 18. Dez. 1831 f t ont 2. — 9. Lebet 8692 Samstag '121' t]T i'dii'p 12 2 nx nat?2n »sin pp» Sonntag 13 3 IS Montag Dez 14 rau 4 12 Dienstag 15 5 ns Mittwoch 16 6 vr Donnerstag 17 7 P Freitag 18 8 8? Samstag 19 9 3? vi'i Verantwortlich für den allgemeinen Teil und das fleutüeto» 8. Schachnowttz, Frankfurt a. M.; Inserate t. 58.: 8. Echach« nowitz, ebenda. — Für die pädagogische Beilage: Lehrer L. Kaufmann, in Sprendlingen (Kr. Offenbach). — Verlag des Israelit und Sermon D. m. b. H., Frankfurt a. M. —; Den« Sermon-Druckerei, Frankfurt a. M.