Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 50 (10.12.1931)
- Date
- 1931-12-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 50 D er Israelit 10. Dezember 1931 mud und den Schulchan Aruch auf, gesetzestreues Judentum Deutschlands, d a r f st du solchen Ueber- Und auch dies Kapital von den Uebertritten ins Judentum noch nicht das letzte. Noch -einige tritt anerkennen? Ist die Ehe mit solcher Frau! Musterbeispiele aus den verschiedensten Gebieten — denn in den allermeisten dieser Fälle handelt es sich ja darum, daß zwei Menschen nur darauf warten, ihre Ehe eingesegnet zu erhalten, die sie doch schließen würden und der der Makel der ostentativen- Mischehe nur genommen werden soll — wirklich jüdische Ehe? Und die aus ihr entstehende Generation — Juden? Oder sind diese nicht vielmehr nach dem nackten Buchstaben des Din und gewiß nach seinem Geist immer noch — Nichtjuden? Ist denn das Judentum ein Wald- und Wiesenverein, in den man so eins-zwei-drei eintritt und ausgenommen wird, wenn man erklärt, sich „zu ihm zu bekennen". Oder ist es nicht vielmehr eine Verpflichtungen höchster Art erfordernde Gemeinschaft? Und U ebernah me dieser Verpflichtungen — ni2vn — darum Voraussetzung der Aufnahme? Der Nichtjude, der Jude werden will und spricht: 612 Gebote übernehme ich von den 613 — er hielte ja dann vielleicht viel mehr als selbst der beste Jude — eines der Gebote übernehme ich aber prinzipiell nicht — sagt der Talmud — der hat die Aufgabe in ihrer Ganzheit nicht erfaßt, der ist n i ch t Jude. Wo ist die Uebernahme der Mzwaus bei den Aufnahmen ins Judentum, wie sie sich etwa durch Herrn Dr. Samuel in Essen, oder gar bei der großen Zahl Aufnahmen, wie sie sich durch Herrn Dr. Norden in Elberfeld (sogar ohne T'wilo) vollziehen? Hat da der Aufgenommene den Willen, auch nur wenige der Grundmizwaus des Judentums zu übernehmen; will er Sch'ma Jisroel — nicht nur e i n mal, sondern — der Thora gemäß morgens und abends sprechen, will er Speisegebote, Ehegesetze, Sabbatruhe denn wahrlich auf sich nehmen? Und da dies nicht der Fall ist, und da, selbst wenn es der Fall ist, die liberalen Rabbiner die zwingenden sinnvollen Formen bei der Aufnahme nicht achten, treten ins Judentum Jahr für Jahr in Deutschland Menschen ein,, die, so sehr wir sie als edle Menschen schätzen und achten werden, wir doch nie und nimmer als Iuden anerkennen dürfen und werden. Die Brismiloh bei ihnen hat der Mohel zu unterlassen, die Barmizwo der Kinder solcher Frau ist sinnlos, ihr Segensspruch beim Aufrufen zur Thora wäre eine Lüge (in nm die Eheschließung mit solchen, ist nichts als eine Mischehe und in ihrer verhüllten Form schlimmer noch als die echte; so wie die Lüge erst unter dem Mäntelchen der Wahrheit gefährlich wird! stets wieder ein Fall von vielen. Der C h e r e m des Rabbenu G e r s ch o m, der ja, obwohl Erschwerung schaffend, sonst — ad) so töricht und irrig — in liberalen Kreisen als eine mutige Tat der Reform verhimmelt wird, verbietet, uns alle bindend, dem Mann, nicht eher eine zweite Ehe einzugehen, als bis von einer ersten er g e s ch i eben ist. Aber nicht das ist eine Scheidung, wenn ein bürgerlicher Richter das Wort „Scheidung" spricht. Der Mann, der bürgerlich geschieden, aber nach dem D t n G'ttes nicht geschieden ist, macht sich nach jüdischem Recht der Eheremverletzung schuldig, wenn er eine zweite Ehe eingeht. Warum schweigt dann die jüdische Oeffentlichkeit, wenn Erneuern Sie sofort beim Postboten die Bestellung auf den „Israelit“ für den Monat Januar Wird dies versäumt, so tritt eine Unterbrechung der Zusendung ein, ohne daß wir selbst Kenntnis davon erhalten. Für verspätete Bestellungen rechnet die Post einen Aufschlag von 20 Pfg. Verlag des Israelit G.m,b.H., Frankfurt a,M, Herr Dr. Dienemann aus O f f e n b a ch einem nur bürgerlich, aber nicht religiös geschieidenen Manne bei dessen zweiter Ehe die Trauung — Zwar nicht selbst vollzieht, aber mit seinem Wissen und Willen durch einen Lehrer vollziehen läßt und so dem Vorschub leistet, was nach dem Cherem Polygamie ist? Wann wird sich das Volksbewußtsein gegen Herrn Dr. Dienemann kehren, der, nach dem Protokoll der liberalen Rabbinertagung, in den bestimmten überlieferten Formen, der jüdischen Ehescheidung nur Ausdruck des Volksbewußtseins sieht und nicht eines G'ttesgefetzes?*) *) Grauenhaft ist dieses Protokoll, so lächerlich es in seinen Versuchen ist, schlimmsten Abfall nach der Halacha zu rechtfertigen. Wer es liest, sieht die Abgrundtiefe, die die liberalen Gedankengänge-von der jüdischen Religion! trennt. | Was ist nicht schon von liberaler Seite an Einwürfen gegen die Chalizo — aus Unbegreifen und Am-Hoorez-Tum — geschleudert worden. Aber Worte noch längst nicht so schlimm wie Taten. Wenn unter vielen Anderen Herr Dr. Italiener, jetzt in H a m bu r g, die Trauung bei einer Frau vollzieht, die der Chalizo bedurft hätte, heißt das nicht rrnnn ]n nnbw riflns npiy» mit frevelnder Hand einen ganzen Abschnitt der G'tteslehre Herausreißen, vernichtend niederreißen — und nichts mehr ist dann sicher vor solchem Peginnen! Nach manchen Ansichten sind selbst Ne Kinder, aus solcher Eheschließung ohne Chalizo Mamserim pinn; nach allen aber muß eine solche zweite Ehe geschieden werden. — Und kein Recht und kein Richter soll ein Wort sagen dürfen, wenn die Willkür eines liberalen Rabbiners anders entscheidet? Von den vielen Trauungen von Witwen müßte eigentlich noch gesprochen werden, denen wieder zu heiraten nach dem glatten Buchstaben des Schulchan Aruch mangels religionsgesetzlich ausreichender Klärung des Todes des Mannes verboten ist, — wo aber der liberale Rabbiner über den Schulchan Aruch sich h i n w e g s e tz t. Von den Trauungen der K a u h a n i m müßte eigentlich noch gesprochen werden, denen nach dem glatten Verbot der Thora und des Talmud mancherlei Ehen verboten sind, — wo aber der liberale Rabbiner die Heiligkeit des Priesters vernichtend, die Vorschrift durchbrich t. Von den vielen Trauungen an sich müßte eigentlich noch gesprochen werden, die, wenn die Zeugen nicht religiös einwandfrei sind, nach dem einfachen Din nicht gültig sind, — wo aber der liberale Rabbiner den Din mißachtet. Wann wird die jüdische gefetzestreue Oeffentlichkeit aufstehen und mit dem Mute dessen, dem man sein Heiligstes zerreißen will, und mit der Kraft dessen, dem seine Lebensexistenz bedroht ist, und mit der K o n s e q u e n z dessen, der für die G'tteswahrheit ficht —kämpfen? Nach der Tauroh muß gehanidelt werden! •new* miroi Zeit ist', höchste Zeit, zu kämpfen! Schwere Schicksalsschläge hat G'tt dem deutschen Judentum geschickt. Sorgen erfüllen uns, Gefahren drohen so viel. In G'ttes Hand allein ist unsere Zukunft offenbar. In solch schwerer Stunde hat man seit je im jüdischen Kreise begonnen zu s u ch e n , wo schweres Unrecht in der eigenen Mitte ist, das die harten Schläge des Himmels verschuldet hat. Brü- Wenn zwei das Gleiche tnv... Ein Chanukkah-Ausklang. In Landgemeinden pflegte das „lange Leinen" am letzten Chanukkahtag einigen Aerger zu erregen. Wenn doch jeder der Fürsten — so meinen die Guten, die es eilig hatten, — bas Gleiche als Weiheopfer vor den Altar brachte, warum dann jeden extra nennen, warum zwölfmal die gleiche Gabe in cylen Details registrieren? Kluge Lehrer pflegten darauf zu antworten: „Wenn Sie, Herr Eilgut, zur Thora aufgerufen werden und dabei genau soviel spenden, wie ihr Nachbar, der vor Ihnen diese Ehre hmte. so haben sie nicht „dito" gespendet, sondern wünschen mit Recht, daß Sie und ihre Spende nochmal genannt werden." Dieses Argument wirkte schlagend, war immer unwiderleglich. Es würde aber auch nicht zu weit führen, wollte man auf die kleinen Variationen, die sich bei den Fürstengaden dennoch zeigen, aufmerksam machen. Der erste Fürst aus dem Stamme Jehuda erhält gar keinen Titel. Er heißt glatt „Nachkchon, Sohn Aminadaws aus dem Stamme Jehuda." Seine Opfergabe wird mit dem Worte eing»leitet i33->j?i, im Gegensätze zu allen anderen, bei denen es nuri»ip heißt, ohne den Verbindungs buchstaben „Wow." Am zweiten Tage istNetanelSohnZuars, derFürst I s a ch a r s an der Reihe. Er wird erst bei Namen genannt, worauf der Fürstentitel folgt wvr jpw ira p 'kmu. Bei allen weiteren lesen wir 'lai ’JaV x’iwi, erst Titel, dann Stamm, zuletzt Namen des Fürsten. Steht man auf dem von den weisen Erklärern vertretenen und stets betonten Standpunkt, daß es keine Zufälligkeiten in den Formulierungen des Thoraberichtes gibt, daß jede noch so kleine Variation ihre Bedeutung hat, so könnte man in diesen sprachlichen Abweichungen eine Wertung, eine gewisse geistige Rangordnung erblicken. Jehudas Fürst, Machschon, war, nach der Ueberlieferung, derjenige, der seinem Stamme voran zuerst in die Fluten des Roten Meeres gesprungen ist. Er bedarf keines Titels, er ist geadelt durch seine Tat. Wie wir für die größten Lehrer unseres Volkes vom Range eines Hillel und Schamai, Schemaja und Abtaljon usw. keinen weiteren Titel außer ihrem Namen haben, ‘■ma im7 pnn. Seine Opsergabe kann als natürliche Fortsetzung jener mutigen Opfertat betrachtet werden wpn u nü sein Opfer ergibt sich aus seinem Namen, dem Stamme, dem er Vorstand. Jsachar, der Stamm, der an der Seite Jehudas zieht, lagert, kämpft und opfert, ist der Träger und Hüter der heiligen Lehre ow!> na’a ’jnr -amr -mm-,'Sein Fürst heißt 'kjw, der G'ttergebene. Dieser Name ersetzt zwar den Titel nicht, steht aber über Titel und Rang, erst p 'sana 151! daNN N-E73. Alle weiteren werden bei Titel, bei Stamm, von dem sie ihre Kraft und Autorität erhalten, und zuletzt beim eigentlichen Namen genannt. Danach versteht sich auch die Spezifizierung der Opsergaben von selbst. Ein Beispiel: Die moderne Straße einer Großstadt zeigt ganze Häuserreihen, in denen das eine Haus genau wie das andere ist; für das äußere Auge nur. Wer hintex die Gardinen schauen könnte, würde staunen, wie jedes Haus doch ein anderes Gesicht hat, eigenes Dasein in seinen Mauern birgt, wie jedes Haus feine eigenen Sorgen, feine eigenen Leiden und feine eigenen Freuden hat. Wenn zwölf Menschen die gleichen Gaben auf den Altar legen, mag das für das äußere Menschenauge das Gleiche sein. Gleich aber ist nur die Fassade, nicht das, was sich dahinter versteckt. --r inbb G'tt allein, der in die Tiefe des Menschenherzens blickt, kennt die Motive und die innersten Regungen, aus denen heraus, bei jedem Menschen anders, die Opfertat erwachsen ist, und er wertet sie danach. Er läßt daher jeden Namen und jede Gabe extra nennen. In einer schweren Zeit, da ein jeder von uns das Letztmögliche zur Erhaltung der Gemeinschaft beizutragen hat, wäre solche Erkenntnis als Abschiedsgruß des Chanukkahfestes sehr zu beherzigen. kleines Feuilleton. Rabbinstche und jüdische Anekdoten. „Der Hahn und die Henne". Als der große Bibelerklärer M a l b i m nach Königsberg kam, erzählte man ihm, der religiöse Abfall in Königsberg habe damit begonnen, daß die Leute auf Entscheidung eines gewissenlosen Rabbiners sich erlaubten, in den „neun Tagen" Geflügel zu essen. Später fasteten sie auch am „neunten Aw" nicht mehr, und so ging es weiter mit der geistigen Zerstörung bis zur völligen Assimilation.