Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 47 (19.11.1931)
- Date
- 1931-11-19
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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19. November 1931 Der Israelit Nr. 47 Seite 7 m.tisemitstche Jugend von Pruszkow versammelten sich unter freiem Himmel und zogen dann durch die Straßen der Stadt. Zuerst drang die'Menge in das Lokal des I. L. Perez-Vereins ein, demolierte die Inneneinrichtung und vernichtete die gesamte Bibliothek. Im Geschästsviertel der. Stadt wurden die Fensterscheiben in den Wohnungen und Läden ausgeschlagen, aus den Schaufenstern wurde die ausgestellte Ware geraubt. Da mit einer Wiederholung der Exzesse gerechnet wird, ist die Stimmung in der Stadt eine sehr gedrückte. Eine Abordnung der Gemeinde begab sich nach Warschau, um den Jüdischen Parlamentsklub um Intervention bei der Regierung zu ersuchen. In Lublin veranstaltete die Hörerschaft des K a - t h o l i s ch e n Seminars eine antisemitische Demonstration. Ein Versuch, durch die Straßen zu ziehen, wurde von der Polizei vereitelt, eine Anzahl Demonstranten wurde festgenommen. Die antisemitische Gesellschaft „Rozwoj" in Warschau veröffentlicht einen Aufruf zum Judenboykott. (ITA.). Das politische Regierungsorgan über den Sludenken-Antisemilismus. Warschau, 11. Nov. „Gazeta Polska", das Organ der polnischen Regierung, nimmt in ungewöhnlich scharfer Form Stellung gegen den Studenten-Antisemitismus in Polen und schreibt, 'wenn die Regierung die angegriffenen jüdischen Studenten schützt, so tut sie dies im Staatsinteresse. Wir wünschen, schreibt die Zeitung, daß die polnischen Juden sich nicht nur sicher, sondern auch wohl fühlen sollen. Wir wünschen, daß die Juden loyale Staatsbürger sind, und es freut uns wirklich, zu sehen, daß die jüdischen Massen sich immer mehr mit dem polnischen Staat verbunden fühlen. Ungeheuerliche antisemitische Provokationen in Wilna. Wilna, 11. Nov. In Warschau sind die Studentenunruhen etwas abgeflaut, dauern aber noch an. Der Schwerpunkt der Unruhen ist von den Antisemiten nach Wilna gelegt worben. Die jüdischen Studenten wurden an den Toren der Universität mit den Rufen „Nieder mit den Juden!" „Geht nach Palästina!" empfangen und vertrieben. In ben von Juden bewohnten Straßen wurden antisemitische Exzesse veranstaltet und Scheiben eingeschlagen. Eine Spezialität der antisemitischen Angriffe sind die Bombardements mit schweren Steinen. Bei einem Zusammenstoß wurden ein polnischer und ein jüdischer Student durch Steinwürfe am Kopfe so schwer verletzt, daß der Pole, Stanislaw Wazlawski, im Krankenhaus verstarb und der Jude lebensgefährlich darnieder l i e g t. Man nimmt an, daß der Pole von seinen eigenen Kommilitonen versehentlich getötet wurde. Zahlreiche jüdische Studenten wurden verletzt. Als sich eine jüdische Abordnung zum Wojwoden begab, um Schutz der jüdischen Bevölkerung gegen die Huligans zu erbitten, wurde sie von Studentenhuligans mit Steinen beworfen. Ein Mitglied der Delegation, der bekannte Gelehrte und Direktor des Jiddisch-Wissenschaftlichen Instituts, Dr. Max Weinreich, wurde an den Augen so schwer verletzt, daß man den Verlust des einen Auges befürchtet. Er liegt mit hohem Fieber im Hospital darnieder. Der Wojwode versprach, gegen die Unruhestifter energisch vorzugehen. Dilna nach dem Studentenpogrom. Wilna, 12. Nov. Ungeachtet der Entschlossenheit der Regierung, weitere antisemitische Ausschreitungen nicht zuzulassen, ist die Furcht der jüdischen Bevölkerung Wilnas vor weiteren Unruhen nicht gewichen. In der ganzen Stadt waren nach den ungeheuerlichen Ereignissen am Dienstag auch noch am Mittwoch die jüdischen Geschäfte geschlossen. Die Stimmung unter den Juden ist eine außerordentlich gedrückte. Einige von Juden bewohnte Straßen bieten das Bild schwerer Verwüstung. Die Sawalna-Straße und die umliegenden Gassen sind mit zerbrochenem Scheibenglas übersät. In dieser Gegend wurden zahlreiche jüdische Geschästsläden vollkommen demoliert, die Waren wurden zerstört oder geraubt. Auch in dem Hause der Jüdischen Gemeinde und in dem Hause, in welchem Rabbiner Rubinstein wohnt, wurden die Fenster ausgeschlagen. Viele jüdische Kaufleute mußten die Nacht in den Läden zubringen, um den Nest ihrer Ware zu bewachen, nachdem Türen und Fenster ausgebrochen worden waren. Die nationaldemokratischen Studenten hielten eine Versammlung ab, in der beschlossen wurde, so lange keinen jüdischen Studenten in die Universität einzulassen, als nicht der Mörder des Studenten Wazlawski von den Juden ausgeliefert würde. Man befürchtet, daß es bei der Bestattung Wazlawskis, die die Nationaldemokraten zu einer großen Manisestation ausnutzen wollen, zu antisemitischen Unruhen kommen wird. Die Version, daß Wazlawski nicht von Juden, sondern durch einen den Juden zugedachten Steinwurf aus der Mitte der Nationaldemokraten getötet worden ist, wird nicht nur von den Juden, sondern auch von den amtlichen Stellen vertreten. Der Vorstand der Jüdischen Gemeinde Wilnas hielt eine außerordentliche Sitzung ab, in der zu den traurigen Ereignissen Stellung genommen wurde. Nach der Sitzung begab sich eine Abordnung des Gemeindevorstandes unter Führung von Dr. I. Wygodzki zum Wojwoden von Wilna und richtete an diesen die Frage, ob die Behörde für Ruhe garantieren könne, so daß die Kaufteute ihre Geschäfte wieder össnen können. Der Wojwode gab eine ausweichende Antwort. Auf die Frage, ob die Regierung den geschädigten Kaufleuten Schadenersatz gewähren wird, erklärte der Wojwode, er sei der Meinung, daß die Geschäftsleute nicht allein den Schaden tragen sollten. Die Zahl der ganz oder zum Teil zerstörten Geschäfte beträgt 60, die der schwer verletzten und leicht verletzten Juden etwa 50. Es wurden rund 100 Huligans verhaftet, von denen, wie der Polizeistarosta erklärt haben soll, 60 vor ein Standgericht gestellt werden sollen. Die Redaktionen der jüdischen und demokratischen Zeitungen werden polizeilich bewacht, nachdem die Redaktionslokalitäten des demokratischen „Kurjer Wilenski" von den Nationaldemokraten demoliert worden waren. Es haben im ganzen etwa 2000 nationaldemokratische Studenten demonstriert. Die polnische Liga für Menschenrechte hat in einer Kundgebung die Verdammung der antisemitischen Ausschreitungen, bei welchen auch Frauen und Kinder nicht geschont wurden, ausgesprochen. * * Weiter wird der ITA. unter dem 13. November gemeldet: Die Bestattungsfeier für den getöteten Wazlawski verlief ohne Störung. Die jüdischen Geschäfte waren alle geschlossen, die Straßen in den jüdischen Vierteln waren menschenleer. Eine Gruppe regierungstreuer Deputierter und Senatoren des Kreises Wilna hielt eine Beratung ab, in der festgestellt wurde, daß die Wilnaer Behörden während der Unruhen nicht auf. der Höhe ihrer Aufgabe gestanden haben. In diesem Sinne wurde an die Regierung berichtet. Wie es heißt, soll der Wilnaer Wojwode Boczkowicz von seinem Posten zurückgetreten sein. Eine Abordnung der nationaldemokratischen Studenten erschien beim Rektor Pros. Januskiewicz und unterbreitete die folgenden Forderungen: 1. ein Numerus clausus ist sofort einzuführen; 2. die Lieferung von Leichen durch Juden ist sofort /zu regeln; 3. die Schuldigen am Tode von Wazlawski sind streng zu bestrafen. Der Rektor erwiderte: 1. die Einführung des Numerus clausus kann nur durch Staatsgesetz erfolgen. 2. im anatomischen Institut sind jüdische Leichen in genügender Zahl vorhanden; 3. die Frage der Schuld am Tode Wazlawskis wird die Staatsanwaltschaft klären. Versammlungen in Lemberg. Lemberg, 9. Nov. Die Verordnung» die den jüdischen Gemeinden fast den letzten Rest der Selbständigkeit nimmt, hat große Aufregung auch in Galizien hervorgerufen. Die Lemberger Kehilla berief eine Konferenz galizischer Gemeinden ein, aus der über das neue Gesetz referiert wurde. Es wird in der Aussprache sestgestellt, daß unter dem neuen Gesetz, das die Einnahmen der Gemeinde stark beeinträchtigt, letzten Endes die Aermsten der Armen durch Lahmlegung des Wohlfahrtsbuügets zu leiden haben werden. Andere Versammlungen agudistischer Gruppen waren dem Kampf gegen die Schundpresse gewidmet. Eine zweite Beth Jakow-Schule wurde in Lemberg gegründet und eingeweiht. Palästina. Der Weltmisrachi zum Ausscheiden des deutschen Wisrachi aus dem Weltverband. Jerusalem, 8. Nov. Das Zentralbüro des Weltmisrachi in Jerusalem hat im Zusammenhang mit dem Ausscheiden des deutschen Misrachi aus dem Misrachi-Weltverband eine Erklärung veröffentlicht, in der die Stellung der Führer des Weltmisrachi zu dem Schritt des deutschen Misrachi präzisiert wird. Die Leitung des Weltmisrachi sieht in dem Austrittsbeschluß des deutschen Misrachi einen gefährlichen Schritt, der dazu angetan ist, eine Bresche in die Verteidigungsfront der orthodoxen Judenheit zu schlagen. Die Leitung erklärt, daß sie fortfahren wird, das von der Misrachi-Weltkonferenz in Basel sestgelegte Programm durchzusühren. Das Zentralbüro des Weltmisrachi teilt mit, es habe beschlossen, in Deutschland einen Misrachi-Ländesverband als Zweig des Weltmisrachi neben dem bereits bestehenden, aber aus dem Weltmisrachi ausgetretenen Landesverband zu organisieren. Irak. Theosophische Bewegung unter den Juden im Irak. Bagdad, 7. Okt. Wie bereits früher gemeldet, hat die von Amerika herübergekommene, zum Teil auch in China ul'd Indien verbreitete theosophische Bewegung unter den hiesigen Juden merkwürdigerweise einen ziemlichen Anhang gefunden, so daß das Rabbinat sich genötigt sah, mit scharfen Warnungen, Verboten und Bannstrahlen gegen diese neue Form der Apostasie vorzugehen. Die theosophische Bewegung stützt sich auf die Ideenwelt der Madame Vlavatsky, deren Werke aus dem Englischen in verschiedene Sprachen übersetzt worden sind. In Amerika wird der Kampf der Rabbinen gegen diese Irrlehren hauptsächlichvon Rabbi Dr. Leo Jung in Newyork geführt, aus dessen Feder schon verschiedene scharfe Artikel zu dem Gegenstand erschienen sind. Wir geben aus dem jüngsten dieser Aufsätze, der auch hier Eindruck gemacht hat, einige Gedankengänge wieder. Dr. Jung schreibt: „Die Theosophie ist eine betrügerische Erfindung, die denkende Männer und Frauen nicht hinters Licht führen sollte. Man sollte es nicht für möglich halten, daß Menschen von Intelligenz durch die nebelhaften Phrasen und die speziellen Offenbarungen der Madame Blavatsky irregeführt werden können. Kein Geringerer als Pros. Max Müller in Oxford hat diese Dame schon zu Lebzeiten des betrügerischen Charakters ihrer Taschenspielereien überführt. Die Theosophie löst in einem Meer von Phrasen, die aus unverstandenen Brocken aller möglichen orientalischen Geheimlehren zusammengesetzt sind, das gesunde moralische Pflichtgefühl auf, sie propagiert ein modernes Heidentum, beseitigt allen reinen einfachen Glauben an eine das Geschick des Menschen leitende persönliche G'ttheit und vernichtet geradezu die ganze geistige Erbschaft der jüdischen Ueberlieserung. Sie bedeutet eine Apostasie gegen Israel, einen Verrat an der Humanität, eine Verleugnung der jüdischen Vergangenheit, die Zerstörung der jüdischen Gegenwart und kann nicht scharf genug bekämpft werden." Amerika. Schwierigkeiten des jüdischen Erziehungswesens in Amerika. Newyork» 8. Nov. Auf der Nationälkonferenz der jüdischen sozialen Fürsorge der Vereinigten Staaten teilte der Direktor des jüdischen Erziehungsrates in Chicago, Aleander M. Dufhkin, mit, daß die jüdischen Unterrichtsanstalten in den Vereinigten Staaten infolge der Wirtschaftskrise ihre Budgets einschränken mußten; diese Einschränkungen bewegen sich zwische 10 Proz. und 25 Proz. An manchen Schulen wurden seit mehreren Monaten keine Lehrergehälter gezahlt. Mehrere Schulen mußten infolge Lehrerstreiks geschlossen werden, andiire Schulen wurden geschlossen, weil keine Fonds zu ihrer Erhaltung vorhanden waren. Etwas bester ist die Lage der mit dem Kommunal- und Unterrichtssystem verbundenen Schulen, wenn auch an diesen Schulen die Einkünfte aus Unterrichtsgebühren bis um 35 Proz. gesunken sind. Gemeinden, wie Chicago, Newyork und Baltimore haben die Subsidien für die Kommunalschulen um