Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 47 (19.11.1931)
- Date
- 1931-11-19
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 47 Der Israelit 19., November 1931 Mit tiefem Schmerz muß das gesetzestreue Judentum feststellen, daß es in Bayern möglich war, unter unhaltbaren Begründungen Gesetzesbestimmungen zu erlassen, die sich feindselig gegen Glaubens- und Gewissensfreiheit richten. Wir erheben schärfsten Protest gegen das Gesetz. Wir werden niemals aufhören, gegen dieses Gesetz zu protestieren und zu kämpfen." Sr. Ehrw. Herr Rabbiner Dr. Mannes, Schwabach, brachte in ergreifenden Worten im Anschluß an diese Resolution zum Ausdruck, daß zwar es unsere Pflicht sei, alles Menschenmögliche zu tun, um das durch das Schächtverbot geschehene Unrecht wieder gut zu machen, daß aber in Wahrheit nicht Menschenwitz und Menschengeist ausreichend sei, die erzieherische g'ttliche Fügung umzubiegen, daß daher eine wirkliche Aenderung der Außenwelt nur dann zu erwarten ist, wenn das jüdische Innenleben des Individuums und der Gesamtheit zur Thora sich zurückfinde. Nach einer kurzen Minchopause ergriff Sr. Ehrw. Rabbiner Dr. P. K o h n das Wort zur Darstellung der Beziehungen der Judenheit zur allgemeinen Weltkrise. Es war eine wahre Weihestunde, als der gefeierte Redner mit jugendlichem Feuer die inneren Schäden, die Wurzeln des gegenwärtigen Tohuwabohu als eine Vertrauenskrise darstellte, weil die Beziehungen zwischen Mensch und Mensch so unendlich gelitten. In packender Weise wies er die Werte auf, welche wiederum einmal vom jüdischen Volk heute zur ^Genesung einer schwer erkrankten Welt zu verlangen sind. Höhere Bewertung der Idee, vor allem aber liebendes Verstehen und allruistisches Gemeinschaftsbewußtsein. Daß diese Postulats auch zu einem praktischen Erfolg führen können, wies der Redner an Hand seiner jüngsten Erlebnisse bei der Kalenderreformtagung in Genf und dem Kampf um den Blankotag nach. In einer kurzen Diskussion schildert Herr Dipl.-Jng. Heinemann, Fürth, die Tätigkeit der Stellenvermittlungszentrale für sabbatfreie Stellen in Nürnberg-Fürth, die auch in Gunzenhausen eine Vertretung eingerichtet hat. Herr Lehrer Strauß, Nördlingen, brachte den Dank der Gemeinden gegenüber der Freien Vereinigung wie auch gegenüber der Gemeinde Gunzenhausen für die Tagung zum Ausdruck, welche ein tiefes Erlebnis für sie alle bedeutet und sicherlich zur Stärkung der ns*n min in Mittelsranken beitragen wird. In ähnlichem Sinne hebt Herr Rabbiner Dr. Munk den ideellen Wert der ganzen Veranstaltung hervor und dankt der Freien Vereinigung für ihre in heutiger Zeit doppelt wertvolle Initiative. In gehobener Stimmung wurde die Versammlung in später Abendstunde mit einem Dank an die Referenten und an das Lokalkomitee geschlossen. Oesterreich. Notschrei aus Oesterreich. Wien, 7. Nov. Unter den breiten Massen der Bevölkerung Oesterreichs, besonders der ländlichen Bevölkerung, wächst die Empörung im Zusammenhang mit der verschärften Finanz- und Wirtschaftskrise und der unzulänglichen Maßnahmen der Regierung und der Führer der politischen Parteien zur Steuerung des allgemeinen Notstandes. DieN ationalsozialisten und die in dem vom Fürsten Starhemberg im „Heimatblock" organisierten Heimwehren nützen die schwere Notlage der Bauernschaft aus, um diese in das Lager der Hakenkreuzler hinüberzuführen. Die Regierungsbehörden unterstützen diese Politik der politischen Parteien durch Maßnahmen im gesetzlichen und Verordnungswege, durch die ganze Handels- und Wirtschaftszweige, in denen vorwiegend Juden tätig sind, lahmgelegt werden. Auf diese Weise wurde es erreicht, daß das an sich schon große Heer erwerbslos gewordener Juden Wiens in den letzten Wochen in erschreckendem Maße zugenommen hat. Schätzungsweise ist ein gut Drittel d e r j ü d i s ch e n Bevölkerung Wiens ohne jede wirtschaftliche Existenzgrundlage. Immer breitere jüdische Schichten verfallen der Not und sind auf die völlig unzureichende öffentliche und jüdische Fürsorge angewiesen. Die Wiener Israelitische Kultusgemeinde kommt mit ihrem sehr beträchtlichen Fürsorgebudget längst nicht mehr aus. Die zur Verstärkung der Fürsorgetätigkeit der Gemeinde veranstalteten öffentlichen Sammlungen Die Woche. Berlin. Der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hat in der Magazin-Straße 17 ein geräumiges Tages - und Abendheim für jüdische Ange st eilte eingerichtet. Die Eröffnung fand am Dienstag, den 17. November, statt. Men. In Wien verstarb im Alter von 52 Jahren der bekannte jüdische Politiker Heinrich Reitzes, der mehrere Jahre dem alten österreichischen Parlament als Abgeordneter und später auch dem ersten polnischen Sejm angehört hat. In Wien wie in Warschau hat Reitzes energisch gegen Antisemitismus und Reaktion gekämpft. Stockholm. Die schwedische Zeitung „Judisk Tidskrift" veröffentlicht einen Brief des kürzlich verstorbenen, in der ganzen Welt verehrten Erzbischof Nathan Söderblom. an Dozent Hugo Vallentin in Upsala, worin er scharf gegen den deutschen Antisemitismus Stellung nimmt und diesen als einen „Schandfleck für die Christenheit und die Menschheit" bezeichnet. Lemberg. Wie in Warschau, Krakau und Wilna machen sich.auch an der Lemberger Universität Feindseligkeiten gegen die Juden bemerkbar. 1500 Studenten, die am Sonntag mittag in die Judenstadt ziehen wollten, wurden von der Polizei mit Knüppeln daran gehindert. Bukarest. In U n g h e n i bei Jassy brachen Unruhen gegen Juden aus, wobei ein junger Jude getötet und fünf andere schwer verletzt wurden. Warschau. Am Sonntag nachmittag wurde im neuen schönen Lokal der Gesellschaft für jüdische Kunst die jüdische Kunst-Ausstellung eröffnet. Mehr als 1000 eingeladene Gäste füllten die großen schönen Säle, in denen 40 jüdische Maler mit etwa 200 Werken, Gemälden, Plastiken und Broncen vertreten sind. Außenminister Z a l e s k i, der mit dem Leiter des Kunstdepartements der Regierung Wojciechowski erschienen ist, erklärte im Namen der Regierung die Ausstellung für eröffnet. — Im Alter von 72 Jahren verstarb Rabbi Men ach im Schachna Riczewol, der älteste Warschauer Rabbiner und einer der angesehensten Führer der Orthodoxie. 36 Jahre lang war er Mitglied des Warschauer Rabbinats. Er verfaßte mehrere halachische und agadische Werke und betätigte sich führend in der Aktion zur Befreiung der Agunoth. London. Der neue High Commissioner für Palästina, General- Sir Arthur Grenfell Wauch o p e, hat sich am Donnerstag, den 12. November, abends, auf die Reise nach Palästina begeben, um sein Amt anzutreten. Kürz vor Antritt seiner Reise wurde General Wauchope vom Premierminister Ramsay Macdonald empfangen, der mit ihm die palästinensischen Angelegenheiten besprach. — Wie der ITA. von zuverlässiger Seite mitgeteilt wird, bereitet das britische Kolonialamt eine Verlautbarung vor, laut welcher die Einwanderung von Angehörigen des Mittel st andes in Palästina dadurch erleichtert werden soll, daß der bisher für die Einwanderung eines Mittelständlers erforderlich gewesene Vermögensnachweis von 1000 Pfund auf den Betrag von 500 Pfund reduziert wird. — Sir Philip Sässoon (konservativ), der in der letzten konservativen Regierung Baldwin und in der ersten Nationalen Regierung Macdonalds Unterstaatssekretär für Lustverkehrswesen war, ist auf den gleichen Posten in die zweite Nationale Regierung berufen worden. Lesly H o r e- B e l i s h a, Vorsitzender der Exekutive der Liberalen Nationalen Partei (Simon-Gruppe), erhielt das Amt des Parlamentssekretärs des Board of Trade. Sassoon und Hore-Belisha sind Juden. Charbin. Eine starke Bande russischer weißgardistkscher Studenten des Politechnikums drang nachts mit den Rufen „Schlagt die.Juden, rettet Rußland!" in das Lokal der Talmud Thora-Schule, wo eine jüdische Hochzeitsfeier abgehalten wurde, ein, mißhandelte die Gäste und demolierten die gesamte Inneneinrichtung der Schule. Die Charbiner Polizei verhaftete mehrere Exzedenten, die sich damit verteidigten, daß sie betrunken waren, und sich bereit erklärten, den angerichteten Schaden wieder gutzumachen. Jerusalem. Polizeirichter H a r c a v y in Haifa verurteilte vier Arbeiter, die bei der Arbeitslosen-Demonstration vor den Plantagen in Chederah festgenommen wurden, zu je sieben Tagen Gefängnis. In der Begründung des Urteils sprach der Richter seine Mißbilligung über das brutale Vorgehen der Polizei beim Auseinandertreiben der Demonstranten aus. **\\.\X\ SCHLESICKY-STRÖHLEIH *: \ L £ ' KAISERSTRASSE 2T A w erbrachten magere Ergebnisse, da die Zahl der finanziell leistungsfähigen Juden immer mehr abnimmt. Pole«. Aktuelle Probleme des religiösen Judentums in polen. Warschau, 9. Nov. Der Zentralrat der Agudas Jisroel in Polen wählte in seiner letzten Sitzung Herrn I. M. Lewin einstimmig zum Vorsitzenden der polnischen Landesorganisation der Agudas I i s r.o e l. In seiner Rede gab der Vorsitzende einen Ueberblick über die letzten Kämpfe Und Siege der Aguda und besprach die trostlose ökonomische Lage im Lande. Die orthodoxe Parlamentsfraktion hat jetzt die dringende Aufgabe, eine Milderung des Sonntagsruhegsfetzes zu bewirken und produktive Hilfe für die ruinierten jüdischen Existenzen zu schaffen. Als neue Mitglieder für das Z. A. der Agudas Jisroel werden gewählt: Gemeindepräses E. Masur, Esrajirn R u n d o, D. P i s ch i tz, I. M. Prives, W e g m e i st e r, A. M. R o g o w i e und I.' U n g e r. Es werden im weiteren Chinuchprobleme behandelt, und zwar in Anknüpfung an ein Referat von S. Friedmann, Die antisemitische Welle in Polen. Warschau, 9. Nov. Im Hinblick auf die Fortdauer der antisemitischen Unruhen an den Universitäten und Hochschulen Polens, in denen die Regierung in der Hauptsache ein Manöver der oppositionellen nationatdemokratischen Partei, die Autorität der Regierung zu schwächen, sieht, hat der Unterrichtsminister eine außerordentliche Konferenz der Rektoren aller Universitäten und Hochschulen Polens nach Warschau einberufen, in der über Mnaßnahmen zur Unterdrückung der Unruhen beraten wird. In der schon am Sonntag stattgesundenen ersten Sitzung soll der Unterrichtsminister kategorische Forderungen an die Rektoren hinsichtlich dev Verhinderung weiterer Unruhen in den Hochschulen gestellt haben. Wie es heißt, soll die Regierung, falls die Rektoren sich ihren Aufgaben nicht gewachsen zeigen sollten, entschlossen sein, die Leitung deb Hochschulen in die Hände von Regierungskommissaren zu legen, was bedeuten würde, daß die Autonomie der Hochschulen aufgehoben ist. Am Montag begann im Universitätsgebäude die Tagung des aus Professoren der Universität sich zusammensetzenden Disziplinargerichtes gegen die Studenten, die sich der Teilnahme an den Ausschreitungen schuldig gemacht haben. In jüdischen akademischen Kreisen machte es einen niederschmetternden Eindruck, daß als erste „Beschuldigte" jene jüdischen Studenten vor das Gericht geladen worden sind, die sich am Donnerstag den nationaldemokratischen Exzedenten entgegengestellt haben, um ihre bei den Ausschreitungen verletzten Kollegen und Kolleginnen vor weiteren Attacken zu schützen. Aus Wilna wird telegraphiert, daß an der dortigen Universität nationaldemokratische Studenten Versuche zu antijüdischen Ausschreitungen gemacht haben, aber durch rechtzeitiges Eingreifen der Univerfitäts- und Polizeibehörden daran gehindert worden sind. Am Montag morgen wiederholten sie die Versuche, die wiederum im Keime erstickt werden konnten. ' In Kattowitz hat eine Gruppe nationaldemokratischer Studenten der Krakauer Universität einen stark mit jüdischen Passagieren besetzten Zug bestiegen, und versucht, über die jüdischen Passagiere herzufallen. Diese aber schlossen sich zu einem Selbstschutz zusammen und hielten die Angreifer so lange in Schach, bis der Zug in Sosnowice eintraf, wo die inzwischen benachrichtigte Polizei einschritt, einige der nationaldemokratischen Rädelsführer verhaftete und ein Protokoll aufnahm. j - i Antisemitische Unruhen auch in anderen polnischen Städten. W a r s chau, 13. Nov. In der Stadt P r u s z k o w in der Nähe von Warchau hetzten natlonaldemokratische Studenten die Bevölkerung gegen die Juden auf. Die Studenten und die