Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 47 (19.11.1931)
- Date
- 1931-11-19
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2450652-2450698--78362-2536064- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 4 Nr. 47 Der Israelit 19. November 1931 1 Frankfurts größtes Spezialhaus biete5t „Beste Qu$ I ität zu b i II ig st e n'P r e i s e n“. JLJß Uhren aller Art Gold . Silber _ | Ifi Juwelen .,~v-- Bestecke %r uno sonn Trauringe Nur Zell 95u.Töngesg. 25-27 lefzfcff folgung von Pressedelikten ist, daß Drucker und Verleger für Schäden, die durch Pressehetze entstehen, haftbar gemacht werden können. Das Zivilrecht schützt den Verfolgten besser. Beim Boykott von jüdischen Aerzten, Rechtsanwälten, Warenhäusern usw. nehmen die Gerichte eine günstige Stellung ein. Hier hat der Rechtsschutz des C. V. große Erfolge zu verzeichnen. Der C. V. hat eine Sammlung von Gerichtsentscheidungen betreffend Boykott herausgegeben, die eine gute Handhabe für ein weiteres Arbeiten auf diesem Gebiete gibt. Als ein furchtbares-Erlebnis auf dem Rechtsschutzgebiete wird der sogenannte „ Nürnb e rg e r Talmud prozeß " bezeichnet. Nicht nur, daß Rabbiner Dr. Eschelbacher wegen seiner Zugehörigkeit zum C. V. als Sachverständiger abgelehnt wurde, auch der neutrale Sachverständige, Dr. G o e t $> berger , war infolge der Nürnberger Terror-Atmosphäre in seinen Aussagen unfei. Ueberhaupt lehnen es jetzt nichtjüdische Gelehrte ab, in Religionsprozessen ein Sachverständigenamt zu übernehmen, aus Furcht, es könnte sie ihre amtliche und gesellschaftliche Stellung kosten. Ueber Umfang, Ideologie und Taktik der nationalsozialistischen Bewegung mögen die Mitteilungen der nationalsozialistischen Presse überrrieben fein, es wäre aber falsch, von Zersetzungserscheinungen zu sprechen. Hitler strebt nach Macht, weil er Taten sehen lassen muß. Seinen Legalitätsb et euer ungen könne man bis zu einem gewissen Grade Glauben schenken. Denn wenn die Partei in der Regierung sitzt, eröffnen sich ihr ja legale Möglichkeiten zur Verwirklichung ihrer Ziele. Diesem Wollen werden in der Linie des Willens und der Interessen der anderen Parteien und Volksschichten Grenzen gezogen werden; wie weit die Partei sich in ihren a n t i j ü d i s ch e n Z i e l e n wird Grenzen ziehen lassen, bleibe der Zukunft Vorbehalten. Bis jetzt bewegte sich die antisemitische Agitation der NSDAP, wellenartig. Als Hitler sich der Auslandspresse empfehlen zu müssen glaubte, zog er den Diplomatenrock an und die Tagesparole lautete: über die Judenfrage ist zu schweigen. Jetzt, wo die Parteileitung die Koalition mit den Bürgerparteien zwecks Ergreifung der Macht anstrebt, ist merkwürdigerweise eine solche Weisungnicht gegeben worden. Im Gegenteil: der Anti s e m i t i s m u s wird a n g -e k u rib e l t. Das jüdische Schulwesen in polen. Mehr als je bewegt heute inmitten einer allgemeinen Krise von nie dagewesenem Ausmaße, die in vervielfachter Schärfe das jüdische Volk in fast allen Ländern der Erde trifft, die Frage nach der Zukunft das Denken und die Sorge aller verantwortungsbewußten jüdischen Kreise. Unter diesen Umständen gewinnt die Frage nach den Methoden der Erziehung und Bildung der Heranwachsenden Generation, insbesondere in den Ländern jüdischer Massensiedlung, eine ganz außergewöhnliche Bedeutung, denn das Vertrauen auf das Heranblühen einer innerlich reichen, lebenstüchtigen Zukunftsgeneration ist der einzige Hoffnungsanker in dem Elend der Gegenwart. Ueber die Bedingungen der Erziehung in Schule und Haus in den verschiedenen Ländern herrscht aber in weiten Kreisen noch immer keine volle Klarheit und es ist daher jeder Versuch dankbar zu begrüßen, auf Grund gründlicher Untersuchung die nötigen Unterlagen zur Gewinnung einer solchen Klarheit zu schaffen. In diesem Sinne begrüßen wir einen Aufsatz von Dr. Arieh Tartakowe r über das „Jüdische Schulwesen in Polen", der im Juli/August-Heft dpr B^slauer ';,MönatsWif-t;' für Geschichte und Wissenschaft des AuhentpGs" -erschienen-.ist.' Der Verfasser steht offenbar auf'liberalem und zionistischem'Standpunkt ' und bekundet diese feine weltanschaulichen Tendenzen ganz unzweideutig. Trotzdem bemüht er sich um Objektivität und Vollständigkeit, so daß man seine Angaben zur eigenen Urteilsbildung immerhin weitgehend verwerten kann.' Wir geben im folgenden aus dem Inhalte seiner Ausführungen einige besonders wichtige Stellen wieder. Der Verfasser sucht zunächst die Momente darzustellen, die zur Entstehung eines spezifischjüdischen Schulwesens unter den drei Millionen polnischer Juden beigetragen haben. Er weist auf die stärke Verknüpfung zwischen Schule und Volksleben Hin, diedas jüdische Schulwesen zu einem Spiegelbildder nationalen, religiösen und sozialen StrömüNgeri unter den polnischen Ju? den macht. ' ■ 1 . ' „Aus der großen Anzahl der daraus resultierenden Richtungenseien zunächst drei herausgegrisfen, die das jüdische Schulwesen'in Polen am stärksten kennzeichnen: Die religiös-orthodoxe, die national-hebräische und die jiddischistische. Die erstere sucht das jüdische Erziehungswesen in Polen' auf denselben Grundlagen' aufzubauen, auf denen es lim Laufe der Jahrtausende des jüdischen Lebens bis fast auf die allerneueste Zeit beruht hatte: auf der altjüdischen religiösen Tradition. Von dieser Tradition soll der Inhalt ganz, die Formen soweit als möglich übernommen werden. Im Gegensatz dazu sucht die nationalhebräische Bewegung an den Prozeß der nationalen Wiedergeburt, wie er insbesondere im Zionismus zum Vorschein gekommen ist, und an die Wiederbelebung der hebräischen Sprache und Kultur anzuknüpfen, übernimmt -aber sonst die modernen Schul- und Erziehungsformen, die nur einigermaßen der besonderen Lage des jüdischen Lebens angepaßt werden. Den Grundsatz einer vollständigen Loslösung von alten jüdischen Lebens- und Kulturformen predigt dagegen die dritte Richtung, die jiddischistische, die ihren weltlichen wie auch radikal-gesellschaftlichen, halbsozialistischen Charakter betont und das jüdische Erziehungswesen auf der jiddischen Sprache und Kultur, wie auch auf der jüdischen Renaissance in Polen aufzubauen sucht. An diese drei Hauptrichtungen knüpft eine ganze Reihe von Kompromißbildungen an, die es ebenfalls zu einer selbständigen Bewegung und eigenen Erziehungsinstitutionen gebracht haben.. So gibt es noch ein anderes religiöses jedoch den modernen Bedürfnissen mehr Rechnung tragendes System, auch.innerhalb des nationalen hebräischen; Schulsystems sind Kompromißinstitutionen in bezugn auf u die Unterrichtssprache zur Ausbildung gelangt, und schließlich hat sich letztens auch das jiddischistische Schulwesen gespalten, nachdem gewisse-Gruppen, die die antihebräische und antipalästinensische Einstellung dieses Schulwesens nicht mitzumachen vermochten, ihren Austritt erklärt hatten und an die Gründung eigener Erziehungsinstitutionen mit prozionistischem Charakter-schritten. Die Gesamtorganisation der o r t h o d o x >e n (wohlgemerkt nur der organisierten: denn die privaten religiösen Erziehungsinstitutionen, in erster Reihe die Chedarim, in denen bis zum heutigen Tage mehrere Zehntausende jüdische Kinder unterrichtet werden, sind durch keine Statistik erfaßbar) Schulen Polens, „Choreb", umfaßt gegenwärtig 256 Talmud Thora-Schulen mit 32 493 Schülern, 143 Chedarim mit 17 907 Zöglingen, 70 Jefchiwoth mit 7981 Hörern und 111 Mädchenschulen (als Beth-Jacobschulen bezeichnet) mit 14 930 Schülerinnen, zusammen also eine imposante Zahl von 580 ErziehungsinstituLionen mit 73 311 Schülern und- Schülerinnen, die alle anderen jüdischen Schulorganisationen in Polen weit überflügelt, wenn auch in Betracht gezogen werden muß, daß so manche dieser Lehranstalten (in erster Reihe alle Jeschiboth und die alleri Misten Beth-Jakob-Schultzn) sich bsoß auf die jüdischen Lehrfächer beschränken.' Die ^Erziehung ist all diesen Schulen ist eine streng^ religiös-orthodoxe und in der Hauptsache aus Me religiösen Lehrgegenstände gerichtet. Doch ware .es vexfehlt, daraus etwa den Schluß ziehen zu wollen, als fei dieses Schulwesen nach außen hin jedweden pädagogischen Erwägungen unzulänglich. Die Theoretiker des Erziehungswesens der Orthodoxie suchen im -Gegenteil-an die nMesten tz^istigen Strömungen insbesondere im Westen anzuknüpfen, die mit dem historischen Materialismus gebrochen haben, und . mehr auf das Romantische, also auch auf bat: Religiöse gerichtet seien. Es gelte nur, diesen Losungen auch in Osteuropa zum Durchbruch zu verhelfen, wo die Geister noch ziemlich fest im Materialismus verankert: feien und die Gefahr -der Geist- und Gottlosigkeit auch die jüdische Bevölke.rung eminent bedrohe, um so mehr, als deren ,materielle wie auch moralische Grundlagen dstrch die Verwüstung des Weltkriegs und das ,mit ihm verbundene Märtyrertum aufs tiefste erschüttert worden seien. Das orthodoxe Schulwesen soll diesem geistigen Zerbröcklungs- und Entartungsprozeß durch Wiederbelebung und Stärkung des traditionellen Erziehungssystems Vorbeugen, das indes in manchem Beziehungen umgestattet, in erster Reihe aber. durch allgemeine Unterrichtsfächer ergänzt'. Micken müsse, schon destvegen, um den' Anforderungen der staatlichen Schulbehörden entgegenkommen zu können. So wurde denn in den meisten Schulen der Unterricht der allgemeinen Fächer in einem ziemlich - beschränkten Umfang (2—3 Stunden täglich) eingeführt, und es wurde auch auf die technischen Anforderungen des modernen Schulwesens in vielen Fällen Rücksicht genommen. Die Regierung hat sich denn auch mitdiesem Zustand zufrieden erklärt und stellt den Besuch dieser Schulen der Erfüllung der obligaten Bolksschulpslicht gleich. Dagegen ist in den Jeschiboth (mit einer einzigen Ausnahme, der „Metiwta" in Warschau) der Unterricht der allgemeinen Fächer bis zum heutigen Tage stark verpönt. Wie weit aber auch hier der Gedanke einer modernen hygienischen und Baueinrichtung der Schule eingedrungen ist, beweist das glänzende Beispiel der großen, im Jahre 1924 begründeten „Jefchibat Chachme Lublin", einer nach allen Grundsätzen der modernen Technik und Hygiene eingerichteten Lehranstalt mit einem Internat für 500 Bachurim, mit eigenen Küchen-, Eß- und Waschräumen und mit der größten Büchersammlung der Welt aus dem Gebiet der Halacha (gegenwärtig über 10 000 Bände). Ganz besonders beachtenswert sind die durch die Orthodoxie auf dem Gebiet der Mädchenerziehung bisher gemachten Fortschritte. Im - Jahre 1917 wurde in Krakau die erste''orthodoxe Mäd^ chenschule „Beth Jakob" mit 30 Schülbnnnen begründetz heut-e sind es .bereits 111 mit 14 930 Schülerinnen, die einen ganz eigenartigen Versuch im Rahmen des jüdischen Schulwesens in Polen darstellen. Eigenartig schon wegen der ideologischen Grundlagen, aus denen diese Schulen aufgebaut worden sind. Die Orthodoxie ist natürlich noch immer weit davon entfernt, eine Gleichstellung von Mann und Frau insbesondere auf dem Gebiet des Geisteslebens anzuerkennen. Indessen ist schon längst der Grundsatz aufgegeben worden, als ob die Erziehung der Frau eine zweitrangige Sache wäre, um die man sich nicht weiter zu kümmern braucht. Die abgrundtiefe Verschiedenheit zwischen dem meist talmudisch hochgeschulten Mann und der notdürftig gebildeten oder (insbesondere in den -letzten Jahrzehnten) in einer fremden Kultur aufgezogenen Frau, eine Verschiedenheit, die zu endlosen Tragödien im > jüdischen Familienleben führte, hat schließlich! auch die Orthodoxie dazu bewogen, einer jüdi- , chen Erziehung der weiblichen Generation ihre Aufmerksamkeit zuzuwenden. So soll denn die Beth-Jakobschule ihren Zöglingen eine ziemlich umfangreiche jüdische Bildung (hebräische, in einigen Fällen auch jüdische Sprache. Bibel, Geschichte, die religiösen Grundsätze des Judentums,