Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 47 (19.11.1931)
- Date
- 1931-11-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Nr. 47 D e r I s r o e I i t 19. November 1931 Thora und Wissenschaft. Untersuchungen zur Sabbat-. Ehe- und Speisegefehgebung. Der in Baltimore lebende bekannte Arzt und Pharmacologe, Dr. David I. Macht, der auf Grund zahlreicher ergebnisreicher Untersuchungen auf dem Gebiete der Physiologie und medizinischen Chemie sich in wissenschaftlichen Kreisen eines besonderen Ansehens erfreut, und der, selber streng gesetzestreu, zu den führenden Köpfen des orthodoxen Kreises in Baltimore gehört, hat in der amerikanischen Zeitschrift „Jewish ' Forum" neuerdings einige Aufsätze über das in der Ueberfchrift genannte Thema veröffentlicht, deren Inhalt auch für europäische Leser von Interesse ist. Der Verfasser vergleicht die geistige Situation des Thorajudentums im gegenwärtigen Zeitpunkt mit derjenigen vor 27 Jahren, als Dr. Macht zum ersten Male, damals noch als Studierender, vor einem akademischen Greife über die Beziehungen zwischen Thora und Wissenschaft sprach. Cr stellt die allgemein bekannte Abwendung der Philosophie von dem damals noch herrschenden Rationalismus und Materialismus fest und kennzeichnet in einer allgemein gehaltenen Darstellung die Haltung des überlieferten Judentums zu den philosophischen Grundfragen. Dann wendet sich Dr. Macht den ihm besonders naheliegenden Spezialgebieten zu und behandelt drei fundamentale Gesetzesgruppen des Judentums, die Sabbatgesetze, die Vorschriften über die Reinheit des ehelichen und sexuellen Lebens überhaupt und die S p e i s e g e s e tz e. Er schreibt in diesem Zu sammenhang folgendes: „Als Arzt und Psychologe brauche ich kaum den unschätzbaren Wert einer wahren S a b - b a t b e o b a ch t u n g Nicht nur vom geistigen, sondern auch vom rein medizinischen Gesichtspunkte aus zu betonen. Jeder Arzt und insbesondere jeder Neurologe und Psychiater erkennt heutzutage die unheilvollen Folgen des fürchterlichen Getöses des sogenannten modernen zivilisierten Lebens. Die Folgen dieses Lebens sind insbesondere wahrnehmbar in den zarten Geweben des Zentralnervensystems. Daher die sich mehrenden Fälle von Nervenerschöpfung, nervösen Zusammenbruchs und Geisteskrankheit. Das Gehirn kann, solange der Mensch lebt, niemals vollkommen in Ruhe fein, nicht einmal im Schlaf. Um die Gehirn-Ganglien und das Nervengewebe zur Ruhe zu bringen, gibt es nur eine Methode, und diese ist die Ablenkung des Gemütes der täglichen Tretmühle in andere Kanäle. Hier ist die treue Beobachtung des Sabbats von unberechenbarem Werte gewesen für die Erhaltung der Gesundheit der jüdischen Rasse, und es ist wohl zu bemerken, daß die Lehren der Neurologen und Psychiater gänzlich in Uebereinstimmung mit den Vorschriften der Thora stehen, die nicht nur die Ausführung anstrengender Arbeit verbietet, sondern auch verlangt, daß dem G e i st e des Gesetzes so gut wie dem Buchstaben genügt werde, und deshalb auch fordert, daß wir selbst unsere Gedanken von den wochentägigen und materiellen Interessen ablenken und sie den idealen Gegenständen zuwenden. Erneuern Sie sofort beim Postboten die Bestellung auf den „Israelit“ für den Monat Dezember Wird dies versäumt, so tritt eine Unterbrechung der Zusendung ein, ohne daß wir selbst Kenntnis davon erhalten. *Für verspätete Bestellungen rechnet die Post einen Aufschlag von 20 Pfg, Verlag des Israelit G. m. b. H., Frankfurt a.M. von Tieren und Menschen konnte ich wissenschaftlich das Vorhan- und die Hinlenkung der nervösen Energien aus densein dieser Gifte in Blut, Milch und Schweiß Die hygienischen Vorschriften der Thora über das eheliche Leben und die sexuellen Beziehungen bilden den Gegenstand des Staunens Und der Bewunderung für alle denkenden Aerzte, Physiologen, Soziologen und andere Gelehrte. Wir können jetzt im Lichte der modernen Wissenschaft die Bedeutung und den Wert dieser Gesetze besser würdigen, als unsere Vorfahren und ich habe dank der Gnade G'ttes das Glück gehabt, auf dem Gebiete dieser Erkenntnis etwas Pionierarbeit zu leisten. In Verbindung mit der Entwicklung eines neuen Zweiges der Medizin, auf den die Bezeichnung Phytopharmacologie angewandt worden ist, konnten meine Mitarbeiter und ich das Vorhandensein gewisser Toxine und Gifte Nachweisen, die bisher nicht experimentell festgestellt worden waren. Vermittelst dieser neuen Methode zur Analyse des Blutes und der verschiedenen Ausscheidungen weiblichen Personen zur Zeit der Menstruation Nachweisen. Wir haben tatsächlich gezeigt, daß sogar die bloße Berührung in dieser Zeit eine gewisse ansteckende Kraft hat. (.Macht andXubin, Jour. Pharmacol and Exper, Therap, 1924, xxii 413—466.) Weitere Experimente an gezähmten weißen Ratten haben gezeigt, daß dieses Menotoxin auch die psychologischen Funktionen beeinflußt, Feststellungen, die vollkommen mit. den biblischen und talmudischen Anschauungen über diesen Gegenstand übereinstimmen. (Macht and Hyhdman — Proc. Soc. Exper. Biol. and Med. 1925, xxii 208—209.) Diese interessanten Forschungen rein wissenschaftlicher Natur aus dem Felde der experimentellen Medizin und Biologie sind in verschiedenen Zeitschriften veröffentlicht worden und neuerdings erschien eine Zusammenfassung in hebräischer Sprache in der Zeitschrift Hapardes (Dezember 1930). Sie sind nicht nur von Interesse für alle diejenigen. Me die heilige Schrift verehren und ein Hilfsmittel zur Würdigung ihres tieferen Verständnisses, sondern diese Forschungen sind auch der Ausgangspunkt für andere Untersuchungen geworden, welche zur Entdeckung von Tatsachen führten, die großen praktischen Wert in der Medizin gewonnen haben. So konnte ich durch diese phytopharmacalogische Methode zum ersten Male das Vorhandensein einer giftigen Substanz in Fällen der furchtbaren Krankheit der perniziösen Anämie Nachweisen. —- Wenn man diese Tatsachen in Bezug auf die Niddagesetzgebung kennen lernt, so kann man nur den Ausspruch des alten Weisen Eleasar ben Ehisma billigen, der sagte, daß die Gesetze, die sich auf diesen Gegenstand beziehen, tiefer und von noch größerer Bedeutung sind, als diejenigen der höheren Mathematik. Ueber den hygienischen Wert verschiedenen individueller Speise g e s e tz e möchte ich hier nicht sprechen. Ich habe eine Anzahl derselben in meinem Essay über die Speisegesetze in der zweiten Serie der Je-wish Library beschrieben. Hier möchte ich nur die Ergebnisse einer Untersuchung erwähnen, welche die jüdische Methode der Sch echt L a noch besser würdigen kehrt. Bisher war das Hauptargument, das man zu Gunsten der Schechita gegenüber anderen Methoden des Schlachtens geltend machte, daraus gegründet, daß man sagte, die Schechita sei humaner. Ich habe eine Serie von Experimenten an Blut und Muskelsaft einer großen Zahl verschiedener Tiere ausgesührt, von denen ein Xe:r nach der jüdischen Methode g e s ch ä ch - t e t, ein anderer Teil durch Kopfschlagnach Anästhesie oderelektris che r Be t ä ubung getötet worden war. Die Ergebnisse die- Die VStergruppe in Hebron. Daß in Gebet und Poesie unserer Liturgie immer von Hebron und nicht von Machpela als Ruhestatt der Erzväter gesprochen wird, besonders wenn ihre Fürbitte erfleht und ihre Verdienste von uns in Anspruch genommen werden, hat nach einer originellen Erklärung seinen Grund darin, daß das Wort pan, von ian kommend, eine geschlossene Gruppe bedeutet. Die Eigenschaften und Verdienste aller drei Väter zusammen sollten uns Leitstern fein, die Liebe eines Abraham nmasi» non, die opferfreudige G'ttesnähe eines Jizchok pn:r nr>py, die Thoralehre Jakobs, des Zeltenbewohners, rn'i'nrr 3ü?v>, sollen Begleiter unseres Lebens sein. Die drei Namen bezeichnen zugleich das Dreigestirn n~m rrmy min- Wenn man bei der Darbringung des „beständigen Morgenopfers" im Tempel den Blick nach dem Osten richtete und der Schlafenden in Hebron gedachte, so wollte man damit sagen: aller Opferdienst und alle Tempelweihe wären vergeblich, wenn uns nicht das Licht und das Heil aus p-on, jener Gruppe, die den Grundstein der Weltkultur mit Thora, Awoda und Cheffed gelegt, erblühten. In diesem Zusammenhang sei zur Illustration eine hübsche Agadastelle aus Talmud „Baba Mezia" angeführt: Elijahu, der Prophet, pflegte täglich bei Rabbi Jehuda Hanasi zu verkehren. Einmal, es war am Neumondsfeste, ließ er auf sich warten und kam erst am späten Mittag. „Warum so spät?" fragte der Rabbi. „Es ist Neumond," antwortete der Prophet, „und ich mußte Abraham wecken und waschen, daß er bete. Darauf rief ich Isaak wach,.und zuletzt hatte ich Jakob zum Gebete zu holen. Das kostete Zeit." „Warum weckst du sie nicht alle drei zur gleichen Zeit?" fragte Rabbi. „Würden sie alle drei zugleich ihr Gebet anstimmen, es würde die Quellen des g'ttlichen Erbarmens mit solcher Wucht erschließen, daß die Erlösung schon vor der Zeit kommen müßte." „Wer ist in unserer Mitte so groß und begnadet, daß er mit seinen Gebeten die Erlösung herbeisühren könnte?" „Einige sind es," gab Elijahu zögernd zurück, „Rabbi Chija und seine Söhne." Tags darauf setzte Rabbi Jehuda einen Fasttag an und ließ Rabbi Chija mit seinen Söhnen zum Gebete antreten. Kaum sprachen sie „Mafchrw horuach" und schon wehte ein Wind, der sich zum Orkan auswuchs, „Morid Hageschem", und es prasselte der Regen herab. Wie sie aber von der Auferstehung der Toten zu beten begannen, entstand Sturm im Himmel. Man untersuchte, .wer unten das. Geheimnis verraten hatte, und als es sich herausstellte, daß es Elijahu war, mußte er rasch hinunter,. die vorzeitige Erlösung aufzuhalten. In der Gestalt eines brummenden Bären brachte t er Panik und Verwirrung in die Gemeinde. Das Gebet wurde abgebrochen und die Erlösung wie die Auferstehung wieder hinausgeschoben. So weit die Talmudstelle. Wie wir diese Agada auch verstehen und deuten wollen, wörtlich oder allegorisch, eines ist sicher: Der. Gedanke der „Vätergruppe in Hebron" spiegelt sich darin deutlich wider. Wir hatten und haben zu allen Zeiten Abrahams der Liebe im Judentum. Daß aber die Güte selten groß ist in Thora und Awoda, und wiederum Männer der großen Awoda oder der Thora bei der Güte im abrahamitischen Sinne oft versagen, ist bekannt. G'tt hat . aber drei Bündnisse mit uns geschlossen (siehe Moses III, Kap. 26 'im apy wna ns mimi) einen „Bund Jakob" (Thora), einen „Bund Jizchok" (Awoda), einen „Bund Abraham" (Chessed). Chija und seine Söhne gehörten zu diesen dreifach Gesalbten. Erst wenn alle drei Väter als p-nn, als eine Gruppe in uns und durch uns wach gerufen werden, ist die Zeit der Vollendung und der Erlösung da. Kleines Feuilleton. Die Legende von der jüdischen Presseherrschast. Auf Grund der statistischen Angaben des soeben von Prof- Dr. E. Dovifat im Verlag Carl Dunker heraus» gegebenen „Handbuchs der Weltpresse" stellt Hans Oppen, heimer in Nr. 15 der Zeitschrift des Roichsbundes jüdischer Frontsoldaten „Der Schild" eine ünterjudjung über bett Einfluß der Juden auf das deutsche Pressewesen, der von antisemitischer Seite immer wieder als übermächtig dar»! gestellt wird an. Vergleiche zeigen, daß die Zähl der! deutschen Tageszeitungen sich von 1927 bis 1930 um 112. auf. 3353 vermehrt hat. Der Prozentsatz der.^ rechtsgerichteten Zeitungen von den Nationalsozialisten bis zum Zentrum ist mit 35,4 Proz. aller Zeitungen der gleiche geblieben. Dagegen ist die liberal-sozialistische Presse, um 2,3 Proz. auf 8,5 Proz. gesunken. Die parteilose und die Generalanzeiger-Presse ist um 2.2 Proz. aus 55,3 Proz. gestiegen. D e sogenannte „Linkspresse" einschließlich der kommunistischen stellt nach wie vor den zehnten Teil der