Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 46 (12.11.1931)
- Date
- 1931-11-12
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Nr. 46 Der Israelit 12. November 1931 Fakultät, Pros. Handelman, der aber erklärte, daß seitens eines Teils der Jugend gegen Bürger jüdischer die angreifenden Studenten nicht seiner Fakultät ange hören, sondern Techniker und Landwirte sind, über die er keine Befehlsgewalt habe. Schließlich gelang es den angegriffenen Studenten, in die Universitätsbibliothek zu flüchten. Ihre Verfolger erkletterten die Fenster zum Bibliothekssaal, schlugen die Scheiben ein, verschafften sich auf diese Weise Eingang in den Saal, wo sie wie derum über die jüdischen Studenten herfielen und auch mehrere jüdische Studentinnen in der barbarischsten Weise mißhandelten. Der Tumult war unbeschreiblich. Einige Professoren führten schließlich die mißhandelten Studenten und Studentinnen in das Univerfitätsarchiv von wo sie durch eine Hintertür ins Freie kamen. Dort wurden sie von den Nationaldemokraten abgefangen und wiederum schwerftens mißhandelt. Zwei jüdische Studentinnen erhielten tiefe Kopfwunden und bluteten stark Schließlich bildeten die angegriffenen jüdischen Studenten eine geschlossene Abwehrkette und drängten die Angreifer zurück. Inzwischen hatte sich eine andere mehrere hundert Köpfe zählende antisemitische Gruppe nach dem jüdischen Viertel Warschaus begeben. Im S ä ch s i schen Garten, der am Wege liegt, fielen sie über jüdische Frauen und ihre Kinder her. Mehrere Frauen wurden mißhandelt, die Kinderwagen wurden umgeworfen, so daß die Kinder auf das Pflaster und den Rasen fielen. Die Panik war unbeschreiblich. Die Schreie der verzweifelten Mütter wurden weithin gehört. Erst als alle jüdischen Frauen mit ihren Kindern den Park geräumt hatten, begaben sich die Studenten zum sogenannten Eisernen Tor, wo sie zahlreiche jüdische Passanten schwer mißhandelten und mehreren von ihnen bla tende Verletzungen beibrachten. Die Auslagesenster der jüdischen Geschäfte wurden mit Steinen und Stöcken eingeschlagen. Vom Eisernen Tor drangen die Studenten in den Theaterplatz ein. Dort wurde die Losung ausgegeben, das Nalewki-Viertel, das jüdische Hauptgeschäftsviertel, zu stürmen. Als aber die Studenten dort eindrangen und ihr Werk der Mißhandlung und Zerstörung begannen, stellten .sich ihnen jüdische Studenten, Arbeiter und Fuhrleute entgegen. Es entstand eine förmliche Straßenschlacht, bei der die Studenten die Unterlegenen waren. Inzwischen eingetroffene Polizei stellte die Ordnung her und verhaftete mehrere nationaldemokratische Studenten und einige Juden. Der Rektor Lukaszewicz verfügte die Schließung der Universität, nachdem in der Nähe der Universität seine eigene Frau, die für eine Jüdin gehalten wurde, von Nationaldemokraten schwer mifäan* delt wurde. Schwere Anruhen in Warschau auch am Sonntag. Warschau, 9. Nov. Am Sonntag, den 8. November, kam es in den Straßen Warschaus abermals zu wüsten antisemitischen Ausschreitungen nationaldemokratischer Studenten. Große Studententrupps begaben sich in die jüdischen Wohn- und Geschäftsviertel, wo sie antisemitische Hetzrufe ausstießen und jüdische Passanten auf das brutalste mißhandelten. An jüdischen Läden und Wohnungen wurden die Fensterscheiben eingeschlagen. Von den Straßenbahnen wurden die jüdischen Fahrgäste heruntergezerrt und mißhandelt. Schließlich stellte sich die jüdische Jugend den Huligans entgegen. Es kam zu einer förmlichen Straßenschlacht, bei der es auf beiden Seiten Verletzte gab. Die Polizei drängte die Studentenhuligans aus den jüdischen Vierteln hinaus. Mehr als hundert Personen wurden verhaftet. (ITA.) Nationalität vorgekommen. Hierfür ist aber nicht die gesamte akademische Jugend und nicht die gesamte polnische Gesellschaft verantwortlich zu machen, die solche verbrecherischen Exzesse mißbilligen. Es handelt sich um die Aktion einer Gruppe, die unter dem unverantwortlichen Einfluß gewisser parteipolitischer Faktoren steht; diese Faktoren verschuldeten die Hetze, die die Kultur und die Traditionen des Me Woche. Krakau. Die Krakauer Universität, die wegen der antisemitischen Unruhen einige Tage geschlossen war, wurde heute wieder eröffnet. Warschau. In Grodzisk, Kreis Posen, kam es aus Anlaß des Jahrmarktes zu einem P o - grom gegen die jüdischen Händler. Etwa 200 Huligans überfielen die Verkaufsstände der jüdischen Wanderhändler, schlugen auf die Händler ein, zerstörten und raubten die Warenbestände. Die Huligans versuchten auch, die Stände der christlichen Händler zu plündern, dieselben setzten aber den Huligans Widerstand entgegen. Laut dem polizeilichen Protokoll wurden 162 Markthändler, in der großen Mehrzahl Juden, bei den Kämpfen mehr oder weniger schwer verletzt. Der Zentralverband der jüdischen Kleinhändler Polens intervenierte bei der Warschauer Regierung und ersuchte um Sicherheitsvortehrungen zugunsten der jüdischen Wanderhändler. Moskau. Die Kolonisten des jüdischen Rayons Stalind orf haben 101 Prozent der ihnen zugewiesenen Quote für Getreideablieferung an den Staat bereits abgeliefert. Der jüdische Rayon Neu-Zlatopol hat sich verpflichtet, bis 1. November 60.000 Pud Brotgetreide an den Staat abzuliefern. — Im Alter von 73 Jahren verstarb in Leningrad der einst berühmte Advokat Wladimir B e r n st a m m, der in der Zarenzeit in fast allen großen politischen Prozesses als Verteidiger fungierte und auch im jüdischen Leben hervorragend tätig war. Er hatte auch mehrere der Führer des heutigen Rußland vor Zarengerichten erfolgreich verteidigt. Jerusalem. Die Autotaxi-Besitzer und Chauffeure in Palästina traten am Montag, den ST. November, in Streik, weil die Regierung die Forderung nach Abschaffung der Lizenz-Gebühren nicht erfüllt Hatz sondern im Gegenteil auf Nachzahlung der Gebühren seit Juli v. I. drängt. Die arabischen und jüdischen Autobesitzer und Chauffeure gehen solidarisch'vor, eine Ausnahme machen einige arabische Autobesitzer, die sich einem arabisch-jüdischen Zusammengehen widersetzen. — Am Mittwoch kam es in der jüdischen Kolonie Chedera zu Arbeitslosenunruhen. Als die Demonstranten der Aufforderung der Ortspolizei, sich zu zerstreuen, nicht Folge leisteten, wurde englische Polizei von auswärts herbeigerufen, die mit Gummiknüppeln auf. die Demonstranten einhieb und sie auseinandertrieb. Dabei wurden 20 jüdische Arbeiter, unter ihnen fünf schwer, verletzt. Vier Demonstranten wurden von der Polizei verhaftet. — Der 2. November, der Jahrestag der Verkündung der Balfour-Deklaration, der sonst in Palästina durch arabische Streiks und Manifestationen gekennzeichnet war, ist in diesem Jahre v o 'l l k o m m e n r u h i g verlausen. Äewyork. Louis Marcus, früher einer der bekanntesten Filmproduzenten, wurde mit 26 364 Stimmen zum B ü rg e r m e i st e r von Salt Lake City gewählt. Er ist der erste Jude, der Bürgermeister dieser Stadt wurde. Der Widerhall der Ausschreitungen im Sejm. — Eine große Rede Oberrabbiner Lervins. Warschau, 8. Nov. Die Sitzung des polnischen Sejm am Sonnabend, den 7. November, war fast ganz der Erörterung der antisemitischen Unruhen an den Warschauer Hochschulen gewidmet. Im Namen des Jüdischen Klubs begründete Abg. Rothen st re ich eine Interpellation, die gegen die Vorgänge scharfen Protest einlegt und die Regierung anrustz trotz Autonomie der Hochschulen energisch einzugreifen und Wandel zu schaffen. Innenminister P i e r a ck i verlas daraufhin die folgende Erklärung der Gesamtregierung: „In den letzten Tagen sind wirklich bedauernswerte Ausschreitungen polnischen Volkes schändet. Die Regierung tut alles für die Sicherheit der Bürger. Aber infolge der Autonomie der Hochschulen konnte nicht so durchgegrifsen werden, wie man es wünschte. Außerhalb der Hochschule wurde durchgegriffen. Zahlreiche Hetzer und Exzedenten werden zur Verantwortung gezogen werden, eine Disziplinaruntersuchung ist im Gange. Die Regierung wird mit aller Energie jeden Versuch, die Exzesse zu erneuern, unterdrücken." Im Namen des Nationaldemokratischen Klubs suchte Abg. Stipulowski die Exzesse als Folge von Provokationen seitens der jüdischen Studenten hlnzustellen. Abg. M i s z i n s k i (Regierungspartei) wandte sich ungemein scharf gegen die „Arroganz" der Nationaldemokraten, die sich anmaßen, zu behaupten, die ganze Jugend stehe in ihrem Lager. Die Nationaldemokraten seien eine demoralisierte Partei, die die.polnische Freiheit schändet. Darauf ergriff der Deputierte, Oberrabbiner Lew in,, das Wort. Schon die Tatsache, daß er, zum ersten Male in seiner parlamentarischen Tätigkeit, am Sabbat im Sejm erschien, zeugte von der historischen Bedeutung, dieses offenen Wortes eines berufenen Vertreters des Judentums. Aus der Ministerb ank wie in der Journalistenloge verfolgte man die Rede mit größter Spannung. Nach Erörterung einiger Punkte des Budgets, kommt er auf die religiösen Belange des polnischen Judentums zu sprechen. Das jüdische Schulwesen (er führt als Verspiel das Krakauer Beth Jakow- Seminar, die Lubliner Jeschiwa und Radin an),, gereichen dem ganzen Polenlande zur Zierde. Cr erwähnt auch die Studienreis eg esellschast aus Westeuropa, die im letzten Sommer die jüdischen Zentren und höheren Schulen in Polen besucht hat, Männer von. Wissen und Bildung, die sich in Europa in der Presse begeistert über das Kulturwerk der jüdischen Orthodoxieäußerten. Die neue Regierungsverordnung bedrohe aber die jüdischen Kulturinstitutionen und treffe sie ins Herz. Auf die Studentenunruhen übergehend, sagt Oberrabbiner Lew in: „Entsetzt fragen wir uns: Sinddas die künftigen intellektuellen Führer des polnischen Volkes, die heute wehrlose Frauen und Kinder überfallen? Wir machen nicht die ganze gebildete Jugend Polens dafür verantwortlich. Die Verantwortung trägt öie- Partei, die diese unreifen Menschen bis zur Raserei verhetzt." Einem Zwischenrufer erwidert Lewin: „Ich hätte euch eine größere Ehre gewünscht als diese Solidarität mit den Huligans". (Anhaltender Beifallssturm.) Oberrabblner Lewin dankt dem Innenminister für seine beruhigenden Zusicherungen und spricht ihm volles Vertrauen aus. Er geht dann auf andere Punkte des- 'Budgets ein, wobei er eine erstaunliche Sachkenntnisentwickelt. Die fast einstündige Rede wird mit stürmischem Beifall in allen Reihen der Regierungsparteien ausgenommen. Viele Deputierte, auch einige Minister^ beglückwünschen den Redner, als er die Tribüne verläßt. Die polnische kehilla und die Regierung^ Warschau, 9. Nov. - Die neue Regierungsverordnung, die die Finanzwirtschast der jüdischen Gemeinden säst unter Kuratell stellt, hat in Warschau zu einer vom Gemeindepräseseinberufenen Konferenz der Großgemeinden Polens geführt. Vertreter waren die Gemeinden Warschau, Lodz, Lemberg, Krakau, Lublin, Bialystok, Kielce, Tarnopol, Thorn und Stanislau. Eine Delegation des Rabbinates, sowie der jüdische Dezernent im Ministerium, Herr. Adelberg, ferner der Vorsitzende des Kehillorates und alle Verwaltungsmitglieder wohnten der Sitzung bei. Der Kehillapräfes erscheint mit verbundenem Kops und Gesicht, eine Folge der letzten tätlichen Ausschreitungen der zionistischen Vertreter im Kehillarate. Herr M a s u r bittet in seiner kurzen Einleitungsrede, diese sonderbare Aufmachung zu entschuldigen, geht aber auf die Vorfälle nicht weiter ein. Die Konferenz soll Wege der gemeinsamen Arbeit suchen und eine einheitliche Abwehrfront schaffen. Vor der Debatte versuchte die nationale Opposition durch Trusker einige Obstruktion zu machen, was aber von der Mehrzahl der Teilnehmer entschieden abgelehnt wird. Alle Vertreter unterstreichen in der Aussprache die Ausführungen des Präses über die Gefahr der Verordnung und die Notwendigkeit eines gemeinsamen Vorgehens. Auch einige einsichtige Zionisten, wie der Vertreter von Lublin, Dr. Alten, stimmen gegen Trusker den Ausführungen Masurs zu. Nach Wahl des Präsidiums (Präsident E. Masur) berichtet der Präsident noch einmal im Einzelnen über die neue Verordnung. Sie würde den Gemeindeetat von 37.000 auf 3000 vermindern. Nach § 3 hätte die Aufsichtsbehörde das Recht, das Budget nach Belieben zu treichen und zu ändern. Ergänzend referiert Advokat G r ü n st e i n über die juristische Bedeutung der neuen Verordnung. In einer lebhaften Debatte wird die Vermutung ausgesprochen, daß die Regierung sich der Tragweite der Verordnung selber nicht bewußt war. Durch eine Delegation müsse sie darüber aufgeklärt werden. Ratmann A. S. Friedmann verweist insbesondere auf das Unhaltbare der Bestimmung, für die ärmere Bevölkerung einen eigenen Teil des Friedhofes zu reservieren. M. L e w i n schlägt die Einsetzung einer Kommission vor, die, im Besitze der gesamten Materie, die weiteren Schritte beraten soll.