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Der Israelit · 1931-11-12 · Heft 46 (12.11.1931) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 46 (12.11.1931)
Date
1931-11-12
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Nr. 46 Der Israelit 12. November 1931 ihnen fest. Und weil innerhalb der Familie dauernd Auseinandersetzungen vor sich gingen, wurde auch ein Haß gegen die eigenen Eltern geschürt. Im besten Falle sah man in ihnen irrende Menschen, meistens verkappte Anhänger des von ihnen verworfenen Bourgeoistums. Mit den Trägern der min verwarfen sie, natürlich völlig zu Unrecht, die ganze mm* Die Radikalisierung ging aber weiter vor sich. Die weitere wirtschaftliche Verschlechterung der Lage trieb die Jugend in die Hände des Kommunismus. Hinzu trat noch die Enttäuschung über die sozialistische Entwicklung Palästinas. Man hoffte dort einen sozialistischen Musterstaat aufzubauen, aber die Entwicklung nahm einen gänzlich anderen Verlauf. Es entwickelte sich auch drüben ein Kapitalismus schlimmster Art, der die Arbeiter mit allen Mitteln auszusaugen versuchte. Die Jugend zweifelte an dem Sinn und an der Möglichkeit des zionistischen Zieles und erblickte das Heil im Kommunismus, in der kommunistischen Gemeinschaftsgestaltung der ganzen Menschheit, und weil sie unsinnigerweise glaubte, daß die Religion die Beschützerin' des Kapitalismus ist, entstand von Neuem ein Haß gegen alles Religiöse. In Deutschland nahm die ostjüdische Jugend eine ähnliche Entwicklung. Nur ein kleiner Teil schloß sich der deutschen orthodoxen Jugend an, ging in ihr auf, und wirkte hier zum Guten. Der größte Teil aber fand nicht die 'Brücke von dem chassidischen Leben in ihrem Elternhause zur realen Umwelt der Jetztzeit. Die Gegensätze prallten in ihnen aufeinander. Sie wandten sich an ihre Eltern und Talmud Thoralehrer, aber nur wenige von ihnen konnten die erhoffte Antwort geben. Viele der Erzieher standen fast verständnislos diesen Fragen gegenüber, sie verstanden ihre Probleme nicht. Hinzu kam wieder der soziale Gegensatz, der sich auch hier stark bemerkbar machte. Die Jugend wollte handwerkschaftliche Berufe ergreifen, stieß aber auf die Ablehnung seitens der Eltern. Hier, im Westen Deutschlands, nahmen die Eltern ihre Kinder zum Hausieren mit, und jetzt werfen die Kinder den Eltern vor, daß sie aus ihnen armselige, zukunftslose „Päckelträger" gemacht haben. Diese Jugend verwarf auch hier mit den Trägern der min die min selber. Entweder wurden sie ganz indifferent und verkamen oft in moralischer und s i t t - I icher Hinsicht, oder sie wurden von zionistischen Bünden, .besonders vom I. W. V. erfaßt, die in religiöser Hinsicht gewaltiges Unheil anrichteten. Alles Religiöse im Elternhaus und in der Schule wurde ihnen zuwider. Heute zweifeln auch sie an der Zukunft des Zionismus und wenden sich dem Kommunismus zu. Die Gefahr, die Das letzte Kapitel von Jesaja. Von Rabbiner De. Kaatz in Hindenburg O. <©. Das letzte Kapitel des Jesaja, welches die Haftora des ffnn vrrn bildet, gehört wie zu den ergreifendsten, so zu den schwierigsten Teilen der prophetischen Bücher und hat in einem besonderen Matze die Aufmerksamkeit der Schrifterklärer auf sich gelenkt. Innerhalb dieses Kapitels wiederum ist es der dritte Vers, dessen Auslegung sehr umstritten ist, besonders der erste Teil 2^2 tpiy mpn mit v'rr m» iivn vmv Diese Worte werden von allen Uebersetzern, die ich gesehen habe, dem Sinne nach etwa folgendermaßen übersetzt: „Der den Stier schlachtet, erschlägt einen Mann. Der das Lamm opfert, entmarkt einen Hund." Wie jedoch diese Worte zu verstehen sind, darüber gehen die Meinungen der Kommentatoren auseinander. Viele von ihnen find der Ansicht, daß hier wie im 1. Kapitel des Jesaja der Widerspruch zwischen Opferdarbringung und uug'ttlichem Leben gegeißelt wird. So sagt z. B. Mendel Hirsch in seinen „Haftoroth" darüber folgendes: „Es mißbrauchte die Frivolität der hier geschilderten israelitischen Kreise die Vollbringung der heiligen Weihehandlungen entweder zum Deckmantel schmählichsten Frevels oder sie hielten, von gewissenlosen Priestern betört, die Opfer und die Bezeigung der Frömmigkeit im Heiligtums sehr wohl vereinbar mit einem Leben zügelloser Gewalttat und Sittenlosigkeit außerhalb des Heiligtums - hier für die ganze deutsche Orthodoxie droht, ist i gar nicht abzusehen. Schon heute versucht man, , unter geschickter Benutzung sozialer und wirtschastsicher Momente, überall in der Jugend für den; Kommunismus propagandistisch zu wirken. Die; wirtschaftliche Lage und soziale U n g e r e ch t i g- ' k e i t e n gewisser orthodoxer Arbeitl geber tragen sehr viel zur Verschärfung der Lage bei. Was können wir unternehmen, um diese Ge- ' fahr zu bannen? Vor allem seien wir uns dessen bewußt, daß es sich um eine Gefahr für die g e - s a m t e Orthodoxie handelt. Ost- und Westjuden müssen jetzt Hand in Hand arbeiten, um der Gefahr rechtzeitig zu begegnen. Leider müssen wir aber feststellen, daß ein innerer Gegensatz es verhindert, daß beide Teile harmonisch zusammen arbeiten. Nur so ist es zu verstehen, daß die orthodoxen Ostjuden, die im Osten in der Agudv die ihrer Art und ihrem Aufgabenkreis adäquate Organisation erblicken, hier ihr vollkommen fernstehen. Die Ostjuden müssen vor allem einsehen, daß man hier in Deutschland die Jugend nicht mehr im selben Rahmen erziehen kann, wie sie selber einst erzöge wurden, sondern auch hier, wie im Osten selber, zu den uns möglichen erzieherischen Hilfsmaßnahmen greifen muß, die eine wirksame Waffe gegen die Zeitzustände bieten. Die Verhältnisse haben sich geändert. Die Erziehung im Elternhaus und auch in den Talmud Thora-Schulen muß auf die Verhältnisse in dem Sinne Rücksicht nehmen, daß sie im jungen jüdischen Menschen von vornherein eine Kraft- und Wissensquelle schafft, die es ihm ermöglicht, sich selber gegen schädliche und zersetzende Umweltseinflüsse zu wehren. Hier haben die deutschen orthodoxen Erziehungsm e t h 0 d e n etwas Vorbildliches geleistet. Die deutsche Orthodoxie muß den Ostjuden behilflich sein, aber sie darf nicht als W 0 h l t ä t e r i n auftreten, sondern als Juden, die sich durch die gemeinsame große Gefahr verbunden wissen. Nur dann wird es ihnen möglich sein, die vorbildlichen Eigenschaften der Ostjuden kennen zu lernen und sie auch danach einzuschätzen. Die gesamte deutsche Orthodoxie muß nicht nur diese gesellschaftlichen Gegensätze, sondern auch die sozialen Gegensätze Überdrücken, In der Oeffentlichkeit muß sowohl durch die Rabbonim als auch durch führende Gemeindevorsteher, Propaganda für den Handwerkerberuf gemacht werden, obgleich wir wissen, wie schwierig es momentan ist, Praktisches in dieser Frage zu leisten, aber eine erzieherische V 0 r a r- . . ." Aehnlich Julius Hirsch in seinem „Buch Jesaja": „Im Leben draußen soll sich die veredelnde, sittigende Wirkung eures Tempellebens segensreich betätigen. Allein der im Tempel im Stier-Opfer die Hingebung seiner vollen Tatkraft an den Dienst G'ttes ausspricht . . ., der mißbraucht im Leben des Verkehrs eben diese Tatkraft, um Menschen weh zu tun, sie zu verderben. In G'ttesheiligtum unterstellt man durch Darbringung des Lammes als Mahlopfer als „Lamm" sich der g'ttlichen Leitung, . . . aber auf dem Markte des Lebens, auf der Gaffe artet man aus, ist gieriger als der Hund in schamloser Sucht nach Lebensgenuß . . ." Einen eigenen Weg geht Wolf Feilchenfeld in seiner exegetischen Studie „Die jüdischen Gegner der Heimkehr und des Tempelbaus unter Cyrus", die in der „Jubelschrist zum siebzigsten Geburtstag Israel Hildesheimers" erschien. Feilchenfeld setzt sich zunächst mit den bisherigen Kommentatoren auseinander und sagt: „Einige Erklärer — Jbn Esra u. A. — meinen, die dem Herrn Opfernden haben neben den vorgeschriebenen Opfern auch Menschen erschlagen und Hunde geopfert, und zwar sei dies noch zur Zeit des ersten Tempels geschehen . . . Gesenius, Delitzsch u. A. erblicken in dem Verse eine an die Heimkehrenden gerichtete Mahnung, daß Opfer ohne die rechte Gesinnung G'tt so verhaßt seien, äiie usw. . . . Gegen alle bisherigen Erklärungsversuche aber ist der Einwand zu erheben, daß die einzelnen Versglieder in unlogischer Reihenfolge erscheinen. Denn mögen die Hundeopfer Ad. besonders mißfällig sein, weil nach Deut. 23, 19 . . . des Hundes Kaufpreis als ein vom Herrn verabscheutes Opfer bezeichnet wird, so durfte doch nicht das Hundewürgen ... nach dem Morde eines Menschen genannt werden . . ." Feilchenfeld legt nun seinerseits dar, daß die beiden letzten Kapitel der jesajanischen, die Befreiung aus dem babylonischen Exil vorausverkündender Weissagungen sich ans abtrünnige Juden : beit ist notwendig. (Wir verweisen in diesem Zusammenhänge auf die Gedankengänge eines Nathan Birnbaum und auf die Forderung des : Gerrer Rebben auf der zweiten Kenefsio Gedaulo, ' Handwerker-schicken zu schaffen.) Trotz, des nrw ' werden sich bei einer Zusammenarbeit mit anderen Wohlfahrtsorganisationen, bei geschickter Verhandlung Lehrmöglichkeiten finden lassen. Neben den Lehrmöglichkeiten bei einzelnen Meistern (insbesondere bei solchen, die von Juden abhängig sind), müßten auch Lehrwerkstätten, wie die des ,,O. R. T." gegründet werden. Die „Ort"-Organisation zieht jährlich große Summen aus Deutschland heraus, um im. Osten die Jugend zu Handwerkern auszubilden. Heute haben wir auch in Deutschland eine große „ostjüdische" Jugend, die zu Handwerkern ausgebildet werden muß und könnte. »izr pmij? Die gesammelten Gelder müßten vor allem in Deutschland verwandt werden. Wir wollen hier gewiß nichts Polemisches gegen den „Ort" sagen, aber die Not zwingt uns, zu rationalen Wirtschaftsmaßnahmen, und die Rettung, der in Deutschland lebenden ostjüdischen Jugend ist fast zu einer Frage der Selbsterhaltung der Gesamt- Orthodoxie in Deutschland geworden. Darum meinen wir, es wäre das Beste, in jeder größeren Gemeinde solche Lehrwerkstätten einzurichten, die im Kleinen beginnend, sich allmählich entwickeln und begeisterten Anhang finden werden. Die Vorbedingungen für die berufliche Umstellung sind heute in jeder Hinsicht günstig. Infolge des katastrophalen Niederganges des Handelsberufes sehen auch die Eltern ein, daß ihre Kinder im Handwerksberuf eine sicherere Zukunft haben werden, als im Handel. Leider ist es ihnen trotz aller Mühe nur selten möglich, nnw freie Stellen zu finden. In diesem geeigneten Moment müssen wir alles Denkbare anwenden, um dies zu ermöglichen, zumal auch viele deutsche orthodoxe Eltern zu dieser Erkenntnis gekommen sind, ihre Kinder einen Handwerksberuf ergreifen zu lassen. Sehr dringend wäre eine Zusammenarbeit aller ostjüdischen Talmud-Thoras, sowohl der Lehrer als auch der Vorsteher, um unter Hinzuziehung von prominenten Persönlichkeiten und Fachleuten aus dem deutschen Kreis, über derartige Erziehungsfragen zu beraten. Diese Konferenz könnte der „Keren Hathauroh" einberufen, der bei den Ostjuden viel Segensreiches gewirkt hat und darum bei ihnen große Anerkennung, findet. Hier liegt die große Linie des „Keren Hathauroh", wirksame Erziehungsarbeit zu leisten, die über den Tag und die Stunde hinaus, einer ganzen Generation einen Weg weisen könnte. beziehen, welche der Heimkehr abgeneigt waren und der Wiederherstellung des Tempels Widerstand entgegensetzten. Die Anschauungen und Gewohnheiten dieser abtrünnigen Juden seien aus den Kultusvorschriften der Zendreligion zu erklären, deren jüdische Anhänger den Medopersern durch ihr Tun zu gefallen gesucht hätten. Feilchenfeld legt nun unfern Satz diesen abtrünnigen Juden in den Mund, welche gegen den Tempelbau feindselig gesinnt gewesen und gegen den Opferdienst aufgetreten seien. Allein so geistreich und originell auch diese Erklärung ist, so dürfte sie doch kaum befriedigen. Ich möchte nun eine neue Erklärung des Satzes bieten, indem ich von Hinweisen der mündlichen Lehre ausgehe, die meines Erachtens ein Licht auf unsere Stelle zu werfen geeignet sind. Wie ich glaube, ist die Konstruktion des Satzes anders aufzufassen als allgemein angenommen wird. Ich übersetze v'rr na» mvn vmv „Man schlachtet den Stier, der einen Menschen getötet hat." Es handelt sich um eine gesetzwidrige Opferdarbringung. Nach Sifra zu Lev. 1,2, Temura 28 b war ein Tier, das einen Menschen getötet hat, zum Opfer verboten. Vgl. auch Ex. 31, 28. Hinsichtlich 2^2 yms npn mu verweise ich auf Mischna Temura 30a, wo es heißt: 2^2 nnn nr nVü "pinn ii'2nilö’Kfi 2^2 imv infSiT Nach dieser ffllifdftta ist ßunbeprets (Deut. 23, 19) das Lamm, das man für einen Hund eingetauscht hat. Nun hat der Stamm wie aus Gesenius Handwörterbuch, Stichwort 2-iv I zu ersehen ist, im Semitischen auch die Bedeutung „wechseln" ( NJsny Kleingeld). Ich übersetze daher: „Man opfert ein Lamm, das der Tauschpreis eines Hundes ist." Der Prophet geißelt hier die ungesetzliche Darbringung eines 2^2 vn» (Deut. 23, 19). Meines Erachtens erhält so die Stelle einen befriedigenden Sinn.

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