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Der Israelit · 1931-11-05 · Heft 45 (5.11.1931) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 45 (5.11.1931)
Date
1931-11-05
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Seite 8 Nr. 45 Der Jsraelit 5. November 1931:. Dezernat des Schächtwesens sowie den Vorsitz im Ritualausschuß, wobei er in dem streng konservativen Gemeinderabbiner Dr. M. Hoffmann und dem neugewählten Dajan, Rabbiner Wassermann, einen starken Rückhalt hat. Die Wahl des Letzteren, unmittelbare Folge der neuen Zusammensetzung des Vorstandes, darf jetzt schon als eine überaus glückliche bezeichnet werden. Auch in sozialer Hinsicht konnte man durch Abbau des Fleischpreises Ersprießliches leisten- Wenn auch gewisse Forderungen, insbesondere die Subvention der jüdischen höheren Schule, noch nicht ganz erfüllt sind (es konnte in diesem Etatsjahre nur eine Erhöhung auf 8000 Mk. durchgesetzt werden), so liegt es natürlich nicht zuletzt an den mißlichen wirtschaftlichen Verhältnissen, unter denen auch Breslau zu leiden hat. Die jüdische Schule hat sich in den zwölf Jahren ihres Bestehens als einer der. bedeutendsten Faktoren des Gemeindelebens entwickelt. Mt: Budget von 100.000- Mk. wird in der Hauptsache vom Keinen! Kreise der Jn-i teressenten mit größter Opferwilligreit ausgebracht, srM lich sind es auch viele Liberale, die sich der Bedeutung der jüdischen Schule nicht mehr entziehen können: Nahezu 500 Kinder werden an den beiden 'Wischen Schulen (Volksschule und Reform-Realgymnasium) unterrichtet. Der gute Geist dieses Schulwerkes macht sich jetzt schon in der Breslauer jüdischen Jugend bemerkbar. Die Schule fand neulich bei Anlaß einer Besichtigung die rückhaltlose Anerkennung des Provinzigsschuskollegiunis. 3}er jüdische Schulverein hat in diesem Jahre ein eigenes Grundstück erworben und ist zur Zeit mit dem Ausbau eines modern eingerichteten Physiksaales beschäftigt. Für das neue Schuljahr liegen bereits etwa 70 neue Anmeldungen für die unterste Volksschulklasse und über 50 für die Sexta des Gymnasiums vor. Hier bereitet sich unverkennbar eine Renaissance der Breslauer Judenheit vor. Der Schulverein und dessen Kuratorium, insbeson-! dere sein unermüdlicher Vorsitzender, Herr Rabbiner Dr. Simonson, haben sich den Dank der deutschen Judenheit über Breslau hinaus erworben. - Schweiz. Der Attsrachi in der Schweiz folgt dem Beispiel des deutschen TMsrachi. Zürich, 1. November. Die Führer der Misrachi-Landesorganisation für die Schweiz versammelten sich letzte Woche in Zürich zu einer dringenden Sitzung, um zu den Ereignissen im Weltmisrachi, welche zum Austritt der deutschen Misrachi-Landesorganisation aus der Misrachi-Weltorganisation geführt haben, Stellung zu nehmen. In der über die Sitzung herausgegebenen Mitteilung heißt es: „Wenn auch das Ergebnis des kommenden Delegiertentages nicht mit Sicherheit vorausgesagt werden kann, so kann man doch heute schon konstatieren, daß die Neigung besteht, dem Beispiel des deutschen Misrachi zu folgen und aus der jetzigen Misrachi- Weltorganisation auszutreten. Auf alle Fälle wurde jetzt schon beschlossen, keine Beiträge für den Misrachifonds zu leisten, sondern die Beträge einem aus führenden Mitgliedern der Opposition bestehenden Komitee in Jerusalem zur Verfügung zu stellen." Polen. Der Vildungszenfus für die polnischen Rabbiner. Wilna, 3. November. Die Frage des B i l d u n g s z e n s u s für die Rabbiner darf für Z e n t r a l l i t a u e n als erledigt betrachtet werden. Alle Rabbiner, die das Alter von 40 Jahren noch nicht überschritten haben, müssen sich gemäß den Vorschriften einer Prüfung in der polnischen Sprache unterziehen. Ausnahmen werden für diese Altersklasse nicht bewilligt. Rabbiner im Alter zwischen 40 und 50 Jahren erhalten ein Jahr Frist und können in dieser Zeit auf Grund einer nachgesuchten Bewilligung inzwischen ihre rabbinischen Funktionen ausüben. Rabbiner, die das 50. Lebensjahr überschritten haben und mindestens zehn Jahre im Amte sind, können mittels eines Gesuches vom Examen ganz dispensiert werden. Veranlaßt durch diese amtliche Bekanntmachung, bringen die orthodoxen Zeitungen noch einmal eine Warnung an alle jungen Rabbiner, sich nicht um Stellen zu bewerben, die andere, von der Behörde nicht genehmigte Rabbiner inne haben. Die Warnung ist unterschrieben vom „Chosez Chajim" und von Rabbi Chajim Osser Grodzenski. Skandalszenen in der kehillaverwaltung. — Unerhörter AeberfaU auf die orthodoxen Ratmänner. Warschau, 2. November. Der antzesammelte Groll bei den Zionisten über den orthodoxen Sieg in der Verwaltung entlud sich in der Sitzung von Sonntag in skandalösen Tumulten, bei denen es blutige Schlägereien gab. Die zionistische Minderheit stellte in Bezug auf hie Besetzung wichtiger Kehillaämter weitgehende Forderungen,, auf die der Vorstand gar nicht eingehen konnte. Kaum hatte der Präses, Herr Masur, die Sitzung, eröffnet, ergriff der Führer der zionistischen Opposition, Herr Cllenberg, das Wort zu einer langen'Obstruktionsrede. Seine Freunde sekundierten ihm. Die Vorschläge der Zionisten werden mit acht Stimmen gegenffechs abgelehnt. Wieder setzten stundenlange Öbstruktionsreden der Zionisten ein. Herr Ellenhrrg schlägt vor, vön der Wahl der Sektionen übekyauMWusehen und' die einzelnen Ressorts in die Hände; Met Deputiss,rteu,zu legen. Als man nach weiterer Abstimmung, üllör diese Anträge zur Ordnung übergehen wölkte, ergriff der aufgeregte Ellenberg einen Stuhl und warf ihn auf den Boden. Das war ein Signal, denn in diesem Augenblick stürzte eine ganze Gruppe zionistischer Ratmänner in den Saal und warf sich mit wüstem Geschrei.,.auf die orthodoxen Vorsteher. Es entstand eiste' Schlägerei mit Stuhlbeinen und Gläsern. Die orthodoxen Ratmänner konnten im ersten Augenblick, verblüfft wie sie waren, keine Gegenwehr leisten. Ein zerbrochenes Glas, geworfen von Dr. Zinemann, traf den Präses Masur ins" Gesicht. Masur, der bis dahin mustergültige Ruhe bewahrt hatte, rief jetzt: . „Rasch die Sanität, ich:bin verwundet. Die Sitzung muß unterbrächen werden!" Die Rettungswache war nach wenigen Minuten am Platze und leistete dem stark blutenden Präses die erste Hilfe. Wie man hört, ist fein linkes Auge gefährdet. Nach diesem furchtbaren Schauspiel trat einige Ruhe ein. Die Zionisten hatten noch den traurigen Mut, sich beim Präsidenten zu entschuldigen. Der Zentralrat der Agudas Jisroel, der zur gleichen Zeit im Agudalokal seine Sitzung abhielt, faßte, als die Kunde; dieser unerhörten Vorgänge zu ihm gelangte, eine Protestresolution. Der Eindruck in Warschau und in ganz Polen ist erschütternd. Lernberger Brief. Lemberg, 3. November. Die religiösen Akademiker haben sich zu einer Organisation zusammengetan. Auf dem Programm der neuen Verbindung steht: Die Verpflanzung des Thorageistes in die Unloersitätsmauern, wo jüdische Jugend erzogen wird. Die ersten Versammlungen und Referate ind vielversprechend. Einen großen Verlust erlitt Lemberg und das galizifche Judentum mit dem Tode von Dr. M. W a n d e r, einem der bedeutendsten Agudaführer in Ostgalizien. Die während des Krieges von ihm entfaltete soziale Tätigkeit und gegründeten Institutionen werden seinen Namen lebendig erhalten. Die Mitglieder des A. C. der Agudas Jisroel in Galizien waren bei der Bestattung vollzählig vertreten. \ Tschechoslowakei. Aus der Prehburger Jeschiwah. Bratislava, 2. November. Aus Anlaß des Jahrzeitstages des v"nnn pa fand sich eine große Anzahl gewesener „Talmidim" der Preßburger nain na*»», darunter mehrerer bedeutende ewm ein. Bei dieser Gelegenheit wurde unter Vorsitz des Herrn Oberrabbiner Schreiber eine eingehende Beratung über laufende Angelegenheiten der „Jeschiwa", insbesondere aber die Frage der Realisierung des langgehegten Planes des ehrw. Jeschiwaleiters «"vHp pxm pa betreffs Aufbaues eines Internates für die Bachurim gepflogen. Der Herr Oberrabbiner schildert in ausführlicher Weife die eminente Wichtigkeit eines „Jefchiwoheimes", welches infolge der gegenwärtig herrschenden Verhältnisse zur faktischen Lebensnotwendigkeit der Jeschiwo wurde. Ferner machte er die Mitteilung, daß der bereits seit Jahren für diesen Zweck von der Stadtgemeinde erworben, in der allernächsten Nähe befindliche, daher sehr geeignete, wertvolle Baugrund im Sinne eines Stadtratsbeschluffes, im Falle eines weiteren Bauaufschubs der Jeschiwo entzogen werden könnte. Laut genanntem Beschluß muh der Bau spätestens Ende des kommenden Jahres fertiggestellt sein .Im Lause der Besprechung, ergab sich auf Grund des Tatbestandes die ungeteilte Ansicht, unverzüglich eine großzügige und tatkräftige.Aktion einzuleiten, um hierdurch die nicht unbedeutenden nötigen Hilfsmittel raschest herbeizuschassen. Es wurde daher im Einvernehmen mit ptun p» der Beschluß gefaßt, sofort an alle Talmidim heranzutreten, daß sie durch entsprechende Mitarbeit dieses große Werk zu seiner baldigen Vollendung ^nya bringen mögen. Schon der Tag, an welchem dieser Beschluß erbracht wurde, läßt mit Sicherheit erwarten, daß alle »aniNt rnm zur Verwirklichung dieses edlen Zieles im vollstem Matze beitragen werden. '! ■ __ . ,v; Lettland. (Sin jüdischer Rationolmk in Lekland?;;; Riga, 2. November-; Die bei den' letzten Wahlen durchgesallenM ziottfftlschen und liberalen Politiker suchen sich eine neue Position miteinem jüdisch-en NatiönctTrat zu schaffen. Zn einer Sitzung aller jüdischen politischen Parteien und. Organisationen erklärte Dr. Nurok, man könne es nicht zulassen, daß die kleine jüdische Vertretung im Sejm auf eigene Faust handele, es müsse ihr ein Jüdischer Nationalrat beigestellt oder übergeordnet sein. Mit einem Worte: Da die jüdischen Wähler' die Herren als Männet ihres Vertrauens' 'Nicht'- mehr ins Parlament geschickt haben, wollen sich diese aus eigener Machtvollkommenheit zu einer Art Oberbehörds der Jüdischen Fraktion ausspielen. Der Vorsitzende der Aguda, Deputierter S. Witenberg, verlas darauf eine Deklaration der jüdischen Vertreter im Sejm, wonach diese ihre ganze Kraft dareinfetzen wollen, die wirtschaftliche Not der jüdischen Massen zu lindern. In der Politik wird die Jüdische Fraktion eine Taktik verfolgen, die über allen Parteizank hinaus das jüdische Recht und die jüdischen Positionen sichern soll. Alle politischen Kämpfe seien jetzt eingestellt, darum muß sich die Aguda und die Sejmfraktion gegen den Plan des JüdischenNationalrates aussprechen. Dagegen tritt die AgUda für die Schaffung eines Wirtschaftlichen Rates ein, der der jüdischen Sejmfraktion bei der Vertretung der jüdischen Wirtschaftsintereffen beratend zur Seite stehen soll. Die Erklärung schließt mit einem Appell zum Frieden. Auf weitere Debatte über den Nationalrat geht der agudistische Deputierte nicht ein. Nach dieser Haltung der Aguda und der jüdischen Deputierten im Sejm wird natürlich dem Nationalrat, sollte er wirklich zustande kommen, jede Autorität und Bedeutung abgehen. Italien. Empfang eines Rabbiners beim Papst. Rom, 2. November. Papst Pius XI. hat vorige Woche den Oberrabbiner von Mailand, Da Fano, in Privataudienz empfangen. Die Unterhaltung dauerte etwa eine halbe Stunde und erstreckte sich auf verschiedene aktuelle Fragen. Rabbiner Da Fano war, als der jetzige Papst noch als Erzbischof in Mailand lebte, dessen Lehrer in der hebräischen Sprache. Das neue englische Anterhaus. London, 1. November. Bei den am Dienstag, den 27. Oktober, in England durchgeführten Wahlen zum Unterhaus wurden auch 16 Juden gewählt. Dem früheren Unterhaus gehörten 15 Juden an. Die jetzigen jüdischen Parlamentarier gehören alle der Koalition der Nationalen Regierung an. Von den auf der Liste der L a b o u r Party kandidierenden Juden wurde keiner gewählt. Hoch eingeschätzt wird der moralische Erfolg Sir Herbert Samuels, Ministers des Innern und Führers der National-Liberalen Partei, der mit einer in seinem Wahlbezirk noch nicht dagewesenen Majorität von 4287 Stimmen gegen den ihm entgegengestellten einflußreichen konservativen Kandidaten gewählt wurde. Auf konservativer Seite wurden u. a. wiedergewählt der frühere konservative Minister A. M. Samuel, Samuel Samuel (Bruder des verstorbenen Lord Bearsted) und Sir Philip S a s s o o n.

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