Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 45 (5.11.1931)
- Date
- 1931-11-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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5. November 1931 Der Israelit Nr. 45 Seite 7 bringen, zu schonen. Auf seinen Anruf hin war die erste Polizeiabteilung auf den Platz gekommen. Trotz des Protestes der Verteidiger wird Dr. Apfel vereidigt. Rechtsanwalt Dr. M ö h r r n g, der kein Jude ist und, wie er sagte, den Nationalsozialisten nicht ganz ferne steht, wurde an dem Abend auf dem Kurfürstendamm schwer mißhandelt. Seine Aussagen decken sich mit den Schilderungen von Dr. Apfel. Der Vorgang war überall gleich. Einer rempelte die Leute an, und wenn sie Antwort gaben, ertönte eine Trillerpfeife, worauf ein ganzer Trupp herbeieilte. Möhring wurde bis zur Bewußtlosigkeit geschlagen. Dem Cafetier R e i m a n n, dessen Lokal demoliert wurde, ging es ganz ähnlich. Alle Zeugen, Juden wie Nichtjuden, hatten die feste Ueberzeugung, daß die Ueberfälle organisiert waren und unter Befehl standen. In der Verhandlung vom Samstag sagte eine große Reihe von Zeugen aus, daß sie genau beobachten konnten, wie alle Befehle von Helldorf und Brandt ausgingen. Besonders sah der Kaufmann Detterding, ebenso dessen Bruder, ein Student, die in einem Auto dahersuhren, wie dauernd Ordonnanzen zu Helldorf eilten, sich Befehle holten, Meldungen erstatteten und weiter gaben Ein Restaurateur und ein Kellner sagten aus, daß sich am Sonntag nach den Krawallen Teilnehmer in ihrem.Lokale selber rühmten, bei den verabredeten Ueberfällen mitgemacht zu haben. Für die Verhandlung am Montag war der „Angriffs-Redakteur Dr. Goebbels als Zeuge geladen. Er erschien aber nicht. Weitere Zeugen schildern, wie sie mißhandelt wurden. Andere, Teilnehmer an den Ausschreitungen, bestreiten, von einer höheren Stelle dirigiert worden zu sein. In der weiteren Verhandlung bekundet Kriminalkommissar Feiste! über eine Besprechung, die schon Anfang Dezember zwischen D. Goebbels und Graf Helldorf bezüglich einer Demonstration am jüdischen Neujahrstag stattgefunden hat. Es war zuerst geplant, nur Erwerbslose dahin zu schicken,, doch beschloß man später, auch S. A.-Leute aus allen Berliner Stürmen mitziehen zu lassen. Alle anderen Veranstaltungen wurden für den Neujahrsabend aus diesem Grunde abgesagt. Die Führer in Autos und auf Motorrädern wurden genau bestimmt. Der Kriminalkommissar hat auch in Erfahrung gebracht, daß am 2. Oktober genaue Weisungen für das Verhalten der Angeklagten und Zeugen bei dem Prozesse gegeben worden sind. Berufsumschichtung. Berlin, 2. November. Herr Dr. Nathan Birnbaum (Berlin-Charlottenburg 4, Sybelstraße 35. —■ Tel. C 2, Bleibtreu 3133) schreibt uns: Angesichts der katastrophalen wirtschaftlichen Lage der Allgemeinheit und der besonderen Schwierigkeiten, denen die jüdische Bevölkerung gegenübersteht, wird in der deutschen Judenheit immer mehr die Notwendigkeit der Berufsumschichtung, und namentlich einer stärkeren Hinwendung zur Landwirtschaft erkannt. Auch in überlieferungstreuen Kreisen verschließt man sich dieser Erkenntnis nicht, nur daß sich hier die ohnehin nicht leichte Aufgabe noch dadurch kompliziert, daß der zur Landwirtschaft Uebergehende auch in seinem neuen Berufe die Möglichkeit, dem Religionsgesetze gemäßer Lebensführung behalten muß. Um so dringlicher erscheint es, vor allem festzustellen, einerseits, mit welchen und wie gearteten für Ueberlieferungstreue geeigneten Gelegenheiten für selbständige Siedlung, landwirtschaftliche Anstellungen und Lehrstellen gegenwärtig zu rechnen ist; andererseits, wieviele und wie qualifizierte überlieferungstreue Kräfte es derzeit gibt, die geneigt und fähig sind, zur Landwirtschaft überzugehen. Jnbezug auf das erste Erfordernis sind Erhebungen im Gange. Im Sinne des zweiten Erfordernisses wende ich mich hiermit — in Vertretung der Agudas Jisroel-Landesorganisation in Deutschland, in besonderem Aufträge namhafter überlieserungstreuer Persönlichkeiten und als Vorsitzender der Aulim-Gemeinschaft — mit der Bitte an jene Ueberlieferungs'- treuen, die den Wunsch haben, sich dem landwirtschaftlichen Berufe zu widmen, daß sie mir. Namen, Adresse, Alter, Bildungsgang, bisherige Beschäftigung und außerdem noch Mitteilen, an welchen Zweig der Landwirtschaft (Feldbau, Gartenbau usw.) sie denken, für welche Art der Betätigung (selbständige Siedlung, Anstellung, Lehre) sie in Betracht kommen und, wenn selbständige Siedlung Die Woche. Berlin. Unter dem Motto „Ihr sollt den Frieden lieben!" fand eine große Kundgebung der Jüdischen' Friedensorganisationen in den Union-Festsälen zu Berlin statt. Das Hauptreferat des Rabbiners Dr. W e y l galt dem Gedanken, daß die Wurzel der Kriege im Fremdenhaß zu suchen ist. Darmsiadk. In einem Amtsschreiben an die Kreisämter und Polizeiämter weist Innenminister L e u f ch - n e r darauf hin, daß die friedliche religiöse Betätigung wiederholt gefährdet und gestört worden sei. Hierher gehöre auch die aufs schwerste zu verurteilende antisemitische Verhetzung. Diesem Treiben sei mit allen Mitteln tatkräftig entgegenzuwirken, wozu die Verordnungen durchaus geeignete Handhaben bieten. Die Uebung religiöser und konfessioneller Ueberzeugungen im Rahmen der christlichen Kirchen wie der jüdischen Religion, nanentlich an Sonn- und Feiertagen, müsse in jeder möglichen Weise geschützt werden. Wien. Baron Louis de Rothschild, Präsident der Oesterreichischen Kreditanstalt, hat den Ministerpräsidenten Dr. Buresch gebeten, ihn mit Hinblick aus die antisemitische Hetze gegen ihn seines Amtes als Präsident der Kreditanstalt zu entheben. Der Ministerpräsident erklärte, die Demission Rothschilds nicht annehmen zu können, und versicherte, daß die Re- I gierung es nicht dulden wird, daß der Arbeit Baron Louis Rothschilds als Präsidenten der Kreditanstalt Schwierigkeiten in den Weg gelegt werden. Bern. Bei den Wahlen zum schweizerischen N a t i o n a l r a t (Parlament) wurden zwei jüdische Sozialdemokraten, Rechtsanwalt Dr. David F a r b st e i n, Zürich und Rechtsanwalt Dicker, Genf wiedergewählt. Für den Kandidaten einer antisemitischen Gruppe in Genf wurden nur wenige Stimmen abgegeben. Rom. Der italienische Kronprinz Umberto wohnte am vergangenen Freitagabend dem G'ttesdienst in der Synagoge zu Turin bei. Die etwa 5000 Personen starke jüdische Bevölkerung von Turin war faß vollzählig in der Synagoge versammelt und bereitete dem Kronprinzen einen begeisterten Empfang. Riga. Das Jiddische Wissenschaftliche Institut in Wilna hat sich an den Internationalen Post-Verband in Bern mit dem Ersuchen gewandt, die jiddische Sprache in die Liste der im internationalen Postverkehr zugelassenen Sprachen aufzunehmen. Der Post-Verband erwiderte, eine Zulassung von Jiddisch könnte nur dann in Erwägung gezogen werden, wenn das Ersuchen von einer Staatsregierung käme. Wie aus Reval gemeldet wird, zeigt sich die Regierung Estlands geneigt, in dieser Angelegenheit die Initiative zu ergreifen. Bukarest. In einer der letzten Nächte Haben unbekannte Täter den jüdischen Friedhof in der rumänischtschechoslowakischen Grenz st adt Halmeiu (Departement Maramures) geschändet. Es wurden neun Grabsteine umgeworfen und teilweise zertrümmert; außerdem wurde versucht, ein Grab zu öffnen. Warschau. Eine Gruppe extrem-liberalen Juden Warschaus hat sich zu einer G. m. b. H. zusammengeschlossen, deren Zweck es ist, in Warschau eine Reform- Gemeinde zu gründen und eine Reform- Synagoge zu erbauen, in der der G'ttesdienst (mit Frauenchor) anstatt an Sabbattagen an Sonntagen stattfinden wird. Andere Sorgen haben die Herren nicht, in einer Zeit, da Hunderttausende hungern. Krakau. Infolge schwerer antisemitischer Unruhen beschloß der Senat der Krakauer Universität, die Universität für unbestimmte Zeit zu schließen und eine Disziplinarkommission zur Bestrafung der Rädelsführer der Unruhen einzusetzen. Tunis. Studenten der Landwirtschaftsschule in Tunis veranstalteten in den letzten Tagen zweimal Judenexzesse. Mit den Rusen „Nieder mit den Juden!" schlugen sie in den Straßen jüdische Passanten nieder. Bei Beginn der zweiten antisemitischen Kundgebung organisierte jüdische Jugend eine Selbstverteidigung, die die Demonstranten in Schach hielten, bis Polizei eintraf und mehrere der Studentenhuligans verhaftete. Rewyork. Herr Felix M. Marburg hat für den diesjährigen Fonds der Föderation philanthropischer Vereinigungen Newyorks eine Summe von 75.000 Dollars gespendet. Die Föderation hat sich zum Ziel gesetzt, in diesem Jahre 2.230.000 Dollar für das jüdische Wohlfahrtswerk auszubringen. angestrebt wird, welchen Betrag sie aufwenden können. Daß mit dieser Aufforderung keinerlei Verpflichtung gegenüber den sich Meldenden übernommen wird, ist selbstverständlich. Oldenburgischer Landtag lehnt Schächtverbot ab. Berlin, 4. November. Wie uns die Reichszentrale für Schächtangelegenheiten mitteilt, ist am heutigen Tage im Oldenburgifchen Landtag ein Schächtverbot abgelehnt worden. Dem Landtag hatte ein Antrag von nationalsozialistischer Seite Vorgelegen. Die in der bisherigen Bestimmung des Staatsministeriums ausdrücklich festgelegten Genehmigung des rituellen Schlachtverfahrens (Schächtens) auszuheben. Welchen Motiven dieser Antrag entspringt, beweist die Tatsache, daß eine gleichzeitige Aendernng des in derselben Bestimmung vorgesehenen Betäubungszwanges mittels Kopfschlag eben so wenig wie in Bayern beantragt wurde, obwohl beim Kopfschlag anerkanntermaßen unerhörte Grausamkeiten durch wiederholte Fehlschläge Vorkommen. Der Antrag auf Einführung des Schächtverbots wurde mit den Stimmen der sozialdemokratischen, Zentrums- und kommunistischen Abgeordneten abgelehnt. Selbsthilfe der jüdischen Studenten. Berlin, 1. November. Eine Reihe jüdischer Studentenoereinigungen in Berlin erläßt den folgenden Aufruf an die jüdische Oeffentlichkeit: „In wenigen Tagen beginnt das Wintersemester der .Universität und der übrigen Berliner Hochschulen. Hunderte von jüdischen Studenten stehen vor der schwerwiegenden Entscheidung, ihr Studium abbrechen zu müssen, weil sie die Kosten nicht mehr aufbringen können. Die Unterstützungsfonds sind erschöpft, die Verdienstmöglichkeiten minimal. In Erkenntnis dieser Dinge haben sich die Unterzeichneten jüdischen Studentenorganisationen aller Richtungen zusammengefunden, um mit der Unterstützung der Jüdischen Gemeinde durch die Organisierung einer S e l b st h i l f e eine Rettungsaktion für das jüdische Akademikertum durchzuführen. Wir wenden uns an die jüdische Oeffentlichkeit: Helft uns mit in diesen Zeiten der furchtbaren Not, das jüdische Akademikertum zu erhalten! Es geht um die geistige Zukunft des Judentums! Durch genaue Prüfung in einzelnen Fachausschüssen wird Sorge getragen, daß nur begabte und würdige, besonders in höheren Semestern stehende Studenten unterstützt werden. — lieber 200 Anträge sind schon bei der Jüdischen Studentenhllfe eingelaufen, darunter von hochbegabten und von allen Seiten empfohlenen Studenten, die alle abgelehnt werden müssen, weil keine Mittel mehr vorhanden sind. Darum helft, und helft rasch! Nachhilfestunden und andere Erwerbsmöglichkeiten meldet dem Jüdischen Arbeitsnachweis Abt. f. Studenten, Lindenstr. 48/50, Telefon: Donh. 307. Freitische meldet der Jüdischen Studentenhilfe, Berlin C. 2, Rosenstr. 2/4, Norden 6711. Einzahlungen sind erbeten auf das Postscheckkonto: Wohlfahrtsamt der Jüdischen Gemeinde Nr. 29 640 mit Sondervermerk auf dem Postabschnitt: „Für Jüdische Studentenhilfe". Der Aufruf ist von sämtlichen jüdisch-akademisch Verbindungen in Berlin unterzeichnet, u. vaauch vom „Bunde Jüdischer Akademiker", der V. I. A. und dem „Bachurimvereine am Rabbinerseminar". Breslauer Brief. V r e s la u, 1. November. Zu der Mitteilung des „Israelit" über die Verlängerung des Kompromisses in der Gemeinde ist ergänzend noch folgendes zu berichten: Das bereits feit einem Jahre bestehende Kompromiß hat sich durchaus bewährt. Es zeigt sich wieder einmal, daß bei solcher Zusammenarbeit der stärkere derjenige ist, der, unabhängig von der numerischen Zahl, seine Interessen objektiv und überzeugend zu vertreten versteht. Von den sechs Parteien, aus denen sich die derzeitige Verwaltung der Breslauer Synagogengemeinde zusammensetzt, besitzt keine absolute Majorität. Als Novum zeigte und bewährte sich die Mitarbeit der Aguda, die, nachdem es ihr mit Hilfe der Konservativen gelungen war, einen der drei Gemeindevertretersitze zu erobern, nunmehr durch Herrn Dr. Wilhelm F r e y h a n auch im Vorstande vertreten ist. Dr. Freyhän übernahm zugleich mit dem Vorstandsfitz das i .1