Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1931-11-05 · Heft 45 (5.11.1931) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 45 (5.11.1931)
Date
1931-11-05
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2450652-2450696--78334-2536034
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 6 Nr. 45 ,^o\o SC HLES1CKY STRQHLEIN \ \ KAISERSTRASSE 27 __ lichen" Werte der nrchtjMsch-en und jüdischen Welt gezeigt werden. Die hier angeführten Beispiele sind nur herausgegriffene Proben, die sich gleich auf den ersten Seiten dem einigermaßen kundigen Leser sofort darbietn. Diese Verhandlung mit ihrem schmerzlichen Ergebnis hat aber auch eine innerjüdische Seite. Die tiefe Verschiedenheit zwischen überliefertem und liberalem Judentum war freilich nie ein Geheimnis. Sie ist ja in den jüdischen Zeitungen Deutschlands vor der ganzen Welt offen genug besprochen worden. Seit Jahrzehnten sind die Vertreter der gesetzestreuen Judenheit bemüßigt, vor hohen und höchsten Behörden auf diese Verschiedenheit hinzuweisen. Dennoch erfolgte eine entschiedene Ablehnung des Talmud und des Schulchan-Aruch in dieser Form, wie sie hier das Gericht zu einer der Grundlagen seines Urteiles gemacht hat, noch nicht. Eine Art von Neukaräismus ist hier geschaffen. Wie weit maßgebende Stellen des liberalen Judentums für diese Entwicklung, die als Denunziation des gesetzestreuen Teiles mißbraucht werden kann, verantwortlich gemacht wexden können, sei dahingestellt. Schon in dem „Stürmer"-Prozeß vor zwei Jahren waren Ansätze hierzu gemacht worden. Jeden- •fulls stehen wir vor der Tatsache, daß das gesetzestrtzUtz Judentum in Deutschland sich irgendwie die juristische Möglichkeit schaffen muß, die Ehre seines heiligen Ueberlieferungsgutes vor Gerichten wirkungsvoll zu vertreten. Ist der Talmud deswegen vogelfrei, weil ihn ein Teil der Judenheit ablehnt, dann muß der ihn als Quelle reiner Rechtlichkeit und Sittlichkeit, als Quelle seines religiösen Lebens ehrende Teil, eine öffentlich-rechtliche Körperschaft bilden, deren Lehren den Schutz des ß 166 genießen. Es muß die Welt über die Tatsache unterrichtet werden, daß der Talmud seine Bekenner dazu erzieht, sich von keinem Volke der Erde an Rechtlichkeit und Ehrlichkeit übertreffen zu lassen. ßsmrponOenre« - ßacbricbtcii. Deutsches Reich. Erbauliches aus der Berliner Grotzgemeinde. Berlin, 2. November. Die Repräsentantenoersammlung vom vergangenen Donnerstag ' war wohl eine der stürmischsten, die je stattfanden. Einziger Gegenstand der Tagesordnung war eine von der liberalen Fraktion eingebrachte Anfrage: „Sind dem Gemeindevorstand die Aeußerungen des Herrn Kareski in der zionistischen Kundgebung am 8. Oktober 1931 bekannt, und welche Schritte gedenkt er daraufhin zu unternehmen?" Die Interpellation wurde von dem Fraktionsvorsitzenden,, Herrn Dr. Fleischer, begründet. Er führte aus, daß die Liberalen durchaus keinen Zank und Streit wollten. Sie könnten aber nicht ruhig zusehen, wenn in Massenversammlungen Unrichtigkeiten und Unwahrheiten in verhetzender Weise in die Massen geschleudert werden. Nach einem kurzen Eingehen auf die Reden der Herren Alfred Berger und Prof. Löwe wendet sich der Redner zu den Ausführungen des Herrn Kareski. Dieser habe von den Vorstandsmitgliedern, feinen Kollegen, behauptet, daß sie der Unjüdischkeit am nächsten stehen: von der Liberalen Partei wurde gesagt, daß sie sich durch Beutemacherei und Stellenjägerei auszeichne; einem anderen liberalen Vorstandsmitglied wurde gar Schamlosigkeit vorgeworfen. Ein derartiges Treiben gefährdet nach Ansicht der Liberalen den Bestand der jüdischen Gemeinschaft. Es kommt hinzu, daß Herr Kareski auch bei sachlichen An¬ Der Israelit gaben nicht bei der Wahrheit geblieben sei. So habe er die Kosten des Revisionsberichtes mit Mk. 30.000 angegeben, währensie in Wirklichkeit nur halb soviel betrugen. Mit einer derartigen Persönlichkeit weiter zu arbeiten fei unmöglich. Man habe versucht, diese Auseinandersetzungen zu vermeiden, indem man Herrn Kareski aufforderte, fein Amt als Gemeindevorsteher vor Beginn dieser Sitzung niederzulegen.. Das fei nicht geschehen. Er müsse daher an die Volkspartei den Appell richten, durch Zurückziehung jenes Herrn aus dem Vorstande „die hemmungslose Agitation brutaler Fanatiker, wie sie sich in Herrn Kareski verkörpert, zu unterbinden." Vom Vorstandstisch gibt Herr Direktor Dr. Kleemann die Erklärung ab, daß die liberalen Mitglieder des Gemeindevorstandes in dessen vorhergegangener Sitzung gegen die unwahren und beleidigenden Anwürfe des Herrn Kareski schärfsten Protest erhoben haben. Die Verteidigung des Angegriffenen übernimmt der Führer der Zionisten in der Repräsentantenversammlung, Herr Dr. Klee. Er meint, die Unterlagen des Herrn Dr. Fleischer seien nicht in allen Teilen richtig. Aber selbst wenn Entgleisungen in der Rede des Herrn Kareski vorgekommen feien, so sei das doch nicht das Entscheidende. Auch die Liberalen haben sich ja formale Verstöße in vielen Fällen zu schulden kommen lassen, wobei der Redner eine Anzahl dieser Fälle, unter besonderer Hervorhebung der Verweigerung des Lehrstuhls an der Universität in Jerusalem, aussührte. Die Volkspartei werde von den Liberalen, seit diese die Mehrheit| hohen, vergewaltigt. Der Redner schließt mit einem Appell gn die Liberalen, einen ehrlichen Frieden zu machen. Der nächste Redner ist Herr Kareski selbst. Auch er beschwert sich über hie Ungenauigkeit der Berichte, aus die sich Herr Fleischer stützt. Den Vorwurf der Schamlosigkeit, den er gegen einen seiner liberalen Kollegen erhoben habe, nehme er mit dem Ausdruck des Bedauerns zurück. Wenn in seiner Rede manches übertrieben sei, so tue ihm das leid; man möge aber berücksichtigen, was für ihn, nach seiner langjährigen Arbeit für die Gemeinde, die ganze Situation in der neuen Legislatur- Periode bedeute. Sachlich müsse er dabei bleiben, daß der Gemeindevorstand gegen Recht und Gesetz, gegen Treu und Glauben verstoßen habe. Diesem Schluß der Kareski'schen Rede folgt ein lebhafter Protest seitens des Gemeindevorsitzenden, Herrn Dr. Kleemann, der erklärt, daß niemals Gesetz und Recht seitens des Gemeindevorstandes verletzt worden sind. Nach weiteren Reden von liberalen und zionistischer Seite kamen die folgenden von den Liberalen gestellten Resolutionen zur Annahme. 1. Das Mitglied des Gemeindevorstandes, Kareski, besitzt nicht das Vertrauen der Repräsentantenversammlung, da sein Verhalten in der öffentlichen Versammlung vom 8. Oktober mit seiner Tätigkeit als Gemeindevorsteher nicht vereinbar ist. 2. Die liberale Fraktion erwartet vom Gemeindevorstand, daß der Gemeindevorsteher Kareski mit keinem Dezernat mehr betraut und in keinen Ausschuß mehr entsandt wird. Sie erwartet ferner, daß Herrn Kareski nicht mehr Gelegenheit gegeben wird, in der Repräsentantenversammlung als Vertreter des Gemeindevorstandes das Wort zu ergreifen. Zu Protokoll genommen wurde ferner folgende Erklärung: Die liberale Fraktion erklärt, daß sie nicht mehr in der Lage ist, sachliche Erklärungen des Herrn Kareski entgegen zu nehmen. Die Volkspartei hatte sich vor der Abstimmung entfernt; die beiden Repräsentanten der Mittelpartei waren zu dieser Sitzung überhaupt nicht erschienen, da sie, wie sie in einem Briefe an den Vorsitzenden bemerken, an einer derartigen Versammlung nicht teilzunehmen wünschen. In den Ausführungen der zionistischen Redner trat immer wieder das Bestreben zutage, den entstandenen Konflikt als Folge des Widerstreites zweier entgegengesetzter Weltanschauungen erscheinen zu lassen. Das ist nicht der Fall. Nicht um den Zusammenprall entgegengesetzter Anschauungen handelt es sich hier, denn religiös ist Herr Kareski nicht weniger liberal als die Liberalen, sondern um die psychologischen Wirkungen 5. November 1931 des Uebergangs der Mehrheit in der Repräsentantenversammlung an die Liberalen. In der Zeit von 1927—1930 hatten es die Zionisten verstanden, trotzdem sie nur über ein Drittel der Mandate verfügten, mit Unterstützung der Konservativen und der Mittelpartei, die Führung der Berliner Gemeinde in ihre Hand zu nehmen. Ueber die Wünsche ihrer konservativen und mittelparteilichen Vundesgenossen schritten sie in der Regel hinweg. Bei Besetzung der Aemter trieb man ausgesprochene Parteipolitik. Der Etat schwoll zu unheimlicher Höhe an. Ueber all' diesem Tun schwebte ein unbegrenztes Machtbewuhtsein, das für alle Zukunft die Dauer der zionistischen Herrschaft in der Berliner Gemeinde als eine Selbstverständlichkeit ansah. So ging man leichten Herzens 1929 einen Kuhhandel mit den Liberalen ein, bei dem man einen Lehrstuhl an der Universität in Jerusalem und eine zionistische Schule eintauschte, gegen die Zusage, Neuwahlen statt 1933 bereits im Jahre 1930 vorzunehmen. Aber der Herrlichkeit machten die Wahlen des' Vorjahrs ein Ende. Hatten die Zionisten bis dahin alle wichtigen Dezernate inne, so war es nur folgerichtig, wenn die Liberalem jetzt das Gleiche taten und die zionistischen Vorsteherauf Bibliothek, Krankenhaus und ähnliche minderwichtige Obliegenheiten verwiesen. Wie einst die Grachen über Aufruhr, so klagen jetzt die Zionisten über Vergewaltigung. Da das den Gegner kalt läßt, kommt es zu lärmenden Protesten und verletzenden Ausfällen außerhalb der Repräsentantenversammlung, wie es am 8. Oktober in der Stadthalle der Fall war. Wie sich die Wahrung der konservativen Interessen bei diesem Streit zwischen Liberalen und^ Zionisten gestalten wird, läßt sich zur Stunde noch nicht sagen. In der Repräsentanz sind die Konservativen bekanntlich überhaupt nicht vertreten; im Vorstand sitzt, durch das Entgegenkommen der Liberalen, e i n Konservativer, unter 11 Mitgliedern; da bie Vorstandssitzungen nicht öffentlicher Natur sind, dringt über seine Verhandlungen selten eine Kunde nach außen. Von der Instanz, die vor allem berufen wäre, über die konservativen Interessen zu wachen, von dem „Verein zur Erhaltung des überlieferten Judentums", läßt sich nur sagen, daß er seit dem wenig rühmlichen Wahlasugang — also fast seit Jahr und Tag — keinerlei Lebenszeichen von sich gegeben hak. Aber — dem Gerechten gibt es der Herr im Schlafet (Die ganze Entwicklung ist ein glänzender Beweis für die Aktualität des Selbständigkeitsgedankens, der heute der einzige Hort eines wirklich traditionstreuen Judentums ist. Red.). Des Kurfürsiendocmm-Prozesses zweiter XeiL Berlin, 3. November. Bei der Vernehmung der Zeugen, in der Hauptsache Polizeioffiziere, drehte es sich um die Autos, von denen: aus Graf Helldorf und feine Freunde die Anweisungen an die Demonstranten gaben. Schon das Erscheinen dieser Autos, so sagten die Zeugen übereinstimmendaus, wirkten als Signal. Der Polizeileutnant Böhme,, der als erster auf dem Platze war, hat eine Reihe vom Beweisen dafür, daß die Demonstration von langer Handvorbereitet war. Es wurden Zettel verteilt, worauf zu lesen war: „Wo die Wagen erscheinen, da gibt es Klamauk". Die Nummern auf den Zetteln stimmten mit denen der Autos und Motorräder überein. Nach einer Pause am Mittwoch, wurden am Donnerstag die Vernehmungen fortgesetzt. Auch diese Vernehmungen ließen über den einheitlichen Charakter der Ausschreitungen keinen Zweifel. Der Rechtsanwalt Dr. Apfel konnte die Vorgänge vom Balkone seines Hauses von Anfang bis zu Ende genau beobachten. Er konnte auch genau sehen, wie aus dem großen Haufen, immer kleine Trupps junger Menschen dahin und dorthin dirigiert wurden. Einer hatte einen Schalltrichter vor dem Munde und brüllte: „Juda! . . .", woraus der Sprechchor einsetzte. Er sah, wie etwa 20 Mann über einen -jüdisch aussehenden Herrn herfielen, ihn zu Boden warfen und mit Füßen aus ihm herumtrampelten. Polizei griff zunächst nicht ein. Auf die Frage des Vorsitzenden, warum er sich nicht schon im ersten Prozeß, als Zeuge gemeldet hatte, sagte er, er wollte damals proletarische Angeklagte, ob von rechts oder links kommend, nicht belasten, jetzt aber habe er keinen Grund, die hochadeligen Führer und Verführer, die die armen Menschen ins Unglück stürzen und sich selber, in Sicherheit

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.