Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 44 (29.10.1931)
- Date
- 1931-10-29
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Mische Seelen. .Don Sckly Geis in Tel-Awiw. Ei Lif:' '' (Fortsetzung.) Als Salomon Blum am - anderen Morgen kurz nach Uhr aus der Synagoge zurück?- kehrte, sah erHWMnem Hauseschon einen Schühmacher aus GriWWden stehen. „Grüß G'tt, , Hannes,"' rief Vlum ihm zu: „Ihr scheint auch schon wieich-bei'Nacht aufgestanden zu-sM!" , u-:r - :: ,;Jch möchte nicht die Kirche versäumen. Nach der Kirche muß ich gleich mit einem Paar neuen Schuhen für den Herrn Oberförster anfangen, da sie bis morgen abend fertig sein sollen, — und deshalb bin ich so früh .gekommen. Ich brauche Sohlleder:.-.und Schäfte' dafür." . ■;i ‘ „Tretet ein; setzt euch gemütlich und trinkt erst einmal einen guten Branntwein! Ich will schnell sehen, ob meine Frau einen Imbiß dazu hat." Während Hannes das aufgewartete kleine Frühstück verzehrte, brachte Blum aus dem Lager die gewünschte Ware. Er wußte genau, was seine Kunden wollten. Da aber auch seine Kunden wußten, daß er an dem von ihm genannten Preis nichts ändern lieh, so war das Geschäftliche in der Regel schnell erledigt. „Seht nach, was ich noch für das letzte' Leder schulde!" wandte sich nun Hannes an Blum. „Achtzehn Mark," erwiderte dieser. „Wenn es euch recht ist, nehmt fünfzehn Mark und für den Rest Eier; sie sind ganz frisch," schlug der Schuhmacher vor. „Sehr gern! Eier lassen sich ja immer im Haushalt gebrauchen!" Blum wollte nun ein Gespräch über Neuigkeiten anfangen. Hannes bewegte sich aber unruhig und schien noch etwas auf dem Herzen zu tragen. Blum hielt es in solchen Fällen für ein Unrecht, dem anderen das Sprechen nicht leicht zu machen. Er fragte daher, indem er ihn aufmunternd anblickte: „Wünscht ihr noch etwas von mir? Ihr wißt,'daß ich, wenn ich es kann,, gern jedem Rat und Tat gebe!" , .. „O, ich kenne euch gut; ihr seid wie,der Christ, des Evangeliums, fein! fall!!". rief der Schuhmacher, fchost^vosi fernem Druck' befreit.; ,',Oder wie der Jude unserer Bibel!" ..-fügte Blum sogleich hinzu. „Doch, erzählt!7 „Der Müller will die Wiese neben meinem Hause für hundert Mark verkaufen. Ich wollte euch bitten, mir diesen Betrag zu leihen, damit ich sie kaufen kann." „Hundert Mark sind für mich eine"Summe!' Ihr seid em ehrlicher Mann; —aber wir Menschen kennen unser Schicksal nicht. Ich muß auch damit rechnen;-daß Ereignisse in eurem Leben eintreten können, die euch, trotz besten Willens die Rückzahlung unmöglich machen!" „Dann klagt ihr den' Betrag ein!" unterbrach der Schuhmacher. ' / ‘ ' ' „Und unsere Freundschaft geht in die Brüche! Uebrigens hat unser Amtsrichter es noch nie erlebt und wird es nie erleben, daß ich wegen eines Darlehns klage; — und dies, weil ich ein Jude bin! — Zwanzig Mark zinsfrei und rückzahlbar, wann ihr wollt, könnt ihr sofort haben!" „Der rote Bär ist doch auch ein Jude, — und er nimmt zwölf Prozent!" „Was sagt dies? Wie es verschiedenartige Christen gibt, gibt es auch verschiedenartige Juden.! Doch esist^notwendig; daß-der rJude, dör treu den Geboten seines G'ttes leben will, auch euch Christen zeigt, wie der, wirklich gute Jude selbstverständlich ein guter Mensch ist." „Bürgt dann wenigstens dem Müller für die achtzig Mark!" n! "; ,i! „Bügxfchast ist gleich barem Geld. — Ich hoffe aber, nächster Tage nach" Grotzfelden zu kommen; vielleicht gelingt es Mir dann, euch zu helfen." „Ihr wollt wohl mit dem roten Bär sprechen? Glaubt mir: es nützt nichts." „Darum habe ich auch gar nicht an ihn gedacht. Ich will vielmehr den Pfarrer und den Müller Gesuchen. Der Pfarrer soll Meinem jüdischen Beispiel folgen 7und>.-euch' zwanzig--Mürk leihen, und der Müller soll die sechzig Mark in langsamen Raten von euch verlangen. Gebe G'tt, daß mir -mein'.Vorhaben gelingt! Betet heute' in der Kirche andächtig und tut einem armen Menschen etwas Gutes, damit auch ihr das Eurige zu dem Gelingen geleistet habt!" Hannes drückte Blum herzlich die Hand, ergriff fein: Paket und seinen. Stock und eilte dem heimatlichen Dorfe zu. Blüm hatte ihn vor die Tür begleitet und sah jetzt, wie Löb'Stern, an dem Hannes eben vorbeigegangen war, winkte. Stern hatte vor seinem Laden gestanden und das-Stapel Kattun im Fenster betrachtet, ob es auf die Kauflust der aus der Kirche kommenden Frauen und Mädchen günstig wirken werde. „Ich hörte eben, wie der Hannes vor sich „Ein braver Jud'" hinsprach. Zu mir hat er einmal wegen einer geschäftlichen Differenz, bei der er im Unrecht war, ungefähr das Gegenteil gesagt, und seitdem sehe ich ihn als einen Roscho an." Mit diesen Worten empfing Stern den Freund und wartete nun auf eine Erklärung. „Was verlangst du von einem einfachen, unintelligenten Bauern? Er überlegt nicht lange, der Augenblick bestimmt ihn. Schon deshalb — nicht nur deshalb, weil wir ihnen als G'ttes Volk ein Beispiel der Menschlichkeit und Menschenliebe geben sollen — müssen wir Juden zu den Nichtjuden sehr vorsichtig sein, sonst werden aus an und für sich harmlosen Menschen Judenfeinde. — Was war zwischen dir und Hannes passiert?" „Er hatte damals Monate vorher gegen seine sonstige Gewohnheit etwas anschreiben lassen. Inzwischen hatte er mehrere Male gekauft und bezahlt-' Ich machte ihn also auf den noch offen stehenden : Betrag aufmerksam.'" Er behauptete, das'-Geld bereits besuchen zü habenwußte aber nicht," ob er es mir oder meiner. Frau ober' Ölern Lehrling gegeben hübe. Ich hatte nichts bekommen, aber auch meine Frau und der Lehrjunge 'wollten nichts empfangen haben. Er wurde wütend und schimpfte auf die Juden. — Was hätte ich tun sollen?" „Wie groß war die Summe?" „Zwei Mark. — So viel habe ich das ganze Jahr nicht an dem Hannes werdient."- „Du hältst den Hannes doch für ehrlich?" ■; , „Freilich. — Aber auch der ehrlichste Mensch kaNn sich'irren." „Du hättest ihm sagen sollen, daß niemand von euch sich erinnert, das Geld erhalten zu haben; da du ihn abev^äls einen rechtschaffenen Menschen kennst, möge er zu Hause noch einmal Nachdenken; und sollte ihm dann ganz klar sein, daß er gezahlt habe, dann werdest du es anerkennen. — Glaube mir, lieber Löb, das hätte wie ein Kiddusch Haschem gewirkt, — und ein Kiddusch Haschem ist wichtiger - als Geld!" i Blum wandte' sich zum Gehen, Stern hielt ihn aber zurück, indem er sagte': „Dü hast sicher noch nicht von der neuesten Feindschaft gehört. Schimaun wollte eine Kuh kaufen, er war schon fast handelseins, da kam zufällig der lange Meir hinzu und trieb den Preis hoch,Er7hü't das Mtzev' getM,"chM'M: Settchdth - zu geben und stets, wenn er vor den Onmd tritt, aus der Schul' herauszugehen." „Meinst du, daß Schimaun jetzt zu Hause ist?" „Wahrscheinlich.!,—. Dpch. wefln.idu mit ihm, sprechen willst, warte noch einige Zeit- bis sein Zorn: nicht mehr so heftig ist," - „Ich möchte nicht warten. Heute ist der erste... Selichaustag, und dieser soll, mir die Waffe gegen seinen Zorn geben. Auch möchte ich gerade heute eine solche Mizwoh tun; darf ich so doch hoffer), daß mir Haschem jisborach dann in meinen Aweraus nachsichtig fein werde." Einige Minuten später saß Blum schon bei Schimaun im Zimmer. „Schimaun," begann er, „die Selichaustage haben: angefangen, und nun wird bis Jaumkippur Tag für Tag, Stunde für Stunde, Minute für Minute die -Wage unseres künftigen Schicksals ' beim himmlischen Gericht auf- und niedersteigen. Du willst eine Arveroh -tun, die auf der Wage schwer wiegen wird." „Ich — und eine schwere Sünde!" brauste Schimaun auf. ' „Du hast gelobt, eine Todsünde zu tun und " sie immer wieder uni) wieder zu tum Denn unsere Tauroh sagt: Wer seinen Nebenmenschen öffentlich beschämt, vergießt gleichsam sein Blut. Auch heißt es ferner: Du sollst deinen Bruder nicht in deinem Herzen hassen." „Also soll dem Meir die Schlechtigkeit für nichts hingehen?" „Das nun gerade nicht. Du läßt den Meir von jetzt ab unbeachtet; das wird^er schon genügend empfinden. Kommt aber einmal ein Tag, an dem du ihm eine Guttat erweisen kannst, dann zögere nicht. Er wird sehen, daß du der Bessere bist, und er wird sein Unrecht bereuen. Schlechtigkeiten bezahlt man am Vesten mit Edelmut." „Du verlangst etwas Unmögliches von mir! Es ist gegen all das, was ich von jeher gewohnt war und von jeher getan habe!" „Das ist kein Grund, das Bessere zu unterlassen." „Ich will erst einmal mit meiner Frau sprechen." „Der Mann soll alles mit seiner Frau überlegen. Das ist recht von dir. Der Mann soll aber nicht eine Verantwortlichkeit, die nur ihn angeht, auch noch auf die Schultern der Frau laden." „Na, dann will ich es versuchen, nach deinen Worten zu handeln." .: , „Nun, auf Wiedersehen; es ist schon Heit fürs Geschäft!" , j,n .; .V } . - III. '' 'v!( /' ■' .. -! :i,;- " '!; : Neun Jahre waren vergangen. Wieder war es vor den Selichaustagen. Wieder wartete Familie Blum, doch diesmal nicht bei der Posthalterei, sondern auf dem kleinen Bahnhof, da der Ort inzwischen die Endstation einer Sekundärbahn geworden war. Diesmal kam jedoch nicht der Vater an, sondern nach beendetem Militärjahr der Sohn. Während der Schuljahre und der nachfolgenden Lehrzeit in der gleichen Stadt hatte Jizchok seine Eltern stets erfreut. Er blieb der Gleiche, der er zu Hause gewesen war, bestrebt, nach dem Willen der Eltern zu handeln. Ein kleiner Unterschied zeigte sich freilich zwischen ihm und seinem Vater. Bei diesem hielten das Verstandesmäßige und das Gefühlsmäßige sichln Harmonie die Wage, wie es auch das große Erziehungswerk des Judentums erreichen will; in Jizchok jedoch gewann mitunter der Verstand den Vorrang vor dem Gefühl. Der Vater hatte es längst bemerkt, ohne beunruhigt zu werden, denn er betrachtete eine solche Verschiebung als die natürliche Folge der erweiterten Schulbildung und des lebhafteren Getriebes in der Stadt.