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Der Israelit · 1931-10-29 · Heft 44 (29.10.1931) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 44 (29.10.1931)
Date
1931-10-29
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 Nr. 44 Der Israelit Ob die Militärzeit irgendwelche seelischen Veränderungen bewirkt hatte, sollte sich jetzt erst nach der Rückkunft zeigen. Zeit war jetzt zu dieser Beobachtung genug vorhanden, da Simon Blum beabsichtigte, den Sohn dauernd bei sich zu behalten. Mit der Eisenbahn hatte das Blüm'sche Geschäft an Ausdehnung gewonnen, und es zeigte sich bereits die Dringlichkeit für die Heranziehung einer zweiten Kraft. Wie beide so voreinander standen, versinnbildlichten sie zwei Zeiten. Der Aeltere, mittelgroß, breit, etwas behäbig, steckte wohl in sauberer, aber in schlichter, unauffälliger Kleidung, und in seinem klugen, abgeklärten Gesicht, in seiner Haltung, in seinen Bewegungen lag Ruhe, wie sie das Leben eines noch fest von der Vergangenheit umfangenen kleinen Ortes anerzieht. Der Jüngere dagegen, schlank und . straff, sorgfältig frisiert und das kleine Schnurrbärtchen gestutzt, den modernen Anzug eines guten Schneiders wie anmodelliert, verriet in der Art, wie er blickte, wie er sprach, wie jeder Muskel sich spannte, den schnelleren, energischeren Rhythmus des städtischen Lebens. Nach dem Austausch des Willkommenkusses wandte sich der junge Mann zum Gehen. „Und dein Gepäck?" fragte der Vater. „O, daran habe ich nicht gedacht! Wir muffen doch durchs Bahnhofsgebäude gehen, dort werde ich den Schein dem Beamten geben, damit er das Gepäck später zu uns besorge!" In der Mutter protestierte sofort die rechnende Hausfrau. „Als du vor einem Jahre weggingst, da hast du deinen Koffer noch selber nach dem Bahnhof geschleppt." „Stimmt, liebe Mutter! — Aber für die zwanzig Pfennig,, die der Mann bekommt, brauchen wir jetzt nicht zu warten, brauchen uns nicht mit dem Fragen abzuquälen, und ich schone meinen guten Anzug." So geschah es denn nach dem Wunsche des Sohnes. Der Schein wurde abgegeben, und die Gesellschaft trat auf die Straße. Der Vater erkundigte sich jetzt nach den Erlebnissen der Militärzeit. „Obwohl ich die Offiziersprüfung gemacht habe, bin ich nur zum Unteroffizier befördert worden. Dies auch nur, weil der Hauptmann mit mir sehr zufrieden war. Ich habe stets am besten im ganzen Bataillon geschossen. Mein Freund Stein hat sogar nur die Knöpfe bekommen. Die vier christlichen Einjährigen, die die Offiziersprüfung bestanden, avancierten jedoch zu Leutnants. — Meine Schwester wäre wohl ganz gern neben einem Leutnant gegangen," schloß er lächelnd, indem er sich an die Schwester wandte. „Ich glaube, daß sie ihren Bruder auch ohne Ossiziersrang nicht weniger lieb hat," nahm der Vater der Tochter die Antwort ab. „Aber," fuhr er fort, „mir ist es lieber, daß Jizchok kein Offizier geworden ist. Den Juden adelt es, für sein Judentum eine Zurücksetzung zu erfahren. Auch birgt eine solche Ernennung in sich manche Gefahren, selbst für einen charakterfesten frommen Juden." ,',Auf mich hätte sie keinen Einfluß gehabt." „So etwas meint man. — Daß dieser Vorsatz nachher nicht so ganz durchgeführt wird, dafür sorgen schon offizielle Festlichkeiten, wie z. V. der Geburtstag des Königs, an denen der Offizier teilnehmen muß. Cr tritt auf diese Weise — auch, wenn er Jude ist — zu den Honorationen in gesellschaftliche Beziehung." Run verstummte die Unterhaltung, denn jetzt begannen rechts und links die Reihen der Häuser, und immer wieder mußten Begrüßungen erwidert werden. Als man nachher um den Familientisch saß, eröffnete Jizchok das Gespräch. (Fortsetzung folgt.) Im „stillen Höchberg". Wer von den ehemaligen Schülern der israelitischen Präparandenschule Höchberg diesen Ort wieder aussucht, kann sich eines Gefühles tiefster Wehmut nicht erwehren. Die „Anstalt" ist nicht mehr da, sie wurde mit dem Seminar in Würzburg verschmolzen. Leer steht das Gebäude, das «man ma, wie es sein Gründer „Reb Losor" (Rabbiner Lazarus Ottensoßor b"xi) wie seine unmittelbaren Nachfolger osisiojns? stets nannten. Nicht ertönt mehr in jenen Räumen die süße Melodie des Lernens, der Lernpri, nicht steigen mehr Hunderte von crp'ip aus jenen geweihten Sälen zum Himmel empor, kein Lehrer ist zu sehen, kein i’a:>n, der im frohen Thorageist sich innerlich verwachsen fühlt mit seinen zahlreichen s'i'2n, denen solche Seelengemeinschast und Verbundenheit aus den Gesichtern leuchtet: es ist still geworden im alten, lieben Höchberg. Leere Räume, leere Bänke starren uns an und sagen uns in dieser Totenstille mehr als lange Reden es vermöchten. Uns fällt unwillkürlich das Prophetenwort in die Seele: mx ’an ~iym ’ss ’Vab .niVas Zions Wege trauern, well niemand mehr zum Feste kommt. Man kann sich beim Anblicke der leeren Anstalt so recht ein Bild des in aufgewühltem Seelenschmerz klagenden Propheten machen. Er sah die Blüte, er sah auch den Ruin, die Ruine. Ja, es ist schon etwas Wirkliches dran, Häuser und Räume können eine nvii? annehmen, die selbst den Stein in der Wand zum Reden bringt; pswi i'?» p« Was würden erst die non ipk d’irnp empfinben, die auf dem Höchberger pai-s rr»a ruhenden Reb Losor, Rabbi apjp Ehrenreich, Reb Hünle Wechsler und die übrigen ehemaligen Anstaltslehrer 71212s- 01112?! Auf der langen Straße im Unterdorfe begegnen uns einige Winzer, die sich freundlich in ein Gespräch einlassen, da sie uns auch für einen „Ehemaligen" halten. Sie kannten noch „Reb Losor", wie er mit seinen Tefillin über die Straße ging zur Synagoge, erzählen noch von diesem und jenem Zögling oder „Boocherle", wie man vor 50 bis 60 Jahren sagte, und jammern schließlich auch in bewegten Worten über den Weggang der „Anstalt", die eine große Lücke gerissen im Gemeindesäckel. Man hatte die Schule gern und die Zöglinge fühlten sich in dem so reizend in unmittelbarer Nähe Würzburgs gelegenen Orte sehr wohl. Keine Spur von Antisemitismus fei in Höchberg zu finden, keine Stimme für die Rechtsparteien. Wäre denn die Anstalt gar nicht zu halten gewesen? Oder könnte aus dem Gebäude nicht wieder etwas Aehnliches werden? So kommt es treuherzig aus dem Munde dieser nichtjüdischen Freunde der verlegten Präparandenschule und beweist uns, daß nicht nur frühere Höchberger Zöglinge mit tiefer Wehmut an den Wandel der Dinge denken, sondern auch ein sehr weiter Kreis von Nichtlehrern, ja sogar von Nichtjuden. Ob wirklich hier alle Möglichkeiten ausgeschöpft wurden vor dem entscheidsnben Gdjvitte unb ob n'ufyt bod) die Sache anders gedeichselt hätte werben können, bas mögen Maßgebende entscheiden. Sicher ist, daß ein Stachel zurückblieb im Herzen der „Ehemaligen". Sie sind Freunde Höchbergs geblieben, können sich aber nicht erwärmen für die neue Organisation. Daran kann auch die Behauptung nichts ändern, daß die Realitäten des Lebens stärker sind als Sentimentalitäten. Auch Gefühle sind eine Macht, die wohl zu beachten sind. Unter keinen Umsranoen dürfte aber das Gebäude rw'isi *ra kommen. Das würde dem Ganzen den Stempel des Unfaßlichen, des Unbegreiflichen aufdrücken. Noch sind wenige Monate dahin, seitdem der Anstalt die Seele entfloh. Höchberg hat den unbestreitbaren Vorzug, durch seine Lage in nächster Nähe Würzburgs — man kann sogar am nav die Stadt erreichen — durch seine anderen jüdischen Gegebenheiten, wie Syangoge, niv», Friedhof usw. einmal noch aufzublühen. Hört man doch gerade in der heutigen schrecklichen Wirtschaftskrise von dem Zurücksehnen der Juden wieder nach dem flachen Lande. Höchberg kann der bewegten Entwicklung ruhig noch einige Zeit entgegensehen. Mag man an ein Jugendheim denken, an eine Art Altersheim, an einen Vereinssitz oder sonst ähnliches — Höchberg bietet für alles willkommene Grundlagen, nicht zu unterschätzende Gegebenheiten. Das ist freilich nur ein schwacher Ersatz für einstigen Glanz und einstige Größe. Immerhin aber würde das Anstaltsgebäude, das alte «man w2, in dem nV’^n an gelernt wurde, wieder jüdischen Zwecken, jüdischem Leben dienen, ninn niinn ns>v mivarr^. Möge man die Schwere dieses Wortes beherzigen! K. L. P. Der Hausierer'). „Mutter, Mutter! Der Cronheimer kommt!" lief ich jubelnd in die Stube, wenn ich den Mann über den Schloßbuck herabsteigen sah. Denn der Cronheimer war ein Hausierer und was er in seiner Kraxn des vielen Köstlichen trug, wußte ich recht gut. Je im Frühjahr und Herbst kam er in unser Dorf. Da stellte er bei uns die Kraxn auf die Fensterbank, öffnete ein Schubfächlein nach dem anderen und legte aus den Tisch Messer, Gabeln, Löffel, Scheren, Nähfaden, Wollknäuel Knöpfe, Schnupftücher, Ziertüchlein, Sträußchen von gar künstlichen Blumen und immer hatte er für mich etwas „zum Spendieren", einmal eine Glaskugel mit farbigen Streifen, ein ander Mal ein Kettlein wie gülden anzuschauen, als ich zum ersten Mai eines Jahres in die Schule kam, einen silbernen Griffel und einen Bleisttft in purpur- *) Der Verfasser ist Nichtjude. 29. Oktober 1931 farbener Hülle. Aber ich wußte'auch recht gut, was ich zu tun hatte. Während die Mutter und Nachbarinnen die Sachen beschauten, aß der Cronheimer am Fensterbrett seine Brotzelt und ich brachte ihm eine Waschschüssel und goß ihm über die Hände aus dem Krug das frische Wasser vom Brunnen vor dem Haus; erst dann wickelte er sein Stück Brot aus, dazu eine Wurst oder Handkäse; unterdessen holte ich ein Glas Wasser vom Brunnen, das trank er langsam wie ein bestes Glas Wein, und vor und nach der Vrotzeit sprach er einen hebräischen Segonsspruch. Eines Tages erzählte er mir zur Belohnung für meine kleinen Dienstleistungen: „Cs ist schon viel die Hundertjahre, da lebte ■ in unserem heiligen Land ein frommer Rabbi. Den setzten die Römer ins Gefängnis. Der Wächter war böse und tat dem Rabbi viel Possen; immer hielt er ihn knapp mit dem frischen Wasser, damit sich der Rabbi die Hände sollte nicht waschen können. Aber lieber litt der Rabbi quälenden Durst, als daß er nicht die Hände wusch vor dem Essen. Siehst, Vuawela, und wie kommod Hab ichs damit, wo, Du Dich so für mich kümmerst" — und er segnete mich. Mir war dabei so ernst, wie wenn der Priester uns segnete. Und lange Jahre nachher las ich mit Dr. H. Ehrmann im Talmud die Geschichte von Rabbi Akiba. Unser Cronheimer war die vorbildliche Ehrlichkeit. Was er sagte, war nur wahr; was er handelte, war solid. Er hatte manche Dinge erstaunlich billig, aber da unterließ er nie, die Frauen auf einen kleinen Webfehler oder sonst etwas ^aufmerksam zu machen. Bei einem Glaubensgenossen in T. hatte er die Packen, aus denen er für unsere Gegend die Kraxn nachfüllte. Stets freute ich mich, wenn späterhin meine Ferien von der Mittelschule den Besuch des Mannes einschlossen. Einmal kam ich wieder nach Hause; das Kommen der Cronheimer wäre fällig gewesen. Er kam nicht. Wenige Tage später, als der Vater aus der Stadt heimkehrte, sagte er: „Der Cronheimer kommt nimmer, vorige Woche haben sie ihn zu Grabe getragen." Da schlich ich leise aus der Stube aus den Schlohbuck und — weinte wie um einen lieben Jugendfreund. I. W. (Helden des Sabbaks.j Wir lesen in dem Monatsmagazin der amerikanischen Bne Bris-Logen folgende hübsche, dem Leben nacherzählte Skizze: „O, das Leben ist hart in Warschau. Sind nicht die reichsten jüdischen Kaufleute der Armut anheimgefallen und betteln nicht Leute, die freigebig Zdoko zu geben pflegten, um ein Stück Brot? Aber noch schlimmer. Das Unglück der Zeiten raubt die Seele, wie es den Körper vernichtet und greift das heilige Erbe des Juden an, sowie es ihm den letzten Groschen aus der Tasche zieht, so daß dieser Jude sich nur gezwungen sieht, sogar den Sabbat preiszugeben, um Brot für feine Kinder zu erlangen. Viel hatten sie von dem guten Leben, das sie früher führten, schon ausgegeben, aber den Sabbat preiszugeben, das war das letzte. Lange grübelten sie über dieses Opfer. Strenge Gesetze hinderten sie, am Sonntag zu verkaufen, auch wenn sie am Sabbat feierten, so daß wenn sie den Sabbat beobachten wollten, sie'zwei Tage in der Woche verloren in einer Zeit, wo das Geschäft geringfügig genug war und der Ruin vor der Türe stand. Mit furchtbarer Gewissenspein, mit Gebeten zu dem Höchsten auf den Lippen, ihre Sünden zu vergeben, entschließen sie sich, ihre Läden am Sabbat zu öffnen und am nächsten Sabbat schleichen sie zitternd in ihre Geschäfte. Andere Juden sehen, was vorgeht. Besser die Läden aufgben, als den Sabbat, besser allen irdischen Belitz einbüßen, als den Sabbat, G'ttes Gabe an den Juden, und sie versammeln sich, finden sich zusammen, hüllen sich in ihre Talesim und marschieren in feierlichem Protest durch die Straßen an diesen jüdischen Kaufleuten vorbei, bis die.Polizei sie zerstreut . . . Inmitten einer ungeheuerlichen Armut, eines Bankrotts ohnegleichen hält diese reiche Schönheit jüdischer Hingebung stand! Das Brot fehlt, der Hunger quält, aber die Thora ist der Baum des Lebens. Die Existenz ifti in Trümmer gefallen, aber die geliebte Sabbatbraut, sie muh geehrt, werden, auch wenn nur ein Krüstchen Brot daliegt für den Kiddusch. (Kaiser Friedrich über den Antisemitismus.) Dr. Ernst Feder teilt in der „C. V.-Zeitung" (Nr. 42) Äußerungen von Kaiser Friedrich über den Antisemitismus mit. Als Friedrich Ende 1879, damals noch Kronprinz, von längerem Aufenthalt in Italien zurückkehrte, sagte er in einer Sitzung der Viktoria-Jnvaliden-Stiftung zu Stadtrat Magnüs, dem Vorsitzenden der jüdischen Korporation von Berlin: „Die antisemitische Agitation ist eine Schmach für Deutschland. Ich habe mich im Ausland den Ausländern gegenüber dieser Agitation geschämt." Als in der Neujahrsnacht 1879 eine organisierte Bande von 50 Personen mit dem Rufe „Juden raus!" in das Eafe Bauer, Unter den Linden, eindrang und gewalttätige Exzesse verübte, erklärte der Kronprinz gegenüber Stadttat Magnus, was sein Gefühl dabei am meisten verletzte, sei die Hineintragung! dieser Tendenzen in die Schulen und Hörsäle. In die! Pflanzstätten des Edlen und Guten sei dieses böse Samen-, körn hineingeworfen worden. Hoffentlich werde es nicht zur Reife. gelangen. Er vermöge es nicht zu fassen, wie Männer, die auf aeistigeriHöhe stehen oder ihrem Ruf nach stehen sollten, sich zum Träger und Hilfsmittel einer in ihren Voraussetzungen und Zielen gleichmäßig oerwerflichen Agitation hergeben könnten.

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