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Der Israelit · 1931-10-29 · Heft 44 (29.10.1931) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 44 (29.10.1931)
Date
1931-10-29
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 Nr. 44 Der Israelit 29. Oktober 193pL verständige geladen: Rabbiner Julius Eschelbacher- Düsseldors, Pros. Dr. G ö ts b e r g e r-Beubiberg bei München, und der bekannte Antisemit und „Talmudforscher" Dr. Erich Bischofs- Leipzig. Rabbiner Eschelbacher wurde vom Angeklagten als Sachverständiger abgelehnt, er wurde vom Gericht nur als „sachverständiger Zeuge" vernommen. Dagegen wurden die Gutachten der Sachverständigen von Carl Holz, Bischofs und Götsberger, vom Gericht zur Grundlage für das Urteil genommen. Nach dreitägiger Verhandlung wurde Carl Holz freigesprochen. Aus der Begründung des freisprechenden Urteils sind die folgenden Stellen hervorzuheben: „ ... Es ist aus der Fassung des „Stürmer"-Artikels ohne weiteres zu erkennen, daß durch die Worte „Dr. Wassermann gehört der jüdischen Bastardrasse an" und aus der weiteren Folgerung, daß diese Rasse sich nach dem Talmud und SchMchan-Aruch richtet, die einen rohen und viehischen Inhalt hätren, selbstverständlich eine Kollektivbeleidigung sämtlicher Juden gegeben. Gekennzeichnet ist jedoch nur Dr. Wassermann, deswegen scheidet der Bericht aus. Es sind folgende Fragen zu stellen: 1. Sind die angeführten Stellen tatsächlich zu finden? 2. Sind Talmud und Schulchan-Aruch Religionsbücher, nach denen sich die Juden in Deutschland richten, die bindend sind, nach denen Religionsunterricht erteilt wird? 3. Haben die Stellen religiösen Inhalt? 4. Läßt der Aufsatz erkennen, daß damit die Lehren der jüdischen Religionsgesellschaft gemeint sein sollen? Zu 1. Die Gutachten haben das mit Ausnahme eines Satzes bestätigt. Welche Stellen es sind, ist gleichgültig. Die Stellen sind endgültig nicht zu erklären. Es ist dem Angeklagten nicht zuzumuten, sich mit der Auslegung zu befassen (aber verleumden darf er! Red.) Es gibt Stellen im Talmud, die den sittlichen Anschauungen widersprechen. Zu 2. Talmud und Schulchan-Aruch sind keine Religionsbücher, nach denen Religionsunterricht erteilt wird. Soweit religiöser Inhalt vorhanden, ist er nicht kanonisches Recht. Von den liberalen Juden wird er überhaupt nicht gekannt. Für sich allein betrachtet, sind kritische Aeußerungen über diese Bücher noch keine Beleidigung der Religion. Zu 3. Die beiden ersten Stellen enthalten weder ein Verbot, noch ein Gebot. Also kommt der § 166 nicht in Frage. Aber auch nach der subjektiven Seite ist er nicht gegeben. Es besteht keine Beziehung zur Religion. Dies würde nicht hindern, daß aus dem Umstand, daß die Juden nach diesen Grundsätzen erzogen werden, eine Beziehung zur Religion geschlossen werden könnte. Aber die Erziehung erfolgt nicht nur im Religionsunterricht. Sie liegt auch in der Hand der Familie mit ihrer mündlichen Ueberlieferung und ihren Traditionen, und man kann nicht sagen, daß die Familienerziehung religiösen Einschlag habe. Es muß also nicht die religiöse Einstellung gemeint sein. Dazu kommt die vorsichtige Abfassung des Aussatzes, der keine Bezugnahme auf Religion und religiöse Einrichtungen enthält." Mit einem Worte: Das Gericht schließt sich ganz den antisemitischen Gutachten an und fällt danach sein Urteil. Die Darlegungen der jüdischen „Sachverständigen- Zeugen" werden kaum beachtet. polen. Die große Erziehungskonferenz in Mlna. Wilna, 20. Ott. Die Wilnaer Erziehungs-Konferenz wurde, wie schon kurz mitgeteilt, zum ersten Male auch unter Teilnahme der litauischen Gesinnungsgenossen abgehalten. Das ging nicht ohne Schwierigkeiten, aber endlich gelang es doch, den litauischen Delegierten die Grenze zu öffnen. Nach einre Reihe von Borberatungen wurde Dienstag abend die große Konferenz im großen vollgefüllten Stadtsaale eröffnet. Der Andrang des Publikums war so groß, daß die Polizei schon eine Stunde vor Beginn die Türen schließen mußte. Die Eröffnung beginnt mit einer kurzen Begrüßungsrede von Rabbi Chaim Oser Grodzensky, der auch die Regierungsoertreter willkommen heißt. Die Rede wird auszugsweise ins Polnische übersetzt. Den Vorsitz übernimmt Rabbi Karelitz. Rabbiner Schub spricht ein paar Gedenkryorte zur Jahrzeit von Professor Ehawkin, dem großen Freunde der Jeschiwos. Es folgt eine große Reihe von Begrüßungen. Große Begeisterung ruft' ein zur Verlesung gelangtes Schreiben vom Cho fez CH aj im hervor, in dem er aufs tiefste bedauert, infolge seines Alters und Gesundheitszustandes nicht nach Wilna kommen zu können, und der Konferenz seine Segenswünsche erteilt. Die zweite Sitzung wird Mittwoch unter Vorsitz von Rabbi Karelitz eröffnet: Rabbi M ischkowsky referiert über „Die Ziele der Konferenz". Er verlangt ein Maximum von profanen Disziplinen in den religiösen Schulen, in einem Maße, daß sie den religiösen Fächern keinen Abbruch tut. Größte Sorgfalt ist der Töchtererziehung zuzuwenden. Es müsse eine Art Vierländersynode für die Ost- und Randstaaten geschaffen werden zur Lösung aller Erziehungsprobleme. Ein zweites Referat, gehalten von Rabbiner Weinstein, beschäftigt sich speziell mit dem Lehrerseminar in Grodno, dessen materielle Existenz bedroht ist, und das er der besonderen Beachtung der Konferenz empfiehlt. 21 Lehrer habe das Seminar entlassen, von denen 16 in Stellungen untergebracht sind. Das Seminar hat aber leider ein Defizit von 10 000 Zloty. Seminardirektor Schmuelowitsch aus Telschi in Litauen referiert über „Eltern, Lehrerschaft und Gesellschaft als Faktoren der Erziehung". Er berichtet des weiteren über das orthodoxe Lehrerseminar in Litauen und die riesigen Erfolge, die es in den zwölf Jahren gezeitigt hat. Eine anschließende Diskussion dreht sich um die Mittel und Wege, die Existenz der Lehrerseminare in Polen zu sichern. Auf der Rachmittagssitzung, die wieder im vollgefüllten Stadtsaal stattfindet, hält der Sesmer Raw ein Referat über „Die geistige Weltkrisis und die religiöse Erziehung". Die Propagandaarbeit für die jüdischreligiöse Erziehung könnte in dieser Zeit der schweren geistigen Not rettende Arbeit leisten. Ueber die Beth Jakow-Bewegung referiert Herr I. L. Orlean. Die neue Zeit dränge zur Gewinnung der Töchter für das religiöse Judentum. Veth Jakow bedeutet: Tat, Jüdischkeit und Lernen. Er warnt vor der Benutzung von Lehrbüchern in den Schulen, die nicht ganz im jüdischen Geiste gehalten sind. Speziell über das jüdische Schulwesen in Litauen berichtet am Donnerstag vormittag Herr KopeloWitz aus Kowno. Der Schulzentrale „Jabne" sind 61 Schulen und 25 Talmud-Thorafchulen angeschlossen. Sie gelten als Regierungsschulen, deren Kosten durch die Regierung gedeckt werden. Die jüdischen Gemeinden oder Organisationen haben nur für die Kosten des jüdischen Unterrichts aufzukommen. Nach dem litauischen Schulgesetz ist die Möglichkeit zur Schaffung von rein jüdischen Schulen gegeben, von der einige Gemeinden unter schweren Opfern Gebrauch machen. Es gibt in Litauen drei religiöse Mittelschulen mit Abiturrecht, und zwar in Kowno, Telschi und Ponjewesch, die zum Teil als Lehrer Absolventen des Telschier Lehrerseminars beschäftigen.; Ueber die Chedarim in Polen spricht Herr Saratschkin aus Sluzk. Er meint, wenn die jüdischen Schulen in Polen materiell auch schlechter gestellt seien als die in Litauen, so seien sie doch geistig besser daran, weil sie, im Gegensatz zu Litauen, vom Einfluß der Regierung fast ganz unabhängig sind. Es müssen Subventionen für die jüdischen Schulen in Polen erstrebt werden. Er berührt auch die Frage des .ldungszensus für die Rabbiner. Für die Qualifizierung der Melamdim müßten einzig die Rabbiner zuständig sein. Durch Abendkurse müßte auch für d i e jüdischen Kinder gesorgt werden, die Staatsschulen besuchen. Es müsse vieles geschehen, wenn wir es nicht anders erleben wollten, daß außerhalb der Jeschiwoth das religiöse Judentum im litauischen Polen zugrunde gehe. Es werden noch einige Referate gehalten und daraus die gefaßten Resolutionen verlesen. U. a. wird beschlossen, eine „Chorew"-Zentrale zu schaffen für Zentrallitauen, Litauen, Lettland und Estlands mit dem Sitz in Riga, die sich in Landeszentralen zu gliedern hätten. Dagegen wird der Vorschlag zur Schaffung von Abendkur s e n für jüdische Schüler der Staatsschulen von der Mehrheit ab gelehnt, nachdem einige Rabbinen schwere Bedenken dagegen geäußert hatten, in der Hauptsache dahin, daß solche Abendkurse an manchen Orten den Tod der Chedarim bedeuten würden. Herr Dr. Deutschs ander tritt für die Schaffung von So mmerkursen für religiöse Erzieherinnen ein und erklärt sich bereit, durch Entsendung erstklassiger Lehrkräfte aus dem Krakauer B. J.-Seminar daran mitzuhelfen. Das Ehrenpräsidium des Merkas H a k l a l i wird zusammengesetzt aus den folgenden Rabbinern: Ch o fez Ch aj im, Rabbi CH aj im Oser, Kownoer Raw und Rabbiner Sack aus Riga. Mit Schlußreden von Rabbi Chajim Oser, der insbesondere auch Dr. Deutschländer den Dank ausspricht, und des Herrn Schmuelowitsch im Namen der litauischen Delegation, findet die Konferenz gegen Abend ihr Ende. 20 000 jüdische Familien hungern. Warschau, 19. Oktober. Die bittere Not in Warschau, die bis 20 000 Familien umfaßt, zwingt die einzelnen Wohlfahrtsinstitutionen zur Einleitung einer gemeinsamen Rettungsaktion. Die Ziffern, die auf der Veratungskonfsrenz bekanntgegeben wurden, sind wahrlich erschreckend. Von der Regierungshilfe profitieren die Juden so gut wie gar nichts, schon aus dem Grunde, weil sie von den Arbeitslosen-Küchen keinen Gebrauch machen können. Die Koscher-Küchen reichen aber bei weitem nicht aus. Die Konferenz beschloß die Aufstellung einer genauen Statt st ik der jüdischen Hilfsbedürftigen, um danach die Errichtung von Koscherküchen,. evtl, mit Hilfe der Regierung, in die Wege zu leiten. Bis jetzt schon kann nach einer oberflächlichen Registratur von 20 000 notleidenden Familien gesprochen werden. . Schweiz. Semcsterbeginn in der Monkreuxcr Jeschiwoh. Montreux, 25. Ott. Die Erösfnungsfeier des neuen Semesters fand am Sonntag, den 18. ds. Mts., im großen Hörsaale der Jeschiwoh statt. Die Bachurim des vorigen pT< die meistens schon das dritte, manche sogar das vierte Jahr in der Jeschiwoh sind, waren wieder vollzählig erschienen. Als der Rosch-Jeschiwoh, Rabbi Elijahu B 0 tsch k 0, seine warme, eindrucksvolle Ansprache begann, war der Saal bis auf den letzten Platz gefüllt: Im Mittelpunkt der großangelegten Rede stand der Bericht, daß die Jeschiwoh nun in das zehnte t»t hineingeht, und dieses zehnte Semester eine Zusammenfassung und Steigerung aller bisherigen fein möge, vnp '»rr 'i'vr Mit zündender Begeisterung wandte sich der Rebbe dann an seine Bachurim mit dem Appell, ihre besten Kräfte dem „Lernen" zu geben, da dies ja auch in der Zeit der allgemeinen wirtschaftlichen und politischen Krise die beste Kapitalanlage sei. Dann sprach der Rebbe von.demfirr^iiovnim" Problem und schloß mit tiefen Mussarworten, die nachhaltigen Eindruck hinterließen. Nach einem darausfolgenden über anaa »aaa begab man sich in den Speisesaal, um nun auch dem gemütlichen Teil Rechnung zu tragen. Dort hielten die Dozenten Reden, die in Ermahnungen an die Schüler ausklangen. Für den Humor sorgte der Herr S'charje Berkowitz, der in schönen Epigrammen, die besonderen Vorfälle des letzten pi sesthielt. Bis spät in die Nacht hinein blieben die Bachurim bei Tee und froher Geselligkeit zusammen. , Palästina. Die Fußballspiele am Sabbat und die Palästina* Regierung. Jerusalem, 15. Ott. , Für den letzten Sabbat hatte der Makkabi wieder einmal einen Fußball-Match mit der britischen Polrzeitruppe in Jerusalem angekündigt. Das war nur dadurch möglich geworden, daß inzwischen ein Wechsel in der Leitung der Jerusalemer Polizei eingetreten war und der neue Polizeiches offenbar von den Beschwerden der orthodoxen Judenheit über diese behördliche Förderung der öffentlichen Sabbatentweihung nichts wußte. Auf eine erneute Eingabe der Agudas Jisroel erklärte der neue Polizeiches, daß er über den Gegenstand zunächst dem stellvertretenden High Eommissioner berichten müsse. Er teilte dann am Freitag der Agudas Jisroel mit, daß sich die Polizei an dem für den folgenden Tag angesetzten Fußballspiel nicht beteiligen werde. Von Seiten der „Agudas Jisroel" wurde diese erfreuliche Tatsache sofort durch Maueranschlag im Wortlaut wiedergegeben und alsdann in folgenden Worten die

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