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Der Israelit · 1931-10-29 · Heft 44 (29.10.1931) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 44 (29.10.1931)
Date
1931-10-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 44 Seite 3 29. Oktober 1931 Diese Aufklärungsarbeit setzte bereits vor nahezu 8 Jahren ein, da der „Israelit" als erste jüdische Zeitung im Januar 1924 auf die drohende Gefahr aufmerksam machte und dadurch Veranlassung gab, daß sich der Große Rabbinische Rat der Agudas Jisroel in einer von dem Heimgegangenen Astronomen Dr. B. Cohn ausgearbeiteten Eingabe an den Völkerbund wandte, um im Namen der jüdischen Religion gegen die Preisgabe der Kontinuität des Sabbats Verwahrung einzulegen. Ungefähr um die gleiche Zeit nahm sich auch der immer rüstig auf der Warte stehende Lucien Wolf f. A. in London der Sache an und oeranlaßte, daß alsdann 1925 die Oberrabbinen Fürst-Wien als Vertreter des Rabbinischen Rates der Agudas Jisroel, Grand-Rabbin Levi- Paris, Chief-Rabbi Dr. Hertz-London, Oberrabbiner Dr. Lewenftein-Zürich als Vertreter der holländischen Judenheit und Lucien Wolf selber zur mündlichen Darlegung der Gesichtspunkte des Standpunktes der Judenheit nach Genf geladen wurden. Die dort erschienenen Herren bildeten dann, um ein einheitliches Vorgehen zu gewährleisten, ein allgemeines jüdisches Komitee zum Kampfe gegen den Blankotag, dessen Leitung Dr. Lewenstein-Zürich übernahm. Was dieser Mann vom Frühjahr 1925 bis zum Frühjahr 1931 für die jetzt zu einem glücklichen Siege geführte Sache geleistet hat, wie er bis zur Selbstopferung die Nächte zu Tagen machte und mit unablässiger Energie die jüdischen Gemeinschaften in allen Ländern der Erde zur Verteidigung ihres kostbarsten Gutes, der Sabbathut, aufrüttelte, das wird in den Annalen der jüdischen Geschichte unvergeßlich bleiben und ist des Dankes der Gesamtheit sicher. Im Frühjahr ds. Js. ging die Leitung dieses Komitees alsdann in die Hände des Chief-Rabbi Dr. Hertz über, der mit anerkennenswerter Energie und Unerschrockenheit auch jetzt bei der letzten Tagung in Genf den Kampf für den Sabbat führte. Auch ihm, ebenso wie den unermüdlich tätigen Vertretern der Agudas Jisroel, den Herren Rabbinern Dr. Pinchas Kohn und Konsul Sally Guggenheim, ebenso dem Weltverband Schomre Schabbos und seinem Vorsitzenden Dr. Grünberg, muß heute der Dank der Gesamtheit für ihr selbstloses Wirken ausgesprochen werden. Zwar ist nicht anzunehmen, daß die Herren Eastman und Eotsworth, die zur Durchsetzung ihrer Reformpläne einen ganzen Apparat mit sicherlich zahlreichen Interessenten geschaffen haben, ihre Tätigkeit nun ganz einstellen und auf die Weiterversolgung ihrer Pläne verzichten werden. Aber nach der Niederlage, die sie in Genf zunächst erlitten haben, dürfte ihr Eifer doch in unten strebt, und dann fände die Thora ihre Heimstätte in den Seelen derer, die niedrig sind in den Augen der Völker. Abraham aber hat für uns alle wie für den Berg des Opfers gebetet, und die Ebene erhebt sich und wird zum Berge. Das Werk der Väter wird Sinnbild den Kindern. 6. Rein von allem fremdem Feuer streben zu lichten Höhen die Seelen der Männer des Volkes. In den Niederungen geringsten Standes sind die Blüten des Thorawissens herangereift. Von Rabbi Josuas Nagelschmiede, aus R. Jizchoks Schmiede und aus R. Jochanans Sandalenwerkstatt, aus Hillels Holzfällerhütte und R. Chaninas Elendsquartier sind die Lehren verkündet worden, denen wir unser Ueberstehen von Jahrtausenden danken. Auch uns, die wir äußerlich nirgend mehr an der Spitze der Zivilisation marschieren können, sei dieser Gedanke ein Trost und eine Ermahnung zugleich. Unser armes Geschlecht kann zu ebenso Großem berufen sein wie manche Zeit des Wohlstandes es war,, ja zu Größerem und Dauernderem. Wir können in Selbstbescheidung und Sorge die Burg des G'ttesgehorsams rein von allem eitlen Tand neu erstehen lassen und aus den weiten Ebenen menschlicher Gleichheit und Brüderlichkeit einen Tempelberg emporsteigen lassen, den niemand mehr durch Ehrsucht entweihen kann, weil wir ihn mühselig erbauen, und können eine Höhe erklimmen, von der uns niemand stoßen kann, weil wir sie vor den Augen Unserer Kinder selbst erstellen. 7. Vielleicht also ist es gerade für Abrahams Kinder nicht vonnöten, der geistigen und wirtschaftllchen Nivellieruna^und Ausgleichung, die sich in der ganzen Welt vollziehen will. Widerstand zu leisten. Es ist möglich, ja wahrscheinlich, daß der Berg G'ttes, zu dem „dereinst strömen werden die Völker", sich über einer ausgeebneten und geeinigten Menschheit erheben will. „Dann Der Israelit den nächsten Jahren eine gewisse Dämpfung erleiden und es müßte schon eine fühlbare Beruhigung und Besserung der wirtschaftlichen Weltlage eintreten, wenn der Völkerbund erneut sich ernsthaft mit den Reformplänen beschäftigen sollte. Starken Eindruck, das möchten wir nicht unerwähnt lassen, dürfte übrigens auf die Konferenz auch das bisher nur dem Inhalte, nicht dem Wortlaute nach, bekannte Schreiben des Vatikans ausgeübt haben, der bisher in der Frage der Kalen-, derreform eine abwartende Haltung eingenommen hatte, nun aber der Konferenz rundweg erklärte, es sei nicht ihres Amtes, in eine rein religiöse, von den Religionsgemeinschaften autonom zu entscheidende Frage hineinzureden. Vialik am Scheideweg. Chajim Nachman Bialik hat sich in Warschau nicht als lyrischer Minnesänger gegeben, sondern mehr als Moralprediger von scharfen Tönen. Was der Mann, von der Quelle der zionistischen Kultur kommend, über den Zionismus zu sagen hatte, war keine Sphärenmusik für die Ohren der polnischen Tarbuth-Leute. Hier einige Proben: „Die Lage der jüdischen Kultur ist in letzter Zeit katastrophal." „Es gab vielleicht noch niemals eine Zeit der innerlichen Leere wie jetzt. Die gesamte Energie der letzten Jahre wurde für den Aufbau Palästinas verwendet, während man gleichzeitig die innere Kulturarbeit vernachlässigt hat." „Man merkt keinen Nachwuchs, weder auf dem Gebiete der Religion, noch auf dem Gebiete von Literatur und Wissenschaft." „Das schöpferische Judentum geht verloren." „Alte Geistesinstitutionen sind zerstört, neue wurden nicht geschaffen." „Merkwürdig ist, daß die geistige Ausrottung Hand in Hand geht mit den Rufen nach Auflebung im volkstümlichen Sinne. Sozialismus, Nationalismus und Zionismus. Es assimiliert sich der Zionist, der Jiddischist." Was ihm alsSymboldes Unterganges erscheint, darüber läßt er uns nicht im Zweifel. Es ist das Schwinden des religiösen Lebens. Die Tatsache, daß in der zionistischen Hochburg Prag 65 Prozent der jüdischen Ehen Mischehen sind und 70 Prozent der jüdischen Knaben nicht beschnitten werden, spricht Bände. „Wir haben Palästina als ein Zentrum mit einem schöpferischen Umfange angesehen, welches die jüdische schöpferische Arbeit in der ganzen Welt stärken wird, aber die Führer haben die ganze geistige Arbeit vernachlässigt und darum muß man sie vor Gericht laden." neigt sich der Mensch, sinkt der Mann, fällt der Sterblichen Stolz, und erhoben bleibt G'tt allein an jenem Taoe." -«^22 Kleines Feuilleton. HamawdU. Ein Volkslied nach dem Gebete am Sabbatausgang. Aus dem jiddischen frei übertragen von Rabbiner Dr. kaah in Hindenburg (O.-S.). 1. Der da weiß zu unterscheiden Zwischen heilig und gemein. Er wird tilgen unsere Leiden, Er wird unsere Schuld verzeihn. Kaum sind entschwunden Des Sabbates Stunden, Da ist aufs neue das Herz mir beschwert Von lastenden Sorgen, Ob mir wohl morgen Mein Brot zu verdienen wird sein beschert. Ich muß zahlen für Heu, Für Holz und für Streu, Die mir in das Haus hat der Bauer gebracht. O Herr der Welt! Kein Groschen Geld! Ich wälz mich in Kummer die ganze Nacht. 2. Wohl hört' ich die Kunde Aus der Väter Munde Vom Propheten Elia, dem G'ttesmann, Dieses der Tenor aller Bialik'schen Reden und Vorträge in Warschau und Lodz. Und die Konfegyenz dieser Einsicht? Als Nathan Birnbaum, viel früher schon, zu solchen Erkenntnissen kam, rettete er sich vom schwankenden Boden in den religiösen Positivismus und fand sich zu uns. Er brachte den ganzen reichen Schatz seiner Logik und Erkenntnisschärfe mit und wurde zum Gewinne. Soweit ist leider Bialik nicht. Er will den Sieg der Halacha. Aber Halacha ist für ihn „ewiger Fluß", Fortentwicklung, Anpassung an Geist und Geschmack der Zeit. Solche Halacha ist aber ein Gang (Rückgang) zu Geiger und Holdheim, solcher Weg zeigt nach der Johannisstrahe . . . Bialik wird diesen Weg nicht gehen, denn er hat ein kluges, waches Auge für den Abgrund am Ende dieses Weges. Aber zu uns gehört Vialik nicht — noch nicht. fiBBaBBaBBBBBBBaaBHHBBBi was ist mif Biro-Bidschan? Die Perspektive, die Rußlands Juden der Landansiedlung auch in kulurell religiöser Beziehung eröffnet, rechtfertigt, baß man sich einige Klarheit über den Stand deit jüdischen Kolonisation im neuen Rußland verschafft. An erster Stelle steht der große Ansiedlungsrayon Biro- B i d s ch a n. Ueber die nächsten Pläne zum Ausbau dieses Gebietes weiß die ITA. folgendes zu melden: Das Zentralexekutivkomitee der Union der russischen Sowjetrepubliken hat in einer soeben abgehaltenen Sitzung beschlossen, das Rayonexekutivkomitee des Fernen Ostens aufzufordern, in Zusammenarbeit mit der Regierungskommissivn für jüdische Aufbauarbeit K o mz e t sofort an die Ausarbeitung von Plänen betreffend alle Zweige wirtschaftlichen und kulturellen Aufbaus in Biro-Bidschan für die Jahre 1932 und 1933 heranzutreten. Die Gesamtarbeit soll auf das Ziel gerichtet fein, daß Ende 1933 innerhalb der Grenzen von Biro-Bidschan eine jüdische administrativ-territoriale Einheit als autonomer Teil der fernöstlichen Provinz der Sowjetunion erstehen soll. In Biro- Bidschan sollen großangelegte Jndustrieunternehmungen errichtet werden, die auf dem Rohstoffreichtum des Landes (Wälder, Eisen, Graphit usw.) basieren sollen, ferner sollen die Heimarbeiterindustrie, handwerkliche und landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften und Häuserbau entwickelt werden. Das Bildungs- und das Gesundheitskommissariat des fernöstlichen Rayons erhält die Weisung, in Biro-Bidschan ein Netz von kulturellen, und sanitären Anstalten ge- Der nach seinem Willen Wunderbar füllen Leere Krüglein mit köstlichem Oele kann. Doch wie dürft' unterfangen Ich mich und verlangen. Daß solch' ein Wunder an mir werd' vollbracht? Ich leg' all meine Sorgen, Mein Heut und mein Morgen Auf G'tt, der da bringet den Tag und die Nacht. Der da weiß zu unterscheiden Zwischen heilig und gemein. Er wird tilgen unsere Leiden, Er wird unsere Schuld verzeih'n. Wochenkalender. v. 81. Okt. — 7. Nov. 1881 * 20. - 27. Marcheschwan 5682. 'dl' ep Samstag Okt. 31 pvni» 20 pavv»y 33 KT! Sonntag 1 21 12 Monmg 2 22 ru rpjyn Dienstag 3 23 13 Mittwoch 4 24 73 Donnerstag 5 25 m '«7'»N TJWl Freitag Samstag 6 7 26 27 V3 0 snnn ■pa-taa naw v>n Dienst! früh 11U.41M Verantwortlich für den allgemeinen Teil und das Feuilleton S. Schachnowitz, Rtattlfutt a. M.;Inserate t. B.: S. Schach» nowitz, ebenda. —Lür die pädagogische Beilage: Lehrer L. Kaufmann, in Sprendlingen' (Kr. - Offenbach). — Verlag des Israelit und Hermon ©. m. b. Frankfurt a. 3R. — Druck Sermon-Druckerei, Frankfurt a. M. , yrfrf* - •ji. $

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