Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1931-10-29 · Heft 44 (29.10.1931) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 44 (29.10.1931)
Date
1931-10-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2450652-2450695--78313-2536012
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Seite 2 Nr. 44 Der Israelit in Lublin und Warschau bilden zwar ein Novum, aber keinen Abbruch für den alten chassidischen Kibbuz. Chassidismus als Volksbewegung plus Agudas Jisroel und Jeschiwa, sie halfen dem polnischen Judentum über alle Gefahren der Uebergangszeit hinweg. Anders in Litauen diesseits und jenseits der Grenze. Zu keiner Zeit zuvor haben die großen Jeschiwoth dort in solcher Blüte gestanden wie heute. S l a b o d k o , Telfchi auf der einen Seite, Mir an der Spitze einer großen Zahl bedeutender Lehranstalten auf der polnischen Seite. Die universelle Bedeutung der Thoraresidenz in der Kleinstadt M i r haben wir neulich an anderer Stelle geschildert. Und dennoch muß man sich fragen: bedeutet dieser Aufschwung der Jeschiwa einen Fortschritt gegen die früheren Jahre? Es gab bis zum Ablauf des vorigen Jahrhunderts kaum eine Stadt und ein Städtchen, ja kaum ein Dorf in Litauen, dessen Holzsynagoge nicht früh und spät vom Sange der Thora widerhallte. Die Lehrhäuser in der Provinz sind heute verödet, geschlossen. Die Thora hat sich in einige Zentren geflüchtet. Konzentration des Thorastudiums. Es werden Führer herangebildet. Wo sind die Geführten; die Reserven im Hintergründe? In Wahrheit wächst heute schon eine Jugend abseits und jenseits der Jeschiwa in Litauen in Unkenntnis der Thora auf, in Lieblasigkeit gegen Judentum und Jüdischkeit. In dieser Unkenntnis und Lieblosigkeit liegen die Keimzellen für alle Verirrungen nach der Richtung der Assimilation wie des Kommunismus. Auch über den Zionismus (der Weg ging zumeist über den Zionismus) ist man schon weit hinausgeschritten. Wir haben das auf unserer Studienfahrt in Wilna deutlich wahrgenommen: Es fehlen die Warschauer Massen, es fehlt die Warschauer Arbeiterschaft, es fehlt die feurige Warschauer Jugend bei der jüdischen Fahne, es fehlt vor allem aber eine aktive Agudas Jisroel, die ein Band der Einheit und der Solidarität um die Thoratreuen schlingt und sie zur bewußten Abgrenzung ihrer geistigen Eigenart drängt. Ein Kreis vortrefflicher Menschen steht auf der Wacht, arbeitet und kämpft mit Liebe und Hingebung. Wilna, das alte jüdische Wilna, ist nicht, oder n o ch n i ch t dabei. In K o w n o das gleiche Bild. Das hängt vielleicht mit dem litauischen Intellektualismus zusammen, aber dieser darf uns keine Absolution bieten. Die großen Jeschiwoth sind Lichthallen der Diaspora, heilige Tempel mitten im Golus. Darin sind Priester und naim ’ms- Wir vermissen die Asarah, die Vorhalle für d a s V o l^. Der Kontakt zwischen Jeschiwalehrer und Jeschiwabachur auf der einen und dem Kaufmann, dem Handwerker, dem Lastträger auf der anderen Seite, wie wir ihn in Kongreßpolen beobachten konnten, ist schon im Städtchen, wo sich doch hart im Raume die Dinge stoßen, nicht gegeben, in der Stadt und Großstadt kann schon von einem Einfluß der Jeschiwa auf die jüdische Gasse gar keine Rede sein. Zwei Welten, scharf voneinander getrennt, als hätten sie latenten Kriegszustand wie Polen und Litauen. Große Männer, blühende Jeschiwoth, flammende Mussarlehrer, aber einen Israel S a l a n t e r, der den Mufsar auf bi e Straße hinaustrug und die Schneider - und die Schusterjungen ins Veshami drasch zwang, hat das heutige Litauen nicht. Vielleicht entsteht er aus dieser Wilnaer Konferenz, entsteht in einem gemeinsamen Willen, die Brücke zwischen Bes Hamid rasch und Gasse von neuem zu schlagen. Es ist dies unseres Erachtens heute das wichtig st e Problemfür dieZukunft, und die Gegenwart des litauischen Judentums. Man hat sich mit ihm genügend beschäftigt. Warten wir den Erfolg der beschlossenen Maßnahmen ab, und hoffen wir indes das Beste. Wochenrundschau. Der Kampf um die Kalenderreform und fein Ende. Wir haben bereits in unserer letzten Nummer über das Ergebnis der Verhandlungen berichtet, die vor der Kommission für Verkehr und Transit des Völkerbundes in Genf in der vorletzten Woche stattfanden und am 15. Oktober beendet wurden. Das Komitee hat sich in einer Deklaration zu Gunsten der Fixierung des Osterfestes ausgefprochne, im übrigen aber keinerlei Empfehlungen auf sonstige Veränderungen des gregorianischen Kalenders angenommen. Der Bericht des Komitees führt aus, daß die Konferenz fast ein-? ___29. Oktober 1931 stimmig der Meinung gewesen sei, die gegenwärtige Zeit sei im Hinblick aüf den Stand der öffentlichen Meinung nicht geeignet, eine Reform des gregorianischen Kalenders für die nächste Zeit ins Auge zu fasten. Die meisten Delegationen hielten, so führt der Bericht aus, im Prinzip zwar einen einfacheren und den Bedürfnissen des modernen ökonomischen Lebens bester angepaßten Kalenders für wünschenswert, müßten jedoch anerkennen, daß mit jeder Aenderung jahrhundertelanger Gewohnheiten gewisse Unzuträglichkeiten verbunden seien, die man nur dann in den Kauf nehmen könne, wenn wirklich bedeutende Vorteile auf der anderen Seite entstehen. Auch . die Opposition verschiedener religiöser Gemeinschaften und sozialer Organisationen sei. durch die beabsichtigte Einführung des Blankotags wachgerufen worden und ein solcher Blanlotag fei bei jedem ewigen Kalender unvermeidlich. Da man nun zugeben müsse, daß das Drängen der öffentlichen Meinung auf einen solchen ewigen Kalender nicht gerade besonders stark in die Erscheinung getreten sei, so würde es schwer, wenn nicht unmöglich sein, den Kalender in gewissen Ländern einzuführen. Soweit der Bericht des Komitees. Vom jüdischen Standpunkte kann dieses, wie wir offen bekennen müssen, in diesem Augenblicke nicht erwartete Ergebnis nur mit tiefer Dankbarkeit und Genugtuung begrüßt werden. Man hatte sich auf Grund des Berichtes der Vorkonferenz vom Juni bereits mit dem Gedanken vertraut machen müssen, daß auch die Vollkonferenz, die ja wieder aus Verkehrstechnikern, Handelskammervertretern und Geschäftsleuten bestand, den Protesten der religiösen Körperschaften und dem Aufschrei der vergewaltigten Minoritäten kein Gehör schenken, sondern sich zur Empfehlung einer Kalenderreform mit Blankotag nach einem der vorliegenden Reformpläne an den Rat des Völkerbundes entschließen würde, ganze Hoffnung des jüdischen Komitees war darauf gerichtet, alsdann beim Rate des Völkerbundes, der die Dinge doch von einer höheren Warte aus zu betrachten pflegt, besseres Verständnis für die hier auf dem Spiele stehenden idealen Menschheitsinteressen zu finden. Wenn es anders kam und schon diese technische Verkehrskonferenz eingesehen hat, daß die Menschheit wahrlich heute mehr als je sich der Unzulänglichkeit rein technischer und utilitaristischer Gesichtspunkte bewußt sein müßte, so ist das nächst der Fügung des Höchsten doch zum Teil gewiß auch der eifrigen Aufklärungsarbeit zu danken, die von jüdischer Seite bis zum letzten Augenblick betrieben worden ist. Der Berg, der sich zur rechten Zeit erhebt. AM» mm. Betrachtung zu x*r»T von B. C. In den Aufzeichnungen, die sich R. Jekev Cohn s. A. aus Altona in Preßburg 1819—1832 nach den Vorträgen des Chatam Sofer gemacht und ungedruckt hinterlassen hat, befindet sich im Laufe einer halachischen Abhandlung über vv ‘»wa folgende homiletische Exkursion, die der Chatam Sofer im Namen seines Lehrers, R. Nathan Adler, bringt: 1. Zu den Worten „Abraham sah den Ort (zur Opferung Isaaks) von fern" sagt der Midrasch rabba, dieser Ort sei ein flaches Feld der Ebene gewesen, und erst Abraham habe um seine Erhöhung gestetet, denn es fei nicht die Ehre des Königs, in der Niederung zu weilen. Deshalb fei Moria, die Stätte der Opferung Isaaks und die spätere Stätte des salomonischen Tempels, damals zum Berge geworden, und das fei der Sinn des Verses '1 -im cn'7> 1»»' „heute, d. h. seither heißt dieser Ort der Berg der G'tteserscheinung." 2. Warum aber, fragt R. N. Adler, war die Opferstätte Isaaks nicht von Anfang an ein Berg? Er antwortet: Nach Ab. f. 45a und 46b ist, obgleich Immobilien durch götzendienstliche Verwendung nicht für den Privatgebrauch verboten werden, ein zum Götzendienst verwendeter Ort zum G'ttesdienst, insbesondere zum Altarbau nicht brauchbar. Da nun die Mischna nach R. Akiba daselbst jeden Berg eines götzendienenden Landes für götzendienstverdächtig erklärt, so ging das Bestreben Abrahams dahin, einen verdachtfreien Ort der von G'tt erwählten Gegend, nämlich ein ebenes Tal zu erreichen, und nachdem er von diesem Orte Besitz ergriffen, konnte er getrost um seine Erhöhung beten. Denn späterer fremder Kult auf diesem Berge konnte nichts mehr schaden, weil niemand, auch kein Heide, verboten machen kann, was ihm nicht gehört. So konnte der Tempel später dort erstehen. 3. Chatam Sofer benützt diesen Gedanken seines Lehrers, um einen Ausgleich zwischen Pf. 132, 5 und dem Streit in Taanith 16a über die Identität zwischen Tempelberg und Moria herbeizusühren. Uns aber ist dieser Gedanke ein willkommener Warner und liebevoller Mahner aus altväterlicher Zeit für unsere Gegenwart. 4. Jeder hohe Berg ist nach R. Akiba an sich schon götzendienstverdächtig. Alles Hervorragende und.Große in der Geschichte, alles Einzigdastehende in der Kultur entspringt der Rekordsucht und erzeugt weitere Rekordsucht. Wohl soll Wetteifer dem menschlichen Sinn nicht fehlen. Aber wie wenige Menschen pflegen edlen Wetteifer und „begnügen sich mit ihrem Teil!" Auch Abraham konnte berühmt werden, konnte sogar durch seine G'ttestreue berühmt werden. Einen G'ttesfürsten nannte ihn sogar der heidnische Hettiter beim Graboerkauf. Er brauchte ja nur ^auf der Menschheit Höhen" zu wandeln, und die Großen seiner Zeit, Hammurabis Vasallen oder Nachfolger, hätten auch ihn zu ihren Heroen gezäyu, seinen Namen willig in ihr Pantheon gemeißelt. Aber ihn lockten nicht die Großen dieser Erde. Er wußte, wieviel blutiger Götzenkult bis in jene Geisteshöhen damaliger Menschheit hinauf herrschte und wieviel Tierheit all ihr Herrenmenschtum schlecht verbarg. Deshalb stieg er in das tiefe Dal schlichten Menschtums, baute sich in der Ebene friedlichen Hirtenfleißes an und gewann sie vom Kultus des Großen und des Schreckens zur Anschauung und Gefolgschaft G'ttes, des Herrn des Friedens und der Zufriedenheit, der Reinheit, der Gesundheit und des Lebens. So blieb er in den Ruhmeshallen der Völker unbekannt, aber Engel kehrten in fein Zelt ein und erhoben fein menschlichstes und privatestes Leben zu den Höhen des Ewigen. In der Lehre G'ttes, die er erahnte, im Thoragesetze, das er ungerufen befolgt, steht nichts davon zu lesen, wie man auf den Höhen der Staatenkultur einherschreitet, wohl aber alles davon, wie eine niedere Sklavenrotte Aegyptens in kurzer Zeit zur g'ttschauenden Volksfamilie umgeschmiedet wird, die G'ttes Wort auf sich nimmt, es zu erfüllen und zu hören. Nicht ein Berg wird von Abgöttischem notdürftig gesäubert und G'tt geweiht, sondern ein Tal zum Berge erhoben, worin nie andere Herren geherrscht haben als der Ewige und Einzige. 5. In unserer heutigen Not sind auch wir in der steten Versuchung, einen Wettbewerb mit den Großen dieser Erde unserer Gesamtheit zuzumuten. Bald fürchten wir uns, auf dem wissenschaftlichen Gebiete, bald auf dem sportlichen, hier in der gesellschaftlichen Stellung, hier in der staatsbürgerlichen, einmal als kolonisierende, einmal gar als staatenbildende Gemeinschaft den „ersten Platz" einzubüßen. Wo Kapital herrscht, lassen wir uns gern die tüchtigen Kapitalerzeuger, — wo Sozialismus herrscht, gern die radikalsten Volkstribunen nennen. Vielleicht aber hat auf den Höhkin aller dieser Strömungen und Strebungen Israel keinen Ehrenplatz in festen Händen. Vielleicht erscheinen sogör alle diese Höhepunkte menschlichen Tuns und Könnens vom Himmelsthron der prophetischen Ethik unseres Thoragesetzes alle gleich tief, alle gleich flach, alle gleich unbedeutsam. Vielleicht endlich gibt es für die Thora ein neues Gleichnis, nämlich das des Wassers, das nach

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.