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Der Israelit · 1931-10-22 · Heft 43 (22.10.1931) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 43 (22.10.1931)
Date
1931-10-22
Page
– (sequence 9)
Language
German
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wm Züdische Seelen.;17< \ Bon Saly Geis in Tel-Awiw. ' (Fortsetzung.) Es klopfte, und herein trat "der erwartete Gast..Löb Stern stand mit Blum in einem innigen Freundschaftsverhältnis: Sie wüten als Nachbarskjnder zusammen ausgewachsen, und die Erinnerungen an. ihre gemeinsamen Kinder- und Jünglingsjahre; verbanden sie. Stern machte wohl : den Eindruck' eines braven Menschen, aber ex. ,. hatte nicht Blums gütige, kluge Augen. „Setze dich, Löb! Riwkah wird uns sicher noch mit einer Tasse Kaffee erfreuen." „Vielleicht spendet sie auch schon eine Probe >< ihres Schabboskuchens? Man sagt, er schmecke so bgut Weil sie die Schäbbosneschomoh mithineinbacke!" .„Deshalb gibt sie ihn auch nicht, bevor mit dem „Lecho Daudi" die Schäbbosneschomoh eingekehrt ist. Sei Schabbos morgen nach Schul unser Gast, und du wirst Riwkahs Vackkunst rühmen können!" „Meine selige Großmutter hat es auch nie gelitten, daß wir von dem, was für den Schabbos bestimmt war, vorher etwas nahmen. — Doch nun zu deiner Reise! Wie war der Erfolg?" „G'tt sei Dank, ich bin zufrieden." „Bringst du irgendwelche Neuigkeiten mit? Die Frage ist wahrscheinlich überflüssig, denn unsereins ist das Herumlaufen in der großen Stadt nicht gewöhnt und kommt so gar nicht dazu, sich um andere Dinge zu kümmern als um die, die ihn in die Stadt führten." „So ist es tatsächlich. — Aber diesmal hatte ich auf zwei Uhr eine Verabredung in das Cafe Goldschmidt, und mein Geschäftsfreund ließ mich bis vier Uhr warten. Da ich weder Karten spielte noch einen geschäftlichen Abschluß besprach, so saß ich allein wartend an meinem Tische. Dadurch fiel ich einem älteren Frankfurter Var-Jsroel auf, und er setzte sich zu mir." „Ich kann mir denken, was jetzt kommt! Mit der neumodisch gewordenen Frankfurter Kehilloh gibt es schon lange Streitigkeiten, — und darüber wird der Mann dir sein Herz nusgeschüttet haben." „So ungefähr war es auch. — Er erzählte, wie es den Gabboim nicht genug ist, für sich und ihre Leute den Schabbos, das Kaschrus, das Sid- ,dur, die Minhogim, überhaupt unser ganzes von unfern Vätern ererbtes Judentum als nicht mehr zeitgemäß, als veraltet zu erklären, sie wollen auch die Treugebliebenen zwingen, gleich ihnen zu denken und zu tun. Doch da gebe es einen Rabbiner Hirsch, einen unerschrockenen, charaktervollen Mann, einen Mann mit der Begeisterung und der Weisheit der alten Propheten, der ihnen iü Wort und Schrift gewachsen ist. „Lau almon jisroel", Israel ist nicht verwaist! G'tt schickt zur rechten Zeit die richtigen Männer!" „Omen! — Nun aber etwas anderes. — Du kennst den roten Bär in Großfelden. Er war nie ein Held im Verdienen, jetzt hat er aber einen schweren Rheumatismus und leidet nA seiner Familie bittere Not." „Und die Großfelder Kehilloh?" „Du weißt, daß in Großfelden die Bauern und die Juden arm sind. Der Ort liegt schon am steinigen Gebirge, entfernt vom furchtbaren Tale. Es gibt dort nur einen reichen, freilich sehr reichen Menschen, — und leider nennt er sich einen frommen Juden. Er hat sein Geld mit Hartherzigkeit und Geiz zusammengescharrt, und sein!IHr ilü 'Geld läßt ihn mcht los, selbst, 'wenn sieben chm sein Bruder verhungert.— Warum gibt sich der Mensch den Anschein der Frömmigkeit?" „Er ist nicht fromm, sondern ein Narr, der glaubt, auch mit G'tt Geschäfte machen zu können! Die Ehrfurcht vor G'ttes Gerechtigkeit und Güte' läßt den wirklich Frommen, nie aufhören, selber nach Gerechtigkeit und Güte zu streben!" „Meinst du nicht, daß wir für den roten Bär etwas tun sollen?" „Selbstverständlich. — Ich schlage vor, jeden Rausch-Chaudesch eine Büchsensammlung für ihn unter unseren Mitgliedern zu veranstalten und ihm stets das Geld noch am gleichen Tage zuzuschicken. Ein Junge läuft in knapp einer Stunde nach Großfelden." „Nun aber zum Schluß, denn du wirst müde :fein! — Wie denkst du über meinen Vorschlag betreffs unserer Jungen?" Während Stern bis jetzt fließend und unbefangen gesprochen hatte, zögerte er bei der letzten Frage. Der Respekt vor Blum ließ es ihn als ein Unrecht empfinden, bereits mit einem Entschlüsse' seinerseits an Blum heranzutreten. Blum schob die Antwort mit der Frage hinaus: „Weißt du, was es bedeutet, sein Kind unter fremde Menschen zu geben?" „Ich weiß es wohl, der Gedanke ist mir sehr schmerzlich, — aber ich sehe keinen anderen Weg." Blum schüttelte den Kopf. „Cm anderer Weg wäre wohl schon da. Wir müßten uns nur mit dem Heute begnügen und nicht in die Zukunft blicken. Wir müssen die Jungen bis zur Barmizwoh beim Lehrer lernen lassen und sie dann ins Geschäft nehmen." „Ist es dir ernst damit?" Er schaute den Freund erstaunt an. Dieser lächelte. „Ich war mit meiner Rede noch nicht zu Ende!" „Ich höre! — Riwkah bringt übrigens eben den Kaffee; hierbei wird mir das Schweigen schon leichter." „Es ist dir, Löb, sicherlich auch aufgefallen, daß die Zeiten andere geworden sind. Dein und mein Vater seligen Andenkens haben ihre Briefe und ihre Geschäftsbriefe noch mit hebräischen Buchstaben geschrieben. Die deutschen Buchstaben brauchten sie nur, wo es — wie bei Briefen an die Behörden — notwendig war, und es schien ihnen dann, als ob sie eine unjüdische Sache begingen. Damals wurde der Jude auch noch nicht zum Militärdienst gezwungen. Ich glaube daher, daß wir mit dem Behalten unserer Kinder in unserer Hut nichts getan haben, da sich dem Äbwehrkampf gegen die Unjüdifchkeit heute nicht mehr aus dem Wege * gehen läßt. Leben doch allein schon Hunderte Juden in den großen Städten wie die Christen. Der Rabbiner Hirsch an Frankfurt hat recht: es gilt das Judentum und die anderen zu kennen. Mit der Tauroh in der Hand muß man furchtlos der Welt gegenübertreten!" Blum hielt einige Augenblicke gedankenvoll inne, dann aber schloß er: „Wir werden unsere Kinder weggeben. Unsere heilige Pflicht ist es aber, sie, das Wertvollste, was G'tt uns anvertraut hat, zu hüten. Wir müssen sie nur daran gewöhnen, ohne Scheu alles, was sie erleben, uns mitzuteilen." Der Hausherr konnte jetzt ein Zeichen der Müdigkeit nicht ganz unterdrücken. Deshalb verabschiedete sich der Gast und dankte seinem Freunde, daß er ihm wieder einmal den richtigen Einblick gegeben habe. n. Es war Samstag abend nach Hawdoloh. Auf dem Tisch brannte traulich die Lampe. Salomon Blum rauchte seine Pfeife und sah den Kindern zu, die Domino spielten. Frau Riwkah las in einem Buche. Samstag abend war die einzige Zeit, in der sie sich diesen Genuß erlaubte. i •: :l iil Rr. 43 »31 r!!>_- | Die Stille wurde jetzt von einer unwilligen Gebärde Jizchoks und von seinem Rufe unterbrochen: „Hannah, soeben warst du nicht ehrlich! Weißt du nicht, daß heute nacht die Selichaus beginnen?" „Aber, Jizchok, sollen wir denn nicht das ganze Jahr ehrlich sein?" „Ich weiß es, Vater; — aber ich denke, jetzt, da sich der Tag nähert, an dem uns G'tt zu einem neuen Jahre einfchreiben soll, müßten wir es noch strenger nehmen." „Gewiß! — Aber ich will euch doch an zwei Beispielen den Unterschied der jetzt' beginnenden Tage vor den übrigen Tagen des Jahres zeigen. Die gute Hausfrau hält ihre Wohnung jeden Tag sauber; von Zeit zu Zeit gibt es dennoch ein großes Reinemachen, und einmal im Jahre — bei uns Juden vor Pessach — genügt auch das nicht. Ein Kaufmann hält jeden Tag sein Lager und seine Bücher in Ordnung, am Ende des Monats jedoch soll er seine Waren und' seine Bücher zusammenzählen, und am Ende des Jahres gar soll er genau berechnen^ wieviel er verdient und wieviel er gebraucht hat."' ' . Die Kinder hörten mit Aufmerksamkeit zu. Der Vater fuhr fort: „So, liebe Kinder, ist es auch mit uns G'tt gegenüber! Nach seinen Geboten zu leben, ist an jedem Tag unsere Pflicht; dazu sind wir geschaf- .en. Am Ende des Monats aber halten wir einen Jaumkippur-Koton, einen kleinen Jaumkippur, an dem wir uns überlegen, wie wir im Monat gelebt haben und uns vornehmen, unsere Fehler nicht zu wiederholen. Am Ende des Jahres gar kommt mit den Selichaustagim, mit Rauschhaschonoh, mit den Asseres-Jemei-Teschuwoh und dann mit Jaumkippur die Zeit der großen Abrechnung, der großen Reinigung unserer Seele. — Syabt ihr mich gut verstanden?" „Ja, Vater!" „Ich glaube, daß es Zeit ist, zu Bett zu gehen, denn Mutter und ich müssen morgen früh schon vor vier Uhr aufstehen." „Laß' mich dabei sein, — ich werde doch schon bald Barmizwoh!" „Was geht denn morgen früh vor?" „Ich weiß es. — Ihr steht in der Nacht auf, wascht euch, Mutter gießt aus der großen Kanne Kaffee ein und schneidet den ersten Zwetschenkuchen an. Dann geht ihr noch im Dunkeln zu Selichaus und fastet einen halben Tag." „Bis auf das Fasten darfst du alles mitmachen!" Jizchok hatte noch etwas vorzubringen. „Eine Neuigkeit, die ich heute gehört habe! — Sichels Awrohom heißt jetzt Albert. Der Mann, in dessen Geschäft er angestellt ist, habe es, so schreibt er; verlangt. Wir Juden sollten uns nicht mehr so sehr von den Christen unterscheiden". „Siehst du, Riwkah, da hast du schon die Aenderung der Zeiten, von der ich mit dir sprach. Dich, Jizchok, will ich aber fragen, was du über das Gehörte denkst!" „Der Mann hat nicht recht getan, aber auch Awrohom nicht. Er heißt nach seinem Großvater, und nun sieht es aus, als würde er sich seines Großvaters schämen. Das ist doch häßlich!" , „Wenn ich am Freitag abend die Hände auf deinen Kopf lege, was sage ich dann?" „Ich möge wie Esrajim und Menascheh werden." „Nun merke auf!—Joses regierte in Aegypten wie der König, nur auf dem Throne galt dieser mehr als er. Auch war seine Frau aus einer der vornehmsten ägyptischen Familien. Trotzdem gab er seinen Söhnen die hebräischen Namen Efrajim und Menascheh. Seine Söhne behielten ihre Namen und wollten — obwohl sie ägyptische Prinzen waren — nichts als Venei- Jisroel sein. So soll es stets sein, — und' deshalb segnen wir die Kinder mit den Namen Efrajims und Menaschehs."

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