Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 43 (22.10.1931)
- Date
- 1931-10-22
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 6 Nr. 43 Der Israelit 22. Oktober 1931 tage n; In eingeweihten Kreisen sieht man den Grund der Vertagung darin, daß die Völkerbundkreise es nichts,angebracht hielten, die durch akute Krisen und Fragen aufgewühlte Welt noch in einen Streit, um dieses sehr schwierige und heikle Problem'zu stürzen. Es wird angenommen, daß der Blankotag, der insbesondere von der jüdischen Gemeinschaft einmütig abgelehnt wird, da er den jüdischen Sabbat zu e i n e m b e w e g l i ch e n Tag i n d e r W o ch e macht, bei den zukünftigen Verhandlungen nicht mehr ernstlich in Betracht gezogen werden wird. Die Verkehrskonferenz will lediglich den christlichen Kirchen empfehlen, das Oster- und Pfingstfest in der Weife festzulegen, daß Ostern jeweils auf den Sonntag nach dem zweiten Sonnabend im April und das Pfingstfest entsprechend sieben Wochen später fällt. Ostern würde danach regelmäßig zwischen den 9. und 15. April fallen, womit die jetzt bestehende Spanne von 5 Wochen auf eine Woche herabgesetzt wäre. Am 15. Oktober war die Aussprache innerhalb der Verkehrskonferenz zu Ende. Der französische Delegierte richtete an mehrere Delegierte, die sich bereits für den Blankotag ausgesprochen hatten, die Frage, ob sie gemäß Instruktion ihrer Regierungen gesprochen oder ihre eigene Meinung zum besten gegeben haben. Die also apostrophierten Delegierten mußten Zugeben, daß sie von ihren Regierungen keine endgültigen Jnstruktionen erhalten hätten. Der englische Delegierte erklärte, es dürfe keine Rede davon sein, schon jetzt einen Beschluß über die Einführung des Vlankotages zu fassen, die öffentliche Meinung dränge noch nicht auf eine Reform. In dem gleichen Sinne sprachen sich die Vertreter Frankreichs,Jtali e n s und anderer Länder aus. Auch der deutsche Vertreter war der Ansicht, daß eine Reform nurbeiEinstimmigkeitplatzgreifen könne. Er wies gleichzeitig darauf hin, daß nicht nur ein Teil der öffentlichen Meinung in der Welt, sondern auch mehrere Staaten gegen die geplante Reform seien. T,J Korrespondenzen « nacbricfcfen. Deutsches Reich. Spaltungen im Zionismus. Berlin, 12. Oktober. Die Union der Zionisten-Revisionisten, Landesverband Deutschland, hat auf der zweiten ordentlichen Landeskonferenz der deutschen Revisionisten folgende Beschlüsse gefaßt: a) Die revisionistischen Mitglieder des Landesvorstandes der Z. V. f. D. legen ihre Aemter nieder; b) die deutschen Revisionisten beteiligen sich nicht am Delegiertentag der Z. V. f. D.; c) die Landeskonferenz stellt fest, daß die Mitglieder des Landesverbandes der Zionisten- Revisionisten nicht verpflichtet sind, der Z. V. f. D. und ihren lokalen Organisationen anzugehören. Die deutschen Revisionisten können, soweit die Umstände dies erforderlich erscheinen lassen, als Einzelpersonen oder als lokale Gruppen den Ort-Acuppen der Z. V. f. D. angehören, die Konferenz empfiehlt aber den Mitgliedern des Landesverbandes den Austritt aus den Ortsgruppen, bezw. aus der Z. V. f. D. und die Gründung selbständiger revisionistischer Gruppen." Darauf hat der Geschäftsführende Ausschuß der Zionistischen Vereinigung für Deutschland in seiner Sitzung vom 14; Oktober seinerseits: fob gende Erklärung abgegeben: „Das Verhalten einer Organisation, die ihren Mitgliedern den Austritt aus der Zionistischen Vereinigung für Deutschland empfiehlt, untergräbt dei Grundlagen der Einheitlichkeit unserer Arbeit, stellt ferner eme schwere Provokation dar und wirkt parteischädigend. Die Zugehörigkeit zu einer-kfolchen Organisation, äst daher mit der Zugehörigkeit zur Zionistischen :' Vereinigung unvereinbar^" r- ' Der G. A. stellt fest, daß näch wie vor Zionisten jeder Richtung in der Zionistischen Vereinigung ihren Platz haben, und daß die hier ausgesprochene Unvereinbarkeit sich keineswegs gegen die Gesinnung der Revisionisten richtet, sondern gegen das parteischädigende Verhalten ihrer Landesorganisation. Gleichzeitig hat der G. A. beschlossen/an die Exekutive in London die Anfrage.zu richten, wie sich die Exekutive gegenüber den Beschlüssen der Zionisten-Reoisionisten von Calais zu verhalten gedenkt. Die „Jüdische Rundschau" veröffentlicht eine Erklärung der Deutschen Landesorganisation des Misrachi, wonach diese ihren Austritt aus der Misrachi-Weltorganisation endgültig vollzogen hat. Ihr Verhältnis zur Zionistischen Die Woche. Berlin. Am Sonntag verstarb plötzlich in seinem Berliner Atelier der große jüdische Maler Lesser Ury kurz vor Vollendung seines 70.. Lebensjahres. Die Kunstwelt war jetzt damit beschäftigt, seinen auf den 7. November fallenden 70. Geburtstag würdig zu begehen. — Am 14. Oktober fand die Eröffnung des vom Landesausschuß Berlin der jüdischen Jugendverbände gemeinsam mit dem Jugendpflegedezernat der Jüdischen Gemeinde errichteten Heimes für erwerbslose Jugendliche statt. Im Hause Auguststr. 14/15 sind vier Räume als Erwerbslosenheim hell und freundlich eingerichtet worden. Frankfurt a. IN. Aus der Tagung der deutschen Abteilung der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit wurde mitgeteilt, daß die einzelnen Sektionen gegen den Antisemitismus in Wort und Schrift und Tat gekämpft haben. Bukarest. In Bukarest ist heute der bekannte jüdische Politiker Dr. Adolph Stern, Vorkämpfer der Emanzipation der rumänischen.Juden, im Alter von 84 Jahren verstorben. Warschau. Im Städtchen Dabrczo hat ein zwölfjähriger Junge antisemitischer Eltern im Schulhofe seinen jüdischen Klassenkameraden, einen zehnjährigen Jungen, mit einem Stock erschlagen. Der Mörder wird wegen seiner Jugendlichkeit straflos ausgehen, da es eine Fürsorgeerziehung in Polen nicht gibt. — Das Amtsblatt der polnischen Regierung veröffentlicht eine Verordnung, dergemäß die jüdischen Gemeindesteuern auf das Maximum von 10 Proz. der Staatssteuern begrenzt werden. — Das Kreisgericht von Radom hat das Urteil gegen sieben Teilnehmer am Pogrom in Radom Mitte Juni d. I. gesprochen. Es verurteilte den Haupträdelsführer zu zwei Jahren, zwei der Rädelsführer zu je 6 Monaten, zwei zu je drei Monaten Gefängnis und sprach einen der Angeklagten. frei. Jerusalem. Da die Exekutive der Jewish Agency an ihrem Beschlüsse festhält,.. das Schulbudget in diesem Jahre um 20 000 Pfd. zu kürzen, wurden die Schulen auf Beschluß der Lehrerschaft am Montag noch nicht geöffnet. Organisation bleibe hierdurch unberührt. In der Erklärung wird darauf hingewiesen, wie sich der deutsche Misrachi mit seinen Aenderungsvorschlägen beim Weltmisrachi nicht durchsetzen konnte. Bereits im September 1930 hatte der Delegiertentag des deutschen Misrachi feine Forderungen zum Teil ultimativ festgelegt. Die Baseler Weltkonferenz des Misrachi im Juli 1931 lehnte aber alle Forderungen ab, wiewohl die deutsche Delegation keinen Zweifel darüber ließ, daß die Ablehnung zum Austritt des deutschen Misrachi führen würde. Nunmehr hat die Landeszentrale. den Entschluß gefaßt, den Austritt zu vollziehen und für Mitte November eine Konferenz des deutschen Misrachi einzuberufen, aus der das Programm der neuen Bewegung festgelegt werden soll. Verlängerung des Breslauer Wahlkompromisses auf ein Jahr. fB res tau, 16. Oktober. Die „Jüdisch-liberale Zeitung" teilt mit: Das im Jahre 1930 abgeschlossene Kompromiß zwischen den Parteien der GemeiphevertretunA Breslau,, wyr auf die Dauer von einem Jahre vereinbart. - Dasselbe läuft somit mit dem 31. Dezember 1931 ab. Die Liberale Fraktion wie wohl. auch die anderen Parteien - waren.?sich bei! den'nun notwendigen Verhandlungen darüber , einige ,, daß Neuwahlen'in der jetzigen Zeit unter allen. Um- , ständen zu vermeiden sind. Die Verhandlungen zur Verlängerung des Kompromisses wurden durch den Vorsitzenden des Vorstandes, Herrn Geheimrat Goldfelds eiflgeleitet. . . . Die Verteilung , der Sitze in . der Ge- . meindevertretung bleibt somit wie folgt: Bop den 23 Sitzen erhalten Liberale 11, Jüdische Volkspartei 4, Konservative Partei 3, Mittelpartei 2, Wirtschaftspartei, desjüdischen Mittelstandes 2, Arbeitsgemeinschaft ostiüdischer Organisationen 1. Im Vorstand verbleiben: Liberale 6, Jüdische Volkspartei 2, Konservative Partei 2, Mittel- Partei 1, Wirtschaslspartei des jüdischen Mittelstandes 1. Die Liberalen stellen den Vorsitzenden der Gemeindevertretung als auch den Vorsitzenden des Gemeindeoorstandes. Die wesentlichen weiteren Bedingungen des Kompromisses gehen zunächst dahin, daß während der Dauer dieses Kompromisses die bestehenden Gemeindeeinrichtungen, insbesondere diejenigen des Kultus, des Unterrichtes und des Ritualwesens, in bisheriger Weise aufrecht zu erhalten sind. Es ist Vorsorge getroffen, daß sowohl in Fragen der jüdischen Schule als auch bei Anträgen betr. Palästinaunterstützung den liberalen Wünschen entsprochen wird. Genehmigung von Lehrbüchern für den jüdischen Religionsunterricht in Preußen. Berti n, 15. Oktober. Im neuesten Heft des „Zentralblatts für die gesamte Unterrichtsverwaltung in Preußen" vom 5. Oktober wird ein vom 21. September datierter Erlaß des Ministers für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung an die Prooinzialschulkollegien (U. II. 16876) veröffentlicht, in dem es einleitend wie folgt heißt: „Für den jüdischen Religionsunterricht an den höheren Schulen Preußens, die nach den von den preußischen Landesverbänden a) Jüdischer Gemeinden in Berlin-Charlottenburg, b) Gesetzestreuer Synagogengemeinden in Halberstadt aufgestellten Lehrplänen unterrichten, werden die nachstehend aufgeführten Lehrbücher genehmigt. Die unter Nummer 1, 6, 14, 16, 18, 19, 21, 28, 30 und 33 bezeichneten Bücher dürfen jedoch an den Schulen, die nach dem Lehrplan des bei b) genannten Landesverbandes unterrichten, nicht gebraucht werden." Es folgt dann ein Verzeichnis von Lehrbüchern irr drei Gruppen: 1. für den hebräischen Unterricht, 2. für oen Unterricht in biblischer und nachbiblrscher Geschichte, 3. zum Unterricht in der Religionslehre. Die erste Gruppe umfaßt 13, die zweite 14 und die dritte 6 Lehrbücher. Es ergibt sich hieraus, daß von den aufgeführten Lehrbüchern zehn für den Unterricht in Schulen, die nach dem Lehrplan des gesetzestreuen Verbandes unter- , . richten, nicht zugelassen sind und zwar folgende: Hebräische Lesefibel von Michael Abraham; - Tefilla kezara von Michael AbrahäM; Biblische Erzählungen vorr , Dr. Jacob Auerbach; Ein Buch für unsere Kinder von; S. Müller; Kleine Sckjul- und Hausbibel von Dr. Jacob Auerbach; Biblisches Lesebuch für die jüdische Jugend von Prof. Dr. L. Tachau; Lehrbuch der jüdischen Gechichte von Rabb. Dr. H. Fuchs; Kurz gefaßtes Lehrbuch der jüdischen Religion für Schule und Haus von Rabb. Dr. Feilchenfeld-Schwerin; Religionsbuch für den ' israelitischen Religionsunterricht von Rabb. Dr. Freudenthal und Jüdische Geschichte von S. Müller. (Wir müssen unserem Erstaunen darüber Ausdrulck geben, daß der Preußische Landesverband in Berlin über diesen Erlaß des Ministers an die Presse eirw Mitteilung versandt hat, die geeignet ist, irreführend zu wirken. Aus der Mitteilung des Landesverbandes muß : der unbefangene Leser schließen, der Minister habe, über den weltanschaulichen Gegensatz innerhalb des deutschen Judentums hinweg, einheitliche Lehrbücher für sämtliche Schulen ohne Rücksicht auf ihren religiösen Charakter genehmigt, während, wie aus der j vorstehenden authentischen Mitteilung ersichtlich, das Gegenteil der Fall! st. Mit einer solchen keichb 1 erkennbaren Verschleierung der tatsächlichen Verhältnisseleistet der Preußische Landesverband weder dem Frieden, noch der Wahrheit einen Dienst. Red. d. Israelit.)-