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Der Israelit · 1931-10-22 · Heft 43 (22.10.1931) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 43 (22.10.1931)
Date
1931-10-22
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 43 Seite S 22. Oktober 1931 .auch zur.Rechtfertigung des Sklavenhandels vorgebrachte .Argument'mit den Worten abgetan:: „Es ist, wie wenn .ein StraßeUräuber mir eine geladene Pistole vor den^ .Kopf fetzt und sagt: Ergib dich oder ich schieße, dann aber wirst du der Mörder sein!" Chief-Rabbi Dr. Hertz schloß: „Wenn es auch eine .weltumfassende Forderung nach radikaler Revision des .Kalenders gäbe, — es gibt aber keine! — wenn auch eine solche radikale Revision alle die Vorteile im Rechnungs- und Puchhaltungswesen mit sich bringen würde, die ihre Befürworter von ihr erwarten — solche Vorteile werden von kompetenten Autoritäten, deren Desinteressement nicht angezweifelt werden kann, geleugnet — auch dann würde es Pflicht dieser Konferenz sein, sich zu fragen, ob diese angeblichen Vorteile nicht mit der -Zerstörung religiöser und kultureller Werte zu teuer erkauft sind, ob die Menschheit nicht mehr ist als ein Buchhalter und sein Big Busineß-Arbeitgeber. Die Antwort auf diese Fragen überlasse ich den Mitgliedern dieser Konferenz. Ich vertraue darauf, daß Sie durch ihren Beschluß der unseligen Agitation für eine Kalenderreform mit Hintansetzung religiöser Werte und Interessen endgültig ein Ende bereiten und über die Komödie der Acht- Tage-Kalenderbewegung den Vorhang fallen lassen werden." Es folgten die Ansprachen der Repräsentanten des Komitees für Erhaltung der Stabilität des Sabbat in den Vereinigten Staaten, Arthur 1. Levine und Dr. Elkan N. Adler. Herr Arthur L. Levine führte aus: „Ich vertrete hier die Liga zur Sicherung der Stabilität des Sabbat, die mehr als vier Millionen amerikanischer Juden aller Richtungen, Reformjuden, orthodoxe und konservative, umfaßt. Ich bin kein Rabbiner, sondern Laie. Als Geschäftsmann und Arbeitgeber möchte ich Ihnen die auf das Geschäftsleben sich auswirkenden .Nachteile der geplanten Aenderungen des Kalenders vor Augen führen: 1. Das bestehende Zwöls-Monate-Jahr kann ohne weiteres in ein Jahres-Sechstel, -Drittel- -Viertel oder -Hälfte geteilt werden, ohne daß die einzelnen Monate zersplittert werden; der geplante neue .Kalender macht Vierteljahres-Berichte und Halbjahresderichte unmöglich, da ein Dreizehn-Monate-Jahr nicht in ein Halbjahr, Vierteljahr, Dritteljahr oder Sechsteljahr geteilt werden kann, ohne daß die Monate zersplittert werden. 2. Rach dem jetzigen Kalender ist die Zinsberechnung eine einfache Sache des Kopfrechnens. Ein Bankkassierer kann z. B. öprozentige Zinsen für einen Dollar auf der 30-Tage-Basis mit einem halben Cent pro Monat berechnen. Für zwei Monate betragen -die Zinsen einen Cent. Bei jeder Geldsumme zu 6 Prozent verrückt er einfach das Komma um zwei Stellen und hat seinen Zinssatz. Angenommen, das Kapital beträgt Dollar 845. Die Zinsen für zwei Monate zu 6 Prozent belaufen sich auf Dollar 8.45. Aber bei Zugrundelegung eines 28 Tage-Monats sind die Zinsen 'für einen Dollar pro Monat Dollar 0.004615 mehr. Daraus ergibt sich eine weit umständlichere Berechnung, die viermal soviel Arbeit erfordert als das Zwöls-Monate- Jahr. Die amerikanische Bankier-Vereinigung hat denn auch gegen den Dreizehn-Monate-Kalender-Vorschlag gestimmt, als ihr dieser Plan durch die Handelskammer der Vereinigten Staaten oorgelegt wurde. 3. Der jetzt geltende Zwölf-Monate-Kalender läßt selten das Monatsende auf, einen Sonnabend fallen. Der Sonnabend ist heute in vielen Geschäftszweigen ein halber Ruhelag, er wird vielleicht bald ein voller Ruhetag werden. Bei dem Dreizehn-Monate-Kalender fällt das Monatsende immer auf einen Qonnabenb, moburd) ber Sonnabend infolge der notwendigen Monatsschlußrechnungen, Postregelung, Gehälterauszahlung usw. zum härtesten Arbeitstag im Monat gemacht werden würde; die Angestellten hätten keine Aussicht mehr, an Sonnabenden einen Ruhetag zu bekommen. 4. Alle Monatsschlüßrechnungen würden statt jetzt-zwölfmal in Zukunft drei- .zehnmal aufgestellt, verschickte und eingesammelt werden. 5. Alle monatlichen Versicherungsprämienscheine und Kontrakte würden neu geschrieben werden müssen. Obligationen mit Coupons, die bis zu einer bestimmten Zeit Gültigkeit haben, würden Ursache zu Verwirrung geben, Prozesse und andere Unannehmlichkeiten würden die Folge sein. 6. Die langfristigen Pachtverträge und alle anderen Kontrakte, die auf monatlichen Abzahlungsraten nnd auf der Grundlage des Zwölf-Monate-Kalenders basieren, würden endlose Prozesse und Nachteile für beide prozeßsührenden Parteien verursachen. — Schließlich würde die nicht ohne Bruch zu teilende Zahl 13 für den kleineren Geschäftsmann eine besondere Erschwerung bedeuten." Im Namen der vier Millionen Inden in Amerika, die sich strikte weigern werden, den „vollkommen widersinnigen und unnötigen" Kalenderreformplan anzunehmen, ersuchte Arthur .Levine den Vorsitzenden, den Mitgliedern der Kommission folgendes mitzuteilen: 1. Gewisse Literatur, die anscheinend durch das Regierungsbüro in Washington der Kommission übermittelt wurde, hat nichts mit einer Willenskundgebung der Regierung der Vereinigten Staaten zu tun. 2. Alle in den Zeitungen erschienenen Mitteilungen, daß sich die Regierung der Vereinigten Staaten für den Dreizehn-Monate-Kalender erklärt De t Israelit_ hätte, Md vollkommen unwahr und wurden bloß zu Prostagandazwecken verbreitet. Dr. Elkan N. Ädler erklärte in feiner Ansprache, er und sein Kollege P. S. Henry sprächen im Namen von 51 jüdischenDrganisationen -in den Vereinigten Staaten von Amerika, die mehr als vier Millionen repräsentieren. Diese vier Millionen Juden widersetzen sich aus Gewissensüberzeugung heftig einer Reform, die die Stabilität des Sabbat angreift. Dr. Adler untersuchte die Notwendigkeit einer Kalenderreform überhaupt und erklärte, es feien schlüssige Beweise dafür vorhanden, daß keine allgemeine Unzufriedenheit mit dem gegenwärtigen Kalendersystem besteht. „Auf den Fragebogen der Kalenderreform-Kommission hat nur ein kleiner Prozentsatz der herangezogenen Körperschaften geantwortet und von denen, die eine Antwort erteilt haben, hat sich nur eine ganz kleine Zahl für eine Reform ausgesprochen. Millionen Juden und Christen, deren religiöse Traditionen und Ueberzeugungen durch die Einführung eines Blankotages verletzt werden würden, widersetzen sich leidenschaftlich einer solchen Reform. Der jüdische Midrasch berichtet über Og, König von Baschan, der jeden fremden Besucher seines Königreiches in ein Bett legte, das der Größe des idealen Durchschnittsmenschen angepaßt war. War ein Besucher zu klein für das Bett, wurden ihm die Gliedmaßen gewaltsam auseinandergezogen, war er zu groß, wurden ihm die Füße abgehackt. Ein Gleiches wird in der griechischen Literatur von dem Tyrannen Prokrustes berichtet. Heute versucht es ein Mann des Westens, unserer Siebentagewoche einen Neujahrs- und Schalttag anzufügen. Wir hoffen und glauben, daß der common sense überwiegen und daß diese illustre Konferenz die vorgeschlagene Kalenderreform ad calendes graecas verschieben wird." Die Konferenz widmete auch den dritten Tag der Beratung ganz der Aussprache über die Reform des gregorianischen Kalenders. Zur Frage steht, ob man die Reform radikal gestalten und den Kalender durch Einführung eines Blankotages zu einem beweglichen machen, oder ob man sich lediglich mit Verbesserungen begnügen soll, die mit der bisherigen Tradition nicht brechen. Die Mehrzahl der Redner (so u. a. die Vertreter Kanadas, Spaniens, der Schweiz, der Tschechoslowakei, Jugoslaviens, Griechenlands, der Experte der Vereinigten Staaten von Amerika und' der Vertreter der internationalen Handelskammer) sprach sich für die radikalere Reform, d. h. für Einführung des Vlankotages, aus. Die Vertreter Hollands und Italiens nahmen entschieden Stellung gegen- Me radikale Kalenderreform. Ein Vertreter Hollands zählte die Gründe auf, weshalb Holland gegen die Einführung des Vlankotages ist, und erklärte, die Gegnerschaft gegen den Blankotag rekrutiere sich nicht allein aus den Kreisen des Judentums, auch ein Teil der Protestanten sehe in demBlankotag einen Bruch mit der Tradition. Die holländische Regierung werde der Einführung des Vlankotages nicht zustimmen. Ein zweiter holländischer Vertreter, Prof. Maresco, ergänzte die Ausführungen des Vorredners und wies darauf hin, daß in Holländifch-Jndien etwa 50 Millionen Mohammedaner, rund eine Million Chinesen und andere Völkerschaften leben, bei denen die Einführung des Vlankotages Verwirrungen und Komplikationen zur Folge haben werde. Der italienische Delegierte präzisierte die Stellungnahme seiner Regierung dahin, daß diese jeder weitgehenden Reform des Kalenders abgeneigt fei und insbesondere die Einführung des Vlankotages entschieden ablehnt. Die italienische Regierung halte die Frage noch nicht zu einer Lösung reif und empfehle deren gründliches Studium vor irgend einer Beschlußfassung. In sehr eindringlichen Ausführungen appellierte der Vertreter der A d v e n t i ft e n an die Konferenz, die Rechte der religiösen Minderheiten nicht mit Füßen zu trten. Es handle sich hier, sagte er, um eine religiöse Gewissensfrage, und KO“cer» SCHLESICKY-SIRÖHLEW AbzOge 6X9 Mit. 0.10 KAISERSTRASSE 27 Abzüge 9X12 Mk, 0.25 eine solche Frage könne nicht dem Diktat einer Mehrheit unterworfen werden. Der schweizerische Vertreter ergriff nochmals das Wort und bemerkte, daß die sozialen und wirtschaftlichen Nachteile der Einführung eines Vlankotages, auf welche die Minderheiten, unter ihnen die Juden, Hinweisen, übertrieben seien; diese Einwände hätte das Komitee zur Vorbereitung der Kalenderreform in seinem Bericht an die Konferenz bereits entkräftet. De Vatikan erklärte in einem Schreiben an die Konferenz, daß die römische Kurie nicht in der Lage sei, einen Beobachter zur Konferenz zu schicken, da die Kurie das Problem einer Kalenderreform für ein durchaus religiöses hält, das eine weltliche Körperschaft nicht lösen könne. Die Londoner „Times" geben die Rede von Chief-Rabbi Dr. Hertz 'Zustimmend wieder und fügen hinzu, der Chief-Rabbi habe keinen Zweifel darüber gelassen, daß die Juden keine Entscheidung irgendeiner zivilen Behörde, die dem jüdischen Gesetz zuwider ist, anerkennen werden; dieser religiöse Standpunkt verdiene es, daß d i e Christen ihm Respekt entgegenbringen. „Times" drückt die Hoffnung aus, daß die Mehrzahl der Menschen es vorziehen werde, den jetzt geltenden Kalender zu behalten, da der vorgeschlagene Reformplan schlimmere Nachteile mit sich bringt, als der gegenwärtige Kalender im Gefolge hat. Genf, 16. Oktober. In der Nachmittagssitzung der Verkehrskonferenz am 15. Oktober erklärte der Delegierte der portugiesisch-jüdischen Gemeinden Hollands, Prof, P a l a ch e, das gesamte Judentum sei einig in der Gegnerschaft zum Blankotag. Die Juden haben bewiesen, daß sie für ihre Ideale auch zu sterben verstehen. Um keinen Preis in der Welt würde das Judentum seinen Sabbat aufgeben: eher würde es zugeben, daß seine Friedhöfe in Chausseen und seine Synagogen in Garagen umgewandeit werden. Das Judentum hofft, daß der Völkerbund, der zum Schutze der Schwachen und Unterdrückten geschaffen wurde, nicht einem Akt der Vergewaltigung seine Hand reichen und sich nicht damit einverstanden erklären wird, daß das große historische Monument, das der Sabbat darstellt, zertrümmert wird. Der Vertreter Griechenlands, Herr Politis, wandte sich scharf gegen Pros. Palache und warf ihm vor, er ziehe den guten Glauben des Völkerbundes in Zweifel. Der Vorsitzende der Konferenz erklärte, auch, er müsse gegen gewisse Bemerkungen Prof. Palaches Stellung nehmen: schließlich sind es ja die Regierungen, die zu bestimmen haben. Es sprach dann der Delegierte der aschkenasischen jüdischen Gemeinden Hollands, Oberrabbiner T. L e w e nst e i n aus Zürich, der ausführte, der Krieg für und gegen den Blankotag fei ein Krieg zwischen Realismus und Idealismus. Die Frage ist für die Gesamtjudenheit eine Gewissenssrage, an der jedes mathematische Argument zerschellen mutz. Der Redner sprach der holländischen Regierung, die bei ihrer Stellungnahme zur Kalenderreform den Standpunkt ihrer jüdisch-religiösen Minderheit berücksichtigt hat, die Anerkennung aus. Holland, die Wiege der Toleranz, trete für die Gleichheit aller Religionen ein. Der Redner schloß mit dem Wunsche, daß nicht e i n Tag im Jahre als „weißer" Tag eingeführt werde, sondern daß alle Tage des Jahres „weiße" Tage ohne Unterdrückung und Verfolgung sein mögen. Der Blanko tag wird wahrscheinlich nicht eingeführt w.x rd e n. — Vertagung der Kalenderresorm. Die Kommission des Völkerbundes für Verkehr und Transit, die zu Beginn der vorigen Woche Zusammengetreten war, um die Frage der Kalenderreform einer Lösung zuzuführen, hat nach einer eine Woche lang dauernden Aussprache und nach Anhörung verschiedener „Beobachter", u. a. der Vertreter des rabbinischen und des weltlichen Judentums, beschlossen, die Frage der Kalenderresorm auf unbestimmte Zeit zu v e r -

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