Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 43 (22.10.1931)
- Date
- 1931-10-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Nr. 43 Der Israelit Frankfurts größtes Spezialhaus bietiet „Eieste Qualität zu '*>1J' {. bi j IJ gsten Preisen“. jMmJ -jf t Uhren aller Art. TT. Gold . Silber - 1 Juwelen Bestecke Trauringe letefth unD sonn NurZeil 95 u. Töngesg. 25-27 Meine Herren! Wir, die Unterzeichneten, Laien, die die Hauptzentren jüdischer Bevölkerung in der ganzen Welt vertreten, haben den Wunsch, unserer tiesen Beunruhigung über den gegenwärtig vom Völkerbund erwogenen Plan der Kalenderreform Ausdruck zu geben. Die jüdische öffentliche Meinung hat sich in dieser Angelegenheit mit einer seltenen Einmütigkeit geäußert. Die Verbände jüdischer Gemeinden in allen Ländern, wo solche existieren, haben einmütige Resolutionen angenommen, die die geplante Aenderung mißbilligen. Ein gleicher Schritt wurde von den Einzelgemeinden in den meisten Ländern ergriffen. So hat sich in England und in Frankreich' fast jede jüdische Gemeinde formell dieser Protestäußerüng angeschlossen. In einigen Orten wurden Petitionen gegen die geplante Aenderung des Kalenders von sämtlichen erwachsenen Juden' unterzeichnet. In Holland z. B., wo rund-120.000 jüdische Seelen leben, haben nicht weniger als 57,161 Juden ihre Unterschriften unter die Protesterklärungen gesetzt.. Die Frage des Datums des Osterfestes betrifft die Juden als solche nicht, sie ist im wesentlichen eine Angelegenheit, über die die christlichen Kirchen zu entscheiden haben. Im Prinzip widersetzen sich die Juden keineswegs einer Kalenderreform. Ihre Gegnerschaft beschränkt sich auf das sogenannte „Blankotag"- oder „Acht Tage"- Woche-Projekt, das einen wesentlichen Teil der jetzt in Erwägung stehenden Pläne bildet. Die jüdische Opposition gegen die geplante Neuerung beruht keineswegs nur auf geistlichen Gründen, noch ist sie einzig durch rabbinische Meinung inspiriert. Wir weisen entschieden die von einigen Befürwortern des „Vlankotages" gemachte Behauptung zurück, wonach die jüdische Haltung auf den von „einigen extrem-orthodoxen Rabbinern" eingenommenen intransigenten Standpunkt zurückzuführen ist. Die Opposition gegen die erwähnten Pläne wird von der jüdischen Gesamtheit getragen. Sie gründet sich aus das feststehende Gebot des Dekaloges. „Sechs Tage sollst Du arbeiten, der siebente Tag ist Sabbat". Keine gesetzliche Verfügung irgend einer bürgerlichen Macht vermag es, den religiösen Juhen zu bewegen, die ewige Gültigkeit dieses Gebotes zu ändern, das nicht nur durch die Umstände seiner Entstehung, sondern auch durch zahllose Generationen unbedingter Erfüllung geheiligt ist. Der Sabbat ist in jedem Sinne des Wortes eine fundamentale Institution im jüdischen Leben. Seine regelmäßige Wiederkehr am Schlüsse der Arbeitswoche hat unwägbare geistige und symbolische Bedeutung. Dies würde sich ändern bei einem „beweglichen" Sabbat, der in jedem Jahre seine Position in der bürgerlichen Woche ändert. Selbst diejenigen, die unter dem Druck der Umstände nicht in der Lage sind, den Sabbat in der traditionellen Form zu beobachten, würden tief die Auslöschung von etwas empfinden, das seit zahllosen Generationen der große Faktor in ihrem religiösen Unterbewußtsein gewesen ist. Die Befürworter der Kalenderreform fordern, daß, wo es sich um das allgemeine Interesse handelt, die Ansichten einer Minderheit hintangesetzt werden sollten. Aber in einer religiösen Angelegenheit ist es Gebot der Humanität, daß Minderheiten gleiche Rechte wie Mehrheiten genießen. Diese religiöse Frage ist aber gleichzeitig eine soziologische. Der „Blankotag"-Plan würde, wenn er zur Annahme gelangt, unvermeidlich den materiellen Ruin für Millionen Juden in der ganzen Welt mit sich bringen. Für religiöse Juden ist in heutiger Zeit die Beobachtung des Sabbat auch so schon eine schwierige Angelegenheit gewesen. Bisher jedoch ist es möglich gewesen, daß die Kunden eines jüdischen Ladenbesitzers oder Kaufmannes erfahren, an welchem Tage in der Woche sein Geschäft geschlossen ist, es war genau fixiert, wann ein jüdischer Angestellter die Erlaubnis erhält, der Arbeit fernzubleiben. Bei Annahme des neuen Planes würde es dem Durchschnittsmenschen schwer sein, sich über den Tag in der Woche zu unterrichten, auf den in jedem einzelnen Jahre der jüdische Sabbat fällt. Ein gewissenhafter jüdischer Kaufmann würde im Dezember jedes Jahres seine Kundschaft benachrichtigen, an welchem Tag im kommenden Jahre sein Geschäft wegen des Sabbats geschlossen sein würde. In Schaltjahren würde er eine ähnliche Bekanntmachung in der Mitte des Sommers machen müssen. Die Verwirrung in Geschäftskreisen jener Orte, in denen orthodoxe Juden einen großen Teil der merkantilen Bevölkerung bilden, würde unermeßlich sein. In vielen Ländern würden sich die oben angedeuteten Schwierigkeiten noch erhöhen. Die in den letzten Jahren erfolgte Einführung der „englischen Woche" von fünfeinhalb Arbeitstagen hat in gewissem Maße das aus der Sabbatbeobachtung sich ergebenden Opfer gemildert. Dieser Vorteil würde sich jetzt in einen Nachteil verwandeln. Die Einführung der Fünfrage-Arbeitswoche, auf die viele Juden bisher mit Hoffnung geblickt haben, würde einen weiteren Rechtsnachteil hinzufügen. ' Die Verwirklichung des -gegenwärtig in Erwägung' befindlichen Plans,, einer Kafenderreform^würde somit Mjllofenr Äüden Äittschä.ftllch^s UnheillbriNtzen, Rest Mus femerti änderen "Grünhe^ als durch ihre Treue zünr.Maubenst ihrer" Güter. '/nDiknvenychtßnde Rechtlosigkeit, öi& diese sogenannte „Reform" für die Juden nach sich ziehen würde,"' wird''sbtz'ä'^ °. von' dem' Urheber des ^13 Mönaie- „Blankotag"-Planes anerkannt, der es als wohltuende Folge des Neuen Kalenders bezeichnet, daß die Juden gezwungen fein würden, ihren Separatismus wenigstens soweit es sich um den Sabbat handelt, aufzugeben. Seine Hoffnung wird nicht erfüllt werden. Wenn der Blanfo-, tag-Plan zur'Durchführung gelangt, wird die Mehrheitder Juden vor die Wahl gestellt l fein, entweder ihre Ideale aufzugebsn oder materiellen Ruin' mit in den Kauf zu nehmen. Das wäre gleichbedeutend mit Verfolgung im schlimmsten mittelalterlichen Sinne. Auf den Völkerbund als das Bollwerk gegen Verfolgung, als Schützer der religiösen Rechte der Minderheiten und als Garant der Verträge, in denen diese Rechte gesichert sind, blickt nun das jüdische Volk und erhofft von ihm Schutz vor der drohenden vernichtenden Katastrophe. In seinem Namen bitten wir um die Aufgabe oder Abänderung des gegenwärtig in Erwägung befindlichen Planes. Unterschrieben ist diese Petition von Cyrus Adler, Präsident des American Jewish Committee und' Chef des Dropsie College in Philadelphia: O. E. dÄvigdor Goldfmid, Präsident des Board of Deputies of British Jews und Vorsitzender des Council der Jewish Agency für Palästina; S. van den Bergh, holländischer Senator: CH. N. Bialik, Präsident des Verbandes der hebräischen Schriftsteller in Palästina; H. Farbstein, früherer Deputierter des polnischen Sejm und früherer Präsident der Jüdischen Gemeinde in Warschau; Herbert H. Lehman, Gouverneur des Staates Newyork; Sylvain Levi, Präsident der Alliance Jsraelite Universelle, Professor am College de France; I. L. Magnes, Kanzlerder Hebräischen Universität in Jerusalem: Felice Ravenna, Kommissar des Verbandes der jüdischen Gemeinden Italiens; Edmond de Rothschild, Mitglied des Instituts de France, Präsident des Consistoire des Jsraelites de Paris; Lionel de Rothschild, Präsident der United Synagogue in London; Nahum Sokolow, Präsident der Zionistischen Organisation und der Jewish Agency. Nathan M. T. Sondheimer- Frankfurt a. M.; Felix M. Warburg-Newyork; Oscar Wassermann-Berlin. Der Grarrd-Rabbin von Frankreich als der Präsident des Jüdischen Komitees betreffend die Kalenderreform und der Chief-Rabbi des britischen Reiches als der Vorsitzende der Exekutive des Komitees, haben dem Vorsitzenden und den Mitgliedern der vierten allgemeinen Konferenz über Verkehr und Transit, Völkerbund, Genf, die von den Jüdischen Gemeinden und Gemeindeverbänden angenommene Resolution gegen die Einführung des Blankotages unterbreitet und in einem Begleitschreiben ausgeführt: „Wir haben die Ehre, die Protestresolution der Weltjudenheit gegen jede Aenderung des Kalenders durch einen „Blankotag" zu unterbreiten. Diese Resolutionen wurden von den jüdischen Gemeinden in fast jedem mit dem Völkerbund verbundenen Lande einstimmig angenommen. Die Millionen Juden in den Vereinigten Staaten von Amerika haben ihre Opposition auf anderem Wege zum Ausdruck gebracht, während die Juden Sowjetrußlands leider im Augenblick ünvernehmbar sind. Ferner wurden Petitionen von Hunderttaufettden einzelnen Juden in 28 Ländern Europas, Asiens und Afrikas unterzeichnet. Wir hoffen, daß ein solcher überlegter Meinungsausdruck des ganzen Hauses Israel gegen die unsagbaren Härten und den geistigen Verlust, die sich aus der Einführung eines „Blankotag"-Kalenders ergeben müssen, bei Ihren Erwägungen von einem angemessenen Gewicht sein wird. Indem Sie diese Pläne fallen lassen, werden Sie die ständige Dankbarkeit aller Freunde religiöser Freiheit ernten." Die Resolution lautet: „Die Unterzeichnete jüdische Gemeinde erhebt nachdrücklichen Protest gegen jede Reform des Kalenders, die in der Einführung eines Blankotages oder mehrerer Vlankotage besteht, weil dadurch, daß der Sabbat zu einem beweglichen Tage gemacht wird, Verwirrung in das jüdische religiöse Leben gebracht wird und schwere soziale und wirtschaftliche Benachteiligung für die überwältigende Mehrheit der Juden in der ganzen Welt sich ergibt." Resolutionen mit obigem oder gleichem Inhalt wurden in verschiedenen Sprachen von den jüdischen Gemeinden der folgenden Länder angenommen. (Die Ziffern in Paranthese geben die _ 22. Oktober 1931 .Zahl der unterzeichnten Gemeinden in jedem Tande an): Australien- (7), Oestevreich (11), Bel- •giert (8), Bulgarien (Zentralkonsistorium im Na- 'men der bulgarischen Juden),Kanada G), Tsche- MsfMWs. .,(1?6),. Myemärkl. (Gemeinde.. Kopenhagen), Aegypten (Gemeinde Alexandria), Estland (6), Frankreich und Algerien (178), Deutschland. (609),; Großbritannien (174), Ungarn (106), Irland (3), Italien (40), Jugoslavien (114), Litauen (101), Niederlande (De Centrale ^mmissie tot de Älgemeene Z.aken van chet Nederlandsch Israel Kerkgenootschap im Namen der Holländischen Juden), Neuseeland (2),.Palästina (4), Polen (314), Rumänien (207), Schweiz (28), Südafrika (25). Ferner wurden Petitionen gegen den geplanten Blankotag-Kalender von sehr vielen Juden in verschiedenen! Ländern unterzeichnet, von welchen die nachstehenden aufgezählt sind''(die Ziffern in Paranthese geben die Zahl der unterzeichnenden erwachsenen Personen an): Polen (224.911), Holland (57.161), Ungarn (52.240), Litauen (33.100), Rumänien (25.498), Griechenland 24.056), Lettlands. (23.429) Oesterreich (21.070), Tschechoslowakei (20.790), Deutschland (17.282), Frankreich und Algerien (16.210), Tums (4.256), Marokko (1.986), Irak (1.716), Estland und Finnland (1.300), Dänemark (1.260), Indien (Bombay) (485), Syrien (Damaskus) (375), Norwegen (170). . Zur Begründung der eingebrachten. Petitionen und Resolutionen ergriff in der Sitzung der Völkerbundskonferenz für Verkehr und Transit Chief-Rabbi Dr. I. H. Hertz das Wort und führte ungefähr aus: - „Herr Vorsitzender, meine Herren! Die hartnäckige und unerschütterliche Opposition jüdischer und anderer religiöser Körperschaften gegen die jetzt zur Beratung stehenden Pläne einer Reform des Kalenders mag-Sie stutzig gemacht haben; aber Sie'werden sich nicht länger über diese Zähigkeit wundern, wenn Sie erfahren, welche Verwicklungen diese Pläne, namentlich der Plan, die letzte Dezemberwoche jedes Jahres zu einer Achttage-Woche zu machen, für das religiöfeLeben bringen. Weil das Jahr aus 52 Wochen und einem Tag besteht, wird geplant, den 365. Tag als einen Blankotag oder einen der letzten Jahreswoche anzufügenden achten Wochentag zu erklären. Eine solche Achttage-Woche würde aber die wirkliche Tagesfolge der Woche im darauffolgenden Jahre ändern: der Sonntag würde zum Montag, der Montag zum Dienstag werden, uff. Wenn dann das Ende des Jahres eine neue Achttage-Woche bringt, werden die Tage des späteren Jahres wiederum verschoben werden. Eine der Folgen würde sein, daß der religiöse Sabbat in jedem Jahre auf einen anderen Wochentag fallen würde. Es braucht nicht erst betont zu werden, welch ungeheure Härte dies den frommen Juden und Millionen Angehörigen anderer Konfessionen, die ihrem geheiligten historischen Ruhetag treu bkibm wollen, bringen würde. Zweimal bereits haben jüdische religiöse Führer in Genf den Befürchtungen des jüdischen Volkes nach dieser Richtung hin Ausdruck verliehen. Auch heute beschwören Sie die religiösen Führer aller Richtungen des Judentums in allen Ländern, dis feit undenklichen Zeiten bestehende Institution der Siebentage-Woche nicht zu zerstören. Ein wandernder Sabbat würde das religiöse Leben der Juden untergraben. Neben einer Aktion der geistlichen Führer der Judenheit geht eine von jüdischen Männern und Frauen aus den jüdischen Gemeinden der ganzen Welt einher. Ich bin entsandt worden, um dieser Konferenz die Protestresolutionen der Judenheit in der ganzen Welt zu übermitteln. Chief-Rabbi Hertz verlas die Resolutionen der Gemeinden, sowie Stellen aus der Petition weltlicher Führer und polemisierte dann in scharfer Form gegen jene Verfechter der Kalenderresorm, die meinen, daß der Standpunkt einer Minorität, auch einer religiösen Minorität nicht zu berücksichtigen sei. Dr. Hertz verlas eine Erklärung des sogen. Nationalen Komitees für Kalendervereinfachung in den Vereinigten Staaten, in welchem, es heißt, daß wenn die Reform irgendeine Minderheit hart trifft, so sei dies Schuld dieser Minderheit selbst, die sich dem Beschluß der Mehrheit nicht anzupassen versteht. Ich versichere Sie, fuhr Dr. Hertz fort, dies ist keine von mir erdachte Karikatur einer Polemik, sondern es sind oerba ipsissima der Apostel des neuen Kalenders. Es ist dies ein von allen Tyrannei der Geschichte benutztes Argument zur Rechtfertigung blutigster religiöser Verfolgungen. Diese abstoßende Doktrine, daß die Leiden der Opfer blinden Fanatismus nicht auf die Brutalität des Verfolgers, sondern auf die mit den Gesetzen des Verfolgers in Konflikt geratenen Ueberzeugungen der Verfolgten zurückzuführen ist, klingt höchst sonderbar von den Lippen der Landsleute eines Rodgar Williams und eines Woodrow Wilson. Abraham Lincoln, der größte und weiseste Amerikaner, hat dieses-