Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 43 (22.10.1931)
- Date
- 1931-10-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2450652-2450694--78300-2535998- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 2 Nr. 43 22. Oktober 1931 beseelt, um so mehr wird die höchste Humanität für dich eine Wesensnotwendigkeit, der folgerichtige Ausfluß deiner seelischen Beschaffenheit. In letzter und höchster Instanz handelt der vollkommene Mensch wie das Tier, ohne Konflikt zwischen Sollen und Sein, zwischen Aufgabe und Natur, zwischen Erfüllung und Bestimmung. Wenn also der Prophet die letzte Menschenzukunft schaut, sagt er: (Ezech. 34, 31) „Ich überlasse euch frei euch selbst als meine Schafe, als Schafe meiner Weide, Menschen seid ihr, Ich euer Gott." Für die Endzeit der Menschenentwicklung bedürft ihr keiner Beeinflussung und Mahnung mehr zu eurer Lebensaufgabe, dem Schafe gleich tretet ihr wie von selbst in die Herde der G'ttesdiener, denn „Menschen seid ihr". Tier heißt das Naturwesen unter Herrschaft des Instinkts. Wenn wir die Tragik unseres Zwiespalts überwunden haben, wenn unser Gewissen so kräftig und fein, unsere Seele so leicht und kampflos auf das.Gute wie ein Naturtrieb reagiert, dann wird auch das Ethos gleichsam ein Instinkt, ein unfehlbarer; wir können „unserem dunklen Drang" so folgen, des rechten Weges wohl bewußt, wie das Tier dem seinen. Mit Recht sagt Jean Paul: „Je jünger, einfacher und frömmer die Völker, desto mehr Tierliebe", denn sie ist Ausdruck dafür, daß im unverdorbenen Gemüt das Tier als „fromm", als ganz seiner Bestimmung hingegeben empfunden wird. „Tier und Mensch", diese Verbmdung gilt auch in der Gleichheit des Schicksals, des Leidens. Wie gemeinsame Not alle Unterschiede der Menschen vergessen macht und überbrückt, so schlägt das Leid auch die Brücke von Mensch und Tier. Die Elemente, die freien Töchter der Natur, sie bedrohen gleichmäßig Mensch und Tier. Niemals kann man die Gefahren der entfesselten Natur gänzlich bannen. Tod und Krankheit, der Kampf mit Unbill und Uebergewalt, mit allen zerstörenden Kräften bringen dem Menschen immer wieder seine „schlechthinnige Abhängigkeit" von einem höheren Willen, seine Ohnmacht zum Bewußtsein. Diese Ohnmacht bleibt Wesen des Menschen wie des Tieres; und das Leid ist das Echo der Ohnmacht. Die Religion lehrt jedes Weh als solches ehren. Je tiefer du mitempfindest, je mehr Mit-Leid alles Leid der Kreatur in dir erweckt, desto höher stellt dich die Religion. Dem Schöpfer gegenüber ist alles Leid eine stille Bitte um Seine väterliche Gnade, Seine fürsorgende Hand. „Mensch und Tier hilf Du, o G'tt." (Psalm 36, 7). Der 3 5 r a e I i t_ Wer daher Schmerzen des Tieres nicht mitempfindet, als einfachen Ausdruck kreatürlicher Ohnmacht, wer nur Menschentränen als beachtungswürdig betrachtet, der fordert den himmlischen Richter heraus; er erbittet nicht Erbarmen mit dem Leid als solchem, sondern nur in Rücksicht auf seine höhere Dignität, seine Überlegenheit und Leistung, sein Verdienst und seine Gerechtigkeit; dann wird an ihn das Gericht mit der Frage nach seiner Bewährung mit der Strenge des Absoluten herantreten. Als Ninive vom Untergang bedroht ist, da hüllte sich in Trauer „der Mensch und das Tier". Nur das schlichte, nackte Leid bittet um Gnade; weil den Menschen das Schicksal der Tiere gleich weh tat wie das sie selbst bedrohende, darum konnte ihr Aufschrei Gehör finden. Drum bittet der religiöse Mensch nur als „Kreatur" um sein täglich Brot bei G'tt. Demütig singt der Psalm: „Er gibt dem Tier sein Brot, den jungen Raben, welche zu Ihm rufen." Drum sagt die Bibel so eindrucksvoll: „G'tt läßt das Kraut fürs Tier wachsen und die Gräser zur Brotgewinnung für den Menschen." Darum auch die Vorschrift: erst füttere dein Vieh, dann setz dich selbst an den Tisch! Als wenn die sittliche Berechtigung zu dem Bissen Brot (dessen Gewinnung ohne das Tier nicht möglich gewesen wäre), erst dadurch erworben wird, daß du selbst das Bedürfnis der „Kreatur", des rein physischen Hungers anerkannt hast. Tierquälerei ist daher Herausforderung G'ttes; sie nimmt dem Menschen das Recht, für fein eigen Leid die Hilfe des Himmels und die Hilfe eines höherstehenden Menschen in Anspruch zu nehmen. „Der Gerechte aber kennt die Seele seines Tieres"; denn der Gerechte weiß, daß niemals das Lebensrecht auf sittliche Bewährung allein gegründet werden kann. Wenn der Mensch durch eigene Schuld in Not gerät, so reiße er nicht das Tier in fein Unglück mit hinein. Was hat das Tier gesündigt? Als Moses dem Pharao die Hagelplage ankündigt, fügt er den Rat hinzu: bring dein Vieh in Sicherheit! Laß es nicht schuldlos mitleiden! Dem Edlen ist daher auch stets Ziel, wie des Menschen so des Tieres Leid zu verringern. Die Propheten, die von kommenden besseren Tagen reden, künden nicht nur vom ewigen Frieden der Menschen. Auch den Frieden in der Natur, in der Tierwelt ersehnt ihre reine Zukunstsschau. „Es weilt der Wolf bei dem Lamme, Leopard lagert neben dem Böcklein, Kalb und Leu und Ochs zusammen Und ein kleiner Knabe führet sie. Kuh und Bär gehn auf die Weide, Gemeinsam betten sie ihre Jungen, Und Löwe wie Rind fressen Stroh. Niemand tut weh, niemand tut Schaden Auf meinem ganzen heiligen Berg." Man hat diesen Frieden in der Tierwelt nun als ein Bild der Völker und Menschen nehmen wollen, die sich fürder nicht mehr in Raublust und Hinterlist und Mordgier befehden. Der Starke will das traurige Recht der Gewalt,, der Schwache das feige Mittel des Betruges nicht mehr in Anspruch nehmen. Aber m solchem Bilde kann nur sprechen, wem auch das Grausame der Raubtiernatur selbst als ein Fluch, als ein Zustand der Unvollkommen-- heit erscheint. Der Mensch zähmt das wilde Tier; Hund und Katze, einstens Raubtiere, sind an Brotnahrung, an friedliche Eingliederung in den menschlichen Bezirk gewöhnt worden. Ob nicht fortschreitende Kultur das Tierreich langsam milderen Gesetzen unterwerfen wird, die nicht mehr Mord und Blut kennen? So bezieht der große Mensch die Tierwelt mit in seine Zukunftshoffnung ein. Es gibt keine Weltenbeglückung, ohne daß auch das Tier von den harten Ketten des mitleidlosen Daseinskampfes befreit wird. Wochenrundschau. Ein jüdisches MrlfchastsinMut. Es ist begreiflich, daß in der beispiellosen Krise, unter der die deutschen Juden und alle ihre: sozialen und kulturellen Institutionen in höherem Grade noch als der Durchschnitt der Bevölkerung leiden, immer neue Pläne und Ratschläge zur Linderung der an allen Ecken und Enden aufbrechenden Notstände autfauchen. Eine Idee, die zwar wohl auch nach Ansicht ihrer Anreger keine augenblickliche Hilfe bringen kann, die vielmehr ganz auf die Zukunft gerichtet ist, scheint uns die neuerdings durch Rabbiner Dr. Goldmann-Leipzig gegebene Anregung zur Errichtung eines jüdischen W i r t s ch a f t s i n st i t u t s zu sein, zu der sich auch der bekannte nationalökonomische Schriftsteller, Dr. Adolf Marcus in Berlin, sin Centralvereinsblatt äußert. Das in Aussicht genommene Institut soll zunächst einmal gründliche Der Gerechte und die Gerechte«. Die überragende Bedeutung Abrahams, der nach Sintflut und Turmbau den Träger der neuen Zeit und der neuen Welt, wie sie G'tt wünscht, darstellt, drückt sich in den zwei Worten aus: nvb »sinnn „wandele vor mir". Von Noah, dem Gerechten seiner Zeit, heißt es aber: m ibnnn o’piwi nx „mit G'tt wandelte Noah", am Leitseil der g'ttlichen Gnade konnte er sich durch die Wirrsale seiner Zeit durcharbeiten. Ein Schrittmacher G'ttes, wie Abraham, war er nicht. Dieser ging G'tt voraus, seinen Namen verkündend, der Menschheit den Weg zu ihm ebnend "odV -\bnm- Die Stufungen innerhalb der Welt der Gerechten sind nach Midrasch (Jalkut Emaur) gleich den Farbenstrahlen des Regenbogens siebenfach bv mm »aw mwaVi traaiaV a’pnaV srpnV ma^> nan!> man nnnsi »enpan /ra „Sieben Gruppen gibt es unter den Gerechten, deren Antlitze leuchten wie die Sonne, der Mond, das Firmament, die Blitze, die Sterne, die Rosen und das Licht im heiligen Tempel." Nicht an uns ist es, die graduelle Bedeutung der Gerechten zu fixieren. G'tt, der ins Herz sieht, nur er allein weiß es. Wenn wir aber die Guten und Frommen nach ihren ^.rkungen und den Ausstrahlungen aus ihrem Wesen und Wirken bewerten, dann verstehen wir die wundervolle Differenzierung im Jalkut vollkommen. 1. Es gab Große, die nan> man, der Sonne gleichend, überragend und umfassend mit ihrem Geiste die Welt beherrschen. Von Abraham, der eine solche Sonne war, sagt der Prophet: cxr weckte vom Osten her den Morgen, miaa -v>j?n •>»• Talmud sagt von ihm: eine Perlenkette von wunderbarer und sicherer Heilkraft für alle Gebrechen der Menschheit hing ihm um den Hals. Sie wurde, diese Perlenkette, später ans Sonnenrad gehängt, wodurch sich die Heilkraft der Sonnenstrahlen erklärt. Auch Moses war eine Sonne, die im Reiche des Weltenlebens nie untergehen kann, •»so nnn ’jsa nsw. 2. Neben diesen Einzelnen und Einmaligen gab und gibt es Große, deren Wirken epigonenhaft, aber darum nicht minder groß und bedeutsam war, die dem Monde gleich, der sein Licht von der Sonne erhält, aber dennoch die Nacht beleuchtet und mit seinem sanften Lichte die Herzen erfreut, wirken. Seit Moses war im gewissen Sinne alles Lehren und Schaffen im Haufe der jüdischen Forschung epigonenhaft, denn was auch die Neuern gaben und geben können, es war und ist in der von Moses überlieferten Urform niedergelegt, pmi maVn ‘iviyp na b?* 3. Nicht jeder kann ein Moses oder ein Iosua sein, aber viele gleichen dem »’p'v in ihrer epochalen Bedeutung sichtbar für alle Welt und orientierend wie das Firmament; führende Männer von großem Horizont. 4. Aber gibt es nicht welche, die im Verborgenen blühen, ungenannt und ungekannt, und dann plötzlich, im gegebenen Momente, blitzartig mit einer rettenden Tat auf dem Plane erscheinen, Komete, von denen man nicht weiß, woher sie kommen und wohin sie gehen. Von einem solchen Gerechten vierten Grades sagt der Talmud: nnrr nsraa iaViy n:ip- Es war ihm gegeben, sich in einer Stunde seine Welt zu erwerben. 5. Eine andere Gruppe von Gerechten gleicht 8en Sternen, die nur in der Nacht leuchten,, kleine Größen ihrer Zeit, an den großen Sonnen gemessen, kaum sichtbar. Von einem führenden Gelehrten erzählt der Talmud im Traktat Tanith: „Als er starb, sah man mitten im Tage die Sterne am Himmel." Eine Sonne wan mit dem Tode des Großen untergegangen, die Kleinen, die Sterne konnten zur leuchtenden Geltung kommen. Ein Gerechter dieses fünften Grades war nach manchem Auffassung auch Vater Noah. Sein Lichtlein leuchtete in der düsteren Nacht der Sintflutgeneration nur. 6. Indes, man verachte auch jenes stillen Wirken eines Mannes nicht, der sich auf eigenes Hans und eigenen Hof beschränkt, gleich den Rosen, deren Dust nicht weil über den Garten hinausreicht. „Und schmücke sich die Rose selbst, so schmückt sie doch den Garten." Keine gute Tat bleibt für sich allein, sie streut Saaten, sie findet Nachahmung, sie schlägt Kreise. 7. Und zuletzt flackert ein heilig Lichtlein IN den Hallen des Tempels vipan ma bv Dieses Lichtleins, dieses G'ttesfunkens im Herzen entbehrt keiner. Es gilt nur, den Funken anzufachen. Jedermann trägt den Marfchallstab der sittlichen Größe (die Prädestination zum Zaddik) im Schreine seines Herze.ns. In Zeiten, wo die Sonnen vom Formate eines Abraham und Moses ihr Licht verhüllten und auch die Größen der anderen Grade dünn gesät sind, hat die Gesamtheit die Pflicht und auch die Möglichkeit, mit zusammengefaßten Kräften die sonnengleiche Pefsönlichkeit eines Abraham zu ersetzen. Wie die Schattierungen und Farbennuancen in der Wett der Gerechten auch sind, tun sie sich zusammen, so sind sie der Regenbogen am Horizonte, der in seiner siebenfachen Farbenpracht ein Zeichen des Friedens, ein Signal der g'ttlichen Gnade mitten im Gewölk und Gewitter ist. .ppa nvpn nrriaa