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Der Israelit · 1931-10-15 · Heft 42 (15.10.1931) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 42 (15.10.1931)
Date
1931-10-15
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 Nr. 42 und an Boden verloren haben. Die Siege in Kongreß- Polen müssen für die Arbeit auch in Galizien eine gute Perspektive abgeben. Besondere Anerkennung und Dank zollt er dem „Jüdischen Togblatt" in Warschau, das die größten Verdienste an den Erfolgen der Orthodoxie hat. Die Rede wird mit begeisterten Ovationen für den gefeierten Führer ausgenommen. Es spricht noch ein Schüler der Lubliner Jeschiwa über die Lern Methoden in Lublin und Herr Vruner über die Presse. Nach längerer Aussprache wird die imposante Versammlung mit Gesang geschlossen. In einer Konferenz aller Vorsteher der Lemberger Gemeinde und der Vertreter aller Parteien wurde ein Komitee geschaffen, dem die Fürsorge für die Arbeitslosen obliegt. Die Agudazentrale ist in diesem Komitee durch deren Präsidenten, Herrn Wittels, vertreten. Agudajugend-Konferenz in Krakau. Krakau, 13. Oktober. In den Cholhamoedtagen wurde hier eine große Konferenz der Zeirei Agudas Jisroel in Galizien abgehalten, mit dem Ziele, die Aguda-Jugend in Galizien zu aktivieren. Nach Begrüßungen hielt Rabbi Zewi Hirschhorn ein Referat über die Ideologie der Agudas Jisroel. Ueber die Agudabewegung in Galizien berichtete Herr F. Stempel. Herr D. Rosenfeld referiert über die Palästinaarbeit der Agudas Jisroel. Ueber Limud Thora spricht Herr Mosche Waziars. Weitere Referate halten die Herren Elimelech Steuer, A. Mochkowitz und ein Schüler von Lublin, L. Verglas. Mit der Verlesung mehrerer Resolutionen und Schlußreden erreicht die Konferenz ihr Ende. Schweiz. Die Kalenderreform-Arage vor dem Völkerbund. G e n f, 13. Oktober. Das Komitee für Verkehr und Transit des Völkerbundes begann gestern seine Plenarsitzung, in deren Verlauf aus Grund des vom vorbereitenden Komitees vorliegenden Berichtes über die Juni-Sitzung in der Kalenderreform-Frage endgültige Beschlüsse zllr Vorlage an den Völkerbundsrat gefaßt werden sollen. Vertreter zahlreicher religiöser Körperschaften verschiedener Konfession sind aus diesem Anlaß hier erschienen, um den Standpunkt der religiösen Gruppen . gegenüber dem Blankotag zu vertreten. Für das „Jüdische Komitee betreffend die Kalenderreform" sind die Herren Chief- Rabbi Dr. Hertz und der Sekretär des Komitees, Dr. Cecil Roth, anwesend, für die Agudas Jisroel Rabbiner Dr. Pinchas K o h n und Konsul Sally Guggenheim, im Aufträge der holländischen Regierung die Herren Oberrabbiner Dr. L e w e n st e i n - Zürich und Prof. Dr. P a l a z i - Amsterdam, für die amerikanische Sabbatliga Dr. Elkan Adler und L e v i n e aus Newyork. Die Religious Liberty Association von Amerika hat ebenso wie die Adventisten Vertreter entsandt. Chief-Rabbi Dr. Hertz hielt vor der Konferenz eine temperamentvolle Rede, de sich mit scharfen Worten gegen die Tragikomödie des Blankotages wandte. Sehr tief und eindrucksvoll waren die Ausführungen des Adventistenvertreters Max Well, der den Versammelten vorhielt, daß es wahrlich nicht die Aufgabe des Völkerbundes fein könne, die Gegensätze unter den Menschen zu vertiefen und die ewigen Forderungen des biblischen Wortes mit Füßen zu treten. Die eigentliche Debatte über den Blankotag wird erst im Laufe des heutigen Abends oder morgen früh stattfinden. Man hofft, daß angesichts der starken gegnerischen Strömungen gegenüber dem Vlankotag die Kommission schließlich einer Vertagung des ganzen Kalenderreform-Projekts auf 7 oder 8 Jahre zustimmen wird. Oesterreich. Die österreichischen Katholiken gegen das Hakenkreuz. Wien, 5. Oktober. Der gegenwärtig in Wien stattfindende außerordentlich stark beschickte österreichifche Katholikentag wandte sich in einer Resolution in der schärfsten Form gegen den Nationalsozialismus, dessen Lehren und Handlungen im Widerspruch zum Christentum und seiner Lehre D eY I s rae l it stehen. In den Ansprachen haben nicht allein der hohe katholische Klerus mit dem Kardinal-Erzbischof Dr. Piffl an der Spitze, sondern auch aktive führende christlichsoziale Politiker die katholische Bevölkerung vor jeder Verbindung mit dem Hakenkreuz gewarnt. Vizekanzler der Bundesregierung Schmitz führte u. a. aus: „Die Hakenkreuzbewsgung trägt ein bloß scheinbares Kreuzesabzeichen, ein Kreuz, das an den Ecken verbogen ist, Symbol dafür, daß die Hakenkreuzler die Lehre der Liebe verbiegen; kein wahrer Christ kann und darf sich mit dem Hakenkreuz identifizieren." Holland. Die holländische Iudenheit gegen die Kalenderreform. Amsterdam, 13. Oktober. Die aschkenasische jüdische Gemeinde in Holland ist aus der 4. Konferenz der Völkerbundkommission für Verkehr und Transit, die am 12. Oktober in Genf zur Behandlung der Kalenderreform Zusammentritt, durch den Züricher Oberrabbiner Dr. T. Lewenstein, der als Beobachter an der Konferenz teilnimmt, vertreten. Die Petition der holländischen Judenheit gegen jede Kalenderresorm, die die Kontinuität des Sabbat in der Woche ändert, trägt die Unterschriften von 57161 Juden und Jüdinnen im Alter von über 18 Jahren. Die Petition wurde soeben durch das holländische Außenministerium an den Generalsekretär des Völkerbundes geleitet. Rumänien. Der Zug des Elends in Wiznitz. Czernowitz, 8. Oktober. Wie schon kurz mitgeteilt, hat der Präfekt Chirescu, ein Schwiegersohn des Minfterpräfidenten Jorga, 118 jüdische Flüchtlingsfamilien, die feit etwa einem Jahrzehnt in Wiznitz in Holzbaracken wohnten, auf die Straße gesetzt, weil sein Freund, der Stadtrat und Schulleiter Popescu, der unweit der Baracken eine Villa besitzt, und der' sich durch die jüdische Nachbarschaft genier fühlte, dies verlangt hat. Der vom „Czernowitzer Morgenblatt" nach Wiznitz entsandte Berichterstatter gibt seinem Blatt die folgende Schilderung vom Elendszug der Evakuierten: . - Wiznitz macht den Eindruck eines auserstandenen Friedhofs; als ob die Toten sich aus ihren Gräbern erhoben hätten und durch die Straßen wandeln würden. Hunger und Not prägen sich in den Gesichtern aus. Man kann sich eine Steigerung der Not der Wiznitzer Bevölkerung gar nicht mehr denken. Es ist sehr bedauerlich, daß die Mitglieder der interparlamentarischen Konferenz, die jetzt in Bukarest tagen, nicht nach Wiznitz eingeladen werden konnten, um zu sehen, was ein menschliches Auge besser nicht sehen soll. Die gesamteuropäische Presse hätte dabei sein sollen, es wäre für sie eine noch nicht erlebte Sensation geworden. Der Korrespondent berichtet dann, daß die Evakuierten, wenn sie obdachlos und verzweifelt durch die Straßen gewandert waren, durch die Polizei gewaltsam in weit abliegende Elendsbaracken, die schon bisher stark übervölkert waren, gepreßt wurden, so daß mehrere Famlien zusammengepfercht in einzelnen Elendsräumen wohnen müssen. Dies fei ein grausamer Hohn, denn die Evakuierung wurde damit begründet, daß die Baracken in der Nähe der Villa des Herrn Chirescu den Anforderungen der Hygiene nicht entsprechen. palöflina. Thora w'Awoda in Tel-Awiw. Tel-Awiw, 5. Oktober. Im abgelaufenen Jahre hat sich-Tel-Awiw um fünf schöne Synagogen vermehrt, so daß es jetzt ca. 65 Synanogen und regelmäßige Betstätten zählt. In den meisten Synagogen findet man außer den Beizeiten Lernende vor. Im Stadtteil „Neweh Schaanan" wurde eine neue Schule nach der Art der orthodoxen „Tachkemone-Schule" errichtet. Der Neubau für das orthodoxe Mädchengymnasium „Talpioth" ist begonnen worden. Auch wurde mit zehn Talmidim, die bereits langjähriges Jefchiwa- Studium hinter sich haben, eine neue Jeschiwa „Hechal Hatalmud" gegründet, in der speziell Jeruschalmi und Hilchoth hatlujüth baarez gelernt werden. 15. Oktober 1931, Die Talmud-Thora-Schulen „Schaare Thora" .und „Beth Jaakow" zählen die erstere 300 und die zweite ( 80 Schüler.! Die „Jeschiwath Tel-Awiw", in der täglich 6 Stunj den Talmud-Thora und 3 Stunden allgemeine Fächer 'unterrichtet werden, hat 60, die Talmudkurse des fepharj b^en „Pirche Kehunah" 60 und die Jeschiwah „Or Sorach" 30 Talmidim. Das sind freilich für eine.Stadt von 45 000 Juden bescheidene Zahlen, zeigt aber immerhin, daßin dieser Hochburg des «religiösen geistigen jüdischen Nationalismus auch eine stattliche Zahl von Juden, die dem G'tt der Thora dienen wollen, lebt, - In den Tagen von Roschhaschanah bis Jomkippur lag über der Stadt merkbar eine weihevolle Stimmung. Interessant war das Bild an dem Samstag Abend, der Erew Jomkippur einleitete. Sämtliche Geflügelhändler und Schächter leisteten Nachtdienst, freilich einen Nachtdienst, der sich zehnmal besser bezahlt als der beste Tag im Jahre. Viele tausende Hühner wurden zur Kapporah geschlachtet, — und Tel-Awiw wäre sicherlich die frömmste Stadt, wenn feine Juden alle Mizwoth der Thora so genau nehmen würden, wie diesen Minhag. Am Tagdes- Erew Jomkippur schlossen schon am frühen Mittag die städtischen Aemter, die Banken, die Büros, die Fabrikbetriebe. Das religiöse Judentum hat in Erez-Jsrael große Möglichkeiten. Doch diese Möglichkeiten setzen Führer voraus, die nach Jithro's Worten in sich praktische Tüchtigkeit, G'ttesfurcht, Wahrheitsstreben Und materielle Selbstlosigkeit vereinigen. Fehlt nur eine dieser Bedingungen, dann gewinnt eine solche Persönlchkeit nicht die Situation. Amerika. Zunahme der unterstützungsbedürftigen jüdischen. Familien in Amerika. Newyork, 6. Oktober. Wie von dem Büro für jüdische soziale Forschung mitgeteilt wird, hat die Zahl derjenigen jüdischen Familien in den Vereinigten Staaten, die sich infolge der Wirtschaftsdepression gezwungen sahen, von jüdischen Wohlfahrtsinstitutionen Unterstützung zu verlangen, sehr stark zugenommen. In den ersten sechs Monaten des Jahres 1931 haben jüdische Wohlfahrtsinstitutionen 1.432,897 Dollar, gegen 1.028,894 Dollar in der gleichen Periode des Jahres 1930, für Unterstützungen ausgegeben. Die Summe der Unterstützungen hat sich also um 39,3 Proz. erhöht, während die Zahl der unterstützten Familien um 43,8 Proz. zugenommen hat. Auch die Zahl der von jüdischen Institutionen betreuten Kinder mittelloser Eltern nimmt fortwährend zu. Personalien. Oberrabbiner Rabbi Binjamin Seidl Galanka, 9. Okt. Oberrabbiner Rabbi Binjamin Seidl hat in der Schemini Azereth-Nacht feine reine Seele ihrem Schöpfer wiedergegeben. Oberrabb. Rabbi Binjamin Seidl ist nach kurzerschwererKrankheitim 61.Lebensjahreseinerzahlreichen Familie, seiner an ihm mit beispielloser Verehrung hängenden Gemeinde und dem gesamten Judentum allzu früh entrissen worden. Er, der mit jedem Leidenden fühlte, der jede Not zu mindern und jeden Schmerz zu lindern bestrebt war, er mußte durch die unerforschliche g'ttliche Fügung in den letzten Jahren seines auch sonst nicht immer freudedurchströmten Lebens unsägliches Weh ertragen. Furchtbar tragische Todesfälle in. seiner Familie haben die ohnehin sehr zarte Konstitution seines Körpers derart geschwächt, daß sie dem Ansturm einer Krankheit nicht mehr standhalten konnte. Rabbi Binjamin Seidl war in der Gegenwart wohl der beste Redner in der Slowakei. Er war es nicht nur, weil er über immense Kenntnisse in Talmud und Midrasch, in den rmK ■»■'DD und den -Mi» verfügte, sondern vornehmlich, weil er ein ganz vorzüglicher Lebens- und Seelenkenner war, weil er dem Wesen der sündhaften menschlichen Verirrungen nachspürte und mit unversiegbarem Eifer auf die Rückkehr der Verirrten bedacht war. Er wollte und muhte das richtige Wort, die packende Interpretation finden, um die Herzen seiner Zuhörer für das Gute und Wahre, für das unverfälscht Jüdische und j thoragemäß G'ttgefällige zu erobern. In seinem un-! beugsamen Willen, nichts als ein Diener am Geiste der Thora zu sein, lag die Zauberkraft seiner wirkungsvollen' Beredsamkeit. Die grenzenlose Bescheidenheit und die Anspruchslosigkeit seines Verhaltens in allen Lebenslagen zerstörte jeden Zweifel an der Aufrichtigkeit seines Strebens und sicherten ihm zumeist den Erfolg allüberall, wo das G'tteswort nicht taube Ohren findet. So war er denn selbst die Verkörperung jener erhabenen jüdi-

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