Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 42 (15.10.1931)
- Date
- 1931-10-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 42 Seite 5 15. Oktober 1931 gresfes vom vergangenen Jahre erinnert — werden'-auch Vertreter der jüdischen Religionsgemeinschaft als Beobachter an der Konferenz teilnehmen.- Das Jüdische Komitee betreffend die Kalenderreform hat seinen geschäftsführenden Vorsitzenden, Herrn Chiefrabbi Dr. I. Hertz- London, nach Genf delegiert; in seiner Begleitung befindet sich der Sekretär des genannten Komitees, Herr Dr. Cecil Roth. Auch die Newyorker Liga für die Erhaltung der Stabilität des^ Sabbat wird, der Einladung des Völkerbundssekretari^ts Folge leistend, Beobachter zu der chevorstehenden Konferenz entsenden. Die jüdischen Vertreter werden nicht mit leeren Händen nach Genf kommen. Protestresolutionen der jüdischen Gemeinden aller Länder der Welt liegen vor, und werden in stattlichen Bänden dem Völkerbunde eingereicht Werden neben vielen Hunderttausend Cinzelunterschriften, .deren Sammlung zuvor von Zürich aus organisiert worden war. Hoffen wir, daß Einsicht und Toleranz den Sieg davon tragen werden. thüringisches Schächtverbot endgültig abgelehnt. (Vorläufiger Bericht.) W e i m a r, 13. Oktober. Nach dreimonatiger Unterbrechung fand heute die -erste Sitzung des Thüringischen Landtages statt, auf dessen Tagesordnung- .als-letzter Punkt, die Schächtfrage stand. Die Gesetzesvorlage wurde vor etwa anderthalb Jahren ursprünglich von den Nationalsozialisten und später von dex Regierung selbst eingebracht. In der heutigen Sitzung Waren die Nationalsozialisten nicht erschienen, als Protest gegen einen vom Präsidenten vorgenommenen Platzum- Lau. Aber auch ohnedies wäre die Gesetzesvorlage gescheitert. Nach der Berichterstattung über die eingehenden Verhandlungen des Gesetzgebungsausschusses gab der kommunistische Abg. Heilmann für seine Fraktion die Erklärung ab, daß diese gegen das Verbot stimmen würde. In einer wirtschaftlich derart katastrophalen Zeit sei es unverständlich, daß die Regierung es als eine der dringendsten Aufgaben betrachte, das von den Nationalsozialisten betriebene Schlachtgesetz durchzubringen, welches wie in Bayern dem Staate wirtschaftlich nur schaden könne. Die Nationalsozialisten, die Krieg und Menschenmord propagieren, sollten statt des vermeintlichen Tierschutzes das Leben der Menschen zu sichern bemüht sein. Für die Volkspartei erklärte der Abg. Witzmann, daß diese sich der Stimme enthalten werde. Die Schächtfrage sei wissenschaftlich als nicht abgeschlossen zu erachten und ein solches Gesetz sei nicht Sache der einzelnen Länder, sondern erfordere einheitliche Regelung durch das Reich. Für die Sozialdemokraten hatte schon in früheren Sitzungen der Abg. Dr. Kieß erklärt, 'daß der Stellungnahme des bayerischen Parteigenossen Hoegner in der Schächtfrage durchaus keine programmatische Bedeutung beizumessen sei. Vielmehr müsse auf Grund der eindeutigen Gutachten der hervorragenden Kapazitäten der Tier- und Hirnphysiologie sowie der wiederholten Erklärung der Veterinärabteilung des 'Reichsgesundheitsamtes jegliche Tierquälerei beim Schächten verneint werden. Für das Niederlegen seien verbesserte Methoden vorhanden und nach den experimentellen Forschungen sei ps überhaupt zweifelhaft, ob die elektrische Betäubung nicht eher einen Starrkrampf darstelle, in welchem das Tier bei vollem Bewußtsein verharre. Also sei gerade vom tierschützlerycyen Standpunkt die Elektronarkose nicht bedenkenfrei. Seine Fraktion werde gegen das Gesetz stimmen. Mit den Stimmen der Sozialdemokraten, Kommunisten und des Abgeordneten der Deutsch-Demokratischen Partei wurde nach kurzer Beratung bei Stimmenthaltung der Volkspartei die Regierungsvorlage gegen die Stimmen der Deutschnationalen und der Mehrheit der Wirtschaftspartei endgültig abgelehnt. Volen. Zur Milderung des Sonntagsruhrgesehes in Polen. Warschau, 12. Oktober, Der Orthodoxe Sejmklub arbeitet, mit Rücksicht auf die Verschärfung der wirtschaftlichen Lage und die Einzelfälle von Sabbatentweihung in der jüdischen Gasse, mit aller Energie und Entschiedenheit aus die Milderung des Sonntagsruhegesetzes hin, mit dem Ziele, daß ben sabbathaltenden Kausleuten gestattet werde, wenig- D e r I s tat Iii Die Woche. Berlin. Unter dem Verdacht, an den Kurfürftendammunruhen beteiligt gewesen .zu sein, wurden jetzt nachträglich nach drei Na t i o n a l s o z r a l i st e n auf Veranlassung der Staatsanwaltschaft festgenommen. Der Prozeß ' gegen Graf Heldorf und. Genossen mutzte abgebrochen werden, weil die Verteidigung Richter und Schöffen als befangen abgelehnt hatte. Memel. Vier Hakenkreuzler, die vor kurzem den jüdischen Friedhof geschädigt haben, erhielten vom Memeler Gericht Gefängnisstrafen von 6 und 5 Monaten. Münster. Auf dem jüdischen Waldfriedhof in Westercappeln in Westfalen wurden vier Grabsteine gewaltsam beschädigt und der Versuch gemacht, weitere Grabsteine umzuwerfen. Auf die Ergreifung der Täter hat die Jüdische Gemeinde Westercappeln eine Belohnung von 100 Mark ausgesetzt. Damit erreicht die Zahl der Friedhofsschändungen 106. Zürich. Soweit ist nun die antisemitische Propaganda in der Schweiz gediehen, daß am Jomkippur die Außenwand der Synagoge im nahen Baden mit Hakenkreuzen beschmiert wurde. Die liberalen Zeitungen verlangen exemplarische Bestrafung der Schmierfinke und, soweit sie Ausländer sind, sofortige Landesverweisung. Wien. An der Universität mehren sich wieder die hakenkreuzlerischen Provokationen gegen die jüdischen Studenten. Auf Intervention der Kultusgemeinde hat das Rektorat versprochen, die Hetzplakate aus der Aula zu entfernen. Daß es erst dieser Intervention bedurfte! Bukarest. Vor kurzem wurden bei einem Einbruch in der Synagoge von A d j u d in der Moldau 11 Thorarollen gestohlen. Nunmehr konnten einige Mitglieder der Bande verhaftet werden. In der Wohnung des einen fand man die heiligen Rollen unversehrt vor. Sie sollten der Bande zu Erpressungszwecken dienen. Budapest. In einem konkreten Falle entschied der Oberste Gerichtshof zu Gunsten eines jüdischen Mediziners, der an der Wiener Universität sein Examen gemacht hatte und von den ungarischen Behörden darum verhindert wurde, seine Praxis in Ungarn auszuüben. Damit ist ein Präjudiz geschaffen, das viele jüdische Akademiker aus der früheren österreichisch-ungarischen Zeit vor den üblichen Schikanen schützt, üowno. Zum Vertreter Litauens im Genfer Schiedsgericht zwischen Litauen und Deutschland wurde Dr. Jacob R o - b i n s o n, der bekannte frühere Sejmdeputierte, gewählt. Saloniki. Im Alter von 59 Jahren verstarb in Saloniki der Deputierte der griechischen Kammer David M a t a l o n. Er war der Gründer der Orden Bnei Brith in Griechenland. Rom. Der Papst hat unlängst zwei Rabbinern in Tunis die erste Klaffe des hohen päpstlichen Ordens Pius IX. verliehen, und zwar dem Großrabbiner von Tunis, Rabbi Jouffef Guez und dem Rabbiner der Livornesifchen Gemeinde in Tunis, Rabbi Jacob Boccara. Beide Rabbiner haben anläßlich des großen euchariftifchen Kongrefüifes, den der Weltkatholizismus in Karthago H ^veranstaltet hatte, die Judenschaft von Tunis zu besonderer Gastfreundschaft gegenüber den vielen aus der ganzen Welt zusammenströmen-; - den katholischen Teilnehmern des Kongresses veranlaßt. Der Erzbischof von Karthago, umgeben von den Generalvikaren, hat den beiden Rabbinern im Namen des Papstes den Orden überreicht. — Auf dem demnächst im Vatikanstaat stattfindenden katholischen Kongreß (Wirtschaftsrat) werden auch Vorträge über Zionismus und Antisemitismus gehalten werden. Jerusalem. Wie palästinensische Zeitungen berichten, hat sich Norman Bentwich bereit erklärt, die Berufung auf den Weizmann-Lehrstuhl für internationalen Frieden an der Jerusalemer Universität anzunehmen. — In einer Kundgebung der Regierung wird jede Preistreiberei und Münzenhamsterung aus Anlaß der Pfundfchwäche bei strenger Strafe verboten. — Laut einer soeben erschienenen Verordnung dürfen nur jene Offiziere, Beamten und Schutzleute der britischen Abteilung der palästinensischen Polizei befördert werden oder Gehaltszufchläge bekommen, die die Kenntnis des Arabischen und Hebräischen. Nachweisen können. Bei Erscheinen der Order fehlte der Hinweis auf hebräisch; aus Anfrage der ITA. wurde dieser mitgeteilt, daß selbstverständlich auch die Kenntnis des Hebräischen für die Beförderung Voraussetzung sei, dieser Hinweis sei aus Versehen aus der Verordnung ausgeblieben. stens einige Stunden am Sonntag die Geschäfte offen zu halten. Oberrabbiner L e w i n überreichte der Regierung ein ausführliches Memorandum in dieser Angelegenheit und Senator Mendelsohn konferierte mit führenden Persönlichkeiten der Regierungspartei. Eine große Sammlung von Material über die Sonntagsruhe in Westeuropa, besonders in England, Holland und der Schweiz, steht dem orthodoxen Klub zur Verfügung. Dem der Regierung überreichten Memorandum liegt auch die bekannte Resolution-der zweiten Kenessio Gedaulo der Agudas Jisroel bei. Der Sejm-Klub plant zusammen mit der Agudas Jisroel die Einberufung einer Konferenz aller wirtschaftlichen Organisationen zur Behandlung dieser Frage. Synagogenpogrom am Simchalh Thora in Radom. Warschau, 6. Oktober. In der Nadomer Vorstadt Z a m l i n e überfiel eine mit Revolvern bewaffnete zwanzigköpfige Bande die Synagoge in der Dlugnastraße 29 am Simchas Tauro gegen 12 Uhr mittags, als die Synagoge noch von betenden Männern und Frauen voll"war, und veranstaltete einen regelrechten Pogrom. Die Bande teilte sich in zwei Gruppen, eine Gruppe drang in die Synagoge ein, die zweite Gruppe wartete vor dem Tore der Synagoge, um die etwa flüchtenden Juden abzufangen. Die in die Synagoge eingedrungenen Huligans schlugen aus die Betenden ein, wobei der Jude Gabriel Mandelmann so schwer verletzt wurde, daß er für längere Zeit das Bewußtsein verlor. Es entstand ene ungeheure Panik, Frauen fielen in Ohnmacht, die jüngeren Personen unter den Andächtigen versuchten, die Huligans hinauszudrängen, jetzt aber gesellten sich die draußen stehenden Huligans zu ihren Kameraden. Fast alle Betenden wurden brutal mißhandelt, die > gesamte Inneneinrichtung der Synagoge wurde demoliert, alle Fensterscheiben wurden eingeschlagen. Plötzlich zogen die Huligans Revolver und begannen, auf die Andächtigen zu schießen. Einem 18jährigen Synagogenbesucher wurden beide Arme von Kugeln durchlöchert, einige andere Andächtige wurden von Kugeln getroffen und mehr oder weniger schwer verletzt. Einer der Andächtigen, Meir Friedmann, schlug einem schießenden Hulgan den Revolver aus der Hand. Die mehrmals alarmierte Polizei traf erst eine Stunde nach Beginn des Pogroms am Tatort ein, verhaftete drei Huligans und stellte fest, daß ein Soldat des in Radom stationierten 72. Infanterieregiments sich an dem Pogrom führend beteiligte. Die Judenheit der Vorstadt Zamline lebt in schwerer Panik. Die Führer der jüdischen Gemeinde haben sich bis jetzt vergebens bemüht, den unschuldig verhafteten Meir Friedmann frei zu bekommen. (ITA.). Die Lubliner Jeschiwa. Lublin, 11. Oktober. Am zweiten Cholhamoedtage fand in den Räumen der Jeschiwa eine Konferenz des Kuratoriums und vieler Freunde der „Jeschiwath Chachme Lublin" statt. Es wurde u. a. beschlossen, einen Pädagogischen Rat aus fünfzig Rabbinern zu schaffen. Der Rat wird von allen Rabbinern in Polen gewählt. Der Administrative Rat, der mindestens hundert Mitglieder zählt, wird durch die Ortskomitees und Büchsenbesitzer gewählt. Zum weitaus größten Teil sind die Kandidatenlisten bereits aufgestellt. In den Hundertenrat sollen 25 Mitglieder aus dem Auslande hineingewählt werden. Das engere Jefchiwakomitee besteht aus sechszehn Personen. Aus der Lemberger kehilla. Lemberg, 10. Oktober. Montag n~K tagte hier der Zentralrat der Agudas Jisroel bei einer Beteiligung von Vertretern aus 20 Städten und Hunderten von Gästen. Der Präses, Rabbi Wittels, eröffnet die Sitzung mit einer warinen Ansprache. Es erhält darauf das Wort Oberrabbiner L e w i n, Rzeszow, der sich über die Notwendigkeit der Organisierung des orthodoxen Judentums in Galizien ausbreitet. Die Zeit, sagt er, ist für die Agudaarbeit in Galizien sehr günstig, nachdem die anderen jüdischen Organisationen und Strömungen versagt