Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 42 (15.10.1931)
- Date
- 1931-10-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 42 Der Israelit 15. Oktober 1931 Mütter". Es ging eben nur um sieben Juden. Sie wurden niedergemacht, wie man etwa Fliegen mit einem Wedel erschlägt: sieben aus einen Schlag. Und Horak, der diesen Todeswedel geschwungen, ist von den „Volksrichtern" freigesprochen worden. Im Prager Schwurgerichtshos hat sich ein aufpeitschend schmerzhaftes Stück Judentragik abgespielt; nicht nur der Tragödie der Familie Lefkovic und Fleischer, nein, ganz einfach und gewaltig: der Tragödie des jüdischen Volkes. Dieses Urteil leuchtet grell und scharf in die Tiefen der Judenfrage hinein, es enthüllt mehr von der Psyche des Volkes, von seiner Einstellung den Juden gegenüber, als viele gelehrte Abhandlungen; es zerreißt erbarmungslos die Schleier, welche eine illusionistisch-liberale Lehre vom Wesen des Antisemitismus über die rauhe Wirklichkeit zu breiten sucht. Urteile von Geschworenengerichten sind keine juristischen Entscheidungen; es sind und sollen auch im Sinne der Schöpfer der Schwurgerichte Urteile sein, welche aus dem naiven Empfinden des Volkes kommen. Es ist die Stimme des Volkes, die gesprochen hat: Sieben Juden sind grundlos über den Hausen geknallt worden. Es war eine kleine Judenjagd. Die Stimme des Volkes hat darauf geantwortet: Freispruch." — Der Herr Obmann hat geschlafen. Das ist symbolisch! Wann wird die Republik, die einen Masaryk als Staatsoberhaupt an der Spitze hat, erwachen?! Wochenrundschau. Niederlage auf der ganze» Linie. Die „zehn Tage der Abkehr", die die Himmelstürmer vom neuen „babylonischen Turm" in Sowjetrußland an Stelle der Tage der U m k e h r gesetzt hatten, bedeuteten mehr eine Abkehr von dem Kommunismus und seinen widerwärtigen Methoden. Das gibt nun das offizielle Organ des roten Apikorsus, der „Emmes", unumwunden zu. Im jüdischen Rayon „Freidorf" in der Krim hat die antireligiöse Propaganda eine „schmähliche Niederlage" erlitten, Was ist ein „Zaddik im Pelz"? Eine homiletisch - anekdotische Feststellung. Die Redewendung vom „Zaddik im Pelz" begegnet uns in allen Ländern, wo Juden wohnen, und, egal in welcher Sprache, jüdis ch reden. Wo kommt das Wort her und was bedeutet es? Es hängt wohl mit der Persönlichkeit Noahs in unserem Wochenabschnitt zusammen, dessen „Charakterbild zwischen der Parteien Hatz und Gunst in der Geschicht schwankt". Die Bezeichnung wirma wird ja bekanntlich von den einen als Plus, von den anderen als Einschränkung aufgefaßt. Er war ein t=rnn pns „trotz seines unwürdigen Zeitalters", wie hätten sich erst seine Gaben entwickelt in der Nähe und unter dem Einfluß eines Abrahams I, sagen seine Freunde. Nein, meint die Gegenpartei, nur mit Rücksicht aus seine Umgebung und im Vergleich zu derselben konnte Noah als „fromm und vollkommen" gelten. Im Zeitalter eines Abrahams wäre er so wenig zur Geltung gekommen, wie das winzige Lichtlein, wenn die helle Sonne strahlt. „Wenn die großen Glocken -läuten, hört man die kleinen nicht". Vieles in der Geschichte Noahs spricht für die letztere Auffassung, manches für die erste. Ein anderer Meinungsstreit entspinnt sich über die Beleuchtungsanlage in der Arche Noahs. Was die der „Emes" in einem Leitartikel in elegischen Tönen beklagt. In allen landwirtschaftlichen Kollektiven ruhte die Arbeit an den Feiertagen und die Bethäuser waren von Kolonisten angesüllt. In einigen Kollektiven mußten Noträume für die Betergemeinden eingerichtet werden. Die paar Jungen, die an diesen Tagen demonstrativ in die Felder an die Arbeit gingen, verschwanden im Vergleich zu den großen, frommen Beterscharen, werden von diesen zudem auch noch geächtet. Und nun kommt das Schlimmste: Auch Vorsitzende von Dorfsowjets und Kollektiven, ja sogar Führer der kommunistischen Jugendverbände zogen es an diesem Tage vor, sich lieber dem „Weinberge des Herrn" zuzuwenden, als das eigene Feld zu bestellen. Die antireligiösen Agitatoren hatten keine guten Tage, wurden gemieden wie die Pest. In einem Dorfe wurde sogar eine Apikorsimkundgebung am Kol-Nidre-Abend gesprengt. Mehr Arbeit!, wünscht der „Emmes". Nicht erst, wenn die religiöse Welle mit den Feiertagen einsetzt, sondern das ganze Jahr hindurch muß an dem Damm gegen die Religion auf dem Dorfe gearbeitet werden. Von der Eroberung des jüdischen Dorfes hänge alles ab. Andere Zeitungen verstechen sich zu der Verdächtigung, in diesen religiösen Kundgebungen äußere sich eine von außen genährte Kampfstimmung gegen die Sowjetunion und sprechen von „Klerikalismus und ausländischer Intervention". Wir registrieren diese Feststellungen der enttäuschten Apikorsim nicht ohne innere Genugtuung, wiewohl uns dieser Ausgang nicht gerade überrascht. In allen Zeiten unserer Geschichte hat sich der Jude am meisten in den Stunden an seinen G'tt geklammert, die ihm diesen nehmen wollten. Warum sollte Sowjetrußland eine Ausnahme bilden? Und dennoch kann es uns angst und bange um die kommende Generation in Rußland sein. Ein Marrannentum hat selten über ein Menschengeschlecht hinaus gedauert. Die Alten lasten sich ihr Heiligstes nicht rauben und bringen Opfer. Werden auch die Jungen, die all den vernichtenden Einflüssen draußen ausgesetzt sind, noch die Kraft und den Willen haben zu einer Religion, die den Eltern so viel Kämpfe und Leiden eingebracht hat? Hier ist der tragische Punkt, der uns, bei allen erfreulichen Nachrichten über das tapfere Ausharren unserer Brüder in Rußland, mit schwerer Sorge erfüllt. Und noch eines. Die Klagen des „Emmes" kommen aus dem Dorfe. Eine Bestätigung unserer an dieser Stelle oft vertretenen Ansicht, daß die jüdische Landansiedlung in Rußland, wenn sie auch das wirtschaftliche Problem nicht vollends löst, doch die beste und festeste Burg gewar denn das mit dem »-rr* das er auf Befehl E'ttes zur Beleuchtung seines schwimmenden Hauses anlegen sollte? Die einen übersetzen das Wort glatt mit „Fenster", die anderen sprechen von einem „seltenen Edelsteine", der Licht ausstrahlte und den gewaltigen sensterlosen Raum bis in die letzte Ecke beleuchtete. War die Frage der Beleuchtung so wichtig, daß sie einen Streit der ernste,: weisen Lehrer herausbeschwören konnte? Vielleicht aber hängt die Beleuchtungsfrage eng mit der umstrittenen Persönlichkeit Noahs zusammen, min nö’Hfl und andere stellen den Zusammenhang folgendermaßen her: War Noah der vollwertige Zaddik, so durfte er. wie später Abraham, den Untergang der Feinde schauen, seine Arche durfte ein F e n st c r haben. War er aber nur ein relativ Frommer, so konnte er wohl selbst gerettet werden, durfte aber, ähnlich wie Lot. auf die Zerstörung und Vernichtung der Feinde nicht Hinsehen; seine Arche blieb fensterlos und zur Beleuchtung mußte ein Edelstein dienen. — W i r wählen zur Beantwortung der in der Ueberschrift aufgestellten Frage einen anderen Weg. Die Frage, ob Noah voll zu nehmen oder nur halb zu bewerten ist, hängt ganz gewiß mit der Frage zusammen, ob und wie er an Abraham gemessen auch aus seine Umgebung erzieherisch und bessernd eingewirkt hat. Viele verneinen das: nn ns n'vrn «V- Kein Zaddik kann aber auf sich gestellt sein. aVw no» pnx» folglich hat er für die Welt zu sorgen. Hatte Noah ein F e n st e r, d. h. sah er auch zur Welt hinaus, fühlte er sich mit ihr solidarisch, hatte er ein Wort der Mahnung für ihre Untaten und eine Träne für ihre Leiden? Oder zog er sich in sich zurück, begnügte er sich, selbstgefällig und selbstzufrieden, mit dem „Edelstein" in ihm? „Was geht mich die Welt an?" Wenn Jemand im Zimmer friert, so gibt es zwei Wege, um sich Wärme zu verschaffen. Entweder matt gen die Anstürme der, Religionsseinde bildet, neben der territorialen auch die geistige und religiöse Bodenständigkeit den Kolonisten sichert. Schon darum allein sollten wir alle Bestrebungen der jüdischen Kolonisation in Rußland weitgehendst unterstützen. Hebräisch, Jiddisch und Jüdisch? Chaim Nachman V i a l i k , der berühmte hebräische Dichter, weilt zur Zeit in Polen und arbeitet in Wort und Schrift, in Referaten und Aufsätzen auf eine V e r s ö h n u n g z w i s ch e n Hebräisch und Jiddisch hin. Ein Poet, der er immer noch ist, obwohl er seit Jahrzehnten seiner Leier kaum noch einen Ton abringt, prägt er dabei ein paar hübsche Formulierungen: Zu allen Zeiten unserer Geschichte hatte die hebräische Sprache noch eine andere Sprache als Begleiterin. Blieb das Hebräisch führend eine N a a m i und die fremde Sprache hing sich als Ruth an ihre Fersen, so konnte aus dieser Ruth ein David entstehen. Kehrte sich aber die fremde Begleiterin von der hebräischen Mutter ab, so war sie eine A r p a , die einen Goliat, den Philister, hervorbrachte ... Jiddisch muß mit Hebräisch schicksalverbunden sein, aber dienend in der bescheidenen Ecke bleiben. Bialik erkennt rückhaltlos auch d a s an, was der jüdische Geist in fremden Sprachen geschaffen hat. Wir müssen aber nach einem Maximum an Hebräisch streben, um wenigstens ein Minimum zu erreichen. Alles, was von uns an jüdischem Geistesgut in fremden Sprachen niedergelegt ist, muh ins Hebräische übertragen werden. Er hält es für ein Verbrechen auf der anderen Seite, das Jiddische systematisch zu bekämpfen, die Sprache, in der Millionen sprechen, denken, und sich Ausdruck für ihr Ringen und Kulturstreben schassen. Das Schicksal der jiddischen Sprache und Literatur sei sowieso besiegelt, ihren Tod zu beschleunigen, wäre aber gefühllos und unverantwortlich. Hebräisch oder Nichtsein! So schön und versöhnlich das alles klingt, scheint uns doch Bialik dabei das Wesentliche zu übersehen. Will man eine Krankheit heilen, so muß man ihre Quelle und ihren Entwicklungsgang kennen, geht man daran, eine Brücke zu bauen, so muß man über Tiefe und Ausmaß der zu überbrückenden Kluft volle Klarheit haben. Wann, wo und wie ist die Kluft entstanden? Schon im tiefsten Mittelalter lief neben dem hebräischen Schrifttum eine jüdische Volksliteratur her. Schon in Maharil vor 500 Jahren sind Proben davon enthalten. Elijahu Vachur und dev Verfasser des „Zenno Urenno" kannten die vitale heizt den Ofen oder man hüllt sich in einen Pelzmantel. Im elfteren Falle kommt die Wärme auch anderen zugute, man hat sich und allen genützt; der Mann im Pelz nützt nur sich, andere haben von dieser Wärme nichts. Darum ist jeder Selbstgerechte, der sich mit seiner eigenen Frömmigkeit begnügt. Welt und Umgebung aber ignoriert, ein Zaddik im Pelz. Ob Vater Noah ein „Zaddik der Welt" oder ein „Zaddik i m Pelze" war, das ist die Frage. Aleines Feuilleton. Die Juden im neuen Persien. Herr Dr. Walter F i s ch. e l, der vor kurzem auch' in Frankfurt a. M. von einer im Zusammenhang mit seinen wissenschaftlichen Studim unternommenen Forschungsreise nach dem Irak, nach Kurdistan und Persien referiert: hat, gewährte einem Vertreter der jüdischen Telegraphen-Agentur ein Interview, dem wir u. a. folgende wichtige Einzelheiten in Bezug auf die Lage der Indem in Persien entnehmen: Die 60 000 Juden in Persien haben durch das Regime, des neuen Schah Riza Khan Pehlevi staatsrechtlich fast! alle Gleichberechtigung erhalten. Daß wenigstens laut Verfassung die jüdischen und christlichen Minoritäten an*1 erkannt und geschützt sind, daß heute ein jüdischer'Vertreter im persischen Parlament Sitz und (Stimme fjat, ist em Fortschritt, der nur dann, richtig gewürdigt werden kann, wenn man berücksichtigt, daß in Persien der im Vergleich zum Sunnitischen Islam viel intolerantere Schulische Zs-