Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1931-10-08 · Heft 41 (8.10.1931) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 41 (8.10.1931)
Date
1931-10-08
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2450652-2450692--78271-2535967
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

8. Oktober 1931 Der Israelit Nr. 41 Seite 7 sinnten russischen Einwohner dieser Stadt sind den Juden feindlich gesinnt. Als nach Beendigung des chinesischrussischen Konfliktes vor etwa zwei Jahren die russische Besatzung und die Beamtenschaft aus der Stadt zurückgezogen wurden, teilte die offizielle Sowjetagentur Taß mit, daß viele jüdische Familien aus Furcht vor einem von „weißen" Russen angedrohten Pogrom die Stadt verlassen. Es hieß, daß der Pogrom-General Semenow in die Stadt einziehen werde, auch befürchtete man, daß der berüchtigte Tafchkeff, der unter General Denikin zahlreiche Pogrome in Südrußland veranstaltete und später ein Kommando in der chinesischen Armee übernommen hatte, Chardin besetzen werde. Bei einer Ausdehnung des Konfliktes würde auch Biro-Vidschan, das nicht weit von Chardin liegt — die Distriktshauptstadt Chabarowsk ist etwa 350 Kilometer von Chardin entfernt — in Mitleidenschaft gezogen werden. England. Um den Rücktritt von Norman Ventwich. London, 24. September. In der Sitzung des Unterhauses richtete Colonel Wedgwood an den Minister für die Kolonien die Frage, welche Gründe für den früheren Kolonienminister Lord Paßfield maßgebend waren, als er einen so fähigen und hochverdienten Beamten wie den Chef des Justigdepartements der Palästina-Regierung und Oberstaatsanwalt Palästinas Norman Ventwich vorzeitig in Pension geschickt hat. Der. Kolonienminister der Nationalen Regierung, Herr Thomas, gab in der Beantwortung dieser Frage zu, daß „besondere rassische und politische Verhältnisse in Palästina" es äußerst schwer machten, Norman Bentwich auf seinem bisherigen Posten zu behalten. Minister Thomas fügte sofort hinzu, daß Bentwichs persönliche Fähigkeiten und sein Charakter bei seiner Pensionierung in keiner Weise eine Rolle gespielt haben. Cr erklärte weiter, die Regierung habe Norman Ventwich zweimal höhere Posten im richterlichen Kotonialdrenst angeboten, Ventwich habe aber diese Posten abgelehnt und erklärt, er nehme einen Posten außerhalb Palästinas nicht an. Nach dieser Haltung Bentwichs habe die Regierung keine andere Wahl gehabt, als Ventwich durch Pensionierung aus dem Palästina-Dienst zurückzuziehen. Bei diesen Worten des Ministers sprang Colonel Wedgwood erregt auf und richtete an Herrn Thomas die Frage, ob Ventwich darum ersucht worden sei, zurückzutreten, weil er Jude ist. Der „Speaker" des Unterhauses ließ diese Frage nicht zu, sie wurde auch durch Thomas nicht beantwortet. Einer unmittelbar darauf von dem bekannten Antizionisten Howard Bury betreffend den Rücktritt Ventwichs gerichteten Frage an den Kolonienminister war zu entnehmen, daß Ventwich gezwungen wurde, acht Jahre vor Erreichung des Pensionsalters von seinem Amte zurückzutreten und daß, um Bentwichs Pensionierung eine rechtliche Grundlage zu geben, eine besondere gesetzliche Regelung hierfür getroffen worden sei. (Siehe auch Leitartikel.) Palästina. Gruß des neuen High Commiffioners an Palästina. I e r u s a l e m, 28. September. Der neue High Commissioner für Palästina, General Arthur Grenfell W a u ch o p e richtete an den agudistischaschkenasischen Waaö Harr (Stadtrat) in Jerusalem als Antwort auf eine Gratualtion zu seiner Ernennung ein Dankschreiben, in welchem er der Hoffnung Ausdruck gibl, daß feine Amtszeit als High, Commissioner durch Wohlergehen für alle Bürger Palästinas gekennzeichnet fein wird. „Ich hoffe zutiefst," schließt der High Commissioner sein Schreiben, „daß ich selbst etwas zu der Wohlfahrt des Landes und seiner Bewohner werde beitragen können." - Kalenderreform-Refolutjon des Wand Leumi. Jerusalem, 24. September. Aus Anlaß der für den 12. Oktober nach Genf einberufenen internationalen Konferenz zur Behandlung der Kälenderreformfrage faßte der W a a d Leumi in seiner letzten Sitzung eine Resolution, die besagt: „Eine Umgestaltung des Kalenders durch Einführung eines Blankotages im Jahr, wodurch die Kontinuität der Woche geändert wird, wird die Basis des jüdischen Sabbat, der im jüdischen Gesetz unabänderlich für ewige Zeiten als siebenter Tag der Woche festgesetzt wurde, erschüttern, andererseits wird eine Reform des christlichen Wochenruhetages, des Sonntags, die jüdische wirtschaftliche Struktur wankend machen. Der Waad Leumi ersucht alle maßgebenden Faktoren, im Interesse der Religion und im Interesse der wirtschaftlichen Lebensfähigkeit eines Volkes, jeden Plan einer Reform des Kalenders, der die Kontinuität der Woche. ändert, abzulehnen." Der Gemeinderat von Tel-Awiw hat einige Verordnungen betreffend die Durchführung der Sabbatruhe erlassen. Im Stadtkreise von Tel-Awiw müssen alle Geschäfte und Werkstätten an Sabbat- und Feiertagen geschlossen bleiben. Rur den Restaurants und Gaststätten ist es gestattet, an diesen Tagen Speisen zu verabfolgen, doch müssen die Speisen im Restaurant selbst eingenommen werden. Das palästinensische Pfund. Jerusalem, 1. Oktober. Die palästinensische Währung macht gegenwärtig eine Bewegung in dem gleichen Verhältnis wie das englische Psund Sterling durch. Das macht sich gegenüber dem Auslande insofern bemerkbar, als im Verkehr mit Aegypten und Syrien, den Ländern, mit denen Palästina in einem intensiven Handelsverkehr steht, das palästinensische Pfund zu dem gleichen Kurs wie der englische Sterling umgerechnet wird; im Jnlande ist die Wirkung die, daß eine starke Nachfrage nach Gold-Sovereigns, besonders unter den Fellachen, die Goldmünzen hamstern, herrscht. Dies hat zunächst zur Folge, daß die Preise für Nahrungsmittel und andere Bedarfsartikel um 10 Proz. gestiegen sind. Die Großhändler zögern, Handelsgeschäfte auf Dauer zu tätigen. Bis 1927 war die palästinensische Währung das ägyptische Pfund, das einen Wert von etwa 21 Schillignen hat. Im April 1924 ernannte die Palästina-Regierung eine Kommission zur Beratung über die Schaffung einer eigenen Palästina-Währung. Grund hierfür war, daß Palästina jährlich eine große Geldsumme dadurch verlor, daß die Zinsen für die in Palästina umlaufenden Noten der Nationalbank von Aegypten, nicht aber der Palästina-Verwaltung zugute kamen. In einer offiziellen Verlautbarung hieß es, daß die Palästina-Währung durch Schaffung eines Zusammenhangs mit der britischen Währung volle Stabilität erlangen solle. In einheimischen Wirtschaftskreisen wurde die Angleichung der lokalen Währung an die britische Währung kritisiert. Die Jaffaer jüdische Handelskammer lenkte in einem Beschluß die Aufmerksamkeit des High Commissioner darauf, „daß das Pfund eine zu hohe Geldeinheit für Palästina ist"; es wurde um die Einführung einer geringeren Währungseinheit ersucht. Ungeachtet dieser Opposition wurde die aus dem Pfund basierende Währung am 1. November 1927 durch eine Kabinettsorder eingeführt. Es wurde in London ein Palestine Currency Board vom Kolonienminister gegründet, der die Lieferung der Stücke der Palästina-Währung vörzunehmen und deren Umlauf zu kontrollieren, auch sonst die Währungsinteressen Palästinas wahrzunehmen hat. Die Palästina-Währungs- Order steht für die Pfund-Goldmünze eine Standard- Goldmenge von 123,27447 Gran vor. Die früher in Palästina in Umlauf gewesene ägyptische Währung ist seit Ende März 1928 kein gesetzliches Zahlungsmittel mehr. (ITA.). Australien. Zwangssonntagsruhe in Australien. Melbourne, 1. Oktober. Als Ergebnis einer seit einiger Zeit in einem Teile der australischen Presse geführten antijüdischen Kampagne wurde dem Parlament des Staates Victoria ein Gesetz über die Zwangssonntagsruhe unterbreitet, das wahrscheinlich in einigen Tagen zur Annahme gelangen wird. Das Gesetz verbietet nicht nur die Arbeit an Sonntagen, sondern beschränkt auch an Wochentagen die Arbeit für die Zeit von 8 Uhr morgens bis 6 Uhr abends, Sonnabends bis mittags. Die antijüdisch gestimmte Presse behauptet, die jüdischen Industriellen und Geschäftsleute lassen ihre Angestellten ungebührlich viel arbeiten. Man müsse dem durch ein Gesetz einen Damm entgegensetzen. Andere Zeitungen weisen die Angriffe zurück und unterstreichen den sozialen Sinn und die Hilfsbereitschaft der Juden Australiens. Personalien. Niederailla, 5. Oktober. Am 1. Oktober trat Herr Lehrer Jakob Gans nach vollendeter 45 jähriger Dienstzeit in den Ruhestand. Fast diese ganze Zeit war er an der hiesigen jüdischen Volksschule tätig. Zwei Generationen hat er für das Leben herangebildet. Im Lehrervereinsleben stand er an führender Stelle. Er ist Vorsitzender des Vereins „Jefchurun", gehört dem geschäftsführeuden Ausschuß der Israelitischen Lehrerkonserenz Hessens und dem Ausschuß des Verbands der jüdischen Lehrervereine im Deutschen Reiche an. Sowohl die Gemeinde, als seine Schüler und Kollegen werden an diesem Tage dankbar ihres Lehrers und Führers gedenken. Wir wünschen ihm einen gesegneten Lebensabend. Kirchhaln, 5. Oktober. Am 1. Oktober jährt sich zum 40. Male der Tag, an dem Herr Lehrer Markus Rapp in das Schulamt eintrat. 21 Jahre wirkte er in Merzhausen, 19 Jahre in Kirchhain. Durch sein liebenswürdiges, zuvorkommendes Wesen erfreute sich Herr Rapp allgemeiner Wertschätzung. Seine Schüler lieben und verehren ihn, seine Kollegen schätzen und achten ihn. Alle vereinen sich in dem Wunsche, daß es dem Jubilar vergönnt fein möge, noch lange zum Wohle seiner Gemeinde in Gesundheit und Rüstigkeit wirken zu können. Brückenau, 5. Oktober. Am 7. Oktober ds. Js. begeht Herr Josef Finsterwald, dahier seinen 80. Geburtstag in selten geistiger und körperlicher Rüstigkeit. Mögen seinem arbeitsreichen nnd gesegneten Leben noch viele frohe Jahre in Glück und Zufriedenheit beschieden sein. Amtsjubilaum des Herrn iDr. Hausmann. Bafel, 1. Oktober. Am ersten Sukkothtage feierte der Lehrer unserer Gemeinde, Herr Dr. Leopold Hausmann, seinen 60. Geburtstag und zugleich sein 40 jähriges Amtsjublläum. Aus Bayern stammend, absolvierte er 1891 das Israelitische Lehrerseminar in Würzburg. Nach kurzer Betätigung in deutschen Gemeinden wurde er 1893 nach Basel berufen, wo er seitdem als Neligionslehrer, Ee- Meindesekretär und Verwalter verschiedener Gemeindemstitutionen zur größten Zufriedenheit aller Kreise und überall sehr beliebt, segensreich wirkt. Der Heimgegangene Rabbiner Dr. Cohn würdigte die Lebensarbeit Dr. Hausmanns aus Anlaß seines 25 jährigen Amtsjubiläums im Jahre 1918 mit der Verleihung des Ehowertitels. Im Jahre 1897 promovierte Herr Dr. Hausmann an der Baseler Universität. Wir entbieten dem Jubilar, der in der Vollkraft seiner Wirksamkeit steht, unseren Gruß und wünschen ihm weitere Jahrzehnte guter Gesundheit, tatkräftigen Wirkens und ungetrübten Glückes im Kreise seiner Familie. Heilbronn, 5. Oktober. Eine wohlverdiente Ehrung wurde Herrn Dr. A. Würzburger zuteil, als er anläßlich seines 65. Geburtstages mit dem -an -Titel ausgezeichnet wurde. Das zum größten Teil durch aufopferndes Selbststudium erworbene Maß jüdischen Wissens verbreitet der auch anderweitig so Vielbeschäftigte bei Jung und Alt in beispielloser Weise. Die Teilnehmer seiner anregenden Schrurim werden dem Jubilar den Dank dafür zu zollen wissen und wünschen ihm noch recht langes Wirken rmiv-- Schweinfurt, 5. Oktober. Am 24. September verschied hier nach längerem Leiden Frau Laura Strauß er geb. Gutmann, die in weiten Kreisen als ehemalige Leiterin des rühmlichst bekannten Centralhotels und als warmherzige, liebenswürdige Menschenfreund in allgemein geschäht war. Um ihre Bahre versammelten sich am 1. Tage des is-mn -IN nicht nur die Familienangehörigen und Freunde von weit und breit, sondern auch fast die gesamte jüdische Bevölkerung von Schweinfurt und Nachbargemeinden. Ergreifend wirkte es, wie angesichts des Feiertags die Menge die Bahre schweigend umstand. Aus umwölktem Himmel brach ein Sonnenstrahl nach dem andern und strich wie schmeichelnd über die Verblichene dahin. Durch das herbstlich gefärbte Laub ging em leises Säuseln wie der Abschied des Feiertags von einem sonnigen Menschenwesen, das es so gut verstanden hatte, andern Friede zu bereiten und besonders dem gellebten Gatten und dem einzigen Sohne das Leben heiter und glücklich zu gestalten. Herr Rabbiner Dr. Stein, der es lebhaft bedauerte, auf eine größere Trauerrede verzichten zu müssen, gab durch die meisterhafte Art, wie er einen Psalm vortrug, die tiefen Gefühle kund, die ihn beherrschten und die Wertschätzung für die Verdienste, die sich die zu früh Verblichene durch die musterhafte Führung einer echt jüdischen, vornehmen Gaststätte und auch eifrige Betätigung als Mitglied der Frauen-Chewra für die Mlgemeinheit erworben hatte. n-axan- Stuttgart, 5. Oktober. Nach langem mit großer Geduld ertragenen Leiden entschlief am Simchas Tauroh im 73. Lebensjahre Seligmanna fj n. Er wurde in Mühlen als Sohn des dortigen bekannten Lehrers Karl Kahn r-ry geboren. Sehr früh verließ er sein trautes Elternhaus, um ein arbeitsreiches Leben zu beginnen. In den Jahren seines geistigen Rngens fand er Halt in der Lektüre der Erzählungen des unvergeßlichen Rabbiners Dr. Lehmann r-ry. Der Begründer des „Israelit" übte damals von. Mainz aus einen Einfluß auf den Jüngling aus, der ihn fein ganzes Leben hindurch begleitete. Als dann Ende vergangenen Jahrhunderts der Verstorbene mit seinem Bruder Siegfried Kahn n-y in Stuttgart sich geschäftlich verband, entwickelte sich ein Zusam-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.