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Der Israelit · 1931-10-08 · Heft 41 (8.10.1931) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 41 (8.10.1931)
Date
1931-10-08
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 Nr. 41 Der Z s r a elf* 8. Oktober 1931 werden. Lehnt sich dereinst der Wille des Volkes Israel dagegen mit g'ttlicher Hilfe auf, so ist diese Auflehnung Signal zum Kampf gegen Israel. 9. Unser Zeitalter leidet unter der brutalen und massiven alltäglichen Not. Die Not zwingt auch jüdische, nur zu idealen Zwecken gegründete Organisationen dazu, über ganz materielle Dinge den idealen Zweck vergessen zu lassen und dem Volke Brot zu reichen, dem sie die Lehre G'ttes schenken wollten. Wenn es aber nach Rafchi und Maimonides richtig'ist, daß die wirksame Rückführung Israels zur G'ttestreue auf äußerer Vesser stellung des Volkes fußt, — dann mag darin auch für unsere bitter schwere Zeit ein Trost liegen. Auch wir arbeiten an der neuen Heiligung Israels, wenn wir auch nur für das bißchen Brot einander von Land zu Land verstehen muffen. Vor den Völkern wird G'ttes Name am wirksamsten durch des G'ttesvolks Wohlergehen geweiht; wenn wir das fördern, dann sind wir ny ^33 nps allstündliche Diener der g'ttlichen Weltgerechtigkeit. Lassen wir G'ttes- und Menschenliebe zu unserem Volkswillen werden Korrespondenzen « Nachrichten. Deutsches Reich. Jüdische Rothilfe. Stuttgart, 6. Oktober. Sämtliche hiesigen jüdischen Humanitären Organisationen und Wohlsahrtsvereine haben sich unter Führung des Jüdischen Gemeindevorsteheramts und des Stadl rabbinats zusammengeschlossen, um durch Gründung einer jüdischen Nothilfe im Rahmen der allgemeinen Württembergischen Nothilfe den schweren Anforderungen des kommenden Winters genügen zu können. Durch Mietbeihilsen, Brennstoss- und Lebensmittelversorgung stl« neben den Armen und Erwerbslosen besonders dem heute verarmten einstigen jüdischen Mittelstand die Möglichkeit geschaffen werden, den kommenden Winter zu überstehen. Die in der „Stuttgarter jüdischen Nothilfe" zusammengeschlossenen Vereine wollen unter Verzicht auf eigene Geldsammlungen zur Beschaffung der hierzu erforderlichen großen Geldmittel beitragen und wenden sich zu diesem Zweck in einem Aufruf an alle ihre Mitglieder um Mithilfe. Angar«». Bekämpfung des Antisemitismus „zur Erleichterung der Iudenbekehrung". Budapest, 4. Oktober. Das Priesterkolleg des Budapester erzbischöflichen Generalvikariats hielt jüngst unter dem Vorsitz des Abtes Stefan Madarafz im Zentral-Priesterseminar seine Konferenz ab. Bei dieser Gelegenheit lenkte der päpstliche Kämmerer Pfarrer Emil Ritter v. Kriegs-Au die Aufmerksamkeit der Konferenzmitgkieder auf die Tätigkeit des unter dem Patronat des Papstes stehenden Vereins zur Förderung der Judenbekehrung. Der Redner betonte, daß die Priestsrschaft sich vom Antisemitismus fernhalten müsse. Die Priester müßten die günstige Atmosphäre schaffen, die den Juden den Uebertritt zum katholischen Glauben ermögliche. Man dürfe nicht verallgemeinern; man müsse bemerken, daß diejenigen Juden, die im kommunistischen Regime eine Rolle spielten, den religiösen Glauben aufgegeben hätten. Zu bemerken ist, daß hier zum erstenmal eine offizielle päpstliche Persönlichkeit offen zugegeben hat, daß der vor einigen Jahren unter dem Patronat des Papstes gegründete Verein für Freundschaft mit Israel eigentlich ein „Verein zur Förderung der Judenbekehrung" ist. Zur Zeit der Gründung des Vereins wurde aus vatikanischen Kreisen erklärt, der Verein verfolge keinerlei Judenbekehrungstendenzen. Die Woche. Berlin. In der Nacht zum Montag starb im Mer von 78 Jahren Eeheimrat Berthold Timendorfer, der frühere Großpräsident der V.-B.-Loge. Timendorfer war auch mehrere Jahre führendes Mitglied im V o r st a n d e der Berliner Jüdischen Gemeinde, stellv. Vorsitzender des Hilfsvereins sowie des deutschen Zweiges der /lllianae Israelit« Universelle und bis zuletzt erster Vorsitzender der Zentralwohlfahrtsstelle. — Vor einiger Zeit wurden aus dem jüdischen Friedhof in Kirchen bei Lörrach Grabsteine durch Würfe mit schweren Steinen zerstört und Jnschrifttafeln beschädigt. Die Friedhofsschändungen haben damit die Zahl 106 erreicht. — Gegen das Urteil des Schnellschöffengerichts gegen die Teilnehmer an den antisemitischen Ausschreitungen am Kurfürstendamm hat die Staatsanwaltschaft Berufung eingelegt. Die Staatsanwaltschaft steht auf dem Standpunkt, daß es sich um schweren Landfriedensbruch handelt und somit in mehreren Fällen aus Zuchthaus zu erkennen war. Auch die Verteidiger der verurteilten Nationalsozialisten haben gegen das Urteil Berufung eingelegt. — Das preuifßche (Staateminifterium hat einer jüdischen Schülerin in Braunsberg bei Königsberg für Rettung eines Knaben vom Tode des Ertrinkens die Rettungsmedaille verliehen. Kassel. Im August überfielen nationalsozialistische Zöglinge der Kolonialschule das Lager des zionistischen „Brith Haolim" und mißhandelten dje Mitglieder zum Teil schwer. Die Angreifer erhielten jetzt vom Kasseler Gericht Gefängnisstrafen bis zu vier Monaten. Einige, deren Schuld nicht ganz erwiesen war, wurden sreigesprochen. Hamburg. Der antisemitische Attentäter Pohl, der den Regierungsrat L a f a l l y mit einem Revolver verletzte, erhielt vom Gericht zwei Jahre Gefängnis. Kvrigsbrrg i. Pr. Im Alter von 67 Jahren verstarb'der Professor der protestantischen Theologie an der hiesigen Universität, Dr. Mar L ö h r , der früher lange Jahre als Archäologe in Jerusalem tätig d war. Cr hat eine große Reihe jüdischer Geschichtswerke verfaßt und war auch im Leben und Wirken ein ausgesprochener Freund des Judentums. Noch am letzten Bersöhmmgstag war er den ganzen Tag in der Synagoge und küßte die vorbeigetragene Thorarolle mit tiefer Inbrunst. Zürich. In Zürich verstarb in diesen Tagen Emile Dreyfus im Alter von 90 Jahren. Er wurde 1841 als Sohn des bekannten Emanzipationskämpfers Markus G. Dreyfus in Endingen geboren. Sein Name wurde bekannt als Präsident des Initiativkomitees der Schweizerischen Landesausstellungen von 1883 in Zürich und 1896 in Genf. Er war eifriger Mitarbeiter der schweizerischen jüdischen Zeitungen, in denen er wesentliche Beiträge zur Geschichte der Juden in der Schweiz veröffentlichte. Wie«. Der 100. Geburtstag des Automobil - Erfinders Siegfried Marcus, eines Juden, wurde von österr. amtlichen Stellen und Jndustriekreifen feierlich begangen. Marcus war Wiener. Ein Komitee hervorragender Persönlichkeiten Oesterreichs hat sich die Errichtung eines Denkmals für diesen fast vergessenen Erfinder zur Aufgabe gemacht. Budapest. Am Rosch Haschonoh wurde in Budapest der in der Nähe des Haupttempels in der Dohany-utca neuerbaute Helden-Tempel zum Gedächtnis an die jüdischen Kriegsgefallenen eröffnet. Warschau. Wie festgestellt wurde, haben polnische Juden von ihren Verwandten in Amerika in den letzten Wochen als Feiertagsunterstützung insgesamt über 1 000 000 Doll, erhalten. Diese Gesamtsumme der Feiertagsunterstützungen ist weit gerinegr als diejenigen in den Jahren der wirtschaftlichen Prosperität in Amerika. Von der erwähnten Million gingen im ganzen 50 000 Doll, nach Warschau. Die meisten Summen gingen nach West- und Ostgalizien und ist das Wilnaer Gebiet. Prag. Der Massenmörder H o r a k, der im Juni 1919 in einem Dorfe sieben jüdische junge Leute erschossen hat, wurde jetzt nach tagelanger Verhandlung von den Prager Geschworenen freigesprachen. Horak behauptete, als Soldat gehandelt zu haben, und ein militärisch antisemitisch zusammengesetztes Gericht hat nach 12 Jahren feine Tat gutgeheißen. Wilna. In der Klaus des Wilnaer Gaon brach am Suckothseste Feuer aus. Die altgeweihte Betstätte ist zum Teil vernichtet, damit auch eine Reihe kostbarer heiliger Bücheraus der Bibliothek des Gaon. Tschechoslowakei Gemsin-ewahlen in der Tschechoslowakei- - Prag, 1. Oktober. Zu den am Sonntag, den 27. September, in zahlreichen Gemeinden der Tschechoslowakei stattgefundenen Wahlen in die Gemeinderäte waren in fast allen größeren Städten jüdische Kandidatenlisten ausgestellt worden. In Prag wurden auf die Liste der Jüdischen Partei 8109 Stimmen abgegeben. Die Jüdische Partei erhält daher in Prag 2 Mandate, die durch den Vorsitzenden des zionistischen Zentralkomitees für die CSR., Norbert Adler, und den Generalbevollmächtigtsn der Jüdischen Partei, Dr. Franz Fried mann, besetzt werden. polen. Ilot und Tod Warschauer jüdischer Schulkinder. Warschau, 29. Sept. Die wirtschaftliche Not unter der jüdischen Bevölkerung Polens nimmt erschreckende Formen an und prägt sich bereits in dem äußeren Bild aus, das die Klassen der weltlichen Schulen der jiddischen Kulturorganisation, der hebräischen Schulen der Kulturorganisation Tarbuth und der von den religiösen Organisationen unterhaltenen Talmud-Thora-Schulen bieten. Die -Schulkinder sehen ganz so blaß, verhärmt und ausgehungert aus wie in den schwersten Nachkriegsjahren. Häufig kommt es vor, daß Kinder während des Unterrichts ohnmächtig werden, wobei sich bei der Untersuchung herausstellt, daß das betreffende Kind vom dauernden Hungern vollkommen entkräftet ist. Die Zahl der Sterbefälle unter den vom Hunger entkräfteten Schulkindern ist in ständigem Wachsen begriffen. Die Leitungen der erwähnten Schulen haben an Herrn Dr. Bernhard Kahn, Direktor des europäischen Büros des American Joint Distribution Committee in Berlin, einen dringenden Appell gerichtet, die Schulen durch Bereitstellung von Mitteln in Stand zu setzen, den Kindern die allernotwendigste Nahrung geben zu können. Die Antwort war positiv, so daß die Hoffnung besteht, daß die Aktion zur Rettung der Schulkinder von Erfolg gekrönt sein wird. (ITA.). Schweden. Rorwegen und die Kalenderreform. Oslo, 24. Sept. Auf Veranlassung des Weltverbandes Schomre Schabbos sprach Rabbiner Julius Samuel- Oslo ln der vergangenen Woche beim norwegischen Kirchen- und Unterrichtsminister vor, um ihm die besonderen Bedenken, die seitens der religiösen Kreise gegen die geplante Kalenderreform erhoben werden, vorzutragen. Er wies in diesem Zusammenhänge auf die Haltung Hollands hin, das den religiöen Bedenken in voller Weise Rechnung trage, und hob hervor, daß auch der polnische Außenminister Zalesky dem Sejmabgeordneten Rabbiner Lewin die Zusicherung gegeben habe, religiöse Gesichtspunkte zu berücksichtigen. Der Kirchenminister dankte Herrn Rabbiner Samuel für seine Darlegungen und versprach, die Angelegenheit weiter mit Interesse zu verfolgen. Rutzland. Die große jüdische Gemeinde von Charbin infolge des chinesisch-japanischen Konfliktes bedroht. London, 1. Oktober. Aus Charbln eingetroffene Berichte besagen, daß im Zusammenhang mit dem chinesisch-japanischen Konflikt und dem Anmarsch japanischer Truppen gegen diese Stadt, die den Endpunkt einer von Wladiwostock abzweigenden Linie der transsibirischen Eisenbahn bildet, die große jüdische Gemeinde von Charbln von schwerer Besorgnis ergriffen ist. Einerseits fürchtet man, daß die antijüdisch gestimmten weißrussischen Elemente in Charbin, unter ihnen ehemalige zaristische Offiziere, die in der chinesischen Armee eine gewisse Rolle spielen, jetzt eine Verfolgungsaktion gegen die Juden beginnen könnten, andererseits fei zu erwarten, daß Rußland, dessen Interessen in diesem Konflikt berührt werden, mit in den Konflikt hineinbezogen werden würde; auf diese Weise werde Charbin im Zentrum des Dreimächte-Krieges liegen. Charbin besitzt heute eine große jüdische Gemeinde, die durch Zuzug von auswärts ständig an Bedeutung zunimmt. Die zahlreichen reaktionär und zaristisch ge-

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