Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 41 (8.10.1931)
- Date
- 1931-10-08
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 41 Seite 5 L. Oktober 1931 Der Israelit Jedes durch 5 Merkbare Jahr soll künftighin -ein Schaltjahr von 364 4- 7 371 Tagen sein jedoch nicht -die durch 40 teilbaren Jahre, wohl aber wieder die durch 400 teilbaren Jahre. Das ergibt -innerhalb von 400,Jahren wegen der Teilbarkeit'durch 5 zunächst 80 Schaltjahrewegen der Teilbarkeit durch 40 aber 80 — 10 — 70 Schaltjahre und wegender Teilbarkeit durch 400 — 80 10 + 1 — 71 Schaktjahve. Man würdedann also innerhalb 400 Jahren 71 Schaltjahre zu je 371 Tagen, also mit 53 Wochen, und 329 Jahre zu 364 Tagen, also mit 52 Wochen, haben wodurch dann alles ausgeglichen wäre, und die Blankotage überflüssig würden. — So weit Blochmann. Auch für das von Amerika vorgeschlagene System von 13 Monaten a 28 Tagen — 364 Tage ließe sich naturgemäß dieselbe Schaltregel (unter Umgehung der Blankotage) aufstellen. Allerdings sträubt sich der Völkerbund bisher, Jahre von solcher Länge, wie die Schaltjahre mit 371 Tagen es wären, zuzulassen, weil er vor allem Schwierigkeiten für die Wirtschaft befürchtet. Vielleicht aber könnten Nationalökonomen oder praktische Männer der Wirtschaft in Form eines Fünfjahresplanes (Lustrum) hier einen geeigneten Ausweg fmdem Der Löhn - wäre der Mühe wert. Oberrabbiner Koloman Weber Vst- Schreckenskunde eilte durch die Tschechoslowakei und die Gebiete des früheren Ungarn und trübte die Festesfreude. Koloman Weber, der bekannte Oberrabbiner von Pystian und Präsident Der Orthodoxen L a n d e s k a n z l e i seit Gründung der Tschechoslowakischen Republik, ist nicht mehr. Und die tragischen Umstände, unter denen er uns genommen wurde, erhöht die Trauer bis ins Unermeßliche. Am Dienstag, dem zweiten Cholhamoedtage, kam er in Amtsgeschäften der Landeskanzlei von Pystian nach Preßburg. Am Bahnhof bestieg er ein Auto, um sich in die Kanzlei zu begeben. Beim Aussteigen stieß er mit Dem Kopf so unglücklich an das Autodach, daß er bewußtlos aus dem Wagen fiel. Um die Mittagsstunde des gleichen Tages hauchte er im jüdischen Landesspital seine Seele aus. Oberrabbiner Koloman Weber, ein Gaon und politischer Führer zugleich, gehörte zu den markantesten Persönlichkeiten des slowakischen und früher ungarischen Judentums. Schon seine äußere Erscheinung war so imponierend und ehrfurchtgebietend, daß sie zu seinen andern vortrefflichen. Führergaben, wie klarer Einsicht, ruhiger Ueberlegung, tiefem Wissen um die jüdischen Dinge und zündender Beredsamkeit, herrlich paßte. Der leutselige, herzensgute Mann mit dem kindlichen Herzen und guten väterlichen Augen konnte streng und unerbittlich sein, ein Eiferer ohne Schonung und Rücksicht, wenn es galt, die heilige Sache des Judentums zu vertreten und für seine Ueberzeugung gegen Feinde, die den Wahrheitsgehalt der jüdischen Lehre zu verfälschen suchten, einzutreten, Ein Mann von großem Formate, wußte Rabbi Weber, daß die Gemeinde nur eine Zelle der jüdischen Gemeinschaft ist und daß nur Einigkeit stark macht, daß aber auch eine Landesorganisation nur dann ihre historische Aufgabe lösen kann, wenn sie sich als Stück der großen jüdischen Gesamtheit empfindet. Darum war der Rabbiner von Pystian als Präsident der Landeskanzlei Führer der slovakischen Orthodoxie, und der Präsident der Landeskanzlei auch F.ü h r e r der s l o v a k i s che n Agudas Jisroel. Er war ein unerbittlicher Bekämpfer der zionistischen Politik und Anschauung als einer Politik und Anschauung her-nationalen Assimilation. Bei den ersten Parlamentswahlen in der Slovakei hatte er zusammen mit Oberrabbiner Hirschler der zionistischen Jüdischen Liste eine eigene Kandidatenliste der „Jüdischen, Wirtschaftspartei" entgegengestellt. Später aber verlegte er den Kampf nach innen, und die aufbauende Arbeit Koloman Webers in feiner Präsidentenzeit gehört der Geschichte an und wird reiche Früchte für alle Zukunft tragen. ‘ Das orthodoxe Judentum in der Slovakei und im früheren Ungarn verliert in einer, an Führern so armen wie an Kämpfen und Leiden reichen Zeit ihrer Btzsten und Mutigsten einen. Wie ein BUtz von oben kam der" Unglücksfall und raffte ihn, einen „Bräutigam der Thora", aus unserer Mitte, in den Tagen der Freude, hinweg. Sein Andenken wird uns allen zum Segen gereichen v"'1 Wille des Volkes. Von Vezirksrabbiner Dr. B. Cohen in > Friedrichstadt. (Schluß.) - 6. Doch steht mit dieser Ansicht Maimonides keineswegs vereinsamt da. In Ez. 36, 20—24 lesen wir davon, daß Israel im Exil vor den Völkern „G'ttes Namen entweiht" habe und die zukünftige Erlösung nicht zum Lohne Israels, sondern zur Endigung dieser Entweihung nötig sei; ähnlich heißt es auch Ez, 39, 7; „Meinen heiligen Namen will ich inmitten meines Volkes Israel bekannt machen und nicht mehr meinen heiligen Namen entweihen lasten." Dem Wortlaute folgend, glaubt der Leser, hier sei von jüdischen Sünden im Exil die Rede, durch die den Völkern ein übler Anblick jüdischer Lehre vermittelt wird, und zu deren Endigung oder Verhüllung vor den Völkern die Neuerrichtung des G'ttesstaates nötig wird. Hiergegen wendet sich Raschi ganz ausdrücklich. Zu 36, 20 erklärt er buchstäblich:- „Was ist die Entweihung des G'ttesnamens? Daß die Feinde Israels sagen: Dies ist G'ttes Volk, aus seinem Lande verstoßen (nicht, wie Malbim und andere übersetzen: aus seinem Gesetzesstaate hervorgegangen) und er hat nicht die Kraft, sein Volk und sein Land zu retten." Zu 39, 1 sagt Raschi: Die Erniedrigung Israels ist die Entweihung des G'ttesnamens, indem die Völker sagen: Dies ist G'ttes Volk, und er kann es nicht retten." — Also ist auch nach Raschi die Zukunftshoffnung der Lehre Israels unlöslich mit der unserer äußeren Besserstellung verknüpft. 7. Niemand auf der Welt kann Anderen oder auch nur sich selber Rechenschaft darüber ablegen, ob jeder seiner Entschlüsse Gründen entsprungen ist, die in seiner Persönlichkeit gegeben sind, oder ob er auch von solchen Gewalten mitregiert wurde, die in seiner Umwelt oder in der Gemeinschaft herrschen, der er angehört. Man gesteht sich nur selten ein, einem Volksentschluste gefolgt zu sein. Selbst den ganz der Mode unterworfenen äußeren Lebensinhalten folgt man in der Meinung, eigene Entschlüsse gefaßt zu haben und sucht darin stich gegenseitig zu überbieten. Was uns beschämt, und sei es nur das Eingeständnis des Unterworfenseins unter den Volkswillenstößt gerade der gesunde Menschengeist in die Tiefen des Unterbewußten hinab. Nur in be- 'innlicher, nicht vernuuftkontrollierter Stunde, nur im Traume wagt es sich hervor. Tiefer in den Tiefen unserer Seele als dort, wo das Be-' chämende und Schamwerte zusammengeballt liegt, schläft in uns das freie menschliche Gewisen, das jenen Ballast des Unterbewußten, sobald entdeckt, auch von sich wirft. Zu seiner Erweckung, sucht es Anhalt und findet ihn, wenn vorhanden, im Volke der G'ttgehorsamen. Dieses Volk ist also zugleich ein Postulat des gesunden Gewissens. Ist es nur erst vorhanden, so l'ann auch dem jüdischen Gewissen zugetraut werden, sich aus der Volkssphäre nur Heilsames zum Gewände zu klauben und sich in eine Hülle e d - t n unbewußten Volkswillens kleiden zu können. Einstweilen, jedoch ist alles Unterbewußte verdächtig, aus fremder Volkssphäre zu stammen, und so ist es nur recht, daß ein Kommentar wie S. R. Hirsch in den Remheitsgesetzen der Thora Mittel steht, das Unterbewußte zurückzudräugen füR . r U SCHLESICKY-.. KAISERSTRASSE 27 und den freien Willen zur Alleinherrschaft zu bringen. Hiermit kommt er den. kosmischen Gefetzestheorien der Kabbalisten nahe. Gesetze zur Gewöhnung auch des verbleibenden Unterbewußtseinsrestes an die Atmosphäre des G'ttespolksgeiAes jedoch haben wir in einem Teile der Gebote zu erblicken, — die daher in der heutigen, einen G'ttesvolksgeist nicht atmenden Zeit, nicht die Funktionen solcher seelisch innerlichen Heilmittel, sondern die von ü’ivs, Wegweisern besitzen, die uns vorm Vergessen ihrer eigenen , Form und ihres -ehemaligen Wertes zu bewahren haben. Und ebensolange haben alle unsere Taten dem Rufe wachsten Bewußtseins zu folgen. Denn erst vom Messias ist Jes. 11 gesagt inrm» nnvn rnaa „Auch seine Ruhe wird Herrlichkeit sein," nämlich auch seine nicht vom bewußten Willen geherrschte Seelenfphäre, wie auch die des von ihm erlösten Volkes Israel, wird G'ttesdienst fein. Das sind Dinge, — die wir nicht herbeizaubern können; nur ein gehobenes äußeres Geschick kann uns sie bringen. Wie auch m änderen Völkern eine kulturerhöhte Atmosphäre doch nur in friedlichen Zeiten zustande kam und inter arma tacent musae in Kriegswirren jede geistige Regung unterdrückt wurde, jo wird auch unser dereinstiges Ideal nur durch jene äußerliche Befriedung beschert werden, von der Raschi und Maimonides laut obigem sprechen: „Wenn kein Israel, woher Thora?" 8. Auch die letzten Kriege der Welt gegen uns werden, wenn wir die Prophetenbücher richtig lesen, keine Staatenkämpfe, sondern Volkskriege sein. Wie ist es sonst möglich, daß Ezechiel, ein Zeitgenosse eisenstrotzender, babylonischer und ägyptischer Heere er selber, — 39, 9—10 von großen Holzwaffenmassen des letzten Krieges gegen Israel spricht, mit denen man sieben Jahre lang ein Feuer unterhalten kann! Eben nicht die kunstgemäß bewaffneten Staaten und ihre Heere, sondern ein primitiv kämpfender Völkerhaufe aus aller Welt wird den letzten Sturm gegen die G'ttesburg unternehmen. Die Zeiten gehen offensichtlich schon jetzt zu Ende, in denen denkende Menschen, wie sie die Staaten regieren, gegen Israel kämpften. Alle eigentlichen Machthaber der Erde schwören, sobald sie zur Macht gekommen sind, die Judenfeindschaft ab. Aber unausrottbar wuchert der Völker Haß gegen das G'ttesvolk weiter, ja wächst mit der Juden freundschaft ihrer Herrscher. Denn im Unbewußten weiß es jeder Mensch, daß alle Völkergruppierung nichtig ist, sobald es wieder ein G'ttesvolk gibt. Sobald der Wille eines Volkes sich für die G'ttesgefolgfchaft entschieden, ist jeder sonst noch existierende Volkswille eine Sünde, eine niederdrückende Schuld, so niederdrückend, daß die Völker der Welt sie nur — durch Kampf gegen Israel sühnen zu können meinen werden. Wenn daher eine endgültige Erlösung uns gegeben werden soll, so muh sie durch Neuordnung der Völl k e r -, nicht der Staatenverhältnisse eingeleitet werden. Nicht die Kulturen dieser Erde werden uns den letzten Kampf ansagen, sondern die kulturlosen Völkermassen. Das gibt dann ihnen allen, die ihre alte Seele auf unserem Rücken zerschlagen, neue Seelen, erfüllt von der Vernunft, und Weitsicht, die bis dahin nur den Regierenden eigen ist, und es wird lagern der Wolf beim Lamme. Da es also um eine Reu-Belehrung der Völker, nicht ihrer dünnen Jntelligenzchrchten geht, so ist darin eine Stütze der Ansicht Raschis zu sehen, der da lehrt: Nicht jüdische Sünden, sondern jüdisches Geschick ist geeignet, die Völker zu der entweihenden Frage zu verleiten, wo denn unseres G'ttes Macht sei, und daher bedürfen wir vorerst und vor allem des äußeren Heiles, bevor das seelische sich offenbaren kann. Warum das alles: Der Wille eines jeden Voltes als solchen ist determiniert, g'ttfern zu 5520