Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 41 (8.10.1931)
- Date
- 1931-10-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 41 Seite 3 8, Oktober 1931 Lu des Waad Haleumi. Ventwich hat das Oberllcstwinat geschaffen, in der Absicht, ihm auch Autorität über die Gesetzestreuen einzuräumen; ihm -st es zu danken, daß die Wohltätigkeitslinstiiutionen' dem Oberrabbinat unterstellt wurden, kso daß es schweren Kampf kostete, wenigstens den letzten Rest aus der Abhängigkeit zu retten. Und I denn och muß auch das gesetzestreue Judentum jC;nni Rücktritt, die Tatsache, daß man Juden [als solche aus allen hohen Aemtern entfernt, als j nationale' Beleidigung empfinden, um so mehr, als dieser Rücktritt offensichtlich auf einen Druck!von außen, von judenfeindlicher Seite, zurückzulführen ist. Hoffen wir. Laß mit dem neuen Jahre eine sAera der politischen Gleichberechtigung, der rvirt-! gastlichen Besserung und des g e i st i g e n Aufschwunges, auch eine Hebung des religiösen [Lebens, für Erez Jisroel beginnt. wochsnrundfchau. Deutung und Bedeutung der Hamburger Wahrziffern. Wir saßen in unserer Friedenshütte; in Berlin verhandelten die Vertreter der französischen . Najion mit den ersten Führern der deutschen Po-1 hollste der sozialdemokratischen und Staatspartei litif, ein „menschliches Quartett", wie sich ein!>?um Trotze an diesem Termine festgehalten wurde, grotzer liberales Blatt schön ausdriickti die Etra- Dadurch sind einige tausend ,udlsche Wähler von ßen der Reichshauptstadt hallten so oft sich die, der Urne ferngehalten worden, Sie harten, diese Der Israelit Abfluß'ins Extrem dauert mit der zunehmenden Not zu, und zwar aus den bürgerlichen Parteien einschließlich der Sozialdemokraten ins linke, aus den konservativ gerichteten Mittelparteien ins rechte Extrem. Der Abbau der Junglehrer, die Gehaltsreduzierungen, das Anwachsen des Arbeitslosenheeres werden wesentlich mitgewirkt Haben, daß viele Tausende ohne direktes seelisches Verbundensein mit Hakenkreuz oder Sowjetstern ihr Heil mal versuchsweise in einer illusionistischen Partei auf der radikalrechten oder radikallinken Seite suchen. Rechnet man hinzu, daß die Deutschnationalen von ihren 22 Sitzen nur 9 gerettet haben, so haben wir schon 13 von den 40 neuen Nationalsozialisten im neuen Parlamente, in deren Einstellung gegen die Juden sich nichts geändert hat; sie haben unter dem Schutz Hilgenbergs genau so ihre antisemitische Politik verfolgt wie jetzt unter dem Hitlersi Aehnliches läßt sich von den zwei Mandaten sagen, die die W irisch a f t s p a r t e i an die N. S. A. P. D. verloren hat und teilweise auch von den 13 Mandaten, die der Vollspart ei verloren gehen. Es liegt kein großer Trost in der Feststellung, daß die Dinge auch früher schon nicht viel besser standen, aber zur richtigen Einschätzung des nationalsozialistischen Erfolges muh das alles mit in Rechnung gezogen werden. Daß die Hamburger Wahlen von vornherein nicht im Zeichen von Recht und- Billigkeit vor sich gingen, beweist die Tatsache, daß sie an einem hohen jüdischen Festtage stattfanden, und daß dem Füllfederhalter. 1000 schreibfertige Halter zur Auswahl! mit 14 kerat Goldfeder ab Rmk. 3.— Osmia-Supra, Parker Duofold, Montblanc, Pelikan, Waterman Hausmarken: Ceka und Juwel und andere Marken CARL KLIPPEL Kaiserstrasse 75 Schreibwaren aller Art Die Welt darf in diesem neuen Hamburger Parlamente nicht das Deutschland von heute erkennen wollen; es zeigt nur die Fieberkurve des kranken Wirtschaftsorganismus im Nachkriegsdeutschland, die sich zwischen nationaler Uebertemperatur und Untertemperatur bewegt. Mit einer Sanierung des GesamtorgUiismus in der Welt wird sunden. auch dieser schwerkranke Teil ge- Scham und Schmerz' Die Vorgänge auf dem Berliner Kurfürstendamm haben doch dazu geführt, daß die Besten in der geistigen Elite der deutschen Nation zur Einsicht gelangt sind, daß es nicht „Zeit zu schweigen" sei und daß stille, vornehme Zurückgezogenheit passive Mithilfe und Förderung des Un- Automobile der französischen Gaste zeigten, von-paar Tausend, den Ausschlag nicht gebracht, aber geistes auf der Gaffe sein kann. Persönlichkeiten ‘ bezeichnend für den Geist in der alten Hansastadt | vom Rufe eines Otto Baumgarten, Dr. H. Fischer, Professor Götz, Georg Gothein, Regierungspräsident Harnak, Professor Kinkel, Professor Eduard König, Paul Freiherr von Schönaich, Professor Ziegler, Dr. Gertrud Bäumer (aus einer ganz großen Reihe von namhaften Gelehrten, politischen Führern und Geistlichen der katholischen und evangelischen Kirche genannt), erlassen einen „ A u f r u f z u r A b w e h r " , der vom Schmerze und von der Scham spricht, die alle Anständigen des deutschen Volkes ersaht bei dem Gedanken an den Uebersall auf dem Kurfürstendamm am jüdischen Neujahrsfeste. „Diese Vorgänge," heißt es darin, „stellen in den Augen der Welt Deutschland auf die tiefe Kulturstufe des zaristischen Rußlands und erschweren unsere Aufgabe, uns unsere Weltgeltung mit den Waffen des Geistes und der Gesinnung uns zurück zu erobern. Der größte Teil der exzedierenden Hakenkveuzler steht den Rufen „Es lebe der Frieden!", „Nie mehr Krieg!" wider — an diesem gleichen Tage ging die Partei der nationalen Hetzer in Hamburg mit einem Resultat aus der Wahlurne, das sie in den Stand setzt, in das neue Hamburger Parlament mit 43 Mandaten (statt 3 im vorigen) einzuziehen. Vierzig neue nationalsozialistische Sitze zeugen davon, daß die mit den Reichstagswahlen 1930 eingesetzte Welle noch lange nicht, wie manche glaubten, abgeebbt ist, und daß nach wie vor der Haß die Räder der politischen Maschine in einem höheren Maße treibt, als der Wille zu Frieden, zu politischer und wirtschaftlicher Gesundung. Daß die K o m m u n i ft -e n.in dieser Bürgerschaft ihren Mandatenstand von 27 auf 35 gebracht, ihre Stimmenzahl gegen 1928 um rund 000 vermehrt haben, läßt auch für den Sieg des Hakenkreuzes eine andere Deutung zu: Der! fehlt. ist dieser Mangel an Entgegenkommen immerhin. Was für uns praktisch bei der neuen Konstellation in der Hamburger Bürgerschaft herauskommen oder an Gefahren heraufbeschworen werden kann, steht abzuwarten. Eine absolute Mehrheit wäre nur durch > Zusammengehen von Sozialdemokraten und Kommunisten denkbar, die zur Zeit im ganzen Reiche noch feindliche Brüder sind. Unseren religiösen Interessen würde eine solche marxistische Einheitsfront mit kommunistischem Einschläge wenig dienen. Noch schlimmer für uns und für Hamburg wäre eins Vereinigung (man hat sie in Berlin und anderswo schon oft erlebt) von Nationalsozialisten und Kommunisten, um so mehr als im Hamburger Parlament der Ausgleich mit dem ruhenden Pol des Zentrums (es hatte und hat nur zwei Mandate) kleines Feuilleton. Ein gemeindlicher Harnn al Raschid. Folgendes köstliche Geschichtschen, das sich vergangenen Purim in einer süddeutschen Stadt, die hier nicht genannt werden soll, abspielte, soll der Vergessenheit nicht anheimsallen: Ein durch Elaubenstreue und Mildherzigkeit ausgezeichnetes Mitglied der Vorstandschaft jener Gemeinde (dessen Name leider ebenfalls geheim bleiben must) hatte' an dem bereits erwähnten Freudentage den ungewöhnlichen Einsall, feine. Gememdegenossen auf ihre Gebefreudigkeit zu kontrollieren. Er gab sich zu diesem Behuse in einer Ausmachung, die unseren wandernden Brüdern aus dem Osten entsprach, und beschloß, zunächst bei den prominenteren Beamten der Gemeinde den Anfang zu machen. Leider aber kam er hier an den ganz Unrechten, denn dieser jüdische-Herr forderte vorerst, ohne sich in weitere Verhandlungen e'mzulassen, ausreichende Legitimierung des Petenten, in einer Form, die an gebührender Barschheit und bürokratischer Förmlichkeit nichts zu wünschen übrig l'est. In augenblicklicher, kaum geheuchelter Bestürzung legte der Angeredete, dem Erfahrungen auf diesem Gebiete nicht zur Seite stehen konnten, feinen eigenen Paß den er gerade bei sich hatte. Der Gemeindebeamte unterwarf dieses Dokument einer scharfen Untersuchung, wobei er zu seiner freudigen Ueberraschung seststellte, vast der Ausweis den ihm wohlbekannten Namen eines Repräsentanten seiner eigenen Gemeinde trug, und zweifellvs von dem Vorzeiger auch gestohlen sein mutzte. Ohne Hel Worte zu machen, begab er sich ans Telefon und liest einen Polizisten kommen, der den unglücklichen „Schnorrer" ins Verhör nahm, und hierbei zur mi lder freudigen Verwunderung des Beamten zu dem unantastbaren Ergebnis gelangte. daß Besitzer und Patz zusammengehörten. Tableau! Nun sollte maii wohl denken, daß diesem wenig menschenfreundlichen Angestellten eines jüdischen Gemeinwesens aus diesem Vorkommnis die Lehre erwachsen wäre, bei der Behandlung jüdischer Armen sich eine größere Reserve aufzuerlegen; da dies jedoch, wie mir glaubhaft versichert wurde, keineswegs der Fall ist, habe ich zu Nutz und Frommen derer, die es angeht, das Gefchichtchen weitererzählt. Und dies, obwohl ich es schon lange kannte! H. N. (Hitlers S. R.: Sturmregiment, Schwester Raubal oder „streng rituell") Die Wiener Zeitungen, die in Erfahrung gebracht haben, daß die Stiefschwester Adolf Hitlers und Mutter von Hitlers Nichte, die aus mystischen Ursachen in der Münchener Wohnung Adolf Hitlers Selbstmord begangen hat, Frau Raubal, in den ersten Nachkriegsjahren Küchenleiterin der jüdischen Mensa academica war und streng darüber zu wachen hallte, daß kein Verstoß gegen die orthodoxen jüdischen Speisegesetze begangen werde, bringen jetzt eine Bestätigung dieser Meldung durch den die Studentenküche unterhaltenden jüdischen Hochschulausschutz, der aus eine Anfrage folgendes erklärt hat: „Es ist uns sehr unangenehm, daß die Schwester Hitlers lange Zell unsere Küche für jüdische Studenten geleitet hat. Wir haben diese Tatsache der Oeffentlichkeit nie mitgeteilt, da wir Vorwürfe der nationaljüdischen Kreise befürchteten. Wir wissen bereits seit längerer Zeit, daß Frau Raubal, unsere ehemalige Küchenleiterin, dem nationalsozialistischen Führer Adolf Hitler politisch und verrvandschastlich sehr nache steht. Als sie engagiert wurde, hat sie uns natürlich nicht erzählt, datz sie die Schwester Hitlers ist. Bei ihrem Einllitt wußte sie selbstverständlich, daß sie eine jüdische Küche leiten würde. In den Zimmern des jüdischen Hochfchulausschusses hängen ja überall Plakate jüdischer Vereine, zahlreiche mit hebräischen Buchstaben." Nicht selten, so berichten Wiener Zeitungen, drohte die Schwester, Hitlers dem Küchenpersonal. wenn es allzu oberflächlich bei der Beachtung der orthodoxen Speisevorschriften vorging, unter Riesenkrachs die Entlassung an. ■ (Eine der kleinen jüdischen Tragödien.) Ein Vorfall von eigener Tragik, der sich in den letzten Tagen in Ungarisch-Hradisch" ereignet hat, beschäftigt die jüdische Oeffentlichkeit in der Tsechoslowakei. Der jüdische Kaufmann Abraham Katz war einige Jahre vor dem Kriege aus Polen nach Amerika ausgewandert. Seine Frau gebar bei einem Besuch in Europa ein Mädchen, dem sie den Namen Sally gab und ließ das Kind bei Kriegsausbruch bei ihren Eltern in Polen, während sie selbst nach Anierika zurückfuhr. Bei der Besetzung Polens durch die Russen kam das Kind nach Wien und später in die Auswandererstation nach Ungarisch-Hradisch, wo es von einer christlichen Witwe an Krndesstatt ausgenommen wurde, die Taufe erhielt und eine streng christliche Erziehung genoß. Das Mädchen, das nunmehr Tony hieß, nahm eine Stelle in einem Kaufladen an. Inzwischen sichtender unglückliche Vater seine Tochter in der ganzen Welt. Als er schließlich durch eine Serie von Zufälleu an den Wohnort seiner Tochter geführt wurde, erkannte diese den Vater nicht mehr und erklärte, obzwar sie sich nach einem Gespräch Mit dem Vater und dem aus Wien herbeigerufenen Erzieher ihrer Jugendzeit, Zeller, an zahlreiche gemeinsame Erlebnisse ihrer Kindheit erinnern konnte, datz sie nicht zu dem Vater und zum Judentum zurückehen wolle. Das Mädchen ist Mitglied christlich-sozialer Iuqendvereine und durch Erziehung und Umgebung dem Judentum vollkommen entfremdet. Der Vater mutzte, nachdem er erkannte, datz feine Bemühungen, die Tochter ins Elternhaus zurückzuführen, fruchtlos verlaufen würden, ohne das Kind die Rückreise nach Amerika antreten.