Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 49 (3.12.1931)
- Date
- 1931-12-03
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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3. Dezember 1931 _ - - schaffech die die Etat- und Wirtschaftsgebahrung von Gemeinden! und Gemeindeverbänden normen und rationalisieren soll, ähnlich dem deutschen „Städtetage". Es werden Bedenken erhoben. Manche warnen vor Einengung und vor Ueberhandnahme einer Bürotechnik in der Wohlfahrtspflege;|Sie Pflege des Individuellen durch Heranziehung freier Mitarbeiter dürfe nicht aufgegeben werden. Auch der bekannte Wirtschaftspolitiker Ä. Marcus wendet sich entschieden gegen Schaffung neuer Stellen. Andere treten für den Plan ein. Das Projekt wird zuletzt vom Ausschuß dem Rate als Material überwiesen. - Als zweiter Punkt der Tagesordnung wird die Teilnahme von Juden an den Bestrebungen für nebenberufliche Siedlung behandelt. Dr. Löwenstein, der über dieses Thema referiert, sagt, 'die Siedlung war nur als eine Nothilfe und Uebergangsmahnahme, nicht aber als Ziel systematischer Be-, rufsumschichtung gedacht. An der Realisierung des Ge- 'dankens habe neben den großen Kriegsteilnehmerverbänden auch'der R. j. F. mitgearbeitet. Die besonders schwachen jüdischen Kräfte bei diesem Werke müssen an -einer; Zentralstelle gesammelt und zusammengehalten werden. Auch der Vorsitzende betont den nebenberuflichen Charakter des Siedlungswerkes. Immerhin könne damit hundert jüdischen Familien geholfen werden. Es wird bei der Besprechung von -einigen Seiten vor Illusionen nach dieser Richtung gewarnt. Die Kleinsiedler können sich heute kaum ernähren, würden aber dabei aus der allgemeinen > Arbeitslosenhilfe ausgeschlossen werden. Den jüdischen Arbeitslosen, die aus einem ganz anderen Milieu kommen, falle die Einordnung in das neue Projekt besonders /schwer^ Die gewünschte Zentralstelle sei mit dem „Reichs- Hund für jüdische Siedlung" längst gegeben. Martin Götz sagt, im gewissen Sinne diene auch Groß - Gag- I o w nur der nebenberuflichen Siedlung. ' Da, wie es scheint, die Zahl der Stellen noch nicht voll ist, so soll eine neue mit dem „Wirtschastsinstitut" bei der Zentralwohlfahrtsstelle geschaffen werden, und zwar auf Grund des in den Büchern von S i l bergleit und Marcus enthaltenen Materials. Dabei zeigen sich schon bei den jetzt vorhandenen Stellen so Diele Kompetenzkonflikte, daß deren Ausgleich bei jeder 'Verhandlung mehrere Stunden, in Anspruch nimmt. Konkreter mutet bei der Beratung die Aussprache über den Ausbau des D a r l e h e n k a s s e n w e s e n s. Dr. Kreutzberger als Referent teilt mit, daß aussichtsreiche Verhandlungen mit „Joint" und JCA. schweben. W. Marcus fetzt sich für Schaffung von Vezirksdarlehnskaffen ein,, es soll aber ein Bedürfnis nach solchen Einrichtungen nicht künstlich erzeugt werden. Zur Zeit beträgt das Stammkapital der jüdischen Darlehnskassen in Berlin Mk. 250.000. Sie erheben etwa 6 Proz. .Zinsen. - Wenn nur um ein Weniges der Zinsfuß reduziert wird, ist schon damit dem jüdischen Mittelstand gedient. Bei einer notwendig werdenden Versteigerung Dermeide man alles rigorose Vorgehen. Es wird Beschluß. , gefaßt, ein Subventionsgesuch des .„Reichsbundes für jüdische Siedlung" beim Rate zu befürworten. Die jüdische G a rt enb auschule in 'Ahlem,,die sich in Not befindet, soll in der Weise saniert werden, daß weitere 50 Kinder ohne Kostenerhöhung Aufnahme finden, und daß die Schule mit einem größeren jüdischen Waisenhause in der Provinz vereinigt werde. Etatabstriche sollen dort nach Möglichkeit vorgenommen werden: Es wird noch beschlossen, daß beide Ausschüsse wechselseitig Vertreter zueinander entsenden. Die Delegierten für diesen Zweck werden gleich gewählt. Zur Schächlfrage in Württemberg.! Berlin, 1. Dez. Im Anschluß an die Zeitungsberichte ber die Stuttgarter Landtagsverhandlung zur Schächtfrage ist von verschiedenen Seiten die Frage an uns gerichtet, ob ein neues Betäubungsmittel entdeckt sei, das ohne Organverletzung bei Schächttieren anwendbar sei. Nach Auskunft unserer Fachberater handelt es sich um ein 'Präparat, hergestellt aus. .Magnesiumchlorid und Galle, das bei den bisher vorgenommenen Laboratoriumsexperimenten sich nicht als gesündheitsschädlich erwiesen habe. Ein . Urteil über die. Auswirkungen ausi die Organe des Schlachttieres kann in diesem allerersten . Stadium von -Experimenten nicht gebildet werden. Üeberhaupt kann -für den Schlachtbetrieb nicht ohne weiteres aus Ber- _ D er Israelit __ suchen in Laboratorien eine Schlußfolgerung abgeleitet werden, wie es sich auch neuerdings, und zwar erst nach längerer Praxis, bei den vor der Schlachtung elektrisierten Schweinen herausgestellt hat. ■ t"i;j Ein kulturfolg des Lentralverelns. Berlin, 1. Dez. Der „Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" hatte am Sonntag eine große Kundgebung unter der Losung: „Selbstachtung und Selbstverhöhnung" veranstaltet.,i Die Beteiligung aus? den intellektuellen Schichten ber jüdischen Bevölkerung war sehr groß. Die Leitung hatte Dr. Friedrich Brodnitz. Als erster Referent sprach Dr. Julius B a b. Man müsse protestieren gegen die Art, wie Juden im Theater, Varietee und neuerdings auch im Tonfilm dargestellt werden. Nicht solle der Kunst Schranken gezogen werden, abzulehnen sei aber das, was außerhalb der Kunst an Verächtlichmachung des Juden geschieht. Daß zumeist jüdische Darsteller Äiese Karrikaturenrollen übernehmen, mache die Sache noch^.schlimmer. Der Regisseur Heinz Goldb e r g spricht von der „Spekulation auf die niedrigsten Instinkte der Massen in einem Teile der Theater." Georg Hermann, von dem ein Schreiben verlesen wird, läßt die Karrikatur und sogar die Selbstkarrikatur, soweit sie künstlerisch ist, bestehen. Selbstkarrikatur dürfe aber für jübische Darsteller nicht gleichbedeutend sein mit einer „Karrikatur ihrer selbst". Der jüdische Witz verträgt.das Podium nicht. Fritz Engel, der bekannte Kritiker des „Berliner Tageblatt", zieht eine Grenze zwischen der Vergangenheit, in der manches auf der Bühne ohne antisemitische Tendenz gezeigt wurde, und der Gegenwart, in der diese Tendenz das Primäre ist. Gegen Verunstaltung des jüdischen Wesens müssen die Juden mit Boykott der betreffenden Theater antworten. Der Filmkritiker, Dr. Rudolf Arnheim, führt einige Beispiele für solche antisemitische Abirrungen der Bühnenkunst an. Der Komiker Fritz Grünbaum fordert vom jüdischen Künstler, daß er seine Mitwirkung an Stücken verweigere, in denen der Jude verächtlich gemacht wird. Dr. Wollenberg, der Chefredakteur der „Lichtbühne", bringt ein reiches statistisches Material und fordert den C. V. auf, Remedur zu schaffen. Sonntag nachmittag heißt das Thema: „Mode, Gesellschaft und Antisemitismus". Es wurde nach einigen Rezitationen in der Form eines Zwiegespräches zwischen Dr. Ilse Reike und Dr^ Margarete Cdelheim abgewandelt. Die Mode, von der Kleidermode bis zur Mode der Denk- und Schreibart, werde zum Gegenstand antisemitischer Angriffe gemacht. Die Frauen im C. V. geben den Glauben an die Menschheit nicht aus und sind überzeugt, daß mit Aufklärungsarbeit noch viel zu erreichen sei. Frau Dr. Edelheim spricht auch die Juden nicht frei von Schuld am Antisemitismus. Sie meint es leider in dem Sinne, daß sie sich zu wenig assimilieren. Die Abendversammlung steht unter der Parole:. „Bekenntnis und Anklage". Nach Musikstücken folgt eine Ansprache"-von Dr. Julius Brodnitz über die Bedeutung-des veranstalteten Kulturtages. Er soll seststellen, ob wir jüdische Deutsche es verschuldet haben, was wir heute erleben und ob wir Anlaß hätten, unseren Weg zu ändern. Die Antwort muß verneinend lauten. Wir sind dort, wo alle guten Deutschen sind. Man dürfe Vertrauen zum C. V. haben. Seine Männer stehen treu auf dem Posten. Mächtiger als das Schicksal sei die Kraft, mit der die deutschen Juden dieses Schicksal ertragen. Nach Musikoorträgen und Rezitationen ergreift Prof. Dr. Georg Bernhard das Wort. Auch in der Minorität fei es nicht nötig, einsam zu sein, einer könne dem andern Stütze sein. Man könne sich nicht anderen aüfdrängen, wohl aber sollten wir uns in der jüdischen Gemeinschaft sammeln. Es könne kein Jude guter Deutscher sein, wenn er nicht auch guter Jude sei. Die einzige Anklage, die wir gegen uns selbst zu richten hätten, wäre die, daß wir die Abwehrarbeit nicht ■ genügend mit Geld und Kraft unterstützt hätten. Redner weist alle Rassentheorien als Absurdität zurück. Am Rheine haben die Juden schon vor den Germanen gelebt. Die Ostjuden seien die ältesten deutschen Juden. Der Jude in Deutschland sei mit der Kultur - seines Vaterlandes eng verwachsen, was Redner im Einzelnen beweist. „Was wir den Deutschen geben,, geben wir ihm als Juden, das ist unser Plus". „Wir sind eine Minderheit, aber eine Minderheit -des Adels, die sich zu ihrem Anderssein genau so Nr. 49 Seite 5 1 DINfiES DIABETIKER-BROT NACH DR. S E N FT N E R IBekommt ausgezeichnet - Schmeckt vorzüglich I Bewirkt günstiges Absinken des Zucker-dehaites! I Madien Sie noch Heute einen Versuch. Laib nur 50 Pfennig. I DING ES-B ROT FABRIK ä-M-B'H bekennt, wie die anderen deutschen Stämme." Es gereiche uns nicht zur Schande, daß wir nach dem Vorbilde von Moses stets geneigt seien, auf die Seiten der Unterdrückten zu treten. Man sollte sich an Ländern und Völkern, die ihre Judenverfolgungen schwer büßen mußten, ein Beispiel nehmen. Mit Musikvorträgen schloß die 'machtvolle Kundgebung. Oesterreich. Die Frage der Einäscherung jüdischer Leichen auch in Wien aktuell. Wien, 26. Nov. ' Das Präsidium der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde veröffentlicht folgendes Communique: Ueber die Haltung, welche das Rabbinat der Israelitischen Kultus gemeinde und der Kultusvorstand in der Frage der Funktionen bei jüdischen Leichen, welche zur Einäscherung bestimmt sind, einnehmen, werden vollständig unrichtige Nachrichten verbreitet. Es ist völlig aus der Luft gegriffen, daß auf Grund eines Gutachtens des Rabbinats vom Vorstände die religiöse Weihe bei Leichenverbrennungen bewilligt worden sei und es ist vollkommen unrichtig, daß den Funktionären der Gemeinde die Mitwirkung bei Verbrennungen gestattet worden ist oder gestattet werden soll. Alle die eingangs erwähnten Gerüchte und Veröffentlichungen, die geeignet erscheinen, im Kreise der orthodoxen Judenschaft Beunruhigung hervorzurufen, scheinen darauf zurückzuführen zu sein, daß in Kreisen des Rabbinats und des Kultusvorstandes auf Anregung von Gemeindemitgliedern die Frage in Erwägung steht, ob im Trauerhause oder in der Zeremonienhalle der jüdischen Friedhöfe — also nicht im Krematorium — eine Funktion bei solchen jüdischen Leichen bewilligt werden darf, die nachher zur Kremation gebracht werden sollen. Die Mitwirkung von Funktionären der Kultusgemeinde bei Leichenverbrennungen oder überhaupt im Krematorium hat niemals zur Diskussion gestanden. Die ganze Angelegenheit ist über das Stadium der Vorerhebungen, die sich naturgemäß auch auf den Vorgang in den anderen jüdischen Großgemeinden erstrecken, noch nicht hinausgelangt. Generalversammlung der Adas Jisroel. W i e n, 26. Nov. Die für den 1. November d. I. im Turnsaale der TalmUd Thora einberufene Generalversammlung wurde zur festgesetzten Stunde vom Obmanne Kom.-Rat Siegmund B o n d i eröffnet. In seiner Begrüßungsansprache gab er seiner Freude darüber Ausdruck, daß die Generalversammlung so ungewöhnlich zahlreich besucht sei. Es waren an 200 Mitglieder erschienen. Der Vorsitzende begrüßte die als Gäste erschienenen Vertreter der verschiedenen Vereine und den Vertreter der Kultusgemeinde, Herrn H o f m a n n. Er widmete den feit der letzten Generalversammlung verstorbenen Mitgliedern ehrende Nachrufe, welche die Versammlung stehend anhörte. In der sodann vorgenommenen Wahl wurden 185 Stimmen abgegeben. Herr Wolf Pappenheim wurde nahezu einstimmig gewählt; überwiegende Mehrheit erhielten die Herren: Leopold Richter, Kom.-Rat Moriz Lettner, Nathan Schiff, Sandor Adler, Joachim W o s n e r, Josef Herzog, Jakob Fuchs und Josef Schick, die für 6 Jahre und Herr David Breuer, der für 3 Jahre gewählt wurden. Zu Revisoren wurden gewühlt die Herren Geza Braun, Siegmund F i g d o r und Artur Sputz. Am 17. November fand die konstituierende Sitzung des Vorstandes statt. Es wurde zum Obmanne Hern