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Der Israelit · 1931-09-24 · Heft 39-40 (24.9.1931) · page 25

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Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 39-40 (24.9.1931)
Date
1931-09-24
Page
– (sequence 25)
Language
German
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(äffet* dee fandesoeganifatfon dee Agudas'jiseoef in Veutfeklaad. 7. Jahrgang Hamburg, 24. September 1931 /13. Tischri 5692 Nummer 19 Schristlettung: Wa tfS. I-es-forr in K-wSurg. ———————————. - > M ' l ■ - . - I» IM»!| Bei uns und um uns. Referat des Herrn Rabb. Dr. Pinchas Lohn auf der Rordweftdeutfchen Gruppentagung der A. I. in Hamburg (3. Etul 5691). (Nach dem stenographischen Protokoll.) Lassen Sie mich auf ein seltsames Widerspiel aufmerksam machen. Wenn wir still und sehnsuchtsvoll nach der Ewigkeit den Weg zu G'tt suchen, dann dringt es aus unserer Brust, mit dem alten, schlichten Wort: Schma Iisroel. Wenn der einzelne Mensch aus dieser Form des Lebens sich emporschwingt zur Pforte der Ewigkeit, dann flüstern neben ihm . leise Stimmen: Schma Iisroel. Und wenn einst in dunkler Stunde unsere Ahnen in den Kampf gegen andere in die bitterste Form des Lebens traten, dünn, wie Sie gestern gehört haben, nvnbsn Vs essipa rrnv dann trat der Priester vor sein Volk und sagte: Schma 3 i s r o e I. Diese gewaltige Einheit, diese gewaltige Harmonie aller Aeußerungen des Menschenlebens, ob es sich auflöst in einzelne Gestalten, oder ob es uns entgegentritt in der Form der Gemeinschaft, das istjüdische Lebensweise. Wir haben in keiner Situation des Daseins, wir haben kei-' item Problem gegenüber ein anderes Wort und eine andere Lösung als Schma Iisroel. Das ist nicht immer so leicht. Wenn uns heutzutage, wenn uns in diesen ernsten Stunden eine Aufforderung gegeben würde, zu horchen, zu lauschen, zu hören, und vor allen Dingen zu verstehen, was die Zeiten sagen, es wäre nicht so leicht, das Schma Iisroel heute zu erfüllen, oder dem Schma Iisroel heutzutage die Deutung zu geben, die sich'einst dem gepreßten Herzen des Psalmisten König David entrungen hat, die Deutung, die da lautet: bp.n 121'n» Ich möchte doch hören, ich möchte doch verstehen, was G'tt spricht. Ich möchte doch begreifen, ich möchte doch erfassen, wie in diesem Augenblick G'tt durch die 'Welt — und G'tt durch mein Herz geht! Meine Verehrten, das ist so leicht eben nicht. Und sehen Sie, Agudas Iisroel hat zu uns, hat zu Ihnen, meine Verehrten, das gewaltige Vertrauen, daß wir diese Ausgabe lösen, daß, wenn wie immer geartete Zeiten uns gar nichts anderes zu sagen haben als Schma Iisroel: So höre doch, so lausche doch, so verstehe doch, — daß wir es verstehen, daß wir auch solche Zeiten meistern können. Das, meine Verehrten, ist der Gruß, den Klal Iisroel, den die Agudas Iisroel Ihnen in dieser Stunde zuruft. Es ist noch so, wie es einst gewesen, wie wir es gestern gehört haben, mit den Ohren unserer Weisen: Wenn die Stunde des Kampfes naht, draußen nichts wie mißtönender Lärm, draußen Geräusch, in dem die Menschen ihre eigene Angst und die Angst der Andern zu verbergen suchen, Geräusch von Roß und Reiter, Geräusch von schreienden, rufenden Menschen ertönt — dann in das Geräusch hineingugehen, in diesen Lärm sich hineinzusinden, und diese Disharmonie . einer kämpfenden, lärmenden Welt aufzulösen in das Schma Iisroel, das ist die Aufgabe, meine Verehrten, deren Lösung wir nicht bloß uns, die wir der Welt schulden. Und darum verzeihen Sie, wenn dasjenige, was wir heute an Gedanken und Empfindungen tauschen wollen, im ersten Augenblick gar nicht so jüdisch klingt, nicht so, als ob es unser Eigenes wäre. Denn wir alle, meine Verehrten, wir alle sind mehr oder weniger sozial gebunden. Die Gemeinschastssorm, die Gemeinschastsgruppen, an die wir uns nach des Dichters Wort als an ein Ganzes dienend anschließen sollen, sie stehen alle an unserer Wiege. Die Familie, die Gemeinde, der Staat, das Volk, tn den meisten Fällen des Lebens werden wir in das alles hineingeboren. Und gerade der Lärm unserer Zeit, das mißtönende Geräusch des Kampfes in unfern Tagen, der ganze' Ruf dieses Kampfes, das ist die Auflehnung gegen diese Tatsache. >,Schma Iisroel"; wenn wir diese Welt verstehen wollen, die wir wahrlich nicht mit einer leichten Handbewegung abtun dürfen, dann müssen wir wissen, der Gründton unserer Tage ist: Kampf gegen diese Gebundenheiten. Tatsachen müssen als solche verstanden werden! Der ganze Ruf unserer Zeit ist: all diese Gemeinschaften, in denen irgendwie ein Moment des Zwanges geborgen ist, all diese Gemeinschaften, die irgendwie mehr oder weniger von Gefühlsmomenten bedingt find, sie find zur Auflösung, zum Sterben verurteilt. Das ist der letzte Urgrund für die Erscheinung, daß sich die Bande der Familie lösen, daß Staat und Volk fast überall nur noch zu Zweckverbänden herabgewürdigt worden sind. Aber schließlich: Schma Iisroel, lebt ja doch in jedem Menschen eine gewisse Sehnsucht nach einer Gemeinschaft. Allein durchs Leben zu gehen, meine Verehrten, selbst allein vor G'tt zu stehen) ist immer eine Gefahr und eine Not der Seele. Das vx i'rri'vrrip-ist etwas Furchtbares) Und darum hat sich diese Auflehnung Zögen den Zwang, diese Auflehnung gegen alle Gebundenheiten, die an unserer Wiege stehen, ein neues Bett gegraben, eine neue Form der Gemeinschaft gesucht. Und das find die sogen, freiwilligen Organisationen. Nicht nur aus dem, was an unserer Wiege stand, aus uns selbst heraus suchen und finden wir Genossen. Das ist derselbe Grundgedanke, der in mehr oder weniger verschwommenen Worten von einem Weltbürgertum träumt. Und meine Verehrten, das ist derselbe Gedanke, der uns eine Agudas Iisroel schaffen ließ, aus freiem Entschluß, ohne Zwang, und wenn Sie wollen, auch ohne Notwendigkeit. So wurde Agudas Iisroel geboren, so haben Sie sich zu ihr gefunden, jung und alt, Kinder und Eltern. Und mit dieser gewaltigen Tatsache des freien Entschlusses treten wir nun vor die Menschen und haben gar nichts zu sagen, als: Schma Iisroel. Denn da ergibt sich ein seltsam neues, vielleicht gar nicht ganz erfaßtes weiteres Widerspiel. Was wollt Ihr? Um nun einmal in dev Sprache dieser rationalen Zeit zu fragen und zu antworten: Was ist denn nun unser Ziel, was erstreben wir denn, ote haben es tausendfach gehört und gelesen. Wir wollen Treue darstellen, wir wollen eine Front der Thora bilden, wir wollen erwärmen, begeistern für Klall Iisroel. Ist denn Klall Iisroel nicht dasselbe, was an unserer Wiege stand? Ist. das denn nicht auch eine soziale Gebundenheit. Allerdings, und das ist das Widerspiel, auf das ich Sie aufmerksam mache. All diese sogen, freien Organisationen, wenn Sie wollen, von der Weltbürgerschaft angesangen bis zur Agudas Iisroel, letzten Endes, im letzten Ziel verstehen sie es oder müssen sie es verstehen, im Herzen und in der Seele eine Freude des Gememschafsgefühls so stark zu fördern, daß man G'tt dankbar ist für die Gemeinschastssorm, die nun wirklich an unserer Wiege stand. Die aus freiem Entschluß gesuchte, aus freiem Entschluß gefundene und gegebene Gemeinschaft, sie versöhnt mit der sozialen Gebundenheit unserer Geburtsstunde. Und nur dann, nur dann, wenn dieses Ziel erreicht ist, oder — ich will so hohe Worte gar nicht sprechen, — nur dann, wenn dieses Ziel gewollt ist, ist jede freie Organisation und also auch unsere Agudas Iisroel ein Dienst an der Menschheit, und im engeren Rahmen ein Dienst an Klall Iisroel, ein Dienst am jüdischen Volk. Meine sehr verehrten Vorredner haben mehr oder minder stark betont . . . die Sorge des Alltags, den bangen Kampf unseres Herzens! Wissen Sie, woher das alles kommt? Weil man sich auch schon vor dem Krieg, während des Krieges und nach dem Krieg vor allem hineingerannt hat und sich hat Hineinstoßen lassen in den furchtbaren Gedanken, daß alle Gemeinschaften des Lebens, daß alle Beziehungen der Menschen zueinander sich darstellen lassen müßten als ein Spiel und Gegenspiel von Leistung und Gegenleistung, und daß die Rechnungen der Menschen miteinander ohne Rest ausgehen mühten und aufgehen können. Und dann begann dieses größte grausame Spiel von Schuld und Vergeltung. Ja, meine Verehrten, wir haben es herrlich weit gebracht! Nun mühen sich, wie man sagt, die größten, besten Meister der Welt, um doch in die Beziehungen der Menschen, der Völker zueinander etwas anderes zu bringen als dieses harte Wort von Leistung und Gegenleistung. Nun bemühen sich sogar vielleicht die Eltern und die Kinder zu erkennen: Schma Iisroel, daß die erste Gemeinschaftsform, die Familie, denn doch etwas Anderes ist als eine Rechnung, die restlos aufgehen muß. Und das sollte ja eigentlich der Zauber der freien Organisation, das sollte ja eigentlich auch der Zauber der Agudas Iisroel sein, daß sie uns sagt: es gibt Dinge im Menschenleben, die nicht ausgebaut sind auf Leistung und Gegenleistung. Es gibt Beziehungen, die ein Spiegelbild- Deiner und meiner, unserer Beziehungen zu G'tt sind. Daß diese Beziehung nicht aufgeht, restlos aufgeht in der Form von Leistung und Gegenleistung, das sollten wir wissen, das haben wir erfahren. Und das sollte Agudas Iisroel lehren, und das beweisen Sie ja auch, wenn Sie sich zu uns geflüchtet, und wir uns so zueinander gefunden haben. Das ist's, was wir uns klar machen wollen, in dieser Stunde der Selbstbesinnung, aus dem Boden allgemeiner Gedanken und Erwägungen. . . . Es ist Deine Geme-inschaftssehnsucht, und wenn Du willst, auch Deine Gememschastslösung, nichts Anderes als ein Ausschnitt aus diesem Bild der allgemeinen Lage der armen, stechen, kranken Menschen. Es war immer so, daß sich junge Menschen zu lösen suchten, und daß still auf den Pfad der Gemeinschaft sich zurückfand der ältere Mensch, wenn er sich rüstete mit dem Schma Iisroel, das ihn G'tt entgegenführte. Der Schritt zum Grabe ist immer ein Spiegelbild der Wiege, des Ertrinkenden letztes Wort ist „Mutter". Und dies darf man wohl sagen, daß es Agudas Iisroel gelungen ist, wenigstens den großen Gemeinschaftsgedanken von Klall Iisroel, von der Gebundenheit des jüdischen Menschen an Bruder und Schwester von der Stunde seiner Geburt an, in uns wieder wach zu rufen, und was mehr ist, diesen zu erhalten. Vielleicht mag in manchem verknöcherten Herzen und in mancher umdüsterten Seele heute noch so ein Rest des alten Irrtums leben von den Schranken zwischen Ost und West, Lebensinhalt, Lebensanschauung ist es nicht mehr. Es ist nicht wahr, und ich möchte an die Worte Dr. Nathan Birnbaums anknüpfen, es ist nicht wahr, daß nur der Antisemitismus uns zueinander geführt hat. Aus Eigenem haben wir den Weg zueinander gesucht und gefunden. Mag sein, daß in früheren Zeiten der Begriff von Klall Iisroel

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