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Der Israelit · 1931-09-24 · Heft 39-40 (24.9.1931) · page 21

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Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 39-40 (24.9.1931)
Date
1931-09-24
Page
– (sequence 21)
Language
German
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Wille des Volkes. Bon Bezirksrabbiner Dr. B. Cohen in Friedrichstadt. 1. In Hilchoth Teschuba 6, 5b weist Maimonides auf einige Bibelverse hin, die seiner Lehre von der Willensfreiheit scheinbar widersprechen. Gen. 15, 13 heißt es: „Sie werden sie zu Knechten machen und quälen." Hiermit scheint das ägyptische Volk zur Tyrannei gegen Israel prädestiniert. Von Israel selber heißt es Deut. 31, 16: „Dieses Volk wird sich erheben und den fremden Göttern des Landes nachirren." So scheint es über Israel verhängt zu fein, dem Götzendienste zu verfallen. Warum also konnten die Aegypter für ihre Gewaltherrschast über Israel, und warum die Juden für ihre Abtrünnigkeit später von G'tt zur Verantwortung gezogen werden, der doch diese Sünden über diese Völker verhängt hatte? Darauf antwortet Maimonides: Es wurde ja über keinen bestimmten und mit Namen benannten Menschen das Verhängnis ausgesprochen, daß gerade er derjenige sein muß, der sich der Sünde der Gewalttätigkeit oder im anderen Falle des Götzendienstes schuldig macht. Vielmehr war es jedem Einzelmenschen dieser Völker, der sich der Sünde ergab, in die Hände gegeben, sich ihr nicht zu ergeben, und was er getan, hat er aus .völlig freiem Entschlüsse getan. Der Schöpfer hat nur tbvn bw um»' den Lauf der Welt vorausverkündet. Es ist nur so, als ob jemand sagt: In diesem Volke wird es gute und böse Menschen geben. So kann deshalb nicht der Böse sagen, er sei zum Bösesein dadurch prädestiniert, daß dem Mose geosfenbart ist, daß in Israel Böse vorhanden sein werden. Der Einwand des Rabed hiergegen besagt in der Hauptsache, von verhängter Prädestination zum Bösen sei an allen solchen Stellen nicht die Rede, sondern nur von einer Voraussage, wie sie ja auch Mose selber Deut. 32, 29 ausgesprochen. Wären jene Worte prädestinierendes Verhängnis, so könnten sich doch alle zum Bösen entschlossenen Individuen darauf berufen, gerade selber die Prädestinierten zu sein. Die Aegypter waren jedoch durch ihre sonstigen Sünden schon so tief gesunken, daß sie nur noch zur G'ttesgeißel gegen Israel taugten, und später wurde dennoch an ihnen das Strafgericht vollzogen, wie denn immer G'tt die bösen Menschen durch noch Bösere straft. Die Schwierigkeit, daß Voraussage und Verhängnis seitens des Weltenherrn ein und dasselbe sein müssen, läßt Rabed hierbei unerwähnt, während Maimonides selber das Jedia-Bechira-Problem schon bei Aufstellung der Willenslehre 5, 5 als ungelöst bezeichnet. 2. Eine Denkrichtung der neuesten Zeit hat der Antwort des Maimonides Recht gegeben. Der Kreis derer um Emanuel Laster hat der „statistischen" Gesetzmäßigkeit einen gleichwertigen Platz neben der „causalen" eingeräumt. Das will besagen, daß der Satz vom zureichenden Grunde in der neuesten Naturforschung gelegentlich verlassen wird. Es gibt sowohl in der Astronomie als besonders in der Strahlungslehre Vorgänge, deren Ablauf bei gleichen Ursachen verschieden beobachtet worden ist. Man konnte kein Gesetz darüber ermitteln, welchen Gang und welche Intensität während seines Geschehens manches Phänomen der betreffenden Wissensgebiete aufweisen muß; auch bei völlig gleichen Voraussetzungen waren die einzelnen Versuchsresultate nicht zur Uebereinstimmung zu bringen. Nur wenn man ganze Mengen von Versuchsreihen zum Vergleiche heranzieht, erkennt man eine gewisse Gesetzmäßigkeit in der Wiederkehr von Gelingen und Mißlingen des Versuches. Man zählt zusammen, erfaßt das Addierte statistisch, kann ihm aber keine ausreichende, den Einzelversuch festlegende Causalität errechnen und unterstellen. Das populärste Beispiel des Lasker'fchen Kreises ist die Bevölkerungslehre. Niemand kann mit Bestimmtheit Voraussagen, wie der Familienbestand, das geschäftliche Glück und der soziale Ausstieg, die Gesundheit und der Charakter des Einwohners Friedrich Schulze in Neukölln sich in den nächsten zehn Jahren entwickeln werden, selbst falls alle Voraussetzungen aufgrund statistischer Unterlagen vorausgesagt werden, wie sich Familienbestand und Erwerb, Aufstieg, Gesundheit und Charakter der Gesamteinwohnerschaft Neuköllns im gleichen Zeitraum entwickeln müssen. Also ist auch hier wie bei Maimonides statuiert: Der Entschluß des Individuums ist unberechenbar, also als frei zu betrachten, der Entschluß des Volksganzen ist jedoch, gleich der gesamten Entwicklung des Volkes, berechenbar, also nicht als frei anzusehen. 3. Die nächste Folgerung hieraus lautet: Jedes Volk hat einen Kollektivwillen, auf dessen Entschlüsse kein Individuum einen Einfluß haben kann. Die Entschlüsse des Einzelnen regieren nur den Willen des Einzelnen. Seine Macht reicht nicht zum Regieren des Willens seines Volkes. Der Volkswille ist also ein ganz für sich selbst existierendes Etwas. Also hat auch das Volk als solches eine Existenz als Kollektivwesen, als Gesamtheitsseele. Eine solche Anschauung finden wir in einer anderen Denkrichtung der Neuzeit: der Goldberg'schen Metaphysik. Die allgemeine Stellungnahme zu dieser Richtung bleibe hier außer Acht; nur die erkenntniskritische Grundlage der Annahme kollektiver Seelen sei einmal näher beleuchtet. Ob in der Welt der Dinge an sich solche gemeinsamen Lebensprinzipken größerer Gruppen von Einzelwesen tatsächlich vorhanden sind oder ob sich jene Gruppen uns nur scheinbar von Kollektivseelen belebt darbieten, ist eigentlich ehre müßige Frage. Müßig ist diese Frage geworden, seit die genauere Beobachtung der Massenvorgänge gezeigt hat, daß der Komplex von Naturgesetzen über Massen dem über Einzelwesen an Genauigkeit nicht nur gleichwertig, sondern sogar weit überlegen ist, und daß diese größere Genauigkeit nicht etwa nur ein empirisch zufällig erreichtes Veobachtungsergebnis, sondern im Wesen der<Massen und der Einzelwesen begründet ist. Der Ausspruch des Maimonides, daß der Wille des Einzelnen frei, der eiües Gesamtvolkes jedoch von der Vorsehung festgelegt ist, beruht doch nicht auf Beobachtung oder bloßer biblischer Autorität, sondern nimmt ganz ausdrücklich Bezug darauf, daß »bipb^urn»' der „Lauf der Welt" in der Prophezeihung künftiger Volkssünden vorausverkündet ist. Auch Rabed, der hieraus den Schluß zieht, daß dadurch die Verantwortung jedes Einzelnen gemindert würde, hat die Worte des Maimonides so verstanden; er hat aber in seiner Polemik gegen Maimonides, wie es scheint, die apriorische Festlegung des Werdegangs eines Volkswillens mit dem empirischen Ablauf dieses Werdegangs verwechselt und daraufhin die fast ironische Frage angeschnitten, weshalb sich denn nun nicht ein beliebiger Einzelmensch unter Berufung aus die Prädestination des Gesamtvoltes von aller Verantwortung freisprechen soll. Er hat dabei übersehen, daß dieser Einzelmensch, der Gelegenheit erhält, sich daraus zu berufen, nicht existiert und nicht existieren muß. Es kommt doch nur darauf an, was sich unserer Erkenntnis darbieten kann. Damit ist der E i n w a n d d e s Rabed gegen Maimonides für das nachkantische Denken erledigt. Zum Begriffe des freien Willens eines Einzelmenfchen gehört es, sich dem Beobachter unberechenbar darzustellen: ist er berechenbar, so ist es nicht sein freier Wille, sondern irgend ein Ergebnis naturgebundener Instinkte. Zum Begriffe der Gemeinschaft artverbundener Menschen gehört es jedoch, daß ihre gemeinsamen Entschlüsse sich als streng naturgesesetzlicher Entwicklungunterworfen dem weitsichtigen Beobachter darbieten. Dies genügt, um zu statuieren: Artverbundene Menschenmassen bilden Willensgemeinschaften, die nur als Kollektivwesen erforschbar sind. Ob diese Willensgemeinschaften auch Kollektivwesen a n f i ch sind, — diese Frage gehört, als alle menschliche Erkenntnismöglichkeit übersteigend, in den Bereich des müßigen Spiels der Phantasie. 4. Da es nun zum Begriff freien Einzelwillens gehört, sich unberechenbar darzubieten, so ist in dieser Beziehung der Eihzelwille ein der berechnenden Erkenntnis unzugänglicheres, dem regulativen Verstände verschlosseneres Etwas als der Wille einer Gemeinschaft. Die eiserne Gesetzmäßigkeit des Willensablaufs der Völker macht diese zu ethisch realeren Wesen, als die Einzelpersonen es sein können. Daß auch einmal diese eiserne Gesetzmäßigkeit durchbrochen und ein Volk zu einem freien Entschlüsse, zr? einem unerwarteten Aufschwünge, zu völliger Loslösung

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