Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 39-40 (24.9.1931)
- Date
- 1931-09-24
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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24. September 1931 Der Israelit Nr. 39 Seite 3 Bankett am Sabbatausgang. In später Abendstunde ist große Versammlung im „Neuen Stadtsaale". Der große Saal ist gefüllt, aber es Kuppel auch eine kleine Moschee sein könnte. Es dauert etwas lang, bis der Diener — Schammes oder Kastellan? — kommt, ein kleines Männchen, der uns mit kleinen mißtrauischen kgräischen Augen mustert. Er 'S äs! snfchoÄ!1 Judentum kommen müssen, um die Brücke zu bauen. Und kommt er nicht bald, dann werden wir dem litauischen Judentum unseren Hirsch erschließen müssen. Wir haben es überall im Osten erlebt: Wenn ein Hirschwort, ein Hirsch-Gedanke, eine Erklärung aus dem Kommentar oder eine Weltanschauungsmaxime aus seinen Schriften in unseren Reden aufblitzt, dann gibt es Jubel und tiefes Verstehen in allen Reihen. Es steigen die ersten Reden. Zuerst der im Reden, Begrüßen und Bewirten-unermüdliche Rabbi Schuw. Dann für;,Achduth", RabbiI. Solowetfchik; Hurwitz für „Waad Hajeschiwaus". Für das orthodoxe Lehrerseminar in Grodno spricht Herr Rabb. W e i n - stein. Ein uns nicht Unbekannter, Herr Mortonfels, begrüßt uns in deutscher Sprache im Namen einer Wilnaer orthodoxen Studentenvereinig u n g. Dann kommen wir zu Wort. Zuerst Oberrabb. Dr. C a r l e b a ch mit einer groß angelegten Rede, die sich wie ein Mosaik aus jüdischen Gedanken und früheren Erlebnisse in Kowno und Wilna zusammenfügt. Dann Schreiber dieses mit einem warmen Gruß von Herz zu Herz, Herr Dr. Deutschländer schlicht und herzlich wie immer. Herr Dir. Dr. Deutsch, Budapest, spricht für die ungarische Landsmannschaft und zuletzt Herr Rabb. Salomo n für Holland. Es ist die letzte große Veranstaltung unserer Reise und ein durchaus würdiger Ausklang. Der Wunderbaum am heiligen Grabe. Sonntag vormittag, der letzte Tag in Wilna und in Polen, gehört dem alten Friedhof, dem Grabe des Gaon und des Ger Zedek und der anderen Großen und Heiligen. Ein alter Jude führt uns, den wir im Westen nach Aussehen und Kleidung glatt unter „Altstadt" registrieren würden, der aber beim Zeigen der Gräber ein historisches Wissen offenbart, das einem Prosondern rücklings hinausgehen. — Das scheint heute Wasserträger in Lublin. fessor der Geschichte alle Ehre machen würde. Die talmudische Gelehrsamkeit, die er bei der Nennung der großen Männer, ihrer Schriften und deren Inhalt entwickelt, frappiert uns förmlich. Dieses lebendige alte Buch, der Mann in zerrissenem und verschlissenem Rocke mit dem grauen Wolltuch anstelle des Kragens um den Hals, fängt uns an, genau fo zu interessieren, wie die heiligen Gebeine unter den Grabhügeln, mit denen er sich verwandt fühlt. Das ist Wilna. Die Lebenden gehen wie die Toten daher, und die Toten leben. Der Wunderbaum am Grabe des „Ger Zedek", von dem die Bücher so viel zu erzählen wissen, liegt, an allen Gliedern gebrochen, zu Boden, eine Leiche, ebenheiligen Erde genährt, lebt er in den Klausen und Lehr Häusern, die wir noch anschließend besuchen dursten. Auch in den sogenannten Stüblech ganz unweit der Gaonklaus — Witz der Weltgeschichte! — bei den Lubawitschern, welche eine große bedeutende Jeschiwo auf den Namen des großen Lädier Raw, des Baal Hatania, erhalten, lebt der Geist des Wilnaer Gaon ... Er lebt auch in den Hallen der großen Matislahu Strafchun-Bibliothek, die wir besichtigen. 20 000 jüdische Werke zählt die Bücherei und sie ist den ganzen Tag angefüllt mit Lesenden und Lernenden. Mensch und Buch sind eng verwandt in diesem durchgeistigten „Jerusalem in Litauen". Bei den karäischen Vettern. Ganz draußen an der Peripherie, wo die Stadt in Eald und Wiese übergeht, steht der kleine Karaiten- ^rnpel, sauber, blütenweih mitten ins Grün gestellt, von <6aldesluft umweht und umduftet; ein schöner, gut gehaltener Synagogenbau, der mit der weißen Front, leinen bunten Fenstern und der kräftigen maurischen falls ein Märtyrer. Krieg, Sturm und menschliche Bos- _ _ ..... ____ u_. ...... _ heit haben ihn geknickt. Aber auch er lebt. Von dieser* ^Tempelchen ist das schöne saubere Grabdenkmal für Der Lubttner Raw erzählt aus seinen Reise-Erlebnissen. noch alles von den Zehngeboten des Karäertums zu fein Innen ist der Raum blank und sauber. Wir sitzen wie die Schulkinder brav in den Bänken und lassen uns von dem kleinen Mann die aufgestapelten Gebetbücher reichen, auch einiges erklären. Richtige hebräische Gebete, in hebräischen Lettern mit Vokabeln, aber kein einziges davon ist uns bekannt, kaum daß ein Sinn zusammenzubringen ist. Nur hie und da schauen zu uns ein paar bekannte Bibelsätze wie hilfesuchend aus einem Wust von Kreuzworträtseln, in dem sie zu ertrinken drohen, auf. Auffallend, wie viel Platz Purim in diesem »Gesamtgebetbuch für alle Tage und Feste des Jahres" einnimmt. Haman scheint es diesen Karäern angetan zu haben, Chanucka fehlt im Gebetbuch ganz. Jomkippurim kommt bei weitem nicht so gut weg wie Purim. Der kleine Mann gibt Aufklärung und einer aus unserer Mitte, der Polnisch beherrscht, reimt sich erst die Worte ein wenig zusammen und gibt sie uns dann weiter auf Deutsch. Uebertragung und Empfang sind leider nicht immer gut und lückenlos. Die Karäergemeinde in Wilna zählt etwa hundert Seelen, aber sie ist als Ganzes ohne Seele.. Das Tempelchen ist darum so sauber und so putzig, weil es außer an Festtagen von keinem besucht wird. Die Alten reichen nicht für Minjan — jawohl, er sagt Minjan! — aus, und die Jungen gehen andere Wege. Es geht den Karäern, die zur Russenzeit „echte Russen", jetzt „echte Polen" sind, aber niemals nach außen Juden sein wollten, sozial und wirtschaftlich gut. Mit dem jüdischen Blute in den Adern und der jüdischen Substanz im Gehirn konnten sie dem Staate als „echte Russen" oder als „echte Polen", von keinem Rayon und keinem Judengesetz beengt, gute Dienste leisten. Das Häuflein in Wilna scheint auf dem Aussterbeetat zu sein. Das einen vom jüdischen Stamme abgefallenen Zweig, der, bar der Verbindung mit Mark und Wurzel des Baumes, verdorren und verderben mußte. Zuweilen, wird uns erzählt, kommt der C h a ch a m aus Trocky hierher, um Heeresschau zu halten. Trocky ist ein Städtchen unweit von Wilna und heute noch das letzte kleine Karäer-Zentrum in Polen, Litauen und europäischem Rußland. Außer in diesen Städtchen gibt es nur noch eine einzige Karäergemeinde in Europa, und zwar in Halliz in Galizien. Wenn der Chacham kommt, dann gibt es G'ttesdienst — auch mit Predigt. Wie steht es mit dem Sabbat? Die Angestellten müssen natürlich arbeiten, die Großkaufleute auch, sonst i m Hause wird Sabbat streng gefeiert. Kein Licht und kein Feuer darf Freitag abend im Hause brennen . . . Habt Ihr eine Mikwoh? — Das Wort ist ihm unbekannt. Wie steht es am Pesiach mit Mazzoth? Eigentlich müßten sie ihre eigenen Bäckereien haben, da sie eigene Vorschriften für die Herstellung haben (Gerstemehl).. Da- Bei einer Autopanne auf dem Wege «ach Rodin stotzen Teilnehmer de« Wage«. für ist aber die Gemeinde zu klein, so kaufen sie, d. h. die wenigen, die noch etwas halten, ihre Mazzoth — wie auch das Jahr hindurch das Koscherfleisch — bei den Händlern in der Judengasse. Wir gehen rücklings aus dem Raume und stoßen mit dem Rücken im Vorplatz auf etwas Weiches ... Es ist ein buntes Samtgewand wie für eine Maskerade. Es ist der heilige Amtsrock des Vorbeters, des „kleinen Ehacham" der Gemeinde. Und er paßt vortrefflich zu dem großen Purim in dem merkwürdigen Geberbuche... Wir hätten beim Fortgehen vor lauter gehobenen Eindrücken beinahe die vierte unausgesprochene Bedingung dieser Besichtigung vergessen, und wir werden in klingendem Russisch — ohne Hebräismus — daran erinnert: das Trinkgeld. Wir waren direkt vom alten Friedhofe, vom Grabe des Wilnaer Gaon, in dieses Haus gelangt, und es war uns doch, als seien wir aus dem Hause lebendigen Lebens in das des Todes geraten. Heimfahrt. Am Sonntag abend am Bahnhose zu Wilna zählten wir die Häupter unserer Lieben — und siehe, es fehlten zwei. Der junge Rabbiner mit der glühenden Nefchomo hatte sich Samstag abend leise von uns fortgeschlichen, um noch einen Tag beim „Chosez Chajim" zu weilen und war noch nicht zurückgekehrt. Und ein jüngerer Teilnehmer wurde vom Lichte in Mir angezogen und absorbiert. Er blieb dort bei Gmoro und Mussar. Ein dritter, ein Holländer, fuhr mit uns bis Frankfurt und blieb, unter den gewaltigen Eindrücken der Reise, für ein paar Wochen auf der Breuer'chen Jeschiwah . . . Bedarf es noch weiterer lebendiger Zeugen für den Erfolg der ersten Studienreise des Keren Hathora?! ■_ -tz- Das Erholungs- und Altersheim für jüdische Lehrer und Kautoren in Bad Ems e. TS. Von Jakob Höxter in Heldenbergen. Warme Menschenfreunde ermöglichten durch Bereittellung großzügiger Mittel die Grundsteinlegung zu einem Hause, in dem arme, verlassene Menschenkinder, denen der Strahl warmer Elternliebe fehlte, eine Zuluchtsstätte vor den rauhen Stürmen des Lebens fanden. Ttwa 30 Waisenmädchen jährlich' aus allen Gauen unsres Vaterlandes fanden hier liebevolle Aufnahme, um ür das Leben herangebildet und ertüchtigt zu werden. Ts ist die unbarmherzige Tragik des wirtschaftlichen Gechehens, daß gemeinnützige Institutionen am ehesten von wirtschaftlichen Depressionen hinweggerafft werden; so wurde auch das Zentralwaisen- und Mädchenheim in der Römerstraße zu Bad Ems ein Opfer der durch die Wirtschaftskrise verursachten Not und mußte im Jahre 1929 seine Pforten schließen. Aber das Haus, in dem o viel Gutes verübt wurde, sollte auch für die Zukunft einem humanen Zwecke erhalten bleiben. Der seinerzeitige Vorstand machte es in hochherziger Weise dem Verein „Erholungs- und Altersheim für jüdische Lehrer und Kantoren" zum Geschenk. In neuem Gewand erüllt das stattliche Gebäude unter der zielbewußten Leitung seiner Frau Oberin seit einem Jahre seine neue Aufgabe. Frohes und bewegtes Leben herrscht in den Räumen des Heimes. Alte Kameraden, Seminarkollegen, in alle Teile des Reiches verstteut, treffen sich wieder und erneuern in herzlicher Weise die frühere Bekanntschaft. So mancher liebe Freund, den man jahrzehntelang nicht mehr gesehen hat, ist da; kameradschaftliche Gedanken werden ausgetauscht, Schicksale erzählt. Die Stimmung erreicht ihren Höhepunkt, wenn die gesangeskundigen Kollegen, Kantoren von Beruf, mit dem Wohllaut ihrer Stimme die Räume füllen; schnell haben sich einige Herren die Herzen aller Insassen durch die Kunst ihres Spiels und das Gold ihrer Kehle erobexß Wenn man nicht beisammen ist, ist jeder dypzss beschäftigt, den Vorschriften der Kur zu genügen^gtzeH eine geht zum Inhalieren, der andere zum Badym zum Brunnen, jener zur Promenade. Man gMst KK .chusdL? nschlos nsäsil ngü 7(lo6!