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Der Israelit · 1931-09-24 · Heft 39-40 (24.9.1931) · page 18

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 39-40 (24.9.1931)
Date
1931-09-24
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Seite 2 Nr. 39 Der Israelit 24. September 1931 weit abrücke, beleuchtet, richtiger geschwärzt und benebelt, von einer kleinen Lampe, für deren Docht die Petroleumquelle versiegt und die daher mitsamt dem Zylinder in schwarze Trauer gehüllt ist. In diesem Zimmer, wo ich auf einem wurmstichigen Holzstuhle weitweg von der schwammigen Wand die Mitternachtstunde mit der Sehnsucht derer, „die auf den Morgen warten" abwarte, erhalte ich in später Stunde den Besuch eines jungen Menschen. Er ist verhältnismäßig gut angezogen, abgehärmt, aber von gutem, intelligentem Aussehen. Er sei Künstler, führte er sich ein. Es gibt gar verschiedene Künstler, bringe ich durch den Qualm der Lampe umständlich hervor, vom Heldentenor bis zum Hungerkünstler. Da legt er mir eine Postkarte vor, die Vorderseite vollgefüllt mit blassen Strichen, Zeichen und Punkten. Ich kann nichts sehen," nichts unterscheiden. Mit Hilfe einer Lupe kann ich aber einzelne geschriebene Buchstaben und Worte erkennen. „Sie müssen aber," sagt der Künstler, „ein Mikroskop zu Hilfe nehmen, dann sehen Sie, daß auf dieser Postkarte das ganze Tillimbuch, alle 150 Kapitel, niedergeschrieben sin d." Er ist also ein Großkünstler der Kalligraphie. Ein Mikroskop in Horodziy! Wollt Ihr das graue Elend noch vergrößert sehen? Er zeigt mir ein Attest der Straschuner Bibliothek in Wilna, wo die Sache geprüft und für richtig befunden wurde. Er braucht viereinhalb Tage für die Anfertigung einer solchen Postkarte, eines Miniaturtillim, nur mit dem Mikroskop zu entziffern. Wenn er für einige Dollar je ein Exemplar verkaufen könnte, wäre ihm und seiner Familie geholfen. So aber sitzt er in seinem Kramlädchen vor seiner Heringstonne und Petroleumskanne und wartet auf Kunden. Die braven Horodziyer essen in letzterer Zeit ihr Brot und ihre Kartoffeln trocken, ohne Hering und gehen mit den Hühnern zu Bett, um Petroleum zu sparen. eine halbe Autostunde von der Stadt entfernt. . Eine langgedehnte Ortschaft zwischen Wäldern, Wiesen und Feldern, aus der die Deutschen ein Homburg oder ein Soden machen würden, die aber hier, eine graue, kahle Sandebene, nur die gute würzige Luft als Attraktion zu bieten hat. Die gute Chausseestraße von Wilna dahin haben natürlich, wie manches andere, die Deutschen während der Okkupation gemacht. Daß sie es nicht auch auf den Wegen von Mir nach Radin und von Radin nach Wilna getan haben, nehmen wir ihnen sehr übel. Im schönsten Holzhause der Ortschaft hat Rabbi Chajim Oser, der Senior des Wilnaer Rabbinats und der Gaon unserer Zeit, seine kleine Sommerwohnung. Er empfängt und bewirtet uns, wie Vater Abraham, unter dem Baume im Garten und ist eitel Liebe und Freude und Hingebung. Aus der Besuchsstunde wird ein Essen, und aus diesem ein ganzes Bankett mit Reden und Gesängen unter Beteiligung von „tout Wilna". Eine Stunde vor Sabbatanfang sind wir wieder in Wilna. Die Stadt setzt mählich ihr Sabbatgesicht auf, legt ihr Sabbatgewand an. Gewimmel und Getöse verstummen, ganze Straßenzüge begeben sich mit geschlossenen Augen — üfrmmm RMflRBtom des Almemor eine Kuppel, in der etwas von den Gebeten der vielen Jahrhunderte hängen geblieben zu feilt scheint. Dreihundertundfünszig Jahre und mehr trugen sich in diesem Raum die Gebete aus der Tiefe in die Kuppelhöhe. Die Baumeister von damals, die von dev kahlen, kargen und kühlen „neuen Sachlichkeit" noch nichts wußten, verstanden, Andachtswellen in Stein und Holz zum Himmel 'emporbrausen zu lassen. „Aus der Tiefe rufe ich Dich, G'tt, an, Herr, erhöre meine Stimme! ..." In diesem geweihten Raume haben die Größten der Großen dreieinhalb Jahrhunderte lang ihre Gebete gebetet und ihre Tränen geweint für ihre Gemeinde und Israels Gemeinschaft. Der Gaon hatte nur z w e i m a l in diesem G'tteshause geweilt, einmal als er, ein siebenjähriger Wunderknabe, mit einer feurigentalmudischen Abhandlung Wilna in Staunen setzte und den neuen Stern am jüdischen Himmel ankündigte. Ein zweites Mal stand er hier als dreiundsiebzigjähriger Greis. Es war bei der Niederwerfung des polnischen Aufstandes durch die Russen im Jahre 1793, als die Stadt von den Höhen aus beschossen wurde und sich die Opfer an Menschen und Gut in der Judengässe mehrten. Damals flüchtete sich die ganze Gemeinde in die große Schul, und der Gaon ließ siebenmal den Psalm 20 beten. „Es erhört dich G'tt am Tage der Not . . ." „Die Einen mit Wagen, die Andern mit Rossen, wir im Namen G'ttes ..." Mitten in der immer mächtiger ansteigenden Gebetswelle schlug eine Kugel ins Kuppeldach der großen Schul ein. „Genug," winkte der Gaon ab. „G'tt hat geholfen, der König uns erhört! . . ." In diesem Momente hatten die Polen die Stadttore geöffnet und der Beschießung war ein Ende gemacht. Die Kugel sitzt noch heute im Dache. Das trug sich am 15. Aw zu, und heute noch wird in dieser Schul an diesem Tage zum Andenken an jenes Ereignis siebenmal das „Jaancho" aus Psalm 20 gebetet. Motschale. der Herzinnige Sänger der Ludliner Jeschiwah. Ich kann den praktischen Nutzen eines solchen Mint aturtillim nicht einsehen. Der Kunst- und Raritätswert scheint mir gewaltig. Und solche Talente blühen und verblühen jenseits der Welt, werden vom Leben einfach zertreten, in die „Blotte" eines weltvergessenen Dörfchens gestampft. Es ist eines der unzähligen Talente in einem der unzähligen Städtchen und Dörfchen an der Scheide zwischen Litauen, Polen und Sowjetrußland . . . Ich habe in feierlicher Mitternachtsstunde bei rauchender Lampe diesem Schwarzkünstler versprochen, seinen Namen öffentlich zu nennen und Interessenten auf ihn und seine Kunst aufmerksam zu machen. Er heißt K. Sokolowiez in Horodziy (Polen). Nach Mitternacht kann ich endlich mein „Hotel zur schwarzen Lampe" verlassen, um nach Baranowiczi zu fahren, wo wir so gegen zwei Uhr nachts ankommen. Baranowiczi ist uns allen aus den früheren „Tagesberichten" vom Kriegsschauplatz wohl vertraut. „Im Westen nichts Neues, im Osten die deutschen Stellungen bis Baranowiczi vorgerückt". Heute gibt es in Baranowiczi mancherlei zu sehen, eine bedeutende, blühende Jeschiwa mit dem großen Rabbi Elchonon Wassermann an der Spitze. Das alles kann ich natürlich um diese Stunde nicht genießen. Ich verbringe den zweiten Teil dieser in mancher Beziehung hochinteressanten Nacht der Studienreise allein — leider nicht ganz allein — in einem „Hotel", in dem wie ein Licht in der Finsternis das eine tröstliche Bewußtsein bleibt, daß schon morgens um sechse ein Zug nach Wilna abfahren wird . . . Um die Mittagsstunde am Freitag sind aber alle „versprengten Teile" wieder in Wilna beisammen, und alle Pein ist vergessen. Empfang in Wilna. Müde und zerbrochen, wie wir sind, wartet unserer schon am Freitag in Wilna ein schönes Erlebnis. Wir besuchen Rabbi Chajim Oser in seiner Sommerwohnung, Lubliner Jeschiwahbachurim mit einigen Gästen. geschlossenen Läden und Geschäften — zur Ruhe. In Scharen wallen die Menschen bedächtig in die Bethäuser. Wilnaer Bethäuser. Von den hundert Synagogen, Bethäusern und Klausen, die heute noch Wilna besitzt — jede Handwerkerzunft hat ihre eigene Klaus, die Schneider, die Schuster, die Glaser, die Mützenmacher, sogar die Wasserträger — lernen wir einige kennen. Freitagabend sind wir Gäste der altangesehenen Rabbi Sanwel-Klaus. Ein junger Chasan braucht uns zu Ehren für Lecho daudi allein eine volle Stunde. Er schmettert nicht seine Weisen munter dahin wie in Lublin, sondern weint und seufzt sie hinaus. Wir sind eben im weinerlichen Litauen. Bei Rabbi S ch u w, der unser Gastgeber ist und das Kommando über das Empfangskomitee des „Waad Hajeschiwaus" hat, verbringen wir einen "herrlichen Freitagabend. Am Sabbat morgen werden wir zunächst in die Klaus des Wilnaer Gaon geführt, die sich mitten in der Judengasfe, im Schulhof, der ein Labyrinth von Bethäusern und Gemeindeeinrichtungen bis zum „Gemendeblad" ist, befindet. Schauer erfaßt uns in diesem heiligen Raume, in dem der Geist des großen Gaon fast sichtbarlich wandelt. An der Südwand ist eine Tafel angebracht, auf der von der Größe des Gaon erzählt wird. Hier an dieser Stelle stand er den ganzen Tag, in Talith gehüllt, mit den Tesillin geschmückt, in Lehre und Gebet versunken. Unter der Tafel ist ein hohes Podium angebracht, so daß keinem Sterblichen möglich ist, sich auf den geweihten Platz zu setzen. Bis zu dieser Tafel reicht der altgeweihte Raum, in dem der Gaon gebetet und gelehrt hat. Der vordere Teil ist einige Jahre nach dem Tode des Gaon zu seinem Andenken angebaut worden. In dieser Klaus, — und es wird uns der Platz gezeigt — hat auch Rabbi Danziger gebetet und seine mussardurchtränkten „Dinim des Tages" vorgetragen, aus denen „Chaje Odom" geworden ist, hier hielt Rabbi Jakob aus Subno seine flammenden Reden und erzählte seine „unvergleichlichen Gleichnisse". Viele Tränen wurden während der Kriegszeit in diese heilige Stätte von Müttern und Kindern hineingetragen. Es ist, als würden sie alle, diese Tränen, schwer in der Luft hängen. Es wird hier würdig und einfach gebetet, um kein Jota darf von den „Bräuchen des Gaon", die alle auf einer Riesentafel an der Westwand über der Türe angebracht sind, abgewichen werden. Nur zwei Reden werden von der Kanzel vor Ausheben der Thora an uns gerichtet, eine von Herrn Schuw und die andere von einem der „Peruschim", die hier in der Lehrstätte des Gaons dessen Namen im Thoratudium lebendig erhalten. Dann dürfen wir die schmale Treppe hinauf, zu einem länglichen engen Gemach, das dem Gaon früher als Schlafstätte gedient haben soll und dort wird uns ein „Kiddusch" mit Wein und Kuchen geboten. Schon nach einer halben Stunde sind wir wieder unten, im Schulhofe, der wie ein Ameisenhaufen von Menschen wimmelt. Der Andrang vor dem Eingang zur großen Schul ist so gewaltig, daß man uns nur mit Mühe den Weg zu unseren Ehrenplätzen an der Ostwand bahnen kann. Viele Stufen führen hinab zum Steinboden, und oben in der Höhe wölbt sich über die gewaltigen Säulen Ei» Berliner Bachur in der Lubliner Jeschiwah. Diese große Schul steckt voller Schätze und Merkwürdigkeiten. Im Memorbuch lese ich noch einmal die tragische Geschichte von Abraham, Sohn Abrahams, dem „Ger Zedek" und das Gebet, das je am zweiten Schewuaustage hier zum Andenken an die Seele des heiligen Märtyrers gebstet wird. Eine große Reihe von religiösen Bräuchen hält hier die Traditionen des alten Wilna lebendig. Fünftausend Menschen soll dieser gewaltige Raum fassen. Nicht viel weniger sind an diesem Sabbatmorgen erschienen, um mit uns zu beten und uns zu begrüßen. Eine großangelegte Predigt des Rabbinatsmitgliedes, Rabbi Chajim Tob, ist in der Hauptsache uns und dem Kampf für das gesetzestreue Judentum im Westen gewidmet. Aus unserer Mitte erfolgt die Antwort vor diesem Massenauditorium mit einer spontanen und wirkungsvollen Predigt des Herrn Oberrabbiner Dr. C a r l e b a ch. An der Mittagstafel im gastlichen Haufe. des Rabbi Schuw nehmen auch viele Wilnaer und auswärtige Gäste teil, an ihrer Spitze der Dajan, Rabbi Karelitz. Dieser und der Jeschiwaleiter von Slonim beehren uns mit tiefen Thoraabhandlungen, andere halten Reden und Ansprachen, junge Leute singen. Unseren Dank bringt Professor Dr. Fürst, Budapest, zum Ausdruck. Wieder eine Festtafel bis in den späten Mittag hinein. Zum Minchogebete find wir in Rabbi Mailes Klaus. Die alte in der Altstadt ist eingestürzt, eine neue mit licht- und luftreichen Räumen ift in einer Vorstadt entstanden, mit einer Jefchiwo, die hundert Jünger zählt. Es ist die Klaus und die Lehrstätte des Rahöi Mordechai Melzer und Rabbi Israel Galanter. Wir treffen die Jefchiwo bei einem Schiur und werden gleich vom Rebben mit einer Ansprache begrüßt. Ein Gegengruß von uns, und nach dem Minchogebet wartet unser bei Rabbi Schuw der gedeckte Tisch zur „dritten Mahlzeit".

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