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Der Israelit · 1931-09-24 · Heft 39-40 (24.9.1931) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 39-40 (24.9.1931)
Date
1931-09-24
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Nr. 39/40 Der Israeli t 24. September 1931 Frankfurts größtes Spezialhaus bietet „Beste Qualität zu billigsten Preisen“. Uhren aller Arf Gold » Silber . Juwelen k? Bestecke Trauringe Nur Zeil 95 u. Töngesg. 25-27 u n d sohn Institution. Millionen und Millionen ringen gegen den Moloch Kapitalismus, man möchte die Zinsknechtschaft brechen. Die Frage war im altjüdischen Staat ideal gelöst durch das äußerst streng gefaßte und geformte Zinsverbot. Sehnt sich die Welt nicht nach etwas „Verjudung", um im Antisemitenjargon zu sprechen? Freude in Hütten! Das ist die große Frage für den langen Winter, dem man mit Bangen entgegensieht. In allen Ländern Millionen Arbeitslose, Hunger, Verdruß und Unruhen. Man möchte einen Strahl des Friedens und der Freude auch in die Hütten lenken und darum sind die Regierenden am Werk, eine großzügige Hilfsaktion einzuleiten. Naturalien sollen direkt an Konsumenten abgeführt werden, um damit zugleich den Produzenten wirtschaftlich zu stützen. Die Charitas der verschiedenen Bekenntnisse erläßt Ausrufe, tritt in Tätigkeit. Auch die jüdische steht selbstredend nicht abseits; es regen sich Herzen und Hände zu edler Leistung an wirtschaftlich Schwache. Es ist ja zur Genüge bekannt, wie gerade aus uns Juden der wirtschaftliche Druck doppelt schwer lastet, verschärft vielfach durch die neue Welle des Antisemitismus. An der großen Zahl der Selbstmorde haben leider auch Juden einen erheblichen Anteil, -psn tn bv Tia»fi mb- Ist es da nicht Pflicht, ein Aeuherstes zu leisten, damit nicht noch mehr das seelische Gleichgewicht verlieren? naw “jk n«m.„2)u sollst jedoch freudig sein," lesen wir im Thoraabschnitt der Schlußfeiertage. Nach traditioneller Forschungsmethode ist das Wörtchen ^rr % in einschränkendem Sinne aufzufassen, nair *jk JT”,Yi' sei zurückhaltend in den Aeußerungen deiner Freude, schränke sie möglichst ein. Wie viel kann geleistet werden, wenn der unnötige Aufwand für Vergnügungen und verschwenderische Genüsse eingespart würde für den darbenden Bruder, für die notbedrängte Schwester. .In deiner N2iv denke gerade Heuer an die Hütte des Armen, die er nicht verlassen kann wie du, wenn des Winters Strenge uns ans Haus bannt. Freude und Wärme in das bescheidene Heim Sorgenbeladener zu verpflanzen, muß die herrlichste Frucht unserer inn nnaw sein, sie adeln und krönen. Einst, zur Zeit des Talmud, schaute man in Sukkotagen weit hinaus in die! düstere, kalte-Winterzeit. Zarte Rücksicht auf die nun heimslutende Schar der Wallfahrer ließ/die Bitte um Tau und Regen —' ->vpi bv jrii - möglichst weit hinü^sschieben, bis auch der letzte Wallfahrer sein Heim, seine liebe Familie, erreicht hat. Sollten wir am Sukkosfeste nicht auch das Auge in die nahe rauhe Winterzelt hinaus schweifen lassen? Freude in Hütten, Freude in Herzen, Freude im Helfen, das sei jona deines Festes Segen. . ,, Nach dem Berliner Pogrommanöver. Den ersten Charakter der von uns bereits gemeldeten Ausschreitungen auf dem Berliner Kur fürstendamm am Roschhaschonoh-Abend zeigt der Nachhall, den sie in der Welt gefunden haben Die Berichte der gesamten Presse Berlins und der Provinz, mit Ausnahme der rechtsstehenden Presse, stellen, einmütig fest, daß die schweren cmtljüdischen Exzesse von langer Hand organisiert und nach einem vorher genau festgelegten Plan organisiert wurden. Die „Welt am Montag" überschreibt ihren Bericht mit dem Titel „Goebbels kommandierte den Pogrom" und teilt die folgende überraschende Tatsache mit: „Cs konnte ferner festgestellt werden, daß besondere Befehlsstaffetien zur Durchführung der Aktion eingerichtet waren. Die Krawalle erfolgten jeweils durch ein besonders verabredetes Geheimzeichen und zwar immer an den Stellen, wo die Polizei außer Sicht war. In den gerade im Berliner Westen sehr zahlreich vorhandenen Nazikasernen herrschte während der Krawalle ein Hochbetrieb wie an großen politischen Kampftagen. Befehlsempfänger flitzten hin und her,' überbrachten Meldungen vom Kriegsschauplatz oder holten Verstärkungen heran. Obwohl der starke Verkehr in den Kasernen der Nazis allgemein auffiel, blieb diesen Kellern, in denen die wirkliche Berliner Unterwelt haust, jeder polizeiliche Besuch erspart. Es ist beinahe unglaublich, daß die Polizei grade an den Stellen nicht durchgriff, wo die Fäden der Krawalle zusammenliefen und die untere Leitung der verbrecherischen Aktion ungestört ihre Befehle empfangen und weiterleiten konnte. ... Es ist eine Verhöhnung jeder staatlichen Autorität, wenn mitten in der Hauptstadt des Reiches Einrichtungen wie die berüchtigten Nazikasernen geschaffen werden können, ohne daß die Polizei einschreitet und diesen Unfug, der mit Politik nichts, mit Verbrechen aber sehr viel zu tun hat, einfach verbietet." den Lesern des „Israelit" mutzte dies zumindest Befremden erregen und der Verfasser darf nicht verübeln, wenn seine Bemerkungen auch vom jüdischen Standpunkt aus geprüft werden. Da sind dann mancherlei Willkürlichkeiten in der Auslegung des Terbtes zu konstatieren. Aus Psalm 76,29 zu schließen, daß unsere Vorfahren die Wachteln um das Lager herum trockenen ließen, entbehrt jeder Begründung. (&. 40). — Ein Satz wie „Im Prinzip kann jeder Israelit mit Ausnahme einer Frau vniv werden" (S. 175) fordert geradezu zum Widerspruch heraus. Um so mehr, wenn man sich dabei aus Jore Dea § 1, 1 beruft und dort gerade steht, daß im Prinzip auch die Frauen schachten dürfen. Offenbar hat der Verfasser denirm im Auge, der darauf aufmerksam macht, daß in p r a x t es nicht Sitte sei, daß Frauen schächten (f. a. das erste msom in p^in). Doch der Zweck dieser Zeilen soll ja nicht sein, den Wert des Werkes zu schmälern. Es ist richtig, daß für den Verfasser vom rein wissenschaftlichen Standpunkt aus keinerlei Verpflichtung vorlag, über nuan mehr zu schreiben, als er uns mitteilt. Aus vielen Stellen des Buches geht aber hervor, daß Dr. Sch. nicht nur ein Gelehrter im Sinne der profanen Wissenschaft ist, sondern daß er auch tief talmudisch geschult ist. Unter solchen Umständen müssen unsere Erwartungen naturgemäß andere sein. Beim Fachgelehrten sucht man keine Interpretation einer schwierigen Thorastelle aus dem Gebiet der Naturwissenschaft und der Rabbiner hat nur sehr indirekt mit der profanen Wissenschaft zu tun. Herr Dr. Sch. ist aber in beiden Lagern zu Hause und unternimmt ja oft genug Streifzüge in das zweite Gebiet. Er ist. der Gelehrte, dem es auch weiter gelingen wird, nicht nur zur Aufhellung dunkler Punkte der Wissenschaft beizutragen, sondern der auch gern fortfahren wird, seine Kraft in den Dienst des G'ttesgesetzes zu stellen. jNachlaih Z'wi.) Eine Monatsschrift für Judentum in Lehre und Tat. Herausgegeben vom Vorstand der Rabbiner Hirsch-Gesellschaft. Druck und Verlag Draller, Frankfurt a. M. Erster Jahrgang. — Um die Aufgabe zu lösen, bei sich diese Zeitschrift gestellt hat, wird ein Jahrhundert so wenig ausreichen, wie ein einzelner Jahrgang. Aber die Aufgabe ist erkennbar und die Zielstrebigkeit unbeirrt: Die restlose Ausschöpfung des Geisteserbes Samson Raphael Hirschs, feine Auswertung für allegeistigen und jüdisch-politischen Probleme der Gegenwart. Es mag im Wesen der gegenwärtigen Zeit liegen und es ist eine Ermunterung zu zuversichtlichem Hoffen, daß diese Zeitschrift augenblicklich als die einzige Monatsschrift der westlichen Orthodorie zur Zeit besteht, obwohl oder vielleicht gerade weil sie nur dem Kreise der Anhänger selbständiger Orthodorie dient und nur von ihm erhalten wird. An brennenden Problemen der Zeit, die in diesem Jahrgang besprochen wurden, seien nur benannt: Gemeindesatzungen, Ehegesetze, Frauenwahlrecht und Geburtenregelung. Eine literarische Polemik mll Anbei erschien in den jüngsten Heften. Ein „Neuer Cusari" orientiert in ergreifend lebender Gesprächsform über die Gedankengänge der wichtigsten jüdischen Parteien. Talmudische Einzelprobleme, ein Mischnakommentar nach hirschischem System und eine modern psychologische Beleuchtung hirschischer Symbolik und Traditionslehre kommen gleichfalls in Fortsetzungen aus populäre Weise zu Worte. Es ist im Interesse der geistigen Neubelebung der ewig lebenden Gedanken und Prinzipien des Meisters zu wünschen und zu hoffen, daß diese Zeitschrift viele Freunde finde und die schwere Gegenwart überstehend langen Bestand habe.— Dr. B. C. in F. Verantwortlich für den allgemeinen Teil und das Feuilleton S. Sch achnorvitz, Frankfurt a. M.; Inserate t. 35.: S. ©dja*. nowitz, ebenda. — Jför die pädagogische Beilage: Lehrer L Kaufmann, in Sprendlingen (Kr. Offenbach). — Verlag des Israelit und tzermon Gm. b. Frankfurt a. M. — Druck: Sermon-Druckerei, Frankfurt a. M. $ Zu einer d e u t.f sh e n j Angelegenheit von größter Tragweite werden die Vöpkommniffe wenn man den Eindruck im Ausl Md e beobachtet. Besonders die Presse" Engl ijjjri d s widmet ihnen. einen-beträchtlichen Raum.. „Manchester Guardian" und „Times" finden es unbegreiflich, daß achtbare deutsche Bürger sich die Exzesse aus den Fenstern der Restaurants und Cafes ruhig ansahen, ohne den Angegriffenen zu Hilfe zu eilen. Die Zeitungen finden., es merkwürdig, daß die Sonntagsausgaben der deutschen Zeitungen in nur unauffälliger Weise über diese Ereignisse berichten, aber viel mehr Raum geringfügigen Zusammenstößen zwischen Nationalsozialisten und Kommunisten widmen. Und schließlich blieb auch das Barometer der Wirtschaft — die „Börse " — nicht ohne Reaktion auf die Vorgänge. Unter der Ueberschrift „Ein schwarzer Börsentag" weist das „Berliner Tageblatt" auf die scharfen Kursrückgänge an der Montagsbörfe hin und schreibt:. „Der Heimwehrputsch in Oesterreich und die Ausschreitungen der Nationalsozialisten am Kurfürstendamm, die für die augenblicklich bevorstehende Unsicherheit kennzeichnend sind, übten einen ungünstigen Einfluß auf die Gesamthaltung der Börse aus." Ein großes Fragezeichen bildet das Verhalten der Polizei bei den Ausschreitungen. Während die ITA. zuerst berichtete, daß die Schutzpolizei, von den Dingen überrascht, danach aber überall energisch durchgriss, woraus zu ersehen ist, daß von jüdischer Seite nichts geschieht, um die Lage zu verschärfen, geben die Berliner Tageszeitungen eine andere Darstellung der Dinge. Sie stellen fest, daß die Polizei nicht rechtzeitig eingegriffen hat. An manchen Stellen konnten Nationalsozialisten über eine halbe Stunde lang ihr Unwesen treiben, friedliche Passanten überfallen und Niederschlagen, ohne daß Polizeikräfte erschienen und die Hakenkreuzler auseinandertrieben. Erst als die Ueberfälle bereits vorbei waren, ging die Polizei vor. Der C. V. hält es aber aus gewichtigen Gründen für seine Pflicht, darauf hinzuweisen, daß nach seiner genauen Kenntnis der Vorgänge diese Vorwürfe zum mindesten tark übertrieben sind. Der Syndikus des Central-Vereins, Dr. Wiener, und der Syndikus des Landesverbandes Groß-Berlin des C. V,. Dr. Reichmann, sind selbst am Kurfürstendamm gewesen und haben einen großen Teil der Vorgänge genau beobachtet. Sie konnten dabei eststellen, daß die Polizei etwa 15 Minuten nachdem sie alarmiert wurde, zur Stelle war. In einer Kundgebung des Zentralvereins heißt es zum Schluffe: „So geht es nicht weiter! Es muß sich eine Front aller anständigen Menschen, gleichgültig, welcher Partei sie angehören, bilden, die die Hetzer an den Pranger stellt und die öffentlich von einer Politik der Roheit und Feigheit, wie ie sich in den gestrigen Ausschreitungen dokumentiert, abrückt. Die Behörden und die Jntanzen der kulturellen, religiösen und politischen Oeffentlichkeit müssen ihre Stimme erheben, damit Inland und Ausland erkennen, daß die erdrückende Mehrheit des deutschen Volkes die „Pogrompolitik" verabscheut." * sfc * Eine Resolution der Berliner Repräsentanten. Die Repräsentantenversammlung der Berliner Jüdischen Gemeinde hielt am Samstag abend eine öffentliche Sonderi tz u n g ab, auf der eine Anfrage der Jüdischen Volkspartei über die Vorgänge am Kurfürstendamm, unterstützt von dem poale-ziomstischen Repräsentanten, Dr. Oskar Cohn, verlesM wurde. Rach einer längeren Begründung der Interpellation durch Dr. Klee und einer Erklärung der Liberalen Fraktion, in der Abwehr nach außen einig mi t d en and e reu P are i e n zu gehen und von einer eigenen Entchließung abzusehen, wurde folgende Resolution einstimmig angenommen: w;

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