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Der Israelit · 1931-09-24 · Heft 39-40 (24.9.1931) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 39-40 (24.9.1931)
Date
1931-09-24
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Nr. 39/40 D e r Israelit ^Vo\° SCHLESICKY-SIRÖHLEIH ' \ V KAISERSTRASSE 27 schwache Funken des alten Schmittohgeistes zündete, leuchtete, brachte für eine Weile ein freies, frohes Aufatmen, klang wie Erlösung für die Ohren einer gemarterten Menschheit. Daß es beim Schall geblieben ist, daß der Funken nur ein Raketenfeuer war, das verrauchte und zersplitterte, eine Melodie ohne Inhalt blieb, zeigt nur, wie klein die neuen Menschen und wie groß das alte Gesetz ist. Wie viel weiter wären die Völker Europas heute, wenn sie die Schmittoh des abgelaufenen Jahres in ihrer ganzen befreienden Größe erfaßt hätten, wenn sie, um ein Bild aus den jüngsten Tagen zu gebrauchen, ihre ganze Lebenswährung vom Golde unabh ä n g i g m a ch e n k ö n n t e n! Aus einem kleinen Volke in kleinem Lande — das ist die Lehre des Festes — hat sich G'tt das Modell gezimmert für das große Menschenreich, in dem es eine Grenze zwischen Stadt und Land, zwischen Geist und Arbeit nicht geben und die Kluft zwischen G'tt und Mensch überbrückt sein soll. G'tt wollte, und darin lag Zielsetzung für die Völker und Menschen insgesamt, daß in Israel nicht der Mensch, nicht das Kapital, nicht die Arbeit, auch nicht der Staat an sich herrsche, sondern daß im Zusammenspiel all dieser Faktoren G'tt in uns und durch uns zur Herrschaft gelange n*np irVs; tmpm Vnan “jatn. Wo aber — aucfy dafür fyat die Geschichte unseres Volkes leider der Beispiele genug — die Bindungen an G'tt gelöst waren, da tat sich der Abgrund auf, in dem alle äußere Macht und Pracht versanken. Jede wirtschaftliche Krise war im letzten Ende eine Krise des Geistes. Fern jenem Staate unserer Vergangenheit und Zukunft, tragen wir feine Ideale im Herzen, seine Gesetze durch die Welt, seine Symbole durch alle Zeitwenden. Nur so können wir die Vision der Propheten, Söhne jenes Volkes und jenes Landes, für das Ende der Tage lebendig erhalten. Bis dahin wissen wir, wozu uns der Ablauf eines Schmittohjahres verpflichtet. Das Sukkausfest nach dem siebenten Erlaßjahre klang in ein Snpn aus. Sammlung, Aktivierung aller Kräfte, die dazu berufen find, das jüdische Gesetz in seiner Reinheit uns und der Welt zu erhalten! Bis sich die Völker zu dem Sukkausfeste sammeln, wie es der Prophet Secharjah vorausgesehen und vorausgesagt hat: riawa nnv na i^vi a*>i.in f?sa nmin *?d 'm ♦mpon an na am1?! num n •fta8? mnrwrfr Wochenrundschau. Oeükschland erwache!... Gummiknüppel, feststehendes Messer, Schlagring usw. legen auf dern Richtertische zu Berlin, just am Tage, da wir, Versöhnung erflehend, vor G'tt stehen, Zeugnis ab, wie die Gaffe am zweiten Rofch Haschono-Abend auf unsere tausendjährige Hoffnung des pai reagiert hat. Daß dieser Tag ein |nn ar> für Deutschland, Deutschlands Kultur und Deutschlands Zukunft war, bedarf kaum der weiteren Erörterung. Von 1000 bis 1500 Rowdies, die sich nachweislich gegen G'tt, seine Menschen und das jüdische Fest an diesem Abend zusammengerottet hatten, sind 34 gefaßt worden. Und diese wollten angeblich nur einen kleinen Spaziergang machen. Einige wollten sehen, „wie die Juden Silvester feiern." Andere wollten den Juden Prosit Neujahr! wünschen — mit Knüppel und Messer. Die meisten aber wollten Menschen sehen, denen es heute noch besser gehe, als ihnen selbst, die in Gehrock und' Zylinder Feste feiern. Hätten sie schöner in Braunhemd und Hitlerkappe am Tage der Weihe vor dem Herrn erscheinen sollen? Wenn diese irregeleiteten Menschen wüßten, welche schweren Sorgen heute auch in den Köpfen unter den Festzylindern wohnen; wie gerade diese Juden, Angehörige des zu Grunde gerichteten Mittelstandes, heute allen Grund haben, sich der g'ttlichen Hilfe und des g'ttlichen Beistandes für den kommenden schweren Winter zu. versichern! Wir wollen der Sache nicht größere Bedeutung beimessen, als ihr zukommt. Die ausländischen' Stimmen und die Kursrückschläge an der Börse zeigen schon ohnedies zur Genüge, wie die Welt Deutschland nach diesen Vorgängen einschätzt, und wir sind mit den berufenen Instanzen, Centralverein und R. j. F. vollkommen einverstanden, daß sie, im Gegensatz zu einer gewissen Berliner Presse, keine ungerechten Vorwürfe gegen die Polizei erheben und die Dinge in keinem schwärzeren Lichte zeigen, als sie sich selber geben. Es kann, an den Ewigkeitswerten unseres Festes gemessen, auch nichts Welterschütterndes in diesem wahnwitzigen Treiben erblickt werden. Diese von allen Geistern der Liebe und Vernunft verlassenen Jünglinge konnten ein paar Schaufenster einschlagen, auch ein paar Zylinderhüte, 24. September 1931 wo es gelang, auch einen jüdischen Schädel, unser nns fn f33i, unsere Welthoffnung, unsere durch die Geschichte getragenen und gehüteten Wahrheiten und Ideale werden sie nicht niederzuknüppeln vermögen. Wir beten auch für sie, daß „die Bosheit verschwinde" — und Erleuchtung in ihre Hirne und Herzen einkehre. Es kann uns darum nur wenig interessieren, wie hoch das Strafmaß für diese vielleicht nichd einmal Hauptschuldigen ausgefallen ist. Es ist hier eine Angelegenheit weniger für die-Polizei und für den Richter, als vielmehr für den Erzieher, für die Kulturträger und Führer des deutschen Volkes. Aber nicht unüberfehen bleibe das T s ch u w a m o m e n t, das in diesen Vorkommnissen für uns enthalen ist. Eine eindringlichere Rofch H a s ch o n o p r e d i g t an Deutschlands Juden und Israel in seiner Gesamtheit als das Erlebnis am Kurfürstendamm kann man sich schlechthin nicht denken. „Achtundvierzig Propheten und Prophetinnen", heißt es im Talmud, „konnten in Israel mit ihren Mahnungen und Warnungen insgesamt nicht so viel ausrichten, wie der kritische Moment der R i n g ü h e r r e i ch u n g an Haman", womit ihm der Juden Schicksal in die Hand gelegt wurde, nyaa man n-Vna- Stände uns der Kopf nach Witzen, wir würden, auf unsere Zeit übertragen, vpav mit Schlagring übersetzen. An hundert Jahre ist es her, daß, in den Flitterjahren der Emanzipation, eine Reformwelle durch das Land fegte, das alles gute Alte wegzuspülen drohte. Orgelklang und Frauengesang sollten die alten Lieder von Leid und Hoffnung ersetzen, die Predigt anstelle des alten Lernens kommen. War die Thora nicht mehr Mittelpunkt im jüdischen Leben, so gehörte sie auch nicht mehr auf ein A l m e nx o r i n der Mitte/ sondern wurde von oben herab, ganz oder nur teilweise,. verlesen. Alle Spuren von Zion, Jerusalem und M o s ch i a ch mußten aus dem modernisierten Gebetbuche verschwinden. Moschiach war mit der Emanzipation da; Jerusalem war Paris, Berlin; Zion der Kurfürstendamm. Der Tempel in der Fasanenstraße steht nicht weit entfernt von jenem Gedankengeleise, das vom Traumland der Emanzipation in das der religiösen Nivellierung führt. Nach hundert Jahren kommt die Antwort, die Quittung für den gezahlen hohen Preis — in der Gestalt des Knüppels. Wir sagten es schon: oaV nw *6i — aman i'vSVai “prnxaa mo Daß wir nicht mißverstanden werden! Das soll beileibe keine Anklage gegen die einen sein und auch keinen Schimmer der Entschuldigung für die andern enthalten. Die vom Ungeist der Zeit Freude und Ernst. Von Willy Wolf in Köln. „R. Elieser sagte: ... Zur Zeit, als David den Altargrund aushöhlte, stieg die Flut (= der mrm) empor und drohte, die Welt zu überschwemmen.-Da schrieb er den E'ttesnamen auf eine irdene Scherbe und warf sie in die Flut, die darauf sechzehntausend Ellen zurückging. Als er aber sah, . _ datz die Flut soweit gesunken war. sprach , er: je höher sie steigt, desto mehr wird der Erdboden von ihr getränkt. Er sprach daher ( die fünfzehn Stufengesänge, hob damit die Flut um fünszehntausend Ellen, so daß er sie aus tausend Ellen (— dem Erdboden nahe —) brachte."- (Auszug aus Suckoh 53 a ünd tz). — Eine Revolution von einer Gewalt und Ausdehnung sondergleichen malt unsere Allegorie in einer für alle Zeiten lehrreichen Weise. Was war geschehen, daß die ganze Welt so plötzlich dem Untergange nahe war? Ein scheinbar unbedeutendes Ereignis, ein Spatenstich an der für den Altar des Tempels bestimmten Stelle. Wer hätte geahnt, datz die schlichte Tat, mit welcher der unsterbliche König fein hieniediges Leben besiegelte, einen solchen Aufruhr verursachen würde, den nur die Kraft des G'ttesnaniens zu bezwingen vermochte? Der Gedanke, welchem die Aushöhlung des Altargrundes diente greist allerdings tief in die Lebensauffassung des Menschen ein. Der Platz war für die Aufnahme zweier Röhren bestimmt, mit welchen es die folgende Bewandtnis hatte. Alltäglich bestand das Gutzopfer auf dem Altäre aus Wein. Der Wein versinnbildlicht nach Samson Raphael Hirsch ‘»-st im Anklang an Tehillim Kap. 104 die innere Freude des Menschen. So wurde im Tempel selbst der Ernst des Alltags durch die im G'ttesbewutztsein wurzelnde Freude gemildert und kam dadurch eine Wahrheit zum Ausdruck, die in unseren Tagen in besonderem Matze beherzigenswert erscheint. Indes, am Suckoth, dem Feste der höchsten Freude, gesellte sich zu dem Gutzopfer aus Wein ein solches aus Wasser, cnan bv ■pivpi am. Am Suckoth sitzt G'tt über die Regenspende zu Gericht. Das Gutzopfer aus Wasser ist ein Hinweis auf sie. Der Regen aber ist für den Menschen ein Gegenstand ernster Sorge, denn. er bildet die Vorbedingung seiner Ernährung. So findet die größte Freude durch die Erinnerung an den Ernst des Lebens ihren sittlichen Schutz und ihren unverlierbaren Wert. Den Gipfelpunkt erklomm der Gedanke dann in der innigen Verbindung des Ernstes Und der Freude, die an dem Orte, an welchem unser bildlicher Vorgang spielt, zur Darstellung gelangte. Denn die erwähnten Röhren waren so beschaffen, datz der Wein und das Wasser den tiefen Schacht des Altars gleichzeitig erreichten. Wies bedeutsam kommen die beiden Röhren hier zur Geltung. Es war ja der sehnliche Wunsch des Königs David, sein Wirken für sein . Volk und' die ganze Menschheit durch den Byu des Tempels zu krönen. Die, Erfüllung des Hitzen Verlangens ward, ihm versagt. Die herrlichen Tempelhallen mit dem gtttgeweihten Leben, das sie durchströmte.,> sollte er nicht mehr, stauen. Hoch einesblieb ihm. vergönnt. Er durste den geschilderten unsichtbaren Ältärgrund — gleichsam als Grundstein des Tempels — legen, woraus wohl das Moment hervorleuchtet, datz die Idee des Tempellübens auf der g'ttgesälligen harmonischen Vereinigung des Ernstes und der Freude beruht. Die Gemütsverfassung, in welcher allein der Mensch seinen g'ttlichen Lebensdienst zu leisten vermag, besteht ja in der rechten Verbindung von Ernst und Freude, wie denn der königliche Säuger sowohl. „Dienet G'tt in Freude" als auch „Und jubelt mit Zittern" auszurufen vermag. Die heidnische Welt hat für diese Harmonie des Ernstes und der Freude kein Verständnis. Sie kennt im Prinzips nur die beiden entgegengesetzten Richtungen, die sich im Stoiker und Epikuräer verkörperten. Jener sieht in der Freude ein Hindernis des Ernstes, dieser erblickt im Ernste ein Hemmnis der Lebenslust. Die gleichen Anschauungen herrschten in der autzerjüdischen Menschheit zur Zeit des Königs David. Cs galt nur der. düstre Ernst des Lebens oder die zügellose Freude. Ms daher r-ryam die heilige Stätte baute, an welcher der Ernst und die Freude ihre ideelle Verbindung als grundlegende Lehre des Tempels und infolgedessen als Grundlage des Judentums und Menschentums verwirklichen sollten, lehnte sich das ganze, dem Heidentum angehörende Zeitalter dagegen auf. Es betrachtete ein solches Tun als eine Gefahr für den Bestand seiner Lebensauffassung. Es schien ihm, als ginge die Welt aus ihren Fugen, als entstünde ein Chaos, in welchem sich weder die Vertreter des Ernstes noch der Freude zurechtfmden würden und daher kein Mensch mehr in der Lage sei, auf Erden seine Befriedigung zu finden. Es war, als stiege die ursprüngliche Flut aus dem Abgrund hervor, um den Erdboden in den chaotischen Zustand, zurückzuvprsetzen. Die sicherste Abwehr des heidnischen Irrtum^, .der einen Ausgleich zwischen Ernst und Frertde für unmöglich hält, ist dfls Bekymtnis, :datz der' :Menfchials.solcher aus noch viel. tieferen Gegensätzen besteht, ausdem Himmlischen und Irdischen, aus dem Unvergänglichen, und dem

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