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Der Israelit · 1931-09-17 · Heft 38 (17.9.1931) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 38 (17.9.1931)
Date
1931-09-17
Page
– (sequence 5)
Language
German
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17. September 1931 Der Israelit Nr. 38 Seite 5 Ahnen auch das Ansehen wieder Herstellen, das in alten Zeiten jüdischer Geist und jüdische Tüchtigkeit mit Recht genoß. Ich kann sogar dieses Ansehen als N e b e n z i e l meiner eigentlichen Lebensaufgabe miterstreben und diese Ausgabe darin sehen, mein Ansehen und meine Persönlichkeit in den Dienst des ewigen G'ttes und seiner Gebote stellen, von denen ich mich zeitweilig frei gewähnt habe. Denn ich kann über den Tod hinaus meinen Kindern nicht das Ansehen und nicht die leibliche Existenz sichern, wohl aber ihre Verwurzelung in der echten, guten, alten, ewig jungen und jüdischen Art. Ich kann sie nicht mehr mit der Sorge des Alltags umhegen, wenn ich nicht mehr bei ihnen lebe. Aber ich kann ihnen durch Thoraworte an meinem Tische ein Licht anzünden, das auch ihren Alltag sabbatlich erhöht, indem ich meinen Tisch zum Altäre G'ttes gestalte. Das alles kann ich. So hat der Jude seinem G'tt den Richterthron erstellt. Cr weiß, daß dieser Thron nicht zugleich seine Richtstatt wird. Er hegt die Zuversicht, daß ihn G'tt am ersten und strengsten, und dennoch am lebendsten richtet. Er weiß, daß über jede Kultur der G'tt der Geschichte einmal das Schlußurteil spricht, aber nicht über uns. Als vor kurzem in öffentlicher Aussprache ein Glaubensloser den Ausspruch tat, auch über die jüdische Religion habe „die Geschichte gerichtet", da reizte dieser Ausspruch keinen der Anwesenden zu irgendwelchem Zorn. Uns hat der Allgütige für alle Zeiten es zugesichert, den Richterthron über uns erst dann zu besteigen, wenn wir ihn bereitet haben. Frei und offen, seines Ewigkeitswertes nach außen wohlbewußt, seiner Unzulänglichkeit und Sündhaftigkeit ebensowohl eingedenk, aber alle Schwäche durch seine Weltenkraft überwindend und ablegend, steht heute der Sohn Israels vor seinem G' t t e. Das Horn, das zu trübster Mondverhüllungsstunde ihn erschüttert, kündet ihm zugleich die Richtergnade G'ttes, der allezeit aufseiten des Verfolgten stehen wird und „ans Licht unser Recht, ehrfurchtgebietend und heilig, mögen gleich Knechten vor Ihm wir stehen oder gleich Söhnen." Unsere Thora und ihre Befolgung hat noch härtere und schwerere Stürme bestanden, als die Gegenwart sie kennt. Schon oft schien es, als habe die Geschichte über die Thora gerichtet, und alle Mächte der Erde zu ihrem Untergang geeinigt. Oft mag auch die Thorabefolgung zu eitlem Tun ohne G'ttesfurcht entartet und erstarrt sein. Doch immer, wenn die Völker den Schluß unserer Geschichte schreiben wollten, fing ein neues, frisches und frohes, hoffnungsvolles und von G'ttesfurcht erfülltes Kapitel an. Von dieser Unsterblichkeit unserer Thora aber hat sich ein gleiches sieghaftes Geschick auch unserem Volke selbet mitgeteilt. Wir werden immer wieder zu altjüdischer G'ttesfurcht und Bruderliebe heimkehren, doch ebenso mächtig erweist sich auch immer wieder unser äußerer Lebensmut. G'tt richtet uns früher und härter, um uns nicht in den Verfall der Machtstaaten einzubeziehen. W e i l wir ewig machtlos sind, leben wir ewig unserem Ideal und hören im Schofar den Klang des Erlösers, der nicht mit Wehr und Waffen, sondern nur. mit G'ttes Geist uns neu in G'ttes Boden pflanzt und aller Gewalt ein Strafgericht in nichts Anderem als unserem friedlichen Wohlergehen setzen und somit die Welt zum Frieden erziehen wird. Trauriges Rofch-Ha-Schono-Erlebnis der Hrliner Iudenheil. Am diesjährigen zweiten Rosch Haschana- Abend hatten Me Berliner Juden eines ihrer traurigsten Erlebnisse. Am Sonnabend, den 12. September, abends, wurde der nationalsozialistische Mob gegeß die Juden im Berliner Westen nach einem vorher gefaßten .und genau ausgearbeiteten Plan mobilisiert. Wie es schon die Regel bei solchen Anschlägen ist, hielt sich die eigentliche Kertttruppe der Sturmabteilungen Hitlers noch zurück, es wurden zunächst Jugendliche und Halbwüchsige vorgeschickt, die aber, wie sestgestellt wurde, Unter dem Befehl erwachsener Hitlerleute das blutige Terrorwerk vollbrachten. . Nach Schilderustgen, die der ITA. von Augenzeugen, unter ihnen Funktionären des CeNtralvereins, des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten u. a. m. gegeben wurden, haben sich die Vorgänge ungefähr wie folgt abgespielt: Vor 9 Uhr abends tauchten plötzlich an zahlreichen Stellen des Berliner Westens stärkere Trupps Hitlerjungen astf, die zwar äußerlich als RationalsozialisterAnicht kenntlich waren, weil sie sich für diesen Zweck umkostümiert hatten, bei denen aber verdeckt getragene Hakenkreuze und andere NSDAP-Embleme sichtbar wurden, so daß über ihre Herkunft kein Zweifel besteht. Diese Trupps, meist noch ganz jugendlicher Personen, die zum Teil Schülermützen trugen, wurden von Erwachsenen kommandiert. Es waren Kundschaften ausgestellt, die das Herannahen der Polizei rechtzeitig melden sollten, außerdem bestand ein Kundschafterdienst zwischen den einzelnen Trupps, die Befehle her und hin brachten. Wie aus Aeußerungen einzelner Teilnehmer hervorging, war ein Sturm auf die Synagogen während der abendlichen Rosch Haschanah-Andacht geplant gewesen, die Veranstalter hatten sich aber in der Zeit verrechnet; denn als sie kurz vor 9 Uhr auf dem Plan erschienen, waren die Andachten bereits beendet, der größte Teil der Andächtigen hatte die Synagogen verlassen, so daß den Hitlerjungen nichts übrig blieb, als über die etwas verspätet heimkehrenden Synagogenbesucher herzufallen. Insbesondere scheint der jüdische Tempel in der Fasanenstraße das Ziel des Anschlags gewesen zu sein, denn verschiedene Trupps hatten sich so postiert, daß sie alle zu der Synagoge führenden Straßen blockierten. Schauplatz der Ausschreitungen war der Teil des Kurfürstendamms zwischen Knesebeckstraße und der Kaiser Wilhelm- Gedächtniskirche samt Nebenstraßen, einzelne Attacken kamen aber auch in der Tauentzienstraße, am Nollendorfplatz und in anderen Gegenden vor. Die Art der Ausschreitungen war von einer schwer wiederzugebenden Roheit. Sprechchöre brüllten die bekannten Drohungen. Jüdisch aussehende Personen, die die Straßen passierten, wurden mit Fäusten, Gummiknüppeln und Eisenstäben roh niedergeschlagen, mehrere am Boden Liegende auch noch mit den Stiefelabsätzen getreten. Auch unflätige Beschimpfungen gegen das jüdische Fest wurden laut. Im ganzen schätzt man die Teilnehmer an den Ueberfällen auf über 1000. Einzelne Jugendliche lösten sich von den Trupps, mischten sich unter die Straßenpassanten, suchten sich unter diesen ihre Opfer aus, .knüppelten sie nieder und liefen dann zu ihrem Trupp zurück. Das alles geschah blitzschnell, so daß es nicht gelang, die Täter festzustellen. Wie'chis jetzt sestgestellt wurde, wurden etwa neun Juden und vier jüdisch aussehende Christen inehr oder weniger schwer verletzt. Vor der chinesischen Gesandtschaft am Kurfürstendamm wurde ein jüdisch aussehender Herr, der einen Blumenstrauß trug, von den Nationalsozialisten blutig geschlagen. An der Ecke Knesebeckstraße-Kurfürstendamm ließ ein Trupp Nationalsozialisten einen älteren Herrn und eine Dame, die Andachtsbücher trugen, zunächst passieren, dann drehte sich einer der Nationalsozialisten um und versetzte dem Herrn rücklings einige Schläge über den Kopf, so daß der Geschlagene zusammenbrach. Am schlimmsten wüteten die Nationalsozialisten vor und in dem Cafe R e i m a n n am Kurfürstendamm zwischen Uhland- und Knesebeckstraße, gegen das sie -— anscheinend aus Wut und Enttäuschung darüber, daß sie zum Synagogensturm zu spät kamen — eine regelrechte Attacke inszenierten. Ein Trupp von etwa 70 Nationalsozialisten erschien unter strammer Führung vor dem Cafe. Zunächst wurden zwei Schüsse gegen die Glaswand abgegeben. Dann wurden die draußen stehenden Marmortische und -stühle in die Höhe gehoben und durch die Glaswand in den Jnnenraum geschleudert. Dann stürmten die Hitlerleute in das Cafe, schlugen auf die Gäste los und demolierten die Inneneinrichtung. Es entstand eine fürchterliche Panik. Zu bemerken ist, daß der Inhaber des Cafes Reimann kein Jude ist, das Cafe aber sehr viel von Juden, namentlich jüdischen Künstlern, besucht wird. Bevor noch der Sturm auf das Cafe begann, wurden einige jüdische Herren, die dort vorbeigingen, angerempelt, wer sich nicht rechtzeitig in Sicherheit brachte, wurde niedergeschlagen. Herr Dr. Alexander R o s e n f e l d, Mitglied des Präsidiums des Welt-Makkabi, der mit einem ausländischen jüdischen Journalisten an dem Cafe vorbeiging, wurde von einem Hitlerjungen rücklings über den Kopf geschlagen. Als er sich umdrehte und sich mit einem Stock zur Wehr setzen wollte, sprangen drei andere Hitlerjungen hinzu und schlugen so lange auf ihn los, bis er aus mehreren Wunden blutend am Boden liegen blieb. Passanten brachten den Verletzten in einem Auto in seine Wohnung. Dr. Rosenfeld erhielt zwei blutende Kopfwunden, einige' Blutergüsse und Kontusionen an verschiedenen Stellen des Körpers. . Auch vor der Konditorei Möhrin g am Kurfürstendamm, Ecke Uhlandstraße, wurden mehrere Passanten mißhandelt, unter ihnen der Sohn des Konditors Möhring, der so geschlagen wurde, daß er einen Nervenchok erlitt. Mit blutenden Kopfwunden wurde er zum Arzt gebracht. Möhring ist kein Jude, sondern wurde nur wegen seines jüdischen Aussehens verprügelt. In der Nähe der Gedächtniskirche wurde ein Herr v. Löwenstein, ein früherer Offizier, der kein Jude ist, aber etwas jüdisches Aussehen hat, blutig geschlagen. Auch vor dem Cafe H e ß l e r in der Kantstraße veranstalteten die Hitlerleute einen Tumult und schlugen die Fensterwand ein. Die nationalsozialistische Aktion kam so plötzlich, daß die Polizei von ihr vollkommen überrascht wurde und nicht rechtzeitig an den gefährdeten Punkten erscheinen konnte. Wo sie aber erschien, griff sie, wie Augenzeugen berichten, scharf durch. (Nach neueren Berichten des B.T. soll dies nicht der Fall gewesen sein. Zu irgendeiner Alarmierung jüdischerSelbsthilfe war,wie uns mitgeteilt wird, kein Anlaß, weil die Polizei, wenn auch spät, durchgegriffen hat. Etwa 50 Nationalsozialisten wurden verhaftet. Am Sonntag abend wiederholten sich, wenn auch in vermindertem Maße, die nationalsozialistischen Ausschreitungen gegen jüdische Synagogenbesucher. Diesmal war der Schauplatz der Norden Berlins. Nationalsozialisten blockierten eine hauptsächlich von Ostjuden besuchte kleine Synagoge in der Weise, daß sie sich an beiden Ausgängen der Straße, in der die Synagoge liegt, postierten. Als die Andächtigen am Ausgang des Rosch Haschonoh-Festes die Synagoge verließen, wurden sie von den Hitlerleuten attakkiert. Im Hinblick auf die Wiederholung der Ausschreitungen gegen die Synagogenbesucher wird für die kommenden jüdischen Feiertage von jüdischer Seite ein umfassender Synagogenschutz organisiert. Korrespoiiiltftze« Nachrichten. Oesterreich. Vi Konferenz der Keren Hnkhora-ZenirÄe. ' Wien, 14. September. Von der Keren Hathora Zentrale wird uns milgeteilt, dutz der Korrespondent der Warschauer orthodoren Zeitung, der Herrn Dr. Deutschländer aus dem Wege zum Bahnhof in Warschau interviewt hat, diesen offenbar in einem Punkte mißverstanden haben mutz. Geplant ist

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