Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 37 (10.9.1931)
- Date
- 1931-09-10
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 18 Nr. 37 Der Israelit 10. September 1931 Die Dreiländerfahrt des Keren Hakhora. V. Der Droschkenkutscher. Am Dienstag klappern die leichten Droschken durch die breiten Straßen Warschaus. Es kann sich jeder auf eigene Faust ansehen, was ihm am meisten am Herzen liegt: Die Pädagogen die vielen Schulanstalten, die Kunstfreunde schöne Bauten und Museen. Der Droschkenkutscher in Warschau bildet einen eigenen, dem Westler ganz neuen Typ. Alle Droschkenkutscher, deren Dienste ich in Polen in Anspruch nahm, waren Juden. Wenn wir auf der klappernden Fahrt auf den drei Sitzen in ein Gespräch über jüdische Dinge kommen, kann es passieren, daß sich der Kutscher umdreht, aufmerksam hinhorcht oder sogar mit hineinredet. Das Gäulchen, ein gutes, frommes jüdisches Gäulchen, läuft und klappert weiter. Es wird schon irgendwo hinkommen. Selten kennt der Kutscher den Platz oder das Haus, dahin wir wollen, obwohl er hundert Eide darauf geleistet hatte, ganz Warschau wie seine Hosentasche zu kenen. Er macht große Umwege, muß wiederholt anhalten und fragen, was stets zu einer kleinen Menschenansammlung führt. Eigenartig ist seine rechtliche Stellung: Er bekommt gesetzlich für eine Fahrt, unabhängig von der Entfernung, einen Zloty (wenig genug, aber dafür kann sich in Warschau schon eine Familie satt- ' essen). Ein Warschauer fragt nicht nach dem Preise, setzt sich in den Wagen und drückt am Endziele dem Manne auf dem Bocke einen Zloty in die Hand, ohne auf dessen „Nachbrocho" hinzuhören. Einem Fremden verlangt er am Endziels 4 oder 5 Zloty ab. Natürlich regt man sich über die Ueberforderung auf. Er aber, der Rosselenker, schweigt und harrt, schlägt nicht nach Kutscherart in aller Welt Lärm — vielleicht mit Hinblick auf den Polizisten an der Ecke, der scharf auf Kutscher und Straßenhändler ist — er wartet. Legt man zu dem Zloty noch einige Zehner hinzu, wünscht er „Masel und Brocho", bleibt es bei dem Zloty, sagt er nur: „Eine große Awloh!" (Großes Unrecht.) Ich habe für meine Person, da ich die Wahl hatte zwischen „Masel ubrocho" und „großer Awloh", mich stets für „Masel ubrocho" entschlossen . . . Man kann für wenige Pfennige in Polen ungeheuer viel „Masel ubrocho" 'einhandeln ... NachZentral-Litauen. Bon Warschau aus fahren wir in schönen internationalen Wagen eines D-Zuges der Linie Paris-Warschau- Moskau in einem halben Vormittag in das polnische Litauen hinein. Die Gegend wird noch öder; die Felder noch dürftiger, die Hütten noch kleiner und ärmlicher. Die ein- und aussteigenden Menschen sprechen eine andere Sprache. Der Rock wird kürzer, der Mützenschirm länger und die Pejos verschwinden ganz. Junge Menschen sind modern, zumeist sportmäßig gekleidet, ältere Juden vom Volke unterscheiden sich in der Kleidung kaum von der Landbevölkerung. Die Sprache wird matter, klangloser. Wir sind in Litauen, wenn auch noch der polnische Adler an den kleinen Stationen prangt, dem „Wilnaer Kant". Im Speisewagen, wo wir einen Tee einnehmen, werden wir von dem Kellner dreimal ermahnt, den Hut abzusetzen. Ein kräftiges Gegenwort einer der Teilnehmer aus Straßburg in klingendem Französisch, von dem der Oberkellner kein Wort versteht, tut seine Wirkung. In Kleinigkeiten der Pseudokultur ist das kulturbeflissene Polen viel weiter als Frankreich . . . Wir halten an Städtchen, die guten Namen in der Thorawelt haben: Slonim! Baranowicy! In beiden Städten sind blühende Jeschiwoth mit vielen Hunderten von Schülern. An diesen und anderen Stationen sind Schüler und Meister zu unserer Begrüßung da und wollen uns partout zu einer Notlandung zwingen. Gegen drei Uhr mittags sind wir in Horodziy, dem Vororte von Mir. Mir. Von Horodziy fahren wir eine halbe Stunde im Auto nach der Thorastadt M i r. Der Weg über Geröll und Sandhaufen stellt an den Lenker unserer Geschicke große Ansprüche. Aber die Landschaft ist in ihrer flachen Endlosigkeit schön, blühend und sonnenüberflutet. Himmel, Sonne, Felder und Wiesen scheinen zu wissen, was sie der kleinen Thoraresidenz schuldig sind, bieten ihr eine ganz herrliche Kulisse. Am „Grandhotel" von Mir, bestehend aus einem hölzernen Giebelhäuschen mit zwei oder drei sauberen kleinbürgerlichen Stuben, ist die ganze Jeschiwa zu unserem Empfange versammelt. Im Hause des Ortsrabbiners ist eine große Festtafel für uns gedeckt. Der eigentliche Leiter der Jeschiwa, Rabbi Finkel, weilt im Auslande zur Kur, aber Rabbi Jeruchem, der Mufferphilosoph mit den von großen Brauen tiesbeschatteten Augen voller Weltschmerz und G'ttessehnsucht, ist bei der Tafel an der Seite des Herrn Rabbiner dabei. Es wird, wie überall, ein ganzes Fest aus diesem Mittagessen, mit Reden und Ansprachen und allem, was dazu gehört. Nun aber wallen wir in das Jeschiwahaus. Vierhundert Jünger (etwa 100 von ihnen sind zur Zeit in Sommerstischen), sitzen bei der Gemoro und singen. Andere Gesichter, andere Kleidung, andere Sprache und andere Melodien, aber uns scheint, als würde die Erde über Tausende von Kilometern, von Preßburg über Lublin bis Mir, in einer Melodei widerklingen. Das Nattern der Räder und Walzen auf der Fahrt war nur eine kleine Einlage in dieser Symphonie. Kein Prachtbau wie in Lublin, aber ein breiter, viereckiger, peinlich sauberer Raum, in den aus achtzehn geöffneten großen Fenstern Helles Licht und frische Luft aus den Feldern und Wiesen ringsherum einströmen. Was ist es denn an diesem Mir, das es zu „Mir" macht? Wir wissen es nicht gleich auszusprechen, aber fühlen in diesem Raum gleich das Besondere an dieser Lehrstätte heraus. Herr Rabbiner Kamee hält seinen Schiur. Die Jünger sitzen nicht steif auf ihren Bänken, sondern stehen um ihn herum, greifen in die Diskussion mit großer Sicherheit und Lebhaftigkeit ein. Es kann daraus eine Geistesschlacht werden. Die Schranken zwischen Lehrer und Jünger sind in der Stunde der Diskussion so gut wie aufgehoben. Das ist Litauen. So war es in Woloschin vor vierzig Jahren. Eine Mussarstunde. Nach Mincho eine kleine Pause, ein „Stillhalten" von einigen Minuten, „Funkstille" des Lernbetriebes. Dann ein kräftiger Schlag auf das Pult. Die Mussarstunde beginnt. Im Raume brütet weiches Dunkel. Durch die geöffneten Fenster kommt frischer Heudust. Vor ihren Ständern sitzen, stehen, schaukeln die Bachurim und singen, jeder in seiner eigenen Melodie, aus „Mefsilas Jefchorim". Ich studiere die Gesichter. Manche sind verzückt und weltentrückt, manche fiebern in Ekstase, manche zittern in starker Gemütswallung. Anders sitzen ruhig, nachdenklich und abgeklärt da, lesen den Text, wie man eine schöngeistige Lektüre still und innerlich genießt. Welche, die die Sätze so hersagen, wie man ein Gebet aus Machsor herleiert. Andere wiederum lernen, wie man Gemoro lernt, jedes Wort betonend, wiederholend. Indes spaziert Rabbi Jeruchem, die Hände über der Brust ineinandergeschlagen, den Kopf etwas gesenkt, rund herum durch alle Gänge, so daß er in bestimmten Intervallen jedem Jünger einmal ganz nahe ist. Was da im Buche steht, sind Worte, Sätze, Gedanken, Kapitel, für manche vielleicht auch schon Schemen. Der aber da in ihrer Nähe auf und abgeht, ist das lebendige M u s s a r b u ch. Er, der Gaon der Sittenlehre, ist jedem, dem Größten und dem Kleinsten, dem Akademiker und dem Anfänger vom letzten polnischen Dorf, bei Tag und Nacht zur Verfügung. Seinem scheinbar zu Boden geschlagenen Auge unter den großen Wimpern entgeht keiner. Er schaut jedem auf den Grund der Neschomo. Und wo es nottut, gibt es eine Aussprache, ein „Sichdurchschmußen". Er hat etwas von Rabbi Israel Salanter und Rabbi Simcho Süffel an sich, dieser Rabbi Jeruchem . . . Mir scheint, als würde in dieser weichen Dämmerstunde der aus- und abgehende Mann den Worten des Buches erst den eigentlichen Sinn geben. Hielte er stille oder er wäre nicht dabei, die Blätter des Mussarbuches würden ihren Inhalt verlieren. In diesem Mussargesange erblühen mir aus der Versenkung der Zeiten sonnige Jugendgefilde wieder, wiewohl sich die Herbstblumen längst eingestellt haben . . . Und ich bin nicht der einzige von den Gästen, der leise von seinem Ehrenplätze oben weg in eine der mittleren Reihen sich begibt und bald auf der Bank vor dem Ständer und einem aufgeschlagenen „Messilas Jeschorim" sitzt. Ich durste einen halben Tag länger als die anderen in diesem von grünen Wiesen und blühenden Feldern umrahmten Jnselchen der Thora bleiben, und rechnete es mir als besonderes Geschenk des Himmels an. Kleines, graues, keusches Städtchen, und so sauber und heiter und heilig dazu! Alle Menschen reden sanft, als lebten sie von „Messilas Jefchorim". Sogar die Nichtjuden — keine Polen, sondern Weißrussen — scheinen in Sprache und Benehmen durch das Milieu etwas veredelt. Kern und Inhalt von Mir ist das Jeschiwohaus mit seinen Jüngern, alles andere ist Rahmen, ist Peripherie. Die deutsche Kolonie in Mir ist zur Zeit zehn Mann stark, prächtige Jungen, zum großen Teil im Besitze des Abitur, zum Teil sogar schon mit einigen Semestern Unioersitätsbildung. Einige Dutzende Amerikaner, breitschulterig, stämmig und gut gekleidet, sind dabei. Ihrer zwei waren Zeugen der Schreckenstage in Hebron, und verstümmelte Finger zeugen von heldenhaftem Kampf für ihre Brüder. Mir ist nach Lublin der zweite Höhepunkt unserer Reiseerlebnisse. Die Parallele drängt sich auf und ist doch nicht so leicht zu formulieren. Es scheint mir: Lublin ist eine starke Persönlichkeit von einem Gusse, — der jüngste Schüler ist'Geist vom Geiste des Meisters — Mir ist eine Sammlung von Persönlichkeiten, mindestens von werdenden Persönlichkeiten, deren jede vielleicht ihre eigene Prägung hat, die sich aber alle am gleichen Feuer wärmen. Lublin ist ein Phänomen, zu dem man pilgern oll, um es zu bewundern; Mir ist ein Jungborn, zu dem wir unsere Kinder, sofern ihr Sinn nach Ausland teht, schicken sollen, damit sie dort bleiben und lernen.! Lublin ist ein Rettungsanker für das - polnische Judentum, für die chassidische Welt, das, was Wilnaer Gaon und Rabbi Chajim vor anderthalb Jahrhunderten für Litauen geschaffen haben; Mir, — das sind w i r selbst, es zu erhalten ist eine Pflicht der jüdischen Selbsterhaltung. Und es war durchaus kein Zufall, daß ich hier, und nur hier, den Faden fand, auch von den wenigen Lichtblicken im Westen zu sprechen, von der Frankfurter Jeschiwah und von Montreux. Für Lublin muß der Schüler zweihundert Blatt Gmoro im Kopse als Eintrittskarte haben, in Mir wird man den Schüler vorab fragen: was hast Du im Herzen? ... Auf Ab - und Umwegen. Am Donnerstag vormittag stand der Autobus am „Grandhotel" von Mir. Die ganze Ieschiwabesatzung mitsamt Lehrern und Leitern standen dabei, die Heublumen dufteten fleißig und die reifen Aehren schüttelten das Haupt zum Abschied. Eine schöne Sonne lachte von einem blauen Himmel, wie er nur hier so weit und endlos sein kann. Wir — „Wir" ist in diesem Fall nicht richtig, denn Schreiber dieses fuhr nicht mit, er blieb noch einen halben Tag bei den jungen Freunden in Mir und hatte später seine eigene Panne — haben noch viel vor für diesen Tag. Auf dem Programme steht: Radin, Besuch beim „Chofez Chajim" und in früher Abendstunde in Wilna, wo die Freunds ein großes Bankett mit Festessen und Festreden für uns gerichtet hatten. Aber, sagt der Prophet: „Denn nicht meine Wege sind eure Wege," und die Wege im polnischen Litauen schon ganz und gar nicht . . . Sie waren von den Russen alle Zeit so gehalten, daß kein Feind ins Land eindringen konnte, ohne an irgend einer Stelle bis zum Halse im Moraste zu versinken. Die Polen wollen vorerst auch keine Feinde im Lande haben . . . So kommt es denn, daß der Autobus, zum größten Leidwesen unseres lieben Herrn Türkl, drei Stunden später in Radin anlangt, so und so viel Stunden später in der kleinen Sommerresidenz des,, Chofes Chajim" anlangt und in Wilna — überhaupt nicht a n - langt. Die guten Wilnaer, geladen, gerüstet und gerichtet, mußten an diesem Abend statt uns sich selber feiern und huldigen und die guten vorbereiteten Dinge auch selber essen. Aus dem Wege von Radin nach Wilna verwandelte sich nämlich der Autobus just zur Mttternachtsstunde — uwchen wajehi bachazi Halailo! — in ein Raketenfahrzeug, indem er Rauch und Funken und Flammen von sich gab, aber keinen Schritt mehr vom Flecke kam. Immerhin hatte das Vehikel die Freundlichkeit, erst dann in Flammen auszugehen, als die „choschuwen Gäste" draußen waren. Sie hatten dabei noch einmal die volle Bedeutung von „Chofez Chajim" in anderem urtümlichem Sinne zu würdigen gelernt . . . Einer der Unsrigen, ein Mann mit glühender Neschomoh, stand bei diesem Leuchtfeuer in der polnisch-litauischen Mitternacht und sang aus tiefstem Herzen „Wetaher libenu", und dann das Lubliner „Weachschow", das seit Lublin mit uns umging . . . Und dennoch war man in Radin, wo man in der Jeschiwah gut gegessen, geredet und unter „Uzo Ezo" getanzt hat. Und man war auch beim „Chofez Chajim" in seiner Sommerwohnung in dem sieben Kilometer von Radin entfernten Dörfchen. Davon im nächsten Artikel mehr. —tz. (Schluß folgt.) Ainderecke. Rosch-Haschonoh'Brief an Kinder, die noch Vater und Mutter haben. Liebe Kinder! Die annia d’B' sind wieder da. Und wenn Ihr dieses Mal wieder am mem »m zu Euren Eltern tretet und ihnen 120271 naiv nivi> sagt, dann ächtet einmal aus Luch, aus Euer Inneres, auf Euer Herz? Es klopft und mahnt jemand darin, wenn Ihr Euer« Eltern ein gutes Fahr wünscht. Und ganz sicher ist es: Ihr meint es in diesen Minuten ernst, wenn Ihr Euch vornehmt, Euch zu bessern, Euer unrichtiges Verhalten zu Eueren Eltern zu ändern, ihnen nur noch Freude zu bereiten. Vielleicht auch erschreckt Ihr bei der Erinnerung an eine Tat, ein Wort gegen sie. Vielleicht erhebt sich in manchem die bange Frage beim Anblick der v'2'1271: wie lange noch darf ich die Eltern bei mir sehen, wie lange noch habe ich Zeit, mich ihnen auch als dankbares Kind zu zeigen? Leider ist es aber so, daß viele von Euch nicht mehr wissen, daß man und wie man die Eltern ehren muß. nxi i'2n nx 122- Nehmt es Euch vor, auf diese ganz besonders zu achten! Nur einige Dinge will ich Euch