Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 37 (10.9.1931)
- Date
- 1931-09-10
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Dr. 37 IUI Meikemeiers Weg zum Kreml. Die Geschichte eines Menschenschicksals und einer Zeitepoche. Von S. Jzchali. (Fortsetzung). Und auch Rabbi Noach, der Müssarlehrer von Slabodko, war dabei: „Züngele/ Züngele, ein jüdisches. Züngele und der Herzensgrund ist rein '. .!." „Cs gM welche," lehrt der heilige Talmud und sagte oft Rabbi Noach, „die ein Leben der Sünde und Abkehr führen und sich in einer Minute ihre Welt und das ewige Leben — mit einer einzigen Tat — erkaufen ..." Mit diesen Gedanken gelangte er, er.,.rvußte nicht wie, in die Peter Pauls-Festung. Sein Ämtsrock und seine Papiere öffneten chm alle Türen. Der Tag hatte sich'gesenkt. Zm Korridor zum Gefängnis des Rabbi war alles in hellem Aufruhr. Was war geschehen? Alle, Diener, Wärter, Tschekisten, Polizisten und Soldaten standen in Haufen, steckten die Köpfe zusammen, spitzten die Ohren und lauschten einem Gesänge, der sich lieblich durch die Gänge trug. Aus der Zelle des Rabbi kam der Gesang; wie Engelgesang aus den Sphären. Eine herrliche Männerstimme trällerte in Sehnsucht und Verzückung. Die Vögel in der Luft hätten still halten müssen, um diesen Melodien zu lauschen. Meikemeier kannte die Klänge und unterschied die Worte. Das altvertraute Sabbatlied, das Lied des Geliebten, der der Braut entgegenzieht, in einer Melodie freilich, die er noch nie gehört hatte. Das war wohl die vielgenannte „Lubawitfcher Melodie " , der Nigun des Raw, von dem man in den Büchern über die Chassidim so viel las. Er schloß sich den andern an und horchte. Wie das Lied zu Ende war, klopfte er vorsichtig an die. Türe. Es kam keine Antwort. Er machte die Türe leise auf sind schrak vor der Erscheinung Zurück,' Me vor einem Wllßn' Lichtkreis/ in den man aus dem Dunkel plötzlich getreten war?'- Der' Rabbi war 'in ' schneeweißes'Atlas gekleidet. Das wallende Gewand war um. die Lenden mit einem" breiten goldgestickten Gürtel/ züsammengehälten. Der graumeliMe Baxt 'tvällte auf die atlasw eiße Brust, als wäre er ein e' seid ene Verzierung dieses Gewandes. Auf dem Kopfe saß eine braune Zobelmütze von gewaltigen Ausmaßen. Das Gesicht glühte, wie von einem Heiligenschein verklärt. „Gut Schabbos, i.Rebbe! Der Rabbi sah auf, als müßte er langsam und fachte aus fernen Höhen hinabsteigeN. Mil der flachen Hand vor den Augen musterte er den Besucher.4 ’!/, , „Ich wußte-, auch ins Gefängnis, wir-d/ am Sabbat ein F r i ed e ns^ n g e l zu mir kommen. Ich.danke,Euch, unbekannter Fxeünd, für die Besorgung Äer Sabbatkleiddr." . Auch das klang noch wie Sabbatgesang, Meikemeier hätte es nicht übers Herz gebracht; dem fabbatlich verklärten Mann vom: Beschluß der Tscheka mitzuteilen. Er, der Rabbi;, hatte Tschsska wie Satan und alles Gemeine von-feinem weißen Ätlasgewande abgeschüttelt ... Als er nach Hause kam, fand er einen Brief Sonjas. Sie hatten eigens für diesen Fall eine Schlüsselsprache verabredet und er hatte einige Mühe, den Brief zu entziffern. Bald aber war ihm die Situation ganz klar. Sie schrieb, sie würde mit Löwenmut für feinen Rabbi kämpfen, obwohl sie ihn nicht kenne und er sie gar nicht interessiere. Je mehr sie sich in den Fall värtiest, UM so mehr fühle sie den inneren Drang, ihm zu helfen. Es sei ihr schon beinahe zu Mute,'wie damals, als sie in Kiew die jüdischen Scharen gegen die Weißgardisten anführte. Ein bißchen Freude am Kampf, ein bißchen Romantik, ein bißchen Starrsinn seien auch dabei. Es sei verlockend, Starrsinn anderer zu brechen und gegen Ungerechtigkeit zu kämpfen. . Es fei ihr gelungen, vornehme und wertvolle Verbündete zu finden. Vor allem der treffliche Skobeljew, der beste Beziehungen zu den mächtigen Männern im Kreml habe. Skobeljew fei Todfeind der Tscheka und habe ihr im geheimen Räche geschworen. Ob nun Rabbi oder Pope, das sei ihm ganz egal, er sei überzeugt, daß die verfluchten Tschekisten hier nur eine Machtprobe vorhätten und ein Exempel an einem Unschuldigen stätmeren wollten. Dieser., Skobeljew sei überhaupt umgewandelt, stark enttäuscht, und möchte auch diese Gelegenheit nicht versäumen, eine soziale Korrektur an der sozialistischen Ungerechtigkeit, wie er sich ausdrückt, vorzunehmen. Eine weitere mächtige Verbündete sei ihr in Madame T e schk o w a, der ehemaligen Frau Gorki's, entstanden, einer feinsinnigen Schriftstellerin, die Beziehungen zum neuen Adel des Geistes und der politischen Macht pflege. Die Situation stehe zur Zeit so, daß die führenden Männer im Kreml vollkommen desinteressiert seien. Sie beviefen sich immer und immer wieder darauf, daß sie den Juden für ihre religiösen und kulutrellen Angelegenheiten mit der Jewsektia das möglichste gegeben hätten. Sie möchten nun ihre Ruhe haben. Die Tscheka wiederum arbeite auch vollkommen autonom und von der Zentralregierung unabhängig. Sie sei, sagen sie im Kreml, eine bedenkliche Sache, ein Requisit des alten Regimentes, aber leider für die Uebergangszeil zum Schutze der jungen, von Feinden ringsumher bedrohten Republik unentbehrlich. Tscheka und Jewsektia wiederum seien hart wie Granit. Sie machten die Angelegenheit zu einer Ehrensache, wollen ihre Macht vielleicht auch.öem.Kreml gegenüber an diesem Fall ausprobieven.' Also hätten-hier Bosheit und.Rücksichtslosigkeit guf der einen, Desinteressement auf de? anders; |(Seite zun? schwachen, Gegenspieler.. Dazwischen die unäblässige Arbeit der-jüdischen Faktoren in Leningrad und Moskau, unterstützt von ihr, Sonja, und ihren Freunden. Wie. werde es äüsgehen? Ein eigenes Kapitel bilde die Aktion im Ausland, die sich bemerkbar mache. Sie bleibe nicht ohne Eindruck, abex könne der Sache sehr gefährlich werden. Man sei in Moskau so mißtrauisch gegen d>as Ausland, wie kaum je. England habe die Handelsbeziehungen gekündigt, in Warschau wuxde ein Attentat gegen den Sowjetbotschafter äusgeübt, man sehe in allem, was vom Ausland kommt, Verrat, Kriegsdrohung. Ein Glück; daß die Intervention nicht von London oder Paris komme, sondern von Berlin, wo man einiges Verständnis für die Sowjetrepublik voraussetze. Dort habe, wie es scheint, ein jüdisches Komitee, dessen Namen man nicht kennt, den russischen Botschafter Krestinski bearbeitet, der seinerseits den Außenminister Stresemann für die Sache interessierte. Auch ändere Parlamentarier hätten! ihr Augenmerk auf Len Fäll gelenkt. Das könne der Sache den Ausschlag geben, ob gerade zum Guten, stehe nicht so sicher. Fürs erste müßte Zeit gewonnen werden. Geduld und Zeitgewinn! ... Meikemeier depeschierte sofort an die Freundin in seiner Schlüsselsprache: „Keine Minute zu verlieren, geschieht in den nächsten zwölf Stunden in Moskau nichts, so wird das Urteil spätestens morgen Abend vollstreckt, Verzögerung ist Mithilfe am Morde." Er trug eiligen Schrittes die Depesche zur Post. Anderen Händen durfte man sie nicht anvertrauen. „Die Rabbinen haben die Sabbatentweihung zur Rettung kostbaren Menschenlebens erlaubt," dachte er auf dem Wege. Er hatte in all den Jahren, die zwischen Jeschiwah und Kreml lagen, vielleicht auch schon mancherlei getan, was die Rabbinen nicht erlaubt hatten. Dieses Mal aber, er wußte nicht wieso, gereichte es ihm zur Genugtuung, daß er NÜt dieser Arbeit keinen Verstoß gegen die Sabbatweihe begangen hatte . . . Er hatte eine unruhige Nacht, all die guten Geister der Kindheit und Jugend begegneten ihm in den Träumen des Halbschlafes, und er wachte mit schwerem Kopfe auf. Es war ihm ganz klar, daß feine ganze Vergangenheit, fein ganzer Werdegang, die ganze merkwürdige Entwicklung, die sein Leben genommen hatte, daß all dieses auf diesen Punkt seines Lebens hinauslief. Er wußte jetzt genau, warum ihm das Schicksal so mitgespielt hatte und warum alles mit ihm so kommen mußte, wie es gekommen war. Er war für eine bestimmte Aufgabe berufen. Er hatte aber das dumpfe Gefühl, sie nicht gelöst zu haben, vielleicht nicht lösen zu können. Der entscheidende Moment fand einen kleinen schwachen Menschen. Am frühen Vormittag kam Telegrammantwort aus Moskau: „Situation ganz erfaßt, soeben Bote aus Leningrad eingetroffen, Kampf geht weiter, alle Kräfte angespannt, Erfolg abwarten!" Ein Sabbat kam über die Gemeinde zu Leningrad, wie sie ihn auch in der Skala der Aufregungen und Erschütterungen der letzten Jahre noch nicht erlebt hatte. Die Kunde vom Vorhaben der Tscheka war sehr rasch dnrchgeürungen. In allen Lehrhäusern wurde gelernt und gebetet. Am Nachmittag bildeten sich so viele Gruppen und Haufen langbärtiger und auch bartloser Juden um die Peter Pauls-Festung,, daß-Soldaten sie mit Gewehr und Kolben auseinander-., jagen mußten. Aber immer kamen Einzelne' wieder Und bald waren die Einzelnen wieder zu kleinen Gruppen' zusammengeballt. Es war eine stiste Demonstration. Man schaute durch die Spalten, man kletterte auf die Mauer, man lauschte. Man suchte, etwas dem Gesichte der 'Posten und der aus- und eingehenden Beamten abzulesen. Manche wurden angesprochen. Sie gaben barsch kurze Antwort unfr drohten, man würde, wenn sich die Ansammlungen wiederholen, das Maschinengewehr antworten lassen. Die Beamten wußten nichts, oder durftet nichts wissen. Man sah den großen, fensterlosen, leichenwagenartigen Gefängniswagen in den Hof rollen,'ein Schauer ging durch die Gemüter. Einer wollte beobachtet haben, wie drinnen im Hofe geheimnisvolle Vorbereitungen getroffen wurden. Ein Kommando mit aufgepflanztem Gewehr stehe mit dem Gesicht zur Wand bereit. Die Leute spitzten die Ohren, horchten, glaubten/ schauerten. Als Meikemeier auf dem Platze sichtbar wurde, wurde er gleich von vielen Leuten bestürmt. Sie sahen wohl das jüdische Gesicht unter der Veamtenmütze und wagten sich näher an ihn heran. Cr aber zuckte die Achseln. Er wußte viel und wußte doch nichts. (Fortsetzung folgt.)