Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 37 (10.9.1931)
- Date
- 1931-09-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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10. September 1931 Der Israelit Nr. 37 Seite 3' Stimme des Mit-sich-Rechtens werden. Die Stimme der höheren Macht verlangt Rechenschaft von uns, über das, was wir getan und was wir nicht getan haben. Rosch-Haschono kommt zu uns als strenger und genauer Einforderer unserer Verpflichtung als Juden und als Menschen. In drei Worten drückt die Thora diesen Sinn dem Rosch-Haschono auf. Sie sagt von ihm, daß er uns fei: Tzrnp tnpa npi-m P1121 Sabbatlichkeit, Schofargedächtnis, heilige Berufung. (Lev. 23/24). Sabbatlichkeit ist vielleicht die höchste Stufe höheren Machttums. Nirgends äußert sich die Ueberlegenheit über alles Kleine und Niedrige des Lebens so wie im Aufschwung der Sabbatlichkeit. Sabbatlichkeit ist nicht bloß mechanische Werkruhe der Hand, sondern ist Abkehr der Seele von allem, was sie hemmt. Die Wünsche und Begierden der ganzen Woche zerreißen und zerstücken unser Herz, der Sabbat eint es wieder. Denn sein Ruhegebot kündet vor allem eins: Wunschlosigkeit. Wenigstens einmal in der Woche wunschlos fein. In der Wunschlosigkeit liegt Frieden und darum wahre Macht. Daß die Menschen unserer Tage wie Entwurzelte dastehen, auf der beständigen Flucht vor sich selber sind, bar jedes Haltes, ohne Anklammerung, wie ein Rohr im Winde, das ist, weil die Wünsche in ihnen niemals stille werden, der Fluß der Begierden in ihnen ohne Unterbrechung fließt. Der wildstürmende sagenhafte Strom des Sambatjon, der sich Tag für Tag ergießt, mächtige Steine und gefährliches Geröll mit sich führt und es über die Ufer schleudert, wird am Sabbat gebändigt, an ihm hält er still und besänftigt sein Treiben. Der Weg der Juden unserer Tage gleicht nicht diesem Sambatjon, sondern einem, der ununterbrochen Steine und Geröll mit sich führt und niemals stille hält. Das sabbatlose Leben unserer Generation ist in seiner Hemmungslosigkeit zur katastrophalen Judentums-, ja Menschheitsbedrohung geworden. Die wilde Flut der Entheiligung des Lebens übersteigt seine Ufer. Mag sein, daß der wirtschaftliche Druck der höheren Macht des Sabbats mißgünstig ist. Wer wird sein Auge vor der traurigen Tatsache verschließen, daß der Sabbat wie ein Fremdling in der ökonomischen Struktur der Zeit erscheint. Aber der Fremdling mag vielleicht das Geheimnis des verlorenen Menschheitsglückes mit sich führen, wie in der Legende von dem König, den Aschmedai, der Fürst der bösen Geister, verscheuchte und im eigenen Lande zum Fremdling machte, bis er selbst ihn wieder holen mußte, weil er den Schlüssel zu den Thronreichtümern ihm abzunehmen vergaß. — Die Geister der Zeit haben den König Sabbat verdrängt und sich auf seinen Thron gesetzt. Geht es uns jetzt, ohne den Sabbat besser als früher einmal mit ihm? Hat der Chillul-Schab-; bos den Ruin vieler Existenzen aufgehalten? Der! Sabbat ist uns fremd geworden, aber wir werden ihn wieder rufen müssen.. Wird er auch Aschmedai nicht wieder gleich entthronen können, werden die modernen Wirtschaftsbedingungen noch lange nicht durch religiöse Einrichtungen zu beheben sein, so wird uns der Sabbat doch eines gleich wiedergeben, den Schlüssel zu dem! Schatz der Schätze, der den Juden einst so hoch über alle Erdennot erhob und ihn zum glückerfüllten Träger der höheren Macht stempelte, nrnn ji->m „Gedenken des Schofarschalls" beziehen unsere Weisen auf den Sabbat in Verbindung mit Rosch-Haschono. Am Sabbat ist nur Gedächtnis des Schofar, nicht der Schofarton selbst. Der Sabbat ist eben nur an und für sich Erinnerung und Einschärfung der höheren Macht. Was Rosch-Haschono nur einmal im Jahre vollbringt, zur Besinnung auf die höhere Macht hinzulenken, das vermag der Sabbat Woche für Woche. Er verleiht der Seele die rrvrp nawi' die Steigerung der Seele, und gibt ihr Spannkraft und Mut, über die niederziehenüen Kräfte und Mächte zu triumphieren. Was Rosch-Haschono im großen ist, das sind die Sabbate im kleinen, Atemzüge, Lebenserneuerungen, Pausen aus der zermürbenden Jagd nach dem Nichts. Wer leben will, muß atmen, und je tiefer man atmet, desto besser lebt man. Halte stille im Leben und atme höhere Macht ein, halte Sabbat. Aber du sagst, du kannst nicht. Der Mensch von heute kann nicht aus dem Geleise heraus, in das er hineingestellt ist. Die Mächte, die das Szepter führen, sind mächtig, sie treiben ihn an, die höhere Macht aber verhält sich stille, sie treibt nicht. Gewiß, sie treibt nicht, aber sie tut dereinst ein stärkeres, sie ruft dich, izmp Nnp»' heilige Berufung ist ihr Kennzeichen. Heute ruft sie dich noch zur heiligen Berufung auf und morgen vielleicht schon mit heiliger Berufung ab. nai mips dt’V „und was werdet ihr tun am Tage der Ahndung?" (Jes. 10/3). Wird jemand sagen können, wenn seine Stunde schlägt, er habe niemals die heilige Berufung vernommen, nie die Zeichen der höheren Macht bemerkt? Wen hat nie eine Sorge bedrückt, wem nie eine Freude die Brust geschwellt? Wer hat nicht schon in einer Gefahr geschwebt und eine Rettung irgendwelcher Art erlebt? Wer hat nicht über Wunderbares gestaunt und vor Erschütternissen gebebt? Gibt es jemand, dem die Katastrophen der Zeit verborgen blieben und der nicht vor sich sah, was auf Höheres hinwies? Das Pochen der heiligen Berufung bleibt nie aus, der Schritt der höheren 3cfi sofife Jfinen 2 Millionen ML wenn Sie das Sroße-fos gewinnen l 43'/2°/o aller Lose gewinnen. Scbon ein mittlerer Treffer bedeutet: Umwälzung Ihrer Existenz Hocfi KlafSen-£ofe Ziehung schon am 20. u. 21. Okt. 1931 Haekngkausen Staat!. Lotterie Einnehmer Zell 26 (Nähe Amtsgericht) Tel.: 27732 Macht kündet sich allen an, und zwar je mehr und stärker die verblendete Abkehr von ihr platzgreift. Die Welt unserer Tage ist voller Gärung und Unruhe. Wie sollte es anders fein, sie ist auch voller Unglauben. Im Judentum ist es nicht anders. Ein Chaos hat das alte Volk ersaßt wie noch nie. Aber so entgöltet war es auch noch nie. Alle Mächte ruft man, nur d i e eine ruft man nicht. Alle Potenzen werden mobil gemacht, nur die eine liegt brach darnieder. Politik, Volk, Land, Geld und was noch dergleichen mehr werden in aller Fieberhaftigkeit und Geschäftigkeit aufgeboten, sie sollen helfen. Aber alle diese Götter sind nicht der G'tt, der im Feuer vom Himmel antwortet. Mögen es Mächte sein, die man nicht verachten wird, d i e Macht ist es nicht. Es gibt nur eine Macht, die höhere Macht, und sie heißt G'tt, sie heißt Thora, sie heißt Mizwot, sie heißt r*nw und ym dvsie heißt Glut der Seele, Feuer des Herzens, gläubige Treue, jüdisches Judentum, heilige Berufung, heiliger Sinn. Wochenrundschau. „Erziehung ist besser als Skaaksgefetz"! Unser palästinensischer Korrespondent hat bereits vom Abschiedsbesuch Sir John Chancellors in Tel - Awiw berichtet, bei welcher Gelegenheit er obigen Ausspruch tat. Der Bürgermeister von Tel - Awiw bat ihn, er möge sich für das Gesetz der obligatorischen Sabbatruhe in Tel-Awiw Einsetzen. Cr aber antwortete, er glaubte stets und glaube noch, daß eine religiöse Institution wie der Sabbat durch Erziehung und Einwirkung besser ge- Bemerkungen zu den O'dtq für m Es ist wohl in den meisten jüdischen Gemeinden Deutschlands am ait, der Brauch, die d-ws, namentlich die imnp wenn einer der Feiertage aus na® fällt, dergestalt zu wechseln, daß man die Gebetseinschaltung für den ersten Tag am zweiten, und diejenige vom zweiten am ersten Feiertag w m®a vorträgt. In allen diesen Fällen können wir zudem auch noch bemerken, daß dann für den Sabbat-Feiertag die poetische Gebetseinschaltung immer mit dem schöneren Ausdruck beginnt. Wenn z. B. nov bv vnnK auf einen Sabbat fällt, so wird an diesem Tage der vi's, der mit i'mmrr beginnt, gebetet, und nicht der für diesen Tag bestimmte, weil er mit nv'n anfängt. Genau so verhält es sich am fnrnp, wo am Wochentag nt?» ps „die Erde wankte", während am Sabbat V"N ms „der Pfad des Lebens" gebetet wird. Dieselbe Beobachtung machen wir bei den ttoo -Gebeten; aucfj hier wird gewechselt: am Sabbat betet man nioa ivpsa pis „Ich wasche in Reinheit die Hände; am Wochentag dagegen mva V’na mmn „Wie war ich erschrocken beim Beginn des Versöhnungstages." Und nun entsteht die Frage: 1. Warum wird dieser Wechsel nicht auch ebenso strikte am nron ©m durchgeführt, warum beschränkt er sich am rav auf die wesentliche Einfügung des lim m« und des pi» »Pis*» ps vom zweiten Tag: 2. warum wird in keinem Falle am ersten Neujahrstage - lei es am na®, sei es Pnn — das schöne Poem -\b» v'bx im Morgengebete ausgelassen und warum würde es dem Mußaf zugewiesen, obwohl es doch am zweiten Tage in'min® ni>sn seinen Platz gesunden hat? Auf die erste Frage kann die Antwort auch nicht anders als vorhin lauten: man wollte eben des nn® wegen ein »u®, eine kleine Aenderung in der Rezitierung des Gebets eintreten lassen, um dadurch im Bewußtsein der Betenden die gebotene nmm und mw- Stimmung zu erhalten. Bei Beantwortung der zweiten Frage — warum am ersten nn-Tage nicht analog dem zweiten Feiertage der pVjr -|V» vi's rezitiert wird, weisen wir zunächst auf die Stelle in Gemoro srn 16a hin, wo es heißt: -rfb'P 'v3'i>an® 'io /n’3?» ma ’aP rrapn ins Im Hinblick auf diesen Ausspruch, der sich aus das Thorawort in “mna 10, 10 stützt, rechnet u. a. auch der Verfasser der nnm«» „dem Schöpfer am rr*i zu huldigen," zu den n®V mxn, zu den Pflichtgeboten, die uns an diesem Tage obliegen. Aber dieser Pflicht können wir nur mv.i ®»na genügen, d. h. wenn das neue Jahr auch astronomisch begonnen hat, nachdem der Molad, d. i. die Sichtbarwerdung des Neumonds vor der Sonnenscheibe zur Tat geworden ist. Das ist denn auch in den meisten Fällen um die Zeit des Morgengebets am ersten Feiertage der Fall, und aus diesem Grunde haben es die ntfsnn 'non wohl zugelassen, daß das eine Huldigungs-Poem 'i'i ib» m p» 'n auch im min® des ersten Tages rezitiert wird. Wenn aber, wie es^rnn nna der Fall sein wird, der Molad erst am Morgen des ersten Feiertages um 10,10 Uhr eintritt, der nn also erst um diese Zeit, streng astronomisch genommen, beginnt, und das min® längst beendet ist, so hätte niemand von uns, der das pin ibn schon im Frühgebete gesprochen, seine mxn erfüllt; um dies zu verhüten, und weil nicht jeder marm iioa 'pa war — in der alten Zeit gabs keine Kalenderverschwendung wie gegenwärtig — hat man für den ersten Tag durchweg angeordnet, nur im 101» das Huldigungsgebet pp *ji>n zu sprechen und mit den Worten ■p’Pa pai einzuleiten. B. Wolfs, Ruhelehrer in Aurich. Kleines Feuilleton. 3n den Feierstunden. Von Karl Darmstadler. In den Feierstunden naht, was ganz entschwunden, froher Kindheit Klang. In Einsamkeit und Stille schau ich Lust und Fülle, wandre jahrentlang. Vieles ist verloren, Last und Leid erkoren, Liebliches ist fern — — Doch, da wird es Helle, Lichtschein aus der Schwelle, Stern reiht sich an Stern. Sieh, des Kindes Lachen, läßt das Fest erwachen, hüllt die dumpfe Not. In den Feierstunden heilen viele Wunden, schweigt, was morgen droht. Chaim, der Slicheswecker. Von Eugen Hirfchler. Als in der freundlichen und lichten Eisenstädter Iudengasse noch reges jüdisches Treiben herrschte, lebte Chaim Slicheswecker. Ich entsinne mich noch genau seiner Gestalt. Ein altes zufammengebrochenes Iüdlein. Auf der Straße immer mit Stock und Pfeife. Im Schul faß er in der letzten