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Der Israelit · 1931-09-10 · Heft 37 (10.9.1931) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 37 (10.9.1931)
Date
1931-09-10
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Die höhere Macht. Gedanken zu Rosch-Haschono 5692. Von Oberrabbmer Dr. Adolf Altmann in Trier. Wer nach dem Mittel sucht, die Menschen in seinen Bann zu bringen, sie zu fesseln, den Wirbel zu finden, der Geist an Geist kraftvoll zieht, der muß sich vor allem fragen, was auf sie einwirkt, was ihnen am meisten imponiert. Die Zeiten wechseln und mit ihnen der Geschmack am Imposanten. Einst imponierte Gedankentiefe und Wissen, Schöngeistigkeit und Gemüt. Der ideale Sinn stand hoch in Ehren, der Adel des Herzens und Geistes wurde gewürdigt, und man eiferte gern dem Wahren, Schönen und Guten nach. Heutzutage sind die Menschen weniger zart besaitet; sie sind äußerlicher geworden, und was auf sie noch wirkt, ihnen noch zu imponieren vermag, ist im Grunde nur noch eins geblieben: Macht. Vor Macht haben sie noch Respekt und Achtung, sie flößt ihnen noch ein Maß von Ehrfurcht ein. Wo und wann sie Macht verspüren, horchen sie auf und beugen sich in Demut. Der Machttrip, der Rekordmensch wird verherrlicht. Wohin wir blicken und horchen, überall die Umjubelung des stahlharten Starken, des faustballenden Mächtigen. Der Wille wird gering geachtet, der Erfolg wird angebetet, der Momenttüchtige verherrlicht, dem Augenblicksbeherrscher wird gehuldigt. Also ist es müßig, die Menschen anzureden, wenn man ihnen nicht mit Machtexempeln kommen kann und das Starke vorzuführen vermag. Und da soll man sich vorwagen und ihnen von Religion sprechen, gerade von Religion? Ist das auch ein Gewichtsfaktor, eine in die Wage fallende Potenz? Religion? Was für eine Macht steckt dahinter? als alle Kraft, machtvoller als alle Macht, das ist die Macht, von der wir reden wollen, die höhere Macht. Rosch-Haschono ist nichts anderes als Weckruf und Anrede der h ö h e r e n Macht. Trutzig wagt das Schofar in das Machtgetümmel der liegt ein Luacii für das Jahr 5692 bei. Allen unseren Lesern wünschen wir eine!n21v ,1 v' n 21 na’na Verlag und Schriftleilung des „Israeli!“ Erneuern Sie sofort beim Postboten die Bestellung auf den „Israelit“ für den Monat Oktober Wird dies versäumt, so tritt eine Unterbrechung der Zusendung ein, ohne daß wir selbst Kenntnis davon erhalten. Für verspätete Bestellungen rechnet die Post einen Aufschlag von 20 Pfg. Verlag des Israelit G.m.b.H,, Frankfurt a,M, Moderne hineinzuschmettern: Seht, die höhere Weißt du mit Religion die Wirtschaftslage zu ver-j Macht! Wie Staub zerstiebt, wie Wind verweht, bessern, der Technik einen neuen Schwung zu gewie Schatten entschwindet, wie Schall verklingt, geworden? Vergeßlich ist das Weltgewiffen und ben, die Industrie zu heben, die Erfindungen zu beso ist alle Macht irdisch-menschlichen Dünkels sinnverstockt der Mensch! Aber vielleicht vermag reichern, den Warenumsatz zu beleben, die Sport-- meisterschasten zu fördern? Weißt du das und ähnliches? Wenn du das weißt, d. h. wenn du Macht, Macht vor dir einherziehen und hinter dir Nachfolgen lassen kannst: wenn du Dinge zu verkünden hast, die dem Sinnen und Trachten auf das Machtvolle entgegenkommen, dann rede. Rede, sie horchen gierig auf, sie lugen nach dir aus, sie beben vor Interesse, sie staunen, sie jubeln, sie huldigen. Aber Religion, nur Religion, Gläubigkeit, Judentum, noch gar frommes Judentum, armselige Schwachheit, wer wird davon reden? Und doch, wir wollen davon reden, von Religion wollen wir reden, von Judentum und Macht, denn Religion i st Macht, Gläubigkeit i st Stärke. Stärker als alle Stärke, kraftvoller p2H7 viswb 82 'Ö 82 '2 TT ’JbV „vor dem Ewigen, wenn er kommt, wenn er kommt, zu richten die Erde." Rosch-Haschono ist der Ausdruck dieses Gedankens. Verschenk dich nicht, Mensch, an die sogenannten Mächte, denk an die wirkliche Macht, an die höhere Macht. Wir werfen uns nieder vor den Abgöttern falscher Machtgebilde. Wir nennen oft Mächte, was nur ausstrahlende Wirkungen sind, die Quelle verkennen wir. Wir bringen Ursache und Wirkung durcheinander. Quelle und Ursache aller Wirkung ist bei G'tt, bei ihm allein, mVa ti$t p« „nichts ist außer ihm".nii2D pto N8V prn nasrr p« 'n ui „Keine Klugheit, kein Rat, keine Vernunft gegen G'tt." Das ganze Jahr hindurch fehlt uns dieses Bewußtsein. Es kommt uns nicht 10. September 1931 oder nur sprunghaft in den Sinn, alle uns beherrschenden Mächte nach der einen Macht zu messen. Es müssen schon Ereignisse von Wucht sein, die so stark und laut tönen, daß sie nicht zu überhören sind, so hell und klar erscheinen, daß man sie nicht übersehen kann, wenn sie auf uns wirken sollen; es müssen Geschehnisse sein, die wie Donner an unser Ohr und wie Meteore und Blitze in unsere Blickweite drängen, um von uns als die höhere Macht erkannt zu werden, um uns das ehrsurchtschauernde Bekenntnis abzuringen N8i mvn 'n nna „von G'tt ist dies gewesen" sms 8'.i Li',7^8 „ein Finger G'ttes ist es". Die Stärke des Gläubigen ist es aber, sich beständig von der höheren Macht angesprochen zu fühlen, sich auch im Kleinen, im Täglichen und Stündlichen vor sie hingestellt zu sehen und ihr Mahnen und Wecken zu vernehmen. Das ist die Kraft des Frommen, die ihm Gewalt über alle Gewalten verleiht, daß er nur vor einer Macht sich beugt, die ausgeglichen in ihm waltet, vor der Macht des G ' t t b e w u ß t f e i n s. Und das ist der Sinngehalt des Neujahrstages, den Menschen zu erinnern, nicht erst zu warten, bis der Anstoß zur Besinnung von außen an ihn herandringt, sondern von innen heraus Antrieb zu empfangen, die höhere Macht über die niedere zu stellen. Das alte Jahr ist hinabgesunken in den ewigen Kreislauf der Zeit. Keiner ist, der nicht persönlich oder im Rahmen der Allgemeinheit auf Erlebnisse stieß, die ihm die höhere Macht vor Augen führten. Jeder hat irgendwie und wann „die starke Hand und den ausgestreckten Arm" g'ttlicher Uebergewalt wahrnehmen können. Gerade dieses letzte Jahr war reich an lauten Erschütterungen und starken Schrecknissen, reich' an deutlichen Aufrüttelungen und Geschehnissen. Hat man es sich gemerkt und ist man g'ttbewußter der eindringliche eine Tag, der Tag der Erneue-I rung unseres Lebens in der Zeit mehr als alle die Tage sonst auf unserem Gang durchs Jahr. Welcher Jude ist so hörlos gegen den Ruf der höheren Macht, daß er sie nicht zumindest am Rosch- Haschono vernimmt. Sie meldet sich da freilich! nicht im Sturm und Drang sinnbezwmgender! Mächtigkeit, denn nicht im Sturm, nicht im! Schrecken, nicht im Feuer der Verheerung soll! sich der Jude erst von der Macht aller Mächte! angesprochen fühlen. Die stille, verhaltene, tief! in das Innere dringende Stimme der Verant-i wortung und des Gewissens soll ihn da vielmehk! erschüttern und an seine Seele rütteln — bij?i npn naan Gehört soll die höhere Macht iiil der leisen, aber um so nachhaltiger wirkenden! Das Bestehende im Wandel der Zeit. Von Rabbiner Em. Donath in Frankfurt a. M. ■p’i a'sxz! rief uns der letzte Sabbat des abgelaufenen Jahres in die Seele. 7„Aufrecht fortschreiten" trotz aller trüben Erfahrungen und traurigen Erlebnisse, die das alte Jahr mit sich gebracht. Der gesenkte Blick, die gebeugte Haltung sind Merkmale der Mutlosigkeit, sind Zeichen des mangelnden Vertrauens. Schon Kain, dem Brudermörder, rief Haschem die Worte zu: vjs 1^22 n»f> „warum senkst du dein Angesicht". nse? rrtm ns s*>n fürwahr wenn du dich besserst, so kannst du deinen Blick erheben. Der wahrhaft gläubige und echte ’iin’ verliert sein Vertrauen zu G'tt auch dann nicht — wenn er die bittersten Enttäuschungen erlebt, und feine Herzenswünsche unerfüllt bleiben. So sprechen wir es auch täglich am Schluffe unseres Tischgebets, wenn wir mit Speis und Trank uns gestärkt haben, rai is?m sts» p’ix wm n?i ’rupr oa 'N"N ir?> das nach Auffassung unserer Midraschweisen (’npna 's nai'») so gedeutet wird: wahre Frömmigkeit wird trotz trauriger Erlebnisse nicht preisgegeben. ■pii craxi! Aufrecht mutig fortschreiten lautet auch die Parole, die uns von unseren Wersen im bei Erfüllung und Beobachtung religionsgesetzlicher Vorschriften empfohlen wird, avnta ik® msinb ‘»■mn 11012- Mag die Zukunft noch so verworren und verschleiert, und jeder Lichtblick ganz verschwunden sein, wir verzweifeln und verzagen nicht. Wir harren und vertrauen aus Haschems unendliche Gnade, die alles zu unserem Besten führt und lenkt, niVnni irpi!?s 'T\b nunoin '121 «’^i uV- „Das Verborgene ist des Ewigen unseres G'ttes, das Offenbare uns und unseren Kindern bis in Ewigkeit." Ein Licht G'ttes ist der menschliche Geist. Er weih das Dunkel zu erhellen, senkt sich hinab in die Tiefe, schwingt sich empor in die Höhe. Ist er doch ein Lichtfunke G'ttes,. ms a'p*>s ii ein Strahl der ewigen Sonne, für die es keinen Sonnenuntergang gibt und keine Nacht. Jedoch was G'tt verhüllt hat, das wage kein Mensch zu enthüllen. So erzählen auch die Weisen im Traktat n*>’ia: Als Jonathan ben Usiel, der hervorragendste Schüler Hilels, eine aramäische Uebersetzung der Propheten veröffentlichte, da erzitterte '-siv' pw und ein ^>ip na rief die Worte aus m n n^a ni ’n wer wagt es: dieses Geheimnis meinen Kindern mitzuteilen. Darum nunan das Verborgene v'pi^s 'n*> bleibt Geheimnis unseres G'ttes. Niemand wage es, den Zukunftsschleier zu lüften. Aber was klar und offen vor unseren Augen liegt, ist die heilige Pflichterfüllung asm nnnn na*! bi ns nnr>yb alle Gesetze der Thora mit Sorgfalt und Hingabe zu üben. So bemerkt auch der Midrasch Jalkut zu amx:,- 2w2 na niin2 ipos? □‘aya nay^ans a’e?p2» rre?» D’asa Dns vinxi nnan '121 ns ani»2?i „Moses sprach, wenn ihr bestehen wollt, so beschäftigt euch eifrig mit der Thora denn so schließt der zuletzt verlesene Wochenabschnill: n»“nn ’iai ns Dmaui hütet den Bund, o'2X2 ans und ihr werdet bestehen. Wenn unsere Zeit auch noch so schwer ist, die Wirtschaftskrise wächst, und die alltäglichen Sorgen drohen, uns die ms» bv nnnw zu nehmen, so sollen wir besonders eifrig in der Ausübung unserer MizwaM sein, nnjna i^-ai frohlocken in einer Zeit da wir vor den Gefahren und Sorgen des Alltags erzittern. Wir sollen uns in die nun vertiefen und so unser G'ttvertrauenI festigen. In diesem Sinne glauben wir auch eine nuv-j zu verstehen. Die mio» reiht dreimal das Wort ans an einander: — ans ,aim a'2Xi ans,a'ix»^ ’n’s?5? i«?s an'si om 'n ms3 •>‘73? - 1. '121 an’si ans Ihr habt gesehen in der Veri gangenheit, daß G'tt Mizrajim Tod und Verderben ge' schickt hat und Euch, die Ihr in seiner Mitte gelebt, vw schont hat, ®v> xV i'^s ii'»'» 7,2211 spx -psn wie es ans derPsalmist sagt, 2. avn a’2Xi ans; das soll Euch die Schwung' kraft geben, auch heute da die Schwere des Lebenskampf Euch niederdrückt mit G'ttvertrauen austecht fortzufchreW, 3. 'ir? ans durch Euer felsenfestes G'ttvertrauen sollt Ihr vor der Welt Zeugnis ablegen für meine Allmacht und Liebe, in der ich dem Menschen stets Beistand gewährt Dieser Trostgedanke, der uns über alle Leiden der Zeiten hinweghebt, ist auch in der letzten der xnami 1 die ain letzten n2E? verlesen wurde, enthalten: ix (iV) xV anix ns?’2?7n imd ir^»i ihr Leid ist dadurch nichtig geworden is si> - 2'N2 ’ip ‘durch das Bewußtsein 12 1 b, daß es Ihm, Haschem, der mxa ’aas ins?, schwer fällt, den Mensche» zu züchtigen. Dieses 111,02, daß Haschem auch mit um; ist in allen Gefahren des Lebens, gibt uns Mut und Hofs' nung auszuharren auf den i»ie?, bis feine Gnaden» sonne sich uns zuwendet.

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