Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 35 (27.8.1931)
- Date
- 1931-08-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 35 Der Israelit Aber noch zwei kleine Beispiele aus Noths Arbeit mögen zur Illustration angeführt werden. Noth sagt: „Die Annahme von B. Luther (ZAW 21, 1901, S. 51f.), daß Rüben gerade wegen seiner Bedeutungslosigkeit an die Spitze gestellt worden sei, weil es „ein altes Sagen-und Märchenmotiv war, den jüngsten Bruder auf Kosten des älteren emporkommen zu lassen", wird w o h l k a u m jemand ernst nehmen: (sic!) sie beruht aus der irrigen Meinung, daß das Zwölfstämme- System ausschließlich ein Produkt der Sagen- und Märchenerzählung sei." Das ist doch verwunderlich, daß Roth, der auf Schritt und Tritt von der Sagenhaftigkeit der Jakobsgeschichte spricht, B. Luther deswegen nicht ernst nehmen will. Aber wir stellen mit Genugtuung fest, daß in der Zeitschrift für alttestamentliche Wissenschaft Annahmen von Gelehrten verbreitet werden, die „wohl kaum jemand ernst nehmen wird." Wir versichern dem geehrten Rezensenten Luthers: von unsrer Seite gewiß keiner,- wir stellen diese Annahme Luthers mit denen Roths und vieler andren als gleich unhaltbar zusammen; wir nehmen auch seine Hypothesen nicht ernst. Und ein zweites Beispiel: „Nebenbei sei hier eine Vermutung zu 1. Kön. 11, 30ff. ausgesprochen. Dort wird erzählt von dem Zusammentreffen des Propheten Ahia von Silo mit dem künftigen israelitischen König Jerobeam. Bei dieser Gelegenheit zerreißt Ahia seinen neuen Mantel in zwölf Teile, fordert den Jerobeam aus, zehn Teile davon zu nehmen und deutet diese auf zehn Stämme, die von der davidischen Dynastie losgerissen und dem Jerobeam anvertraut werden sollen, während, wie Ahia nachher erklärt, nur ein Stamm der davidischen Dynastie verbleiben soll. Die Teilung von zwölf in zehn und eins ist naturgemäß schon immer ausgefallen und hat seit der Zeit der LXX stets wieder zu der Meinung geführt, daß eine der beiden letzten Zahlen geändert werden müsse, um die Rechnung ins reine zu bringen. Doch hier den Text zu ändern, ist jedenfalls vom Uebel. Denn soweitkonnten doch wohl auch die Abschreiber des alttestamentlichen Texteszählen, daß sie d ur ch Un a chtsamkeit kaum einen solchen Rechenfehler hätten entstehen lassen, wenn dieser merkwürdige Text nicht schon d u r ch i h r e Vorlage ihnen geboten gewesen wäre." (Sperrdruck von uns.) Wir können nicht umhin, die hohe Gerechtigkeit Roths anzuerkennen, daß er den Tradenten der Bibel zutraut, sie konnten bis zwölf zählen und zehn plus eins addieren. Wir befürchten nur, daß diese allzugroße Vertrauensseligkeit Roths ihn als unwissenschaftlich und naiv um seinen- Kredit in der zünftigen Welt der Theologen bringen könnte. Und könnte sich nicht vielleicht auch die Vorlage geirrt haben? Hat man in so alter Zeit wirklich bis zwölf zählen können? Das bedarf doch sehr ernster Erwägung. Wochenrundschau. Ern neuer Tempel der Reform in Hamburg. In Hamburg wurde dieser Tage ein neuer Tempel des liberalen Tempelverbandes eingeweiht. Die „Jüdisch-liberale Zeitung" in Berlin widmet diesem Ereignis eine ganze Festnummer, in der die Hamburger Tempelgemeinde als die Muttergemeinde der neuzeitlichen I u d e n h e i t geschildert wird. Es wird in dieser Festnummer hervorgehoben, daß der Neubau nach seiner Gestaltung als der Brennpunkt jüdisch-liberalen Lebens in Hamburg gedacht ist, und der Deutsch-Israelitischen Gemeinde dankbar quittiert, daß sie e i n e g r o tzzügige Bei st euer zu dem Bau g e - l e i st e t hat. In den historischen Rückblicken über die Entwicklung der Hamburger Reformgemeinde im Berliner Organ des Liberalismus fehlt das Wesentliche, nämlich die Registrierung der Tatsache, daß Hamburg, das vor neun Jahrzehnten den ersten und schwersten Ansturm der Reformwelle von Jacobson'schem und Salomon'schem Geiste auszuhalten hatte, diese Attacken weit besser überstanden hat als andere Gemeinden Deutschlands, wie etwa Frankfurt, München, die weitab von jenem ersten geistigen Katastrophenherde lagen und in die sich das Reformgift nur langsam — landgsam aber sicher leider — einschleichen konnte. Warum grade Hamburg in den ersten Reformjahrzehnten sich immun gegen den Assimilationsbazillus zeigte, so daß bis auf den heutigen Tag keiner den Begriff „Hamburger Gerneinde" mit der Vorstellung von „Reformjudentum" zu verbinden vermag, liegt an Gründen, die den Kulturhistoriker interessieren. Vielleicht hatte man _____27. August 1931 & grade in Hamburg um die Mitte des vorigen 8 Jahrhunderts am besten Gelegenheit, zu sehen, E wohin der organisierte Abfall treibt, vielleicht 8 aucf) dankte Hamburg seine geistige Rettung dem 8 Umstande, daß ihm mit Chachäm Berneys schon B 50 Jahre früher als Frankfurt ein Mann ge- B schenkt war, der mit seinem klaren Blick und sei- 8 ner weltlichen Bildung dem Aufklärungssanatismus der Himmelsstürmer ein vollwertiges Gegengewicht bieten konnte. Wenn Trie Hamburger Tempelgemeinde „ Mutter der neuzeitlichen Judenheit" (Dr. Paul Rieger behauptet das in der besagten Festnummer) sein soll, so war sie eine alte, schwache Mutter, von ihren über sie hinwegstürmenden Kindern wenig geachtet und beachtet. Diese historische Feststellung darf uns aber nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, daß im Zusammenhänge mit dem neuerwachten jüdischen Weltliberalismus, in dem die deutsche Reformbewegung einen weiten und immerhin althistorischen Bezirk ausmacht, der Aufschwung der Hamburger Resormgemeinde, der nun mit dem neuen Tempel seinen sichtbaren Ausdruck findet, keine geringe Gefahr für das Hamburger und deutsche Judentum bedeutet; insbesondere für die große Schar der Nichtdenkenden, die in Ermangelung eines tieferen Verständnisses für die heiligen Gehalte des Judentums, Prunk und Pracht und schöne Form für Religion und Judentum nehmen. Aber etwas anderes darf bei der Hamburger Tempeleinweihung nicht übersehen werden. Wenn es nach Talmud eine Kategorie gibt, die im Bauen e i n r e i ß t, so trifft es in diesem Falle wortwörtlich zu. Dieser liberale Neubau, durchgeführt I mit dem „großzügigen Steuerbeitrag der Deutsch- 8 Israelitischen Gemeinde", also mit den Steuer-1 geldern der Gemeindemitglieder, reiht das» viel gelobte und uns allen als» Muster hingestellte sogenannte Hambur-8 ger Gemeindeverwaltungssystem buchstäblich in 8 Stücke. Die angeblich kultuslose Deutsch-Jsrae- 8 litische Gemeinde, die ein religionsgesetzlich nicht 8 anfechtbarer bloßer Verwaltungsmechanismus 8 sein sollte, hat das Zustandekommen des neuen 8 Tempels, des „Brennpunktes jüdisch-liberalen 8 Lebens in Hamburg", ermöglicht. Sie k o n n t e 8 es nach dem Buchstaben der Gemeindeverfassung, 8 msk: J feine Herrenhute /Jy£ bekannte Marken Fabrikate AO/ lO ___ Haarfilz von M 12 50 an/ >/ Zukunsisverkündigung. Von Rabbiner Dr. M. Lewin in Hamburg. Alle Kraft und Weisheit wendet Moses in seinen letzten Reden an Israel auf, um „das Volk seiner Weide" für die volle Erfassung seiner Bestimmung und die rechte Erfüllung seiner Aufgabe zu gewinnen. Er liebt sein Israel wie nur ein Führer sein Volk lieben kann, und es ist mehr wie ein Bild das Wort, das er in ernster Stunde in der ihm eigenen Bescheidenheit und in banger Sorge um das Gelingen der ihm zugewiesenen Sendung spricht: ,,'aixa niwta ipnn vm» ->£x »arm »a irr>m1r> ’jk dk am D»n ns mnn irniaxin»»m »vx aaixa •>« psm nx jaixa xv' S)abe ich dieses ganze Volk empfangen oder habe ich es gezeugt, daß du zu mir sprichst: Trogs in deinem Busen, wie der Wärter den Säugling trägt, hin auf den Boden, den du seinen Vätern zugeschworen." Ja, Moses hat sein Volk förmlich getragen mit all' seine Wirren und Irrungen mit unerschöpflicher Geduld und in unverlierbarem Optimismus auf sich genommen, wie die wahre Liebe nie zweifelt und niemals verzweifelt, alles trägt und überwindet.- Darum deuten unsere Alten gerade auf Moses' Leben und Wirken das Segenswort: „inxxa an« -jrai -jxaa am pia Gesegnet du bei' deinem Kommen, gesegnet du bei deinem Scheiden." Hierzu bemerken unsere Weisen: cobiffb inx'aa ohsm ja •jax‘>x-> wnats» Dein Scheiden von der Welt sei ohne Schuld und Sünde wie dein Eintritt ins Leben, nra nopaa na rrnn» -rx ae?aa iaaa R. Iehuda b. Simon meint: diesen Satz hat Moses verwirklicht. -.t erpirn avp ea^iyV inx’aa nm> m -jxaa nyns na ama. Sein Eintritt ins Leben bewirkte Heil und Ewigkeit für die Tochter des Pharao, die Retterin seines Lebens, jaitn ar crpim aip oiayn ja -inx’X’a np»?r inxxa Als er von der Welt schied, triumphierte seine Liebe. Er lößte dem Stamm Reuben die Fessel der Schuld, die vom Ahn her auf ihm lastete, und kündete ihm Ewigkeit, da er über diesen Stamm das Segenswort sprach: „jaixim' n»’ i-xi Leben (für ewig) wird Reuben und nicht sterben.". . . Solche Liebe, wie sie dieses Weisheitswort rühmt, hat Moses in höchster Potenz vollends für Israels Gesamtheit gehegt. Er hat vor seinem Tode nur ein Sehnen und Verlangen, seines Volkes Bestand und Ewigkeit zu sichern. Bon solchem Geiste sind all' seine Mahnungen erfüllt. Alle seine Worte, aus seiner Liebe geboren, klingen in Segen und Hoffnung aus. Die Verwirklichung seiner Wünsche für Israels Zukunft weiß er aber bedingt dadurch, daß Israel ewig den Heilsweg wandelt, den ihm G'tt in seiner heiligen Lehre vorgezeichnet. Darum schärst er mit allem Nachdruck dem Volke ein: „vaiw »vxa amp ayb ii, n vana aai>ai -x>i>x n nix» nx »vvn ra ~[b Der Herr errichtet dich zu seinem heiligen Volk, wie er dir zugeschworen, wenn du die Gebote des Herrn deines G'ttes wahrst und in seinen Wegen gehst." Es ist die Wiederholung der am Sinai für alle Zetten übernommenen Verpflichtung. Israel kann nur durch treue Hingabe an den Willen des Höchsten, durch forgfällige Beobachtung der Thorasatzungen den Grad der Heiligkeit erreichen, an den seine Anerkennung und Würdigung durch die Menschheit und die Verbreitung der reinen G'tteserkenntnis geknüpft ist. Ein weiter Weg noch, den Israel zurückzulegen hat zum verheißenen Ziele! Dieses aber winkt uns, wenn es auch noch so ferne uns scheinen mag. Sollten wir uns nicht beim Schofarklang zu heiligem Schaffen aneifern laffen, um nicht nur für unsere Erlösung zu wirken, sondern, wie es sinnig unsere Alten nennen, den Weg frei zu machen für die Heimkehr, für die Erlösung der nraw, der G'ttesherrlichkeit. Hierzu ruft uns die Zeit auf und eifert auch das Prophetenwort an: nir yb» n -naai -pix rra •>» mx mip. Erhebe dich und leuchte, denn dein Licht will kommen und G'ttes Herrlichkeit erstrahlen. Wollen wir diesen Zuruf beherzigen und die Zeichen der Zeit verstehen, dann werden wir uns würdig den heiligen Tagen entgegenrüsten und das Nahen des Heiligen in uns und um uns verspüren, so daß auch wir Arbeiter am Werke der Zukunft, werden, da sich erfüllt das Prophetenwort: „nxV 'i lin->m' Txsn!» -p^xi »*>iy Der Herr selber ist dir zum Ewigkeits- Licht, dein G'tt zu deiner Pracht" ... Kleines Feuilleton. Die Krisis im jüdischen Mh. Nicht etwa, daß im jüdischen Optimismus, der sich gerade im Osten in den prägnanten Formulierungen der „Witze" und „Wörter" mit dem Antlitz von Zeit und Gegenwart, von Not und Elend und Wirrnis auszusöhnen sucht, eine Art „Krise" eingetreten sei . . . Die Massen, die mit Hunger und Sorge in einer Weise zu ringen haben, die uns im westlichen Europa fern wie ein astronomisches Problem liegt, finden wir in dem, was rhan banal „Witz" nennt, eine der zahlreichen Ausdrucksformen für das, was Seele und Körper bedrückt, und so hat auch das Wort, das im heutigen Osten am häufigsten von Mund zu Mund flattert und wie ein Gespenst umherfchwirrt, der Begriff „Krisis" eine Heimstätte im Witz des Ghetto gefunden. Der blaffe jüdische Junge, der mir das Beth-Hamidrosch zeigt, lebt zum größten Teil von Sonnenblumenkernen und einem Stückchen Melone. Aber er lächelt